Redaktionsschluss 12. Oktober 2012

Wir gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 60. Geburtstag: Reinhardt Grieger (Berlin) am 17. 1., Michael Nowakowski (Berlin) am 11. 3. Zum 65. Geburtstag: Günter Binkel (Berlin) am 22. 1., Dr. Michael Hähnel (Berlin) am 31. 1., Hans-Jörg Märtens (Halle/Saale) am 11. 2., Cynthia Baer (Berlin) am 25. 2. Zum 70. Geburtstag: Klaus-Dieter Paul (Berlin) am 4. 1., Dr. Hans-Joachim Bergmann (Berlin) am 22. 2., Rolf-Rüdiger Noack (Köln) am 23. 2., Thomas Mattern (Bad Rappenau) am 1. 3., Hiltraud Schröder (Berlin) am 2. 3., Horst Nähring (Rüdersdorf bei Berlin) am 6. 3., Heinz-Günter Klopp (Ribnitz-Dammgarten) am 14. 3., Dr. Peter Labuhn (Stendal) am 23. 3., Hiltrud Lübbert (Ratzeburg) am 28. 3. Zum 75. Geburtstag: Jochen Lengemann (Kassel) am 10. 1., Dr. Hans Stula (Hannover) am 18. 1., Dipl.-Ing. Hermann Wöckel (Dresden) am 22. 1., Wolfgang Ritter (Berlin) am 9. 3., Rosemarie Beyer (Bernburg) am 11. 3. Zum 83. Geburtstag: Günter Karasek (Dresden) am 9.2. Zum 85. Geburtstag: Prof. Dr. Lothar Lang (Grünheide/Mark) am 20. 3. Zum 86. Geburtstag: Dr. Wolfgang Classen (Essen) am 13. 2. Zum 87. Geburtstag: Prof. Dr. Bertram Winde (Königs Wusterhausen) am 1. 2. Zum 88. Geburtstag: Alfred Ringel (Berlin) am 19. 2. Zum 89. Geburtstag: Peter Kittel (Berlin) am 29. 1., Rolf Arndt (Radeberg) am 5. 2., Werner G. Kießig (Berlin) am 10. 2., Zum 91. Geburtstag: Karl-Heinz Köhler (Bad Windsheim) am 4. 1.

Neue Mitglieder: Klaus Staffel (Ingolstadt). Anke Polenz, Schulleiterin und Gestaltungs-pädagogin (Hamburg). Elinor Weise, Illustratorin und Graphikdesignerin (Bergfelde).

Zum Tod von Bernhard Stübner. In den späten fünfziger Jahren schwärmte Bruno Kaiser, der Vorsitzende der Pirckheimer-Gesellschaft, von einem bibliophilen jungen Mann, von Beruf Bäcker, der Mitglied geworden war, und den er in Hohenstein-Ernstthal besucht hatte. Es gab also Sammler, die nicht Ärzte, Bibliothekare oder andere Akademiker waren, und doch für die Pirckheimer-Gesellschaft gewonnen werden konnten. Der junge Mann war natürlich stolz, einer solchen Gesellschaft anzugehören. Bernhard Stübner, bis zuletzt deutlich hörbar ein echter Sachse, hatte das Bäckerhandwerk erlernt und führte als Meister eine eigene Bäcke-rei. Nach Ärger mit den Ämtern gab er das Geschäft auf und wandte sich dem Kunsthandel zu. Er zog mit der Familie nach Berlin-Prenzlauer Berg und übernahm schließlich die Berliner Niederlassung der Dresdener Genossenschaft Bildender Künstler. Er stattete unter anderem öffentliche Einrichtungen, Behörden, Hotels, Krankenhäuser und Ministerien, mit Kunst, meist Gemälden und Graphik, aus.
Bernhard Stübner war ein leidenschaftlicher Bibliophile und Sammler. Im Mitgliederverzeichnis 2007 gab er als Hauptgebiet an: „Goethezeit 1740-1860 in Erst- und Gesamtausgaben, einzelne deutsche humanistische linke Autoren in EA und GA“. Doch er ging viel weiter. Er brachte einen großen Teil der Insel-Bücherei zusammen, sammelte Trivialliteratur des 19. Jahrhunderts, deutsche Ausgaben des Telemach von Fenelon, und vor allem das Gesamtwerk Arnold Zweigs. Die Exemplare wurden sorgfältig ausgewählt und gepflegt. Die Bücherwände im Bibliothekszimmer waren beeindruckend. Bücher fanden sich auch in allen anderen Räumen der Wohnung. Daneben stapelten sich Exlibris und Graphik; besonders reichhaltig waren Werner Klemke und Arno Mohr vertreten. Auf Schränken und Borden standen Reihen moderner Keramik. An freien Wandflächen hingen Gemälde und andere Bilder von zeitgenössischen Künstlern.
