Redaktionsschluss 14. Januar 2013

Wir gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 50. Geburtstag: Klaus Westermann (Bremen) am 30. 6. Zum 60. Geburtstag: Elke Rehder (Barsbüttel) am 4. 5., Jens Henkel (Rudolstadt) am 31. 5. Zum 65. Geburtstag: Gert Henning (Hamburg) am 9. 1., Christoph Seifert (Halle/Saale) am 15. 4., Josef Wernes (Berlin) am 30. 4., Dr. Renate Göbel (Berlin) am 27. 5., André Lefeber (Schollene) am 31. 5., Ninon Suckow (Berlin) am 11. 6. Zum 70. Geburtstag: Peter Zitzmann (Nürnberg) am 22. 4., Dr. Hans-Jürgen Viehrig (Leipzig) am 26. 4., Uwe Domke (Berlin) am 4. 5., Ulrich Keicher (Leonberg) am 27. 5. Zum 75. Geburtstag: Dieter Kuhlmann (Oberhausen) am 8. 4., Dr. Gert Römer (Leipzig) am 10. 4., Dr. Eugenio Pino (Brüssel) am 12. 5., Dr. Fritz Jüttner (Berlin) am 1. 6., Hans-Jürgen Wilke (Berlin) am 16. 6., PD Dr. med. Helmut Sorger (Leipzig) am 23. 6. Zum 81. Geburtstag: Prof. Albrecht von Bodecker (Berlin) am 27. 4. Zum 82. Geburtstag: Harald Kretzschmar (Kleinmachnow) am 23. 5., Dr. Thomas Kaemmel (Berlin) am 15. 6. Zum 84. Geburtstag: Kristian Bäthe (Filderstadt) am 29. 6. Zum 85. Geburtstag: Heinz Wegehaupt (Berlin) am 14. 6.

Neue Mitglieder: Dr. Wolfram Benda, Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Verleger (Bay-reuth). Eckehard Decker, Oberstudienrat i. R. (Bielefeld). Jörg Fischer, Rentner (Odenthal). Dr. Ronald Weser, Arzt (Forst).

Mitgliederversammlung 2013. Die diesjährige Mitgliederversammlung findet am 7. Juni 2013 um 19.00 Uhr im Hotel „The Royal Inn Regent“ statt.
Der Vorstand lädt dazu alle Mitglieder herzlich ein.
Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden. 2. Kassenbericht des Schatzmeisters. 3. Entlastung des Vorstandes. 4. Neuwahl des Vorstandes. 5. Verschiedenes.

Neuwahl des Vorstandes. Da WK von einem Vorstandsmitglied heftig persönlich angegriffen wurde und da er sich von Vorstandsmitgliedern nicht unterstützt fühlte, hat er zum Jahrestreffen 2013 seinen Rücktritt als Vorsitzender angekündigt. Kurz danach trat Peter Arlt aus dem Vorstand zurück. Aus diesem Grund ist beim Jahrestreffen eine Neuwahl des Vorstandes, vor allem des Vorsitzenden, notwendig geworden.
W. K.

Vorstand der Pirckheimer-Gesellschaft. Der Vorstand teilt mit, daß Prof. Dr. Peter Arlt mit Wirkung vom 16. Januar 2013 auf eigenen Wunsch aus dem Vorstand ausgeschieden ist. Der Vorstand hat in einem Schreiben Prof. Arlt für seine mehrjährige Mitarbeit gedankt und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Gesellschaft weiterhin mit dem Rat und der Tat des Mitglieds rechnen darf. Auch der Rücktritt des Vorsitzenden Dr. WK wird von den Mitgliedern des Vorstands zutiefst bedauert. WK hat sich seit über zwölf Jahren um die Pirckheimer-Gesellschaft mit großem persönlichem Einsatz verdient gemacht. Der Vorstand hofft, daß sich bei der im Juni stattfinden Mitgliederversammlung zwei engagierte Mitglieder zur Mitarbeit im Vorstand bereit erklären.
FP

