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Redaktionsschluss 12. Oktober 2012
Wir gratulieren unseren
Mitgliedern. Zum 60. Geburtstag: Reinhardt Grieger (Berlin) am 17. 1.,
Michael Nowakowski (Berlin) am 11. 3. Zum 65. Geburtstag: Günter Binkel (Berlin)
am 22. 1., Dr. Michael Hähnel (Berlin) am 31. 1., Hans-Jörg Märtens
(Halle/Saale) am 11. 2., Cynthia Baer (Berlin) am 25. 2. Zum 70. Geburtstag:
Klaus-Dieter Paul (Berlin) am 4. 1., Dr. Hans-Joachim Bergmann (Berlin) am 22.
2., Rolf-Rüdiger Noack (Köln) am 23. 2., Thomas Mattern (Bad Rappenau) am 1. 3.,
Hiltraud Schröder (Berlin) am 2. 3., Horst Nähring (Rüdersdorf bei Berlin) am 6.
3., Heinz-Günter Klopp (Ribnitz-Dammgarten) am 14. 3., Dr. Peter Labuhn
(Stendal) am 23. 3., Hiltrud Lübbert (Ratzeburg) am 28. 3. Zum 75. Geburtstag:
Jochen Lengemann (Kassel) am 10. 1., Dr. Hans Stula (Hannover) am 18. 1.,
Dipl.-Ing. Hermann Wöckel (Dresden) am 22. 1., Wolfgang Ritter (Berlin) am 9.
3., Rosemarie Beyer (Bernburg) am 11. 3. Zum 83. Geburtstag: Günter Karasek
(Dresden) am 9.2. Zum 85. Geburtstag: Prof. Dr. Lothar Lang (Grünheide/Mark) am
20. 3. Zum 86. Geburtstag: Dr. Wolfgang Classen (Essen) am 13. 2. Zum 87.
Geburtstag: Prof. Dr. Bertram Winde (Königs Wusterhausen) am 1. 2. Zum 88.
Geburtstag: Alfred Ringel (Berlin) am 19. 2. Zum 89. Geburtstag: Peter Kittel
(Berlin) am 29. 1., Rolf Arndt (Radeberg) am 5. 2., Werner G. Kießig (Berlin) am
10. 2., Zum 91. Geburtstag: Karl-Heinz Köhler (Bad Windsheim) am 4. 1.
Neue Mitglieder:
Klaus Staffel (Ingolstadt). Anke Polenz, Schulleiterin und Gestaltungs-pädagogin
(Hamburg). Elinor Weise, Illustratorin und Graphikdesignerin (Bergfelde).
Zum Tod von Bernhard Stübner. In den späten fünfziger Jahren
schwärmte Bruno Kaiser, der Vorsitzende der Pirckheimer-Gesellschaft, von einem
bibliophilen jungen Mann, von Beruf Bäcker, der Mitglied geworden war, und den
er in Hohenstein-Ernstthal besucht hatte. Es gab also Sammler, die nicht Ärzte,
Bibliothekare oder andere Akademiker waren, und doch für die
Pirckheimer-Gesellschaft gewonnen werden konnten. Der junge Mann war natürlich
stolz, einer solchen Gesellschaft anzugehören. Bernhard Stübner, bis zuletzt
deutlich hörbar ein echter Sachse, hatte das Bäckerhandwerk erlernt und führte
als Meister eine eigene Bäcke-rei. Nach Ärger mit den Ämtern gab er das Geschäft
auf und wandte sich dem Kunsthandel zu. Er zog mit der Familie nach
Berlin-Prenzlauer Berg und übernahm schließlich die Berliner Niederlassung der
Dresdener Genossenschaft Bildender Künstler. Er stattete unter anderem
öffentliche Einrichtungen, Behörden, Hotels, Krankenhäuser und Ministerien, mit
Kunst, meist Gemälden und Graphik, aus.