Er besaß eine reichhaltige Sammlung an Eroticis, vor allem Exlibris, aber auch Plastiken und Objekte. Dieser Teil ist 1973 geschlossen an mich gegangen, im Tausch mit meinen Erstausgaben der Klassiker und Romantiker. Meine bis dahin bestehende Erotikbibliothek erweiterte sich damit zu einer Sammlung erotische Kunst und Literatur. Auch meine Kollektion Leda und der Schwan hat mit einer Zigarettenspitze von Stübner begonnen.
In den achtziger Jahren konnte ich Bernhard Stübner auf eine große Exlibrissammlung im Magdeburger Antiquariat aufmerksam machen. Stübner ertauschte das Konvolut. Es stellte sich heraus, daß es sich um die erste große Sammlung alter deutscher Exlibris handelte. Er bestückte mehrere Ausstellungen, durch die er auch international in Exlibrissammlerkreisen bekannt wurde. Die Kollektion befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin, neben anderen Exlibris aus Stübners Bestand.
Eine besondere Attraktion waren die nachweihnachtlichen Besuche bei Stübners, anfangs noch mit den Kindern. In der Wohnung standen zwei fast mannshohe Pyramiden, auf denen sich biblische Geschichten drehten, und zwei Weihnachtsbäume, einer mit Glaskugeln, der andere mit unzähligen kleinen Holzfigürchen übersät, zum Teil vom Winterhilfswerk der dreißiger Jahre stammend. Reihen von Nußknackern und Weihnachtsmännern aus dem Erzgebirge, eine große Burg und ein gut bestückter Kaufmannsladen für die Kinder erfreuten das Auge, und der Stollen wie die Plätzchen von Christel Stübner den Gaumen.
Die Arnold-Zweig-Sammlung ging vor einigen Jahren nach Kattowitz, wo sie gut gepflegt wird. Teile der Bücher erhielten die interessierten Kinder, den Kern der Bibliothek der Goethezeit der älteste Sohn Norbert. Die Keramik soll vielleicht ein Museum erhalten. Ein kleiner Rest wird in Berliner Auktionshäusern oder Antiquariaten auftauchen.
Bernhard Stübner (1931-2012) gehört zur Geschichte der Pirckheimer-Gesellschaft und wird nicht so schnell vergessen sein.
Wolfram Körner

Die Papier- und Druckkünstlerin Barbara Beisinghoff. Der Magie des Papiers sind wohl alle Pirckheimer verfallen. Ihr Interesse richtet sich allerdings zumeist auf Texte und Bilder, die ihnen dieses geduldige Material zuträgt und bewahrt. An jenem Abend im September, an dem sich zahlreiche Berliner Mitglieder und Gäste im Kleinen Säulensaal in der Breite Straße versammelten, spielte das Papier eine Hauptrolle. Barbara Beisinghoff schöpft viele ihrer Werke tatsächlich aus der Bütte und erhebt sie dabei zu Kunstwerken. Sie präsentierte, wie es in der Einladung hieß, Künstlerbücher mit Radierungen und Wasserzeichen.
Diese sachliche Beschreibung vergaß sich schnell, als Barbara Beisinghoff die überraschende und faszinierende Vielfalt ihrer Ideen, Formen, Farben, Materialien und Techniken ausbreitete. Sie bildet einen sehr persönlichen und originellen Kosmos aus Papieren. Einige davon konnte man an diesem Abend anhand der ausgelegten Bücher und Mappen sehen, ertasten und erfühlen – den Händen der Bibliophilen waren sie großzügig und ungeschützt preisgegeben.