Einblicke in die Aldinen-Sammlung. Die Erwartung war spürbar, als sich die Berlin-Brandenburger Pirckheimer am 25. Oktober 2012 im Rara-Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden zu einer Begegnung mit der kostbaren Aldinen-Sammlung trafen, die Andreas Wittenberg präsentierte. Ausgewählte Schätze lagen bereit, begleiteten, ja beglaubigten den beeindruckenden detailreichen Vortrag des Referenten aufs Schönste. Ein kleiner Exkurs in die 350jährige Geschichte der Staatsbibliothek, der heute größten wissenschaftlichen Universalbibliothek Deutschlands, bot den Rahmen für die Schätze der Abteilung Historische Drucke mit ihren zahlreichen Sondersammlungen, wozu eben auch die bedeutende Aldinen-Sammlung gehört.
Interessiert folgten die Zuhörer den Lebensgeschichten des berühmten Aldus Manutius und seiner Nachfolger, des Sohnes Paulus und des Enkels Aldus des Jüngeren, die ihre Offizin in Venedig von 1496 bis 1597 über reichlich 100 Jahre hinweg führten und Drucke lateinischer und griechischer Klassiker von hoher Qualität und Sorgfalt lieferten, darunter knapp 30 Erstausgaben. So erschien 1495-1498 die erste Aristoteles-Ausgabe in fünf Bänden und 1501 eine Vergil-Ausgabe, beide in kursiver Antiqua, einer Schrift des Francesco Griffo aus Bologna, die in vielerlei Varianten für die Drucke der Offizin charakteristisch wurde, ebenso wie die Druckermarke aus dem Jahre 1502, ein Anker umschlingenden Delphin (Anmut und Sicherheit) zeigend. Aldus Manutius (ca. 1450-1515) gilt heute als einer der bedeutendsten Drucker der italienischen Renaissance. Sein Qualitätsanspruch umfaßte sowohl das sprachliche Niveau wie das Erscheinungsbild der Drucke. Seine Verdienste um die Druckkunst und die Entwicklung der Schrift, für die Einführung der Interpunktion und die Praktikabilität von Büchern sind unbestritten. Dabei war Aldus durchaus auch ein findiger Geschäftsmann, der mit Reklameanzeigen und Preisangaben arbeitete, um seinen Absatz zu steigern.
Abbildungen sind in den Aldinen äußerst selten, und so führte Andreas Wittenberg voller Stolz uns Staunenden eine berühmte Ausnahme vor, einen „Paukenschlag“ aus dem Jahr 1499, oft als „schönstes illustriertes Buch“ der Renaissance bezeichnet: die Hypnerotomachia Poliphilii. Auch eine Ausgabe von 1545 lag bereit. Das ist die Liebestraumgeschichte von Poliphilios und seiner Geliebten Polia, die Rahmenhandlung für detailreiche Beschreibungen zauberhafter Orte, für versteckte Rätsel, für Gedankenspiele und technische Phantasien, getragen von der Verherrlichung antiker Ideale. Rätselhaft blieb lange vieles, auch den Autor „entdeckte“ man erst im 18.Jahrhundert, einen Dominikanerpater aus Venedig. Bewundernswert an diesem Druckwerk ist neben der Typographie und den Holzschnitten „vor allem die harmonische Abstimmung zwischen Text und Bild.“
1846 besaß die Bibliothek bereits 270 Aldinen, ein Jahr später indes waren es schon mehr als 1000. Hinzugekommen waren die Aldinen aus der legendären Sammlung des Etienne de Mejan, die nach dessen Tod der Sohn geschlossen für 64 000 Taler der Berliner Bibliothek überließ. Damit wurde sie die an Aldinen reichste Bibliothek Deutschlands. Mejan, 1766 in Montpellier geboren, Jurist, Anhänger der Französischen Revolution, arbeitete ab 1804 für Eugene Beauharnaise, den Stiefsohn Napoleons, der Vizekönig von Italien wurde und später durch Heirat als Herzog von Leuchtenberg in Bayern residierte. Mejan war ein leidenschaftlicher Büchersammler, mehr als 14 000 Bände verschiedenster Gebiete hatte er zusammengetragen. Seine Aldinen ließ er von den besten Buchbindern der Zeit einbinden, unter anderem von den französischen Brüdern Bozerian (ca. 287 Einbände) und von dem Italiener Lodigiani (ca. 50 Einbände). Durchweg in Maroquin gewandet, die Vorsätze meist aus Seide oder Marmorpapier, bestechen die Einbände auch durch Farbgebung und Vergoldung. Besonders bewundert wurde von den Anwesenden etwa die meisterliche Stehkantenvergoldung, Dekor auf kleinstem Raum. – Wittenberg spricht vom „absoluten Alleinstellungsmerkmal“ der kostbaren Einbände der Aldinen in der Berliner Bibliothek.
Den Zweiten Weltkrieg überstand die Aldinensammlung relativ verlustlos. Die meisten ausgelagerten Depots kamen zurück und sind seit 1992 in der Abteilung Historische Drucke wieder vereint. 171 Bände allerdings befinden sich in Krakau. – Ganz am Schluß verriet der Referent, daß die Staatsbibliothek heute 843 Drucke in 1150 Bänden verwahrt. Die versam-melten Bücherfreunde hatten wohl eine Sternstunde erlebt.
Ursula Lang

Jürgen Rennert in Lyrik und Prosa. Die Berlin-Brandenburger Pirckheimer waren am 22. November 2012 zu Gast im Friedrichshagener Antiquariat Brandel. Jürgen Rennert las veröffentlichte und unveröffentlichte Texte aus vier Jahrzehnten. In den gediegenen Räumen entsteht mit dem Beginn der Lesung immer eine nahezu familiäre Atmosphäre.
Rennert, geb. 1943, war zunächst elf Jahre als Werberedakteur beim renommierten Verlag Volk & Welt (1964-1975) tätig. Sein Talent für Sprache und deren Rhythmus entfaltete sich, indem er sich intensiv mit der Lyrik von Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine und Gottfried Benn, den protestantischen Chorälen von Paul Gerhardt (1607-1676) und Johann Walter (1496-1570), aber auch den Versen von Wilhelm Busch und Günter Kunert beschäftigte. Die Vita verzeichnet bis 1990: freischaffender Lyriker, Essayist, Nachdichter, Übersetzer. In dieser Zeit erschienen seine wichtigsten Dichtungen: Märkische Depeschen (1976), Ungereimte Prosa (1977), Hoher Mond (1983), Angewandte Prosa (1983), Der Gute Ort in Weißensee (1987). Heutige Großeltern erinnern sich gern an Emma, die Kuh –und anderes dazu (1981) und begeistern auch ihre Enkel dafür.
Mit dem von Rennert initiierten Bild/Text Band Dialog mit der Bibel (Verlag Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft zu Berlin und Altenburg, Konzeption Kunstdienst der Evangelischen Kirche Berlin, 1984) gelang eine verlegerische Glanzleistung dieser Zeit. Schon der spektakuläre Schutzumschlag mit Gerhard Altenbourgs farbstarker Kreuzigung von 1969 auf schwarzem Grund (Aquarell/Tempera) sprang ins Auge. Textpassagen aus dem Alten und dem Neuen Testament waren mit 76 christlichen Themen von meist namhaften Malern und Graphikern aus der DDR vereint (u.a. Altenbourg, Cremer, Dix, Hahs, Hegenbarth, Jüchser, Kretzschmar, Mattheuer, Metzkes, Naumann, Sagert, Tübke). Zu jedem dieser 76 Text-Bild-Arrangements verfaßte Jürgen Rennert eigenständige, ganz heutige Interpretationen. Seine literarischen Leistungen wurden mit dem „Heinrich-Heine-Preis“ (1979) und mit der „Ehrengabe der deutschen Schillerstiftung“ (1991) gewürdigt. Zusammen mit Jalda Rebling und Stefan Schreiner rief er 1987 die „Tage der Jiddischen Kultur“ in Berlin (Ost) ins Leben. Von 1990 bis zu dessen Liquidierung durch die Kirchenverwaltung im Jahre 2001 war er festangestellter Mitarbeiter und stellvertrender Leiter des Evangelischen Kunstdienstes.
Nach langer, den neuen Verhältnissen geschuldeten Pause gelangte 2001 der Gedichtband Verlorene Züge (Lyrikedition 2001, Norderstedt) auf den Buchmarkt. Im Klappentext schreibt Richard Pietraß: „… mit hintersinnigen Gedichten für frühreife Kinder und alterslose Erwachsene sprang er aus dem Rahmen des Erwarteten. Gegen den Strich dichtete er auch später. Dafür ließ er sich gern abbürsten: poetischer Nachfahr so ungleicher Ahnen wie Heine und Benn, ihnen nicht nachstehend in der Lust an politischer Provokation und ästhetischem Schock …“ Im Band findet sich eine eindrucksvolle Ortsbestimmung:
„Mein Land ist mir zerfallen. / Sein’ Macht ist abgetan. / Ich hebe, gegen allen / Verstand, zu klagen an. // Mein Land ist mir gewesen, / Was ich trotz seiner bin: / Ein welterfahrenes Wesen, / Mit einem Spalt darin. // Mein Land hat mich verzogen, / Und gehe doch nicht krumm. / Und hat mich was belogen, / Und bin doch gar nicht dumm …“
Die vorgetragenen Texte verband Jürgen Rennert mit pointierten Erinnerungen, verschwieg auch die Enttäuschungen seines Lebensweges nicht, immer mal wieder mit erhobener Stimme und temperamentvollen Gesten. Es gab ein lebhaftes Frage- Antwort-Spiel. Als krönenden Abschluß las der Dichter seinen mit drastischen Wortfindungen versehenen Klappentext zu dem kleinen Heftchen Die Versöhnungstür von Siegfried Krepp am Südportal des Berliner Domes von Heinz Hoffmann (Kunstdienst Libelli, 2005) und die Weihnachtsgeschichte der Christen nach den Evangelisten Lukas und Matthäus von J. R. in Reime gesetzt. Ein spannenender vergnüglicher Abend, der im Gedächtnis bleibt.
Robert Wolf