Allen ihren Werken eigen ist wohl, daß sich die Beisinghoffschen Bilder an literarischen Texten entzünden und diese begleiten. In aller Regel gilt auch hier: Am Anfang steht das Wort. Die Bilder gehen dann wohl eigene Wege, bleiben aber im Kontext. Gründliche Recherche und freier Gedankenflug, handwerkliches Vermögen und künstlerisches Experimentieren finden in ihnen Gestalt. In den Papierbögen treiben Wasserzeichenbilder, eingeschöpfte Farbinseln und verschiedenartige Artefakte ihr Spiel mit eingeprägten und aufgedruckten Formen – sich vereinend zu Bildern für Augen und Hände. Ein spezifischer Effekt entsteht durch die Wasserzeichen: Dünne, durchscheinende Partien bilden sich im Papierfilz, wenn auf dem Schöpfsieb Formen aus Draht oder anderen Materialien aufgebracht sind. Auch kann der zeichnende Wasserstrahl im frisch geschöpften Papierbogen offene Spuren hinterlassen.
Die Königstechnik der Druckgraphikerin Beisinghoff ist die Radierung. Darin fabuliert sie in aller Freiheit mit der kalten Nadel, mit Strichradierung und Aquatinta in reicher Farbigkeit. Hier scheinen ihren Ideen und ihrem handwerklichen Können keine Grenzen gesetzt. Als ein Beispiel sei der Zyklus Mit Goethe den Farbenkreis durchlaufen oder wenn Farben verrückt werden aus dem Jahre 2007 genannt. Darin begleitet sie 58 Paragraphen der Goetheschen Farbenlehre mit bildnerischen Erfindungen der unterschiedlichsten Art. Diese und mehr als achtzig weitere Bild-Text-Folgen vereinte die Künstlerin in ihrer Edition Die gläserne Libelle. Eine Radierpresse von beeindruckender Dimension erlaubt ihr den Druck auch sehr großer Formate.
Daß sie zudem in den Dimensionen großer Räume gestaltet, zeigte die Künstlerin mittels projizierter Bilder von Installationen in unterschiedlichen Gebäuden und Landschaften. Auch dabei sind Schrift, Zeichen und wiederum das Papier Protagonisten ihres phantasievollen Spiels. Werkzeuge und Materialien der Druckgraphikerin geraten dabei in gänzlich ungewohnte Szenerien, erklimmen die Bäume oder schwimmen im Seerosenteich.
Mit der anschaulichen und begeisterten Schilderung ihrer Arbeit faszinierte Barbara Beisinghoff offensichtlich viele der Anwesenden. Dafür sei ihr gedankt.
Matthias Gubig

Exkursion nach Wittenberg. In diesem Sommer hatten sich die halleschen „Pirckheimer“ für ein den meisten vertrautes Exkursionsziel entschieden, und bei schönstem Sonnenwetter führte am 23. Juni 2012 der Weg der kleinen Gruppe ins nahe Wittenberg. Seit fast 200 Jahren sind die Städte Halle und Wittenberg durch die Universität, die den Namen des Reformators Martin Luther trägt, eng verbunden – eine Verbundenheit, die nach der Wende mit der Eröffnung der „Leucorea“ als akademische Einrichtung der Lutherstadt und als Stiftung öffentlichen Rechts an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eine starke Neubele-bung erfuhr. Seit Mitte der neunziger Jahre wurde das Friedericianum, die alte Universitäts-stätte Wittenbergs, als Sitz der Leucorea saniert und strahlt heute in neuem Glanz inmitten der Collegienstraße, an der die wichtigsten Gedenkstätten der Reformation angesiedelt sind. So lag es nahe, diese Einrichtung, an der sich unter anderen die Sektion der Kultur- und Religi-onswissenschaften, das Zentrum für Religionsgeschichte und lutherische Orthodoxie sowie das Institut für deutsche Sprache und Kultur befinden, zu besuchen. Leider war es am Wochenende nicht möglich, einen Blick auf die moderne Inneneinrichtung der „Leucorea“ zu werfen, doch vermittelte auch die hervorragend rekonstruierte und gestaltete Außenanlage einen überzeugenden Eindruck von dieser lebendigen internationalen Bildungsstätte.
Fast benachbart in der Collegienstraße, lag unser nächstes Ziel: die traditionsreiche Bi-bliothek des Predigerseminars im Augusteum. Seit über 400 Jahren hier ansässig, gehört sie heute mit einem Bestand von 160 000 Bänden zu den größten Kirchenbibliotheken Deutschlands, obgleich zwei Drittel des ursprünglichen Bestandes im Zuge der Universitätszusammenlegung ab 1817 nach Halle gingen. In Wittenberg aber geblieben sind die theologischen und philologischen Schriften, darunter wertvolle mittelalterliche Handschriften, rund 500 Inkunabeln, Tausende von Drucken aus dem 16. und 17. Jahrhundert sowie Dissertationen, Leichenpredigten und eine Reihe von Bildnissen Wittenberger Professoren und Reformatoren, alte Holzschnitte und Kupferstiche. Eine Stadtführung am Nachmittag führte noch einmal über die „historische Meile“, zum Markt mit dem Rathaus und den beeindruckenden Reformatorendenkmälern, dem Melanchthon-Haus, an dem noch saniert und gebaut wird, zu den Cranach-Höfen mit ihren Werkstätten. Unser Rundgang endete am Luther-Haus, der wohl bedeutendsten Gedenkstätte des Reformators, die auch das größte reformationsgeschichtliche Museum der Welt beherbergt. Hier lebte und wirkte Martin Luther 38 Jahre lang.
Doch unser Wittenberg-Besuch hatte auch einen „modernen“ Höhepunkt, den Besuch der etwas außerhalb der Stadtmitte gelegenen Hundertwasser-Schule, in der das Martin-Luther-Gymnasium untergebracht ist. In den Jahren 1994 bis 1998 wurde hier inmitten eines Neubaugebietes ein im Plattenbau errichtetes Schulgebäude nach Plänen von Friedensreich Hundertwasser zu einer lebendigen, „natur- und menschengerechten“ Schule umgestaltet. Für das eintönige Wohngebiet aus den siebziger Jahren ist diese farbenfrohe und lebendige Anlage eine nicht mehr wegzudenkende Bereicherung. Geführt von einem engagierten und kundigen Schüler, konnten wir uns hier auch mit den Neuerungen im Inneren des Gebäudes vertraut machen. – Der Tag hätte angesichts der Vielfalt der Eindrücke, die diese traditionsreiche und von Touristen belebt Stadt zu bieten hatte, doppelt so lang sein können. Daß die wenigen Stunden dennoch zu einem Erlebnis für die Gruppe wurden, ist nicht zuletzt der Vorbereitung und Organisation unseres Pirckheimer-Mitgliedes Hans-Jörg Märtens zu danken.
Ute Willer

Kriminales war das Thema in der Septemberveranstaltung der halleschen Pirckheimer-Gruppe. Aber – es sei gleich vorweg gesagt: Es war kein blutrünstiger Horrorabend. Der Kri-minalfall „Rose und Rosahl“ fiel in das Jahr 1858 und gehört nach Aussage der Germanistin Eva Scherf, mitbeteiligte „sachkundige“ Germanistin des Abends, und Ronald Kobe, Autor und Illustrator des vorgestellten Buches, zu den Grundsatz-Kriminalfällen jedes Jurastudenten im 1. Studienjahr. Hintergrund war ein Auftragsmord, bei dem – wohl durch nächtliches Dunkel bedingt – der Falsche erschossen wird. Alles keine Erfindung, denn das Grab des Op-fers gibt es auf dem Lieskauer Friedhof, und der Ort der Mordtat ist mit dem „Mörderstein“ dokumentiert. Ronald Kobe (Jahrgang 1942, 1960 bis 1963 Studium der Gebrauchsgraphik an der Fachschule für Angewandte Kunst Magdeburg, seit 1968 freischaffend) lebt mit seiner Frau Else, gleichfalls Gebrauchsgraphikerin, seit vielen Jahren im nahe Halle gelegenen Lieskau, heute Salzatal Ortsteil Lieskau, und kennt die Geschichte wie jeder Lieskauer. Dazu kam, daß zwei seiner Neffen Juristen sind und voller Erstaunen die „Zuordnung“ festgestellt haben. Ronald Kobe entschloß sich, „ein richtiges Buch“ zu machen. Das im Selbstverlag herausgegebene Werk Der Kriminalfall Rose und Rosahl. Die ganze Begebenheit, wahrheits-getreu berichtet und illustriert von Ronald Kobe besteht aus humorigen Texten im Stil des Bänkelsangs und dazu passenden, dem Cartoon verwandten farbigen Zeichnungen. Während des Abends stellte Kobe, kommentiert von Eva Scherf, anhand von verschiedenen Vorarbei-ten die Entwicklung der Episoden bis hin zu den fertigen Bildern vor – vom Vorspiel über den Mord bis hin zum Gerichtsverfahren. Da es zwar Zeitungsberichte über die Geschichte, aber keine Abbildungen der am Mordfall Beteiligten gibt, hat der Autor zeichnerisch die Charaktere im Sinne sparsam-witziger Karikaturen entwickelt und seine Version an diesem Abend immer in Verbindung mit seinem Text voller Witz dargestellt. Es war schon eine Freude, ihm dabei zuzuhören und die „Zwischenbilder“ auch zu sehen. Als passende „Pirckheimer“-Beigabe stellte Ronald Kobe an seinem Buch auch die für ihn zu einem „richtigen Buch“ gehörige Anlage von gelungenem Außentitel über das passende Vorsatzpapier, den Schmutztitel usw. vor.