Erwerbungen und Sammlerfreuden 2012 in Berlin. Wie in jedem Jahr versammelte sich auch 2012 eine große Zahl von Mitgliedern und Gästen in der von Johanna Binger geführten Büchergilden-Buchhandlung am Wittenbergplatz, um nach kurzem Rückblick auf das abge-laufene und Ausblick auf das kommende Jahr Erwerbungen und Sammlerfreuden vorzustel-len. Robert Wolf begrüßte alle Anwesenden und hob in seinem persönlichen Rückblick auf die zehn für gut und niveauvoll befundenen Pirckheimer-Veranstaltungen 2012 vier Abende ganz besonders hervor: Künstlergrüße und Künstlerbriefe in unseren Sammlungen, in der insbesondere Jutta Osterhof zahlreiche Beispiele ihrer persönlichen Beziehung zu Künstlern präsentieren konnte; Von Auriol bis White. Französische und englische Gebrauchsgraphik um 1900, einen reichhaltig bebilderten Vortrag von Dr. Anita Kühnel in der Kunstbibliothek; die Exkursion nach Dresden und zu Hermann Naumann und nicht zuletzt die Vorstellung der Künstlerbücher mit Radierungen und Wasserzeichen von Barbara Beisinghoff.
Besonderer Dank für den regelmäßigen und pünktlichen Versand der MARGINALIEN ging an Jutta Osterhof, Hans-Jürgen Wilke und das Ehepaar Inge und Gunter Eckert, das sich die-ser Aufgabe bereits seit 1990 angenommen hat. Dank ging auch an die Organisations-„Doppelspitze“ der Berlin-Brandenburger Pirckheimer, Ursula Lang und Robert Wolf, deren Programmgestaltung guten Zuspruch bei Mitgliedern und Gästen fand und damit einen fun-damentalen Beitrag zum Bestehen der Pirckheimer-Gesellschaft leistete.
Aus dem Programm für das Jahr 2013 fanden die November-Lesung des Büchner-Preisträgers Volker Braun im Friedrichshagener Antiquariat Brandel ebenso wie der Vortrag von Carsten Wurm, der als Sammler von Erstlingswerken deutscher Literaten des 20. Jahrhunderts das letzte Werk des Verlags Faber und Faber mit herausgegeben hat, als auch die Besichtigung des Berliner Dom-Archivs mit Führung und die Exkursion im September nach Brandenburg und Lehnin besondere Erwähnung.
Mit der Vorstellung von Neuerwerbungen begann Robert Wolf, der Punzenstiche des in Dresden besuchten Hermann Naumann zeigen konnte, ebenso wie einen auf dem Trödelmarkt erworbenen Reineke Fuchs mit Lithographien von Kurt Steinel. Die von WK ge-zeigte Graphik wurde über das Internet erworben und weist einen Bezug zur Büchergilde auf: Das Blatt war mit „undeutlich signiert“ und dem Titel Brücke in … eingestellt worden, stellte sich aber bei genauerer Betrachtung als Farblithographie Büchergilde in Connemara von Gertrude Degenhardt heraus. Auch die Vorzugsausgabe von Karl Rössings Ulenspiegel konnte seine Sammlung bereichern. Ralf Parkner konnte im Nachgang zu seinem MARGINA-LIEN-Artikel über Christoph Meckel ein Buch aus dem Oberbaum-Verlag aus dem Jahr 2004 zeigen, das bei Argumentum in Budapest gegen den Willen des Autors Meckel gedruckt wor-den war. Daraufhin meldete sich Wolfgang Jeske zu Wort, der ein ebensolches Exemplar aus dem Jahr 2005 besitzt, und berichtete über die Hintergründe, nämlich das eigenmächtige Handeln des Verlegers Heinrichs, der den Oberbaum-Verlag 1985 übernommen hatte. Hans-Jürgen Wilke konnte Sammlerfreuden genießen, als er zufällig einen illustrierten Reiseführer wiederfand, den Conrad Felixmüller im Jahr 1963 für ein Berliner Ehepaar verfertigt hatte, mit dem er eine mehrtägige Fahrt nach Dresden, Meißen, Bautzen unternahm. Carsten Wurm brachte im Gedenken an den unlängst verstorbenen Gerhard Lahr die mit Einzeichnungen versehenen Bücher Die Geschichte vom Mäuseken Wackelohr und Antonella und sogar einen Büchersendungs-Briefumschlag mit Einzeichnungen Gerhard Lahrs mit. Außerdem konnte er seine Sammlung von Erstlingswerken und Widmungsexemplaren um Jens Sparschuhs Wald-wärts aus dem Verlag Der Morgen von 1985 erweitern. In Ursula Langs Heimatort Beeskow gibt es nun seit 20 Jahren den „Burgschreiber“. So konnte sie aus dem Kinderbuch der Burgschreiberin Anja Tuckermann Familie Merkwürdig und Familie Unglaublich machen eine Dampferfahrt zwei Geschichten vorlesen, die für sie eine Huldigung der Intelligenz und Coolness von Kindern zeigen. Aus der Pariser Lust, einem Bändchen mit Liebesgedichten von Richard Pietraß, las sie – zum Amusement der Zuhörer – das erste vor. Und da die Insel-Bücherei 2012 ihr hundertjähriges Bestehen begehen konnte, feierte Ursula Lang dies mit dem Kauf des Bandes 1369 Hirngefunkel. Gerhard Rechlin erfreute sich und die Pirckheimer durch Zeigen des Buches Eulengetier. Die klugen Vögel der Ruth Tesmar, das in einer Auflage von lediglich fünf Exemplaren erschienen ist.
Fritz Jüttner stellte seine erste und seine letzte Erwerbung des Jahres 2012 vor. Bei der Ersterwerbung handelte es sich um ein fünfbändiges Werk von Karl-Friedrich Kramer über seinen Freund Klopstock. Das zuletzt erstandene Werk stammte vom Veranstaltungstag: Es ist die Begleitschrift zur Ausstellung 100 Jahre Insel-Bücherei, die Jüttner als Erster, kurz vor dem offiziellen Verkaufsbeginn, erwerben konnte. Als letzter stellte Konrad Hawlitzki drei Neuerwerbungen vor, die sein Sammlerherz beglückten: Ein auch am Veranstaltungstag in der Büchergilde gekauftes Buch von Robert Gernhardt, der an eben diesem Tag 75 Jahre alt geworden wäre und aus dessen Buch Wenn schöne Frauen morgens sich erheben er deshalb ein Gedicht vorlas. Außerdem erfreute er sich mit der Geschichte der Frankfurter Schule Die Kritiker der Elche waren früher selber welche und der Weihnachtsausgabe der Zeitschrift Pardon von 1965, in der u. a. ebenfalls ein Beitrag von Robert Gernhardt zu finden ist. – Zum Abschluß sprach Robert Wolf allen Mitwirkenden an allen Orten zu allen Zeiten für alle Bei-träge seinen Dank aus.
Maria Karg

Der Maler und Graphiker Hermann Schenck. Jubiläen sind immer ein guter Anlaß, sich an verdienstvolle Persönlichkeiten zu erinnern, die von der Nachwelt fast vergessen sind. Zu ihnen gehört der hallische Maler Hermann Schenck, dessen 100. Todestag am 9. Oktober 2012 auch von der kulturell aufgeschlossenen Öffentlichkeit der Stadt nahezu unbeachtet geblieben ist. Doch wurde diesem einst in Halle bekannten und beachteten Künstler dank der unermüdlichen Initiativen unseres Mitgliedes Dr. Walter Müller zuteil, dessen würdigender Bildvortrag über Hermann Schenck im Mittelpunkt des Veranstaltungsabends der hallischen Pirckheimer am 30. Oktober stand.
Auch wenn die künstlerische Wertschätzung Schencks kaum über die Grenzen seiner Heimatstadt, in der er auch bis zu seinem Tode lebte, hinausging, so ist seine Bedeutung für die Kultur- und Stadtgeschichte Halles unbestritten groß. Neben Künstlern wie Albert Grell (1814-1891) und später Hans von Volkmann (1860-1927) war es vor allem Hermann Schenck, der in seinen Zeichnungen, Aquarellen und Lithographien das Bild des von den Verände-rungen der Neuzeit immer stärker bedrohten mittelalterlichen Halle festhielt.
Eine akademische künstlerische Ausbildung hatte der am 16. März 1829 in Halle gebore-ne Hermann Schenck nicht. Seine soziale Herkunft erlaubte ihm nur einen einfachen Real-schulabschluß, dem sich eine vierjährige Lehre in einer lithographischen Anstalt anschloß. Be-reits in diesen frühen Jahren um 1847 entstanden Federzeichnungen von Halles Altstadt, die heute als wertvolle Bilddokumente dieser Zeit im Archiv der Stadt bewahrt werden. Gesellenwanderungen und der Militärdienst führten ihn für einige Jahre von Halle fort. Späte-stens 1855 aber war er wieder zurück und wurde Mitarbeiter, bald danach schon Teilhaber und schließlich Inhaber der lithographischen Anstalt A. Meyer, einer bekannten Steindruckerei in Halle. Mehrmals wechselte sein Unternehmen, die nunmehr „Lithographische Kunst-Anstalt“ in Halle, ihren Standort. Neben den Aufgaben als Firmenchef hatte Schenck ständig auch bildkünstlerische Arbeiten zu bewältigen. Besonders die Gelehrten der Universität, Natur- und Geisteswissenschaftler, forderten ihn gleichermaßen. Männer wie der Landwirtschaftswissenschaftler Julius Kühn, der Chirurg Richard von Volkmann oder der Archäologe Carl Robert gehörten zu seinen Auftraggebern. Obwohl es sich hier vorrangig um Abbildungswerke handelte, die heute photographisch erstellt werden würden, weist seine einfühlsame und detailgetreue Erfassung der Objekte auf seine großen künstlerischen Fähigkeiten. Einer großen Öffentlichkeit wurde Schenck bekannt durch seine Lithographien, die er zu der 1889-1893 erschienenen, dreibändigen Geschichte der Stadt Halle von Gustav Friedrich Hertzberg schuf.
Trotz seines umfangreichen Aufgabenfeldes blieb seine finanzielle Situation angesichts der immer größer werdenden Familie stets angespannt. Eine feste Anstellung als Zeichner und Zeichenlehrer an der Friedrichsuniversität in Halle schaffte ihm zumindest eine Erleichterung. Von 1870 bis zu seinem 83. Lebensjahr, also bis fast zu seinem Tode, erfüllte er hier seine Aufgaben. Noch mit 71 Jahren erhielt er den Professorentitel. Hermann Schenck starb am 9. Oktober 1912 in Halle, wo er auch begraben worden ist.
Ein Werkverzeichnis Hermann Schencks zu erstellen, ist schwierig. Zu unterschiedlich waren die in seinem langen Leben an ihn gestellten Aufgaben vor allem im gebrauchsgraphi-schen Bereich. So ist hier vieles noch unentdeckt oder verschollen. Die von ihm erhaltenen hallischen Bilddokumente aber sichern ihm einen bleibenden Platz in der Geschichte der Stadt. Und diese Dokumente fesselten auch die Besucher des Abends und erweckten bei vie-len ein Erstaunen darüber, wie sich ihre Heimatstadt Halle in den letzten 150 Jahren verändert hat. S hat wie schon so oft auch an diesem Abend Walter Müller seine Zuhörer um viele interessante Kenntnisse bereichert.
Ute Willer