Hans-Georg Sehrt

Erstausgaben in der Insel-Bücherei. Zur ersten Veranstaltung des Leipziger Bibliophilen-Abends nach der Sommerpause konnte der stellvertretende Vorsitzende Eberhard Patzig im Café des Hauses des Buches am 4. September 2012 mehr als 70 Zuhörer begrüßen, die den Vortrag des Vorsitzenden Herbert Kästner hören wollten. Fast auf den Tag genau 100 Jahre nach dem Erscheinen der ersten zwölf Bändchen der Insel-Bücherei im Herbst 1912 in Leipzig sprach der bekannte Sammler und Bibliograph mit Akribie und Leidenschaft über Autoren und Künstler, Texte und Satzschriften. Debüts in der Insel-Bücherei (vgl. die Rezension der Bibliographie in: MARGINALIEN, H. 207, 2012, S. 74-77). Nach Abgrenzung der ›literarischen Erstausgabe‹ von Erstdrucken von Übersetzungen und von Begleittexten stellte er auf einem Zeitstrahl die Erstausgaben in fünf Zeitetappen vor. 1912 bis 1917 erschienen sieben Erstaus-gaben, wobei mit Josef Wincklers Eisernen Sonetten (IB 134), Klabunds Dumpfe Trommel (IB 183) und Richard Dehmels Kriegs-Brevier (IB 229) durchaus die Kriegstrommel gerührt wurde. Insgesamt kam Kästner bei seiner Zählung auf 99 Erstausgaben in 100 Jahren in Leipzig, Wiesbaden, Frankfurt am Main und Berlin, darunter 10 in Leipzig von 1946 bis 1989. Mehrere Erstausgaben erschienen untere anderem von Peter Bichsel, Durs Grünbein, Angela Krauß, Georg Maurer, Rainer Maria Rilke, Albrecht Schaeffer, Karl Heinrich Waggerl und Stefan Zweig. Auch von so bedeutenden Autoren wie Heinrich Mann (IB 62), Hermann Hesse (IB 454), Ricarda Huch (IB 144), Anna Seghers (IB 99), Franz Carl Weiskopf (IB 602), Heinrich Böll (IB 647), Günter Eich (IB 667), Hans Erich Nossack (IB 805), Wieland Herzfelde (IB 952), Franz Fühmann (IB 989), Günter Kunert (IB 1007), Peter Rühmkorf (IB 1288) und Uwe Tellkamp (IB 1323) liegen Erstausgaben in der Insel-Bücherei vor. Mit vier Erstausgaben bis 2011 (inzwischen sind es fünf) ist Thomas Rosenlöcher Spitzenreiter in der Insel-Bücherei.