Grimms Märchen in Halle. Die letzte Veranstaltung der halleschen Pirckheimer im Jahre 2012 war den Brüdern Wilhelm und Jacob Grimm und natürlich aus Anlaß des Erscheinenes der ersten Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen im Dezember 1812 (1. Band, 2. Band 1813) besonders diesen gewidmet. Die Kunsthistorikerin (und Buchhändlerin ...), unser lang-jähriges Mitglied Dr. Ute Willer hatte das waghalsige Unternehmen auf sich genommen, Die Bilderwelt der Märchen von der ersten illustrierten Ausgabe mit sieben Kupferstichen eines Bruders der Herausgeber – Ludwig Emil Grimm – 1825 über die Zeiten bis in die unmittelbare Gegenwart zu verfolgen. Es sei gleich vorweg gesagt – es ist ihr auf faszinierende Weise gelungen, die Komplexe Kunstgeschichte, Künstlergeschichte, Buchgeschichte und allgemeine Illustrationsgeschichte immer in Bezug zu den Grimmschen Märchen darzustellen. Daß die große Besucherschar bei alldem nicht einfach in Namen und Zahlen und Definitionen erstickte, war nach einem kurzen einleitenden Vortragsteil der Vielzahl der von ihr mit Bedacht ausgewählten und gut kommentierten Lichtbilder geschuldet. Ute Willer hatte sich dafür einige der bekanntesten und beliebtesten Märchen vorgenommen wie Hänsel und Gretel, Der Froschkönig, Aschenbrödel, Der Wolf und die sieben Geißlein usw. und an deren Beispiel die Illustrationen verschiedener Künstler dann in zeitlicher Abfolge vorgeführt.
Allein die genannte erste illustrierte Ausgabe hat 23 Auflagen erfahren, was für die schnelle Beliebtheit und daraus resultierende Verbreitung der Märchen spricht, unabhängig davon, daß es Wilhelm und Jacob Grimm ursprünglich keineswegs um Märchen für Kinder, sondern eher um eine wissenschaftliche Textwiedergabe der in anderweitigen Veröffentlichungen vorhandenen und mündlich überlieferten Märchen ging. Waren es anfangs Schwarzweiß-Illustrationen wie Kupferstich, Holzschnitt, Holzstich und vor allem Stahlstich, so kam mit dem Einsatz der Farblithographie schnell die Farbe als Gestaltungsmittel hinzu. Unter den Illustratoren sind ganz bekannte Namen wie Moritz von Schwind, Heinrich Vogeler, Otto Ubbelohde (448! Federzeichnungen zu Märchen gibt es von ihm), Josef Hegenbarth und Werner Klemke, der das „Märchenbuch“ der DDR mit über 35 Auflagen schuf. Nach Ute Willer gehören die Kinder- und Hausmärchen zu den am reichsten illustrierten Märchenbüchern überhaupt. Viele kaum noch bekannte oder wenig bekannte Künstler gehören zur großen Menge der sehr unterschiedlich vorgehenden Illustratoren. Überhaupt ist es erstaunlich wie verschiedenartig die bildnerischen Interpretationen so bekannter Märchen sein können. Wenn im 19. Jahrhundert eher biedermeierliche Süßigkeit dominiert, gibt es später auch sehr deftige, manchmal fast horrorartige Darstellungen und auch witzig-erotische Zeichnungen. Letztere sind bewußt nicht für Kinder, sondern wie bei Tomi Ungerer für Erwachsene gedacht. Der Abend – wieder auch als Dankeschön der Pirckheimer an unser ganzjähriges Gast-Domizil als gemeinsame, öffentliche Veranstaltung in der Stadtbi-bliothek Halle deklariert – hat wohl bei allen Besuchern die Lust, wieder einmal ein illustrier-tes Märchenbuch zur Hand zu nehmen, im alten oder neuen Grimm-Jahr sehr verstärkt.
Hans-Georg Sehrt

Die Herbstexkursion des Leipziger Bibliophilen-Abends hatte am Wochenende 6./7. Oktober 2012 Coburg und die Cranach-Stadt Kronach zum Ziel. Die Stadtführung, beginnend am Marktplatz mit dem ab 1577 errichteten eindrucksvollen neuen Rathaus und der gegenüberliegenden ehemaligen herzoglichen Cantzley, erbaut 1601 zur Demonstration des monarchischen Machtanspruchs, endete am ehemaligen Residenzschloß Ehrenburg, das heute die Landesbibliothek Coburg beherbergt. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß an diesem Tage eine Aktion zur Rettung bedrohter Buchbestände stattfand, während der sowohl einige kürzlich im Leipziger Zentrum für Bucherhaltung restaurierte Zimelien gezeigt als auch Paten und Sponsoren für weitere Werke gesucht wurden. Eine Restauratorin führte einige Techniken wie die Papierspaltung und das Ansetzen fehlender Teile vor. Der Nachmittag gehörte der im 13. Jahrhundert errichteten und mehrfach erweiterten Veste Coburg, die zu den am besten erhaltenen Burganlagen Deutschlands gehört. Dort sind heute die ehemaligen herzoglichen Kunstsammlungen, von internationalem Rang und beeindruckender Fülle, untergebracht. Ein Teil davon wird auf etwa 4500 m2 Ausstellungsfläche präsentiert. Unter dem reichen Bestand an Skulpturen ragen eine im 14. Jahrhundert entstandene Maria mit Kind aus Bamberg und die schmerzvolle Pietà aus Thüringen heraus. In der Sammlung altdeutscher Gemälde, die vor wenigen Jahren einen bedeutenden Zuwachs durch den Erwerb der Sammlung Georg Schäfer erhalten hat, finden sich Werke von Lucas Cranach d.Ä., Albrecht Dürer, Grünewald und Hans Holbein d.Ä. Das Coburger Kupferstichkabinett zählt mit seinen über 220 000 Blatt zu den wichtigsten graphischen Sammlungen der Welt. Leider können aus Gründen des Bestandsschutzes immer nur sehr wenige Blätter in einer Auswahl gezeigt werden. Die Leipziger Bibliophilen besuchten auch die Sammlung der Waffen und Rüstungen in der Großen Hofstube und die Lutherstube, die Martin Luther während seines mehrmonatigen Aufenthaltes 1530 auf der Veste bewohnte. Besonders beeindruckt waren alle vom Jagd-Intarsienzimmer (1632) mit Schilderungen der Jagd auf 60 Intarsienbildern.
Die Beschäftigung mit altdeutscher Malerei und Bildhauerei konnte am darauf folgenden Tage fortgesetzt werden, denn im ehemaligen Kommandantenbau der Festung Rosenburg bei Kronach ist die Fränkische Galerie, ein Zweigmuseum des Bayrischen Nationalmuseums, untergebracht. In 25 Räumen, die sich auf drei Etagen verteilen, wird vor allem fränkische Kunst des 13. bis 16. Jahrhunderts gezeigt. Eigene Abteilungen widmen sich dem Schaffen Tilman Riemenschneiders sowie Lucas Cranachs und seiner Werkstatt. Wie in Coburg gehörten auch in Kronach eine Stadtführung und eine Führung auf der Burg zum abwechslungsreichen und anregenden Programm der Exkursion.
Herbert Kästner

›… und ich wollte doch mit Büchern leben und tätig sein‹. Unter diesem Zitat von Kurt Wolff stand die Veranstaltung des Leipziger Bibliophilen-Abends am 9. Oktober 2012 in der Deutschen Bücherei. Aus Anlaß des 100. Gründungsjubiläums des Kurt-Wolff-Verlages sprach Dr. Marion Detjen (Berlin) zur Bibliophilie Kurt Wolffs in den USA und zeichnete dazu ein Bild der von Humanismus, Traditionsbewußtsein und Geschmack getragenen Persönlichkeit Wolffs, seiner Lauterkeit und Geradlinigkeit. Zeit seines Lebens der Liebe zu Büchern verschrieben, hat er sich doch immer wieder von großartigen Sammlungen getrennt, so 1912 zur Finanzierung seines ersten, in Leipzig gegründeten Verlags, von der Sammlung der deutschen Klassik und Moderne (der Katalog bei Graupe, Frankfurt/M. verzeichnet 1694 Nummern), 1926 wiederum aus akutem Finanzbedarf des Verlages von seiner beachtlichen Inkunabelsammlung. Weitere Auktionen in den Jahren 1930 und 1934 sind auch im Kontext mit einer psychischen Krise Wolffs zu sehen; er beginnt den Verlag zu liquidieren, seine Ehe wird geschieden, und Wolff zieht sich zur Meditation auf ein Landhaus bei Nizza zurück und beginnt ein einfaches, nicht nach Gewinn und Besitz strebendes Leben zu führen. Anfang 1933 verläßt Kurt Wolff Deutschland für immer und lebt mit seiner zweiten Frau Helen in Italien und Frankreich; von dort kann er Ende 1940 in die USA – ohne ein einziges Buch – entkommen. Auch in den kommenden Jahren entstehen keine Sammlungen mehr, 1947 veräußert Wolff selbst seine mit Autoren und Künstlern geführte Korrespondenz.
In seiner verlegerischen Tätigkeit kam ein anderer Aspekt seiner Bücherliebe zum Tragen, denn er war von Anbeginn bestrebt, Geschmack im Literarischen mit Geschmack in der Gestaltung und Ausstattung seiner Editionen zu verbinden, so in den Kunstzeitschriften Die weissen Blätter und Der Genius sowie in den Kunstpublikationen des 1924 gegründeten Verlages Pantheon Casa Editrice, Florenz. – Diese hohen Maßstäbe an Inhalt und Form versucht Wolff auch in dem 1943 mit finanzieller Unterstützung von Curt v. Faber du Faur und anderen gegründeten Verlag Pantheon Books zu verwirklichen, und das trotz enormer Schwierigkeiten: von einer Einraum- Wohnung aus, mit spärlichen finanziellen Mitteln, bei einem 16-Stunden-Arbeitstag für sich und seine Frau. Wolff verlegt ein zivilisationskritisches Programm, beginnend mit dem Danse macabre von Frans Masereel, mit Brochs Roman Der Tod des Vergil und den Weltgeschichtlichen Betrachtungen von Jacob Burckhardt. Es erscheinen Kunstpublikationen über Daumier, Toulouse-Lautrec, Maillol und Chagall, wiederaufgelegt werden Voltaires Candide mit den Zeichnungen von Paul Klee und de Costers Ulenspiegel mit den Holzschnitten Masereels. Als mit Gift from the Sea (1955) von A. M. Lindbergh und, mehr noch, mit Doctor Shiwago (1958) von Pasternak auch beträchtliche Publikumserfolge errungen werden, wittern die ›Shareholder‹ des Verlages das große Geschäft und mutieren von Mäzenen zu Ökonomen. Das geforderte Streben nach Gewinnmaximierung engt Wolffs Spielraum zunehmend ein, sein verlegerisches Konzept wird als antiquiert diffamiert, man versucht, ihn aus dem Verlag zu drängen, dem er 1960 mit seinem Ausscheiden zuvorkommt – im Jahr, in dem ihm die Ehrenmedaille des deutschen Buchhandels verliehen wird. – Der interessante, etliche neue Informationen und Einschätzungen bereithaltende Vortrag bot einen unkonventionellen Blick auf Person und Werk Kurt Wolffs und wurde von den Bibliophilen mit reichem Beifall aufgenommen.
H. K.