38 Buchgraphiker des 20. Jahrhunderts sind in der Insel-Bücherei mit mehr als einem Titel vertreten. An der Spitze steht mit zehn Titeln Pablo Picasso, gefolgt von Karl-Georg Hirsch mit neun, Felix Timmermans mit acht, Heinrich Vogeler mit sieben und Fritz Kredel mit sechs Titeln. Nicht nur die Sammler illustrierter Bücher erfreuen sich an Marcus Behmer, Andreas Brylka, George Grosz, Frans Masereel, Hans Alexander Müller, Nuría Quevedo, Imre Reiner und Karl Rössing. Auf besonderes Interesse stießen Kästners Ausführungen über Buchgraphiker, die Originalbeiträge in der Insel-Bücherei veröffentlichten. Die alphabetische Liste reichte von Anita Albus und Alexander Alfs bis zu Hans-Joachim Walch und Carl Weidemeyer und enthielt unter Pirckheimern bekannte Namen wie Tamara Ebert, Jutta Hellgrewe, Christa Jahr, Joachim Kölbel, Peter Laube, Hans Mau und Jürgen Mau. Künstler, deren erstes buchgraphisches Werk ein Inselbändchen war, sind unter anderem Rita Berger, Eva Clemens, Hans-Hendrik Grimmling, Joachim Kratsch, Rolf Kuhrt, Rolf Felix Müller, Peter Pfefferkorn, Hanns Schimansky, Arnd Schultheiß, Gertraud Thieme und Ulrike Triebel. Abschließend stellte Herbert Kästner sieben Künstler vor, deren Schriftentwürfe in der Insel-Bücherei erstmalig zur Anwendung kamen: Rudolf Koch (1876-1934), Walter Tiemann (1876-1934), Paul Renner (1878-1956), Ernst Schneidler (1882-1956), Herbert Post (1903-1978), Hellmuth Tschörtner (1911-1979) und Hermann Zapf (geb. 1918). Der kenntnisreiche Vortrag setzte betont inhaltliche Akzente und stach damit wohltuend von manchen anderen Betrachtungen über die Insel-Bücherei ab. Erfreut und rege machten die Zuhörer davon Gebrauch, Inselbändchen aus der Sammlung des Referenten im Original anzusehen.
Hans-Jürgen Viehrig

›… und ich wollte doch mit Büchern leben und tätig sein‹. Unter diesem Zitat von Kurt Wolff stand die Veranstaltung des Leipziger Bibliophilen-Abends am 9. Oktober 2012 in der Deutschen Bücherei. Aus Anlaß des 100. Gründungsjubiläums des Kurt-Wolff-Verlages sprach Dr. Marion Detjen (Berlin) zur Bibliophilie Kurt Wolffs in den USA und zeichnete dazu ein Bild der von Humanismus, Traditionsbewußtsein und Geschmack getragenen Persönlichkeit Wolffs, seiner Lauterkeit und Geradlinigkeit. Zeit seines Lebens der Liebe zu Büchern verschrieben, trennte er sich doch immer wieder von großartigen Sammlungen, so 1912 zur Finanzierung seines ersten, in Leipzig gegründeten Verlags, von der Sammlung der deutschen Klassik und Moderne (der Katalog bei Graupe, Frankfurt a. M. verzeichnet 1694 Nummern), 1926 wiederum aus akutem Finanzbedarf des Verlages von seiner beachtlichen Inkunabelsammlung. Weitere Auktionen in den Jahren 1930 und 1934 sind auch im Kontext mit einer psychischen Krise Wolffs zu sehen; er beginnt den Verlag zu liquidieren, seine Ehe wird geschieden, und Wolff zieht sich zur Meditation auf ein Landhaus bei Nizza zurück und beginnt ein einfaches, nicht nach Gewinn und Besitz strebendes Leben zu führen. Anfang 1933 verläßt Kurt Wolff Deutschland für immer und lebt mit seiner zweiten Frau Helen in Italien und Frankreich. Von dort kann er Ende 1940 in die USA – ohne ein einziges Buch – entkommen. Auch in den kommenden Jahren entstehen keine Sammlungen mehr, 1947 veräußert Wolff selbst seine mit Autoren und Künstlern geführte Korrespondenz.