Graphik und Künstlerbücher von Felix Martin Furtwängler zeigte die Ausstellung des Leipziger Bibliophilen-Abends, die am 6. November 2012 in Anwesenheit des Künstlers im Haus des Buches Leipzig eröffnet wurde. Für die zahlreich erschienenen Besucher führte Dr. Olaf Thormann vom Leipziger Grassi-Museum für angewandte Kunst in das Werk Furtwäng-lers ein und stellte einige der Ausstellungsstücke des 1954 in Karlsruhe geborenen und seit langem in Berlin und im Allgäu lebenden Künstlers vor. Wie im Vorjahr bei der Ausstellung der Kaldeway Press (vgl. die Eröffnungsrede von Wilhelm Bartsch in: MARGINALIEN, 206. Heft 2012, S. 35-44) begleitete der Leipziger Pianist Frank Becker die Eröffnung musikalisch, diesmal mit Klaviermusik von Béla Bartók, Max Reger und Sigfrid Karg-Elert. Das Plakat der Ausstellung konnte signiert erworben werden, ebenso die Vorzugsausgabe (mit beiliegender Radierung) des von Furtwängler selbst gestalteten Katalogs Felix Martin Furtwängler – der Maler liebt die Einsamkeit, der zur Wanderausstellung von Furtwänglers Malerei 2012-14 (u.a. Schweinfurt, Potsdam, Schloss Burgk, Berlin) mit über 160 mehrfarbigen Abbildungen und Texten von Lothar Lang und Gerhard Fichtner beim Harrassowitz Verlag Wiesbaden in Kommission erschienen ist. Die Leipziger Ausstellung, die mit Büchern und Katalogen in 11 Vitrinen sowie knapp 70 Graphiken nur einen kleinen Ausschnitt aus dem umfangreichen Schaffen des produktiven Künstlers zeigen konnte, war bis zum 19. Dezember 2012 zu sehen. Initiiert worden war sie vom Vorsitzenden des Leipziger Bibliophilen-Abends Herbert Kästner, der über Furtwänglers Künstlerbücher und Buchobjekte bereits vor zehn Jahren in den Marginalien (168. Heft, 2002, S. 3-10) geschrieben hatte.
Hans-Jürgen Viehrig

Das Jahresprogramm des Leipziger Bibliophilen-Abends wurde traditionell mit dem Geselligen Abend am 4. Dezember 2012 beendet. Im Gesellschaftszimmer des ›Mückenschlößchen‹ war die festliche Tafel zu Speis, Trank und guten Gesprächen gedeckt, aber zuvor wurde der langjährige Schatzmeister Hans-Joachim Röding nach dreißigjähriger (!) ehrenamtlicher Tätigkeit für finanzielle Solidität des Vereins würdig verabschiedet und als Nachfolger RA Wolfgang Zumpe ins Amt eingeführt. Hans-Joachim Röding verwaltete die Kasse seit 1982, als die damalige Leipziger Ortsgruppe der Pirckheimer-Gesellschaft in Vorbereitung des Jahrestreffens der Gesellschaft ein Konto eröffnen mußte. Nach Wiedergründung des Leipziger Bibliophilen-Abends erweiterten sich die Aufgaben des Schatzmeisters durch die Herausgabe bibliophiler Drucke mit Vorfinanzierung und Abrechnung erheblich. Es ist hervorzuheben, daß bei allen Kassenprüfungen, auch von staatlicher Seite, die sorgfältige und ordnungsgemäße Buchführung und die satzungsgemäße Verwendung der Mittel festgestellt werden konnte. – Das bibliophile Thema des Abends hieß ›Geliebte Kinderbücher‹, und hierzu hatten freilich viele etwas beizutragen, vom zerlesenen, aber wohlgehüteten und mit Kindheitserlebnissen befrachteten Erstlesebuch über im üppigen Jugendstil illustrierte Ausgaben bis zu seltenen Heften, die als Werbedrucke mit Geschichten und Gedichten für Kinder ausgegeben wurden. Auch auf einige bemerkenswerte Neuerscheinungen wurde hingewiesen, zum Beispiel auf die im Verlag Peter Hammer erschienene, von Henning Wagenbreth illustrierte Erzählung Der Pirat und der Apotheker von Robert Louis Stevenson und das zauberhafte, mit Laserschnitten gestaltete Kinder-Kunstbuch Bei Vollmond der französischen Autorin Antoine Guilloppé (Knesebeck). Auch der im LBA aus alten Zeiten bekannte schöne Brauch, den Mitgliedern eine private Gabe zu überreichen, wurde fortgesetzt: Rainer-Joachim Siegel reichte ein wohlgestaltetes Heft aus mit je einem Beitrag von Stefan Zweig (Warnung an Bibliophilen) und von Hugo Steiner-Prag (Offener Brief an Herrn Dr. Stefan Zweig, Salzburg) aus dem Jahr 1922.
H. K.