In seiner verlegerischen Tätigkeit kam ein anderer Aspekt seiner Bücherliebe zum Tragen, denn er war von Anbeginn bestrebt, Geschmack im Literarischen mit Geschmack in der Gestaltung und Ausstattung seiner Editionen zu verbinden, so in den Kunstzeitschriften Die weißen Blätter und Der Genius sowie in den Kunstpublikationen des 1924 gegründeten Verlages Pantheon Casa Editrice, Florenz. – Diese hohen Maßstäbe an Inhalt und Form versucht Wolff auch in dem 1943 mit finanzieller Unterstützung von Curt v. Faber du Faur und anderen gegründeten Verlag Pantheon Books zu verwirklichen, und das trotz enormer Schwierigkeiten: von einer Einraum-Wohnung aus, mit spärlichen finanziellen Mitteln, bei einem 16-Stunden-Arbeitstag für sich und seine Frau. Wolff verlegt ein zivilisationskritisches Programm, beginnend mit dem Danse macabre von Frans Masereel, mit dem Roman Der Tod des Vergil von Hermann Broch und den Weltgeschichtlichen Betrachtungen von Jacob Burckhardt. Es erscheinen Kunstpublikationen über Daumier, Toulouse-Lautrec, Maillol und Chagall, wiederaufgelegt werden Voltaires Candide mit den Zeichnungen von Paul Klee und de Costers Ulenspiegel mit den Holzschnitten Masereels. Als mit Gift from the Sea (1955) von A. M. Lindbergh und, mehr noch, mit Doctor Shiwago (1958) von Pasternak auch beträchtliche Publikumserfolge errungen werden, wittern die ›Shareholder‹ des Verlages das große Geschäft und mutieren von Mäzenen zu Ökonomen. Das geforderte Streben nach Gewinnmaximierung engt Wolffs Spielraum zunehmend ein, sein verlegerisches Konzept wird als antiquiert diffamiert, man versucht, ihn aus dem Verlag zu drängen, dem er 1960 mit seinem Ausscheiden zuvorkommt – im Jahr, in dem ihm die Ehrenmedaille des deutschen Buchhandels verliehen wird. – Der interessante, etliche neue Informationen und Einschätzungen bereithaltende Vortrag bot einen unkonventionellen Blick auf Person und Werk Kurt Wolffs und wurde von den Bibliophilen mit reichlichem Beifall aufgenommen.
H. K.

Buchreihen. Viele Verlage haben in Geschichte und Gegenwart Buchreihen herausgegeben, Reclam, Suhrkamp, Insel, Kröner, Göschen, Teubner, Rowohlt und andere wie die verschie-denen Buchgemeinschaften. Pirckheimer-Mitglied Dr. Ralph Aepler, Mannheim, berichtete den Teilnehmern beim Treffen der Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar am 23. August an-schaulich und mit vielen Belegstücken über ein Teilgebiet seiner Sammlungen.
Als Beispiel für einen Verlag, der besonders durch eine Buchreihe bekannt wurde, be-richtete Ralph Aepler über die Geschichte der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung. Weit bekannt wurde die 1937 begründete Sammlung Dieterich aus dem gleichnamigen Verlag. Dieser ist einer der ältesten deutschen Verlage, 1765 in Göttingen gegründet. 1927 hatte der Leipziger Verleger Wilhelm Klemm (1881-1968) den Verlag übernommen. Die zusammen mit dem Philologen und baldigen Miteigentümer Rudolf Marx herausgegebene Sammlung umfaßt philosophisch, kulturgeschichtlich und literarisch wertvolle Bände in humanistischer Ausrich-tung. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs existierte die Sammlung Dieterich weiter, im Osten betreut von Rudolf Marx, im Westen von Wilhelm Klemm. 1950 verkaufte Klemm in finanzieller Notsituation den westdeutschen Firmenteil – allerdings ohne Zustimmung von Rudolf Marx – an den Bremer Verlag Carl Schünemann. Man einigte sich bald, und so er-schienen bis 1989 in beiden Verlagen über 400 Bände der Sammlung Dieterich. Bedeutende Gestalter der Reihe waren Heinrich Hussmann und nachfolgend Egon Pruggmayer. Eine Wiedergründung der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung startete 1982 Alfred Klemm, der Sohn von Wilhelm Klemm, in Mainz.
In der ehemaligen DDR war der Aufbau-Verlag mit mehreren Reihentiteln präsent. So er-freuten sich die Bibliothek deutscher Klassiker (BDK) mit Autoren von Anzengruber über Goethe und Schiller bis zu Weerth (153 Bände, 70 Mio. Gesamtauflage), die mit anderen Ver-lagen zusammen herausgegebene Bibliothek der Weltliteratur (BDW) und die 1951 vom Ver-lag Volk und Wissen übernommene Reihe Bibliothek fortschrittlicher deutscher Schriftsteller (BFDS) großer Beliebtheit – und waren zu günstigen Preisen zu erwerben. Auch die Deutsche Volksbibliothek (DVB) brachte es in vierzehn Jahren des Bestehens auf 118 Titel (Preis 2,85 Mark). Ohne die weitere Existenz von aktuellen Buchreihen wäre die heutige Buchhandels- und Verlagslandschaft nicht denkbar – oder auch nicht überlebensfähig.
Ferdinand Puhe