»Die Fibel als Geschichtsbuch« war das Thema des bibliophilen Abends am 8. Januar 2013 im Leipziger Haus des Buches. Eingeladen war Elke Urban vom Leipziger Schulmuseum, die sich mit diesem Gegenstand seit längerer Zeit beschäftigt, allerdings zunächst eingeschränkt auf Fibeln aus den letzten einhundert Jahren, die in Leipzig gedruckt oder verwendet wurden. Sie geht von der Überlegung aus, daß das erste Lesebuch, das Kinder in die Hand bekommen, in seiner Wirkung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Das Weltbild junger Menschen wurde zu allen Zeiten beeinflußt durch prägende Bilder und Erlebnisse besonders aus der ersten Schulzeit. Dem Versuch jeder Staatsmacht, gerade in diese beliebten, bunten Bilderbücher die jeweils maßgeblichen Ideologien einfließen zu lassen, konnten sich die kleinen Sechsjährigen zu allen Zeiten am wenigsten entziehen. Vergleichende Untersuchungen wurden vorgenommen zu solchen Fragenkomplexen wie Alltagswelt / Wertevermittlung / Sport und Wehrertüchtigung / Die Familie, Geschlechterrollen / Lese- und Lernmethoden. – Mit reichem Anschauungsmaterial zeigte Elke Urban den Wandel in den Erstlesefibeln, etwa das erstmalige Auftreten eines Autos oder eines Motorrades, Waschzuber und Waschbrett noch in den 1950er Jahren, die wundersame Verwandlung des roten Wandervogel-Wimpels in einen Hakenkreuz-Wimpel des Jungvolkes oder eines im Bildhorizont erscheinenden Kirchturms in einen rauchenden Fabrikschornstein oder einer Banane, die von 1932 bis 1947 auf immer gleichem Bild verzehrt wurde, in eine heimische Frucht. Die staatsbürgerliche Erziehung erfolgt in vielfältiger Weise in Wort und Bild: Die jeweiligen Uniformierungen sollen beim Betrachter den Wunsch suggerieren, diesen Gruppen anzugehören. Mit Ausnahme der unmittelbaren Nachkriegszeiten trifft man Waffen und das Militär in nahezu allen Fibeln an, besonders martialisch in den Jahren 1933 bis 1945, bis zum Abdruck eines widerlichen, mit ›Heil Hitler‹ schließenden Feldpostbriefes eines Vaters an seinen Sohn.
In der an den mit Beifall aufgenommenen Vortrag sich anschließenden regen Debatte wurde nun sowohl ein Blick weiter zurück in die Vergangenheit wie auch in die unmittelbare Gegenwart getan. Vom 16. Jahrhundert, als die ersten ABC-Büchlein erschienen, bis weit ins 18. Jahrhundert nahm man noch kaum Rücksicht auf die kindliche Erlebniswelt, gelesen wurden fast ausschließlich religiöse Texte und fromme Sprüche, daß man der Obrigkeit zu gehorchen hat. Erst ab etwa 1750 – in Zusammenhang mit der schrittweisen Einführung einer Schulpflicht – wenden sich die Fibeln gezielt an Kinder, enthalten nun auch Bilder und lustige bis alberne gereimte Zweizeiler zum Erlernen der Buchstaben; als Lesetexte dienen aber nach wie vor moralische Erzählungen und religiöse Inhalte. Noch 1854 heißt es in einer Verordnung, daß die Schüler neben den Grundfertigkeiten des Lesen, Schreibens und Rechnens »die gebräuchlichen Kirchenmelodien, eine reiche Auswahl guter Volkslieder und besonders die Vaterlandslieder einstimmig, richtig und fertig singen können« müssen. Im Jahr des Gedenkens an die Völkerschlacht (1813) will Elke Urban nun als nächstes die Fibeln aus der Zeit der napoleonischen Fremdherrschaft und der nationalen Befreiungsbewegung auf eventuelle Wechsel in Text und Bild untersuchen.
Schließlich wurden auch noch aktuelle Fibeln diskutiert und wenig schmeichelhaft kommentiert. Es wurde festgestellt, daß dort nur eine heile Kinderwelt aus Schule, Spiel und Sport und Familie, nicht aber die Lebenswirklichkeit vorkommt, die Kinder auch keine soziale Funktion außerhalb ihres engen Kreises und auch keine außerschulischen Pflichten haben. Aus Furcht, erneut in ein ideologisches Fahrwasser zu geraten, wird die Realität nahezu völlig ausgeblendet. Arg vernachlässigt wird die ästhetische und musische Erziehung, beginnend mit häufig minderwertigen Illustrationen (und wir hatten doch schon mal Balzer und Klemke!) und schlechtem Layout. Gemeinsam oder in der Familie musizierende Kinder kommen nicht vor, das Wort »Bibliothek« konnte einmal gefunden werden, hingegen liefert eine Fibel für Bayern im Glossar die Begriffe Bischof, Down-Syndrom und Eukalyptusbaum. Weit scheint noch der Weg zu sein zu einer Fibel, die dem Hegelschen Anspruch genügt: »Was durch die Schule zustande kommt, ist die Fähigeit, dem öffentlichen Leben anzugehören.«
H. K.

Sammlerabend in der Gruppe Rhein-Main-Neckar. Viele schöne Raritäten unterschied-lichsten Inhalts waren beim traditionellen Sammlerabend der Pirckheimer in der Region Rhein-Main-Neckar am 8. November in Großsachsen zu bewundern. – Informativ und zugleich gut gestaltet ist ein Text und Bildband über 500 Jahre Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main aus dem Jahre 1984. Gogols Der Zauberer mit zwölf Holzschnitten brachte den fast vergessenen Illustrator Karl Thylmann wieder in Erinnerung (Kurt Wolff, 1918). Michail Kusmins Die Reise des Sir John Fairfax gewinnt Leben durch die Illustrationen von Karl Rössing (Orchis, 1923).
Als zeitnah entstandene Dokumentation zeigen Kupferstiche in dem Buch Gemälde aus der Belagerung von Mannheim 1795 anschaulich den Verlauf eines regionalen Ereignisses (Mannheim, 1796). Immer sehenswert sind Bücher, die von oder mit Richard Seewald ent-standen, so das vorgelegte Reise nach Elba mit Zeichnungen des Autors (bei Benno Filser, Augsburg). Ein Zeugnis der Zeitgeschichte stellt der Katalog German Painting and Sculpture des Museum of Modern Art, New York von 1931 dar. Ein gutes Zeugnis der künstlerischen Fähigkeiten des George Grosz sind die Zeichnungen in Über alles die Liebe (Bruno Cassirer, o. J.). Zeitgeschichte präsentieren auch die Bücher Politik und Literatur im Exil von Alfred Kantorowicz (Christians, 1978) und Werke jüdischer Autoren deutscher Sprache, ein von De-sider Stern herausgegebener Ausstellungskatalog (Wien 1968).
Ein Kinderbuch aus Kambodscha zeigt beeindruckend fernöstliche Möglichkeiten der Buchgestaltung. Selten zu finden sind die Hymnen des Maropampa des expressionistischen Dichters Hans Schiebelhuth mit den 12 kolorierten Holzschnitten von Walter Müller-Worpswede (200 sign. Expl., 1921). Als ein geradezu raffiniert gestaltetes Buchobjekt erweist sich ABC3D mit dreidimensionalen sich überlagernden Buchstaben, ausgeklügelt und einfalls-reich gestaltet von Marion Bataille (Carlsen, 2008).
FP