Bernhard Stübner war ein leidenschaftlicher
Bibliophile und Sammler. Im Mitgliederverzeichnis 2007 gab er als Hauptgebiet
an: „Goethezeit 1740-1860 in Erst- und Gesamtausgaben, einzelne deutsche
humanistische linke Autoren in EA und GA“. Doch er ging viel weiter. Er brachte
einen großen Teil der Insel-Bücherei zusammen, sammelte Trivialliteratur des 19.
Jahrhunderts, deutsche Ausgaben des Telemach von Fenelon, und vor allem das
Gesamtwerk Arnold Zweigs. Die Exemplare wurden sorgfältig ausgewählt und
gepflegt. Die Bücherwände im Bibliothekszimmer waren beeindruckend. Bücher
fanden sich auch in allen anderen Räumen der Wohnung. Daneben stapelten sich
Exlibris und Graphik; besonders reichhaltig waren Werner Klemke und Arno Mohr
vertreten. Auf Schränken und Borden standen Reihen moderner Keramik. An freien
Wandflächen hingen Gemälde und andere Bilder von zeitgenössischen Künstlern.
Er besaß eine
reichhaltige Sammlung an Eroticis, vor allem Exlibris, aber auch Plastiken und
Objekte. Dieser Teil ist 1973 geschlossen an mich gegangen, im Tausch mit meinen
Erstausgaben der Klassiker und Romantiker. Meine bis dahin bestehende
Erotikbibliothek erweiterte sich damit zu einer Sammlung erotische Kunst und
Literatur. Auch meine Kollektion Leda und der Schwan hat mit einer
Zigarettenspitze von Stübner begonnen.
In den achtziger Jahren konnte ich Bernhard Stübner
auf eine große Exlibrissammlung im Magdeburger Antiquariat aufmerksam machen.
Stübner ertauschte das Konvolut. Es stellte sich heraus, daß es sich um die
erste große Sammlung alter deutscher Exlibris handelte. Er bestückte mehrere
Ausstellungen, durch die er auch international in Exlibrissammlerkreisen bekannt
wurde. Die Kollektion befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin,
neben anderen Exlibris aus Stübners Bestand.
Eine besondere Attraktion waren die
nachweihnachtlichen Besuche bei Stübners, anfangs noch mit den Kindern. In der
Wohnung standen zwei fast mannshohe Pyramiden, auf denen sich biblische
Geschichten drehten, und zwei Weihnachtsbäume, einer mit Glaskugeln, der andere
mit unzähligen kleinen Holzfigürchen übersät, zum Teil vom Winterhilfswerk der
dreißiger Jahre stammend. Reihen von Nußknackern und Weihnachtsmännern aus dem
Erzgebirge, eine große Burg und ein gut bestückter Kaufmannsladen für die Kinder
erfreuten das Auge, und der Stollen wie die Plätzchen von Christel Stübner den
Gaumen. Die
Arnold-Zweig-Sammlung ging vor einigen Jahren nach Kattowitz, wo sie gut
gepflegt wird. Teile der Bücher erhielten die interessierten Kinder, den Kern
der Bibliothek der Goethezeit der älteste Sohn Norbert. Die Keramik soll
vielleicht ein Museum erhalten. Ein kleiner Rest wird in Berliner
Auktionshäusern oder Antiquariaten auftauchen.
Bernhard Stübner (1931-2012) gehört zur Geschichte der
Pirckheimer-Gesellschaft und wird nicht so schnell vergessen sein.
Wolfram Körner
Die Papier- und
Druckkünstlerin Barbara Beisinghoff. Der Magie des Papiers sind wohl
alle Pirckheimer verfallen. Ihr Interesse richtet sich allerdings zumeist auf
Texte und Bilder, die ihnen dieses geduldige Material zuträgt und bewahrt. An
jenem Abend im September, an dem sich zahlreiche Berliner Mitglieder und Gäste
im Kleinen Säulensaal in der Breite Straße versammelten, spielte das Papier eine
Hauptrolle. Barbara Beisinghoff schöpft viele ihrer Werke tatsächlich aus der
Bütte und erhebt sie dabei zu Kunstwerken. Sie präsentierte, wie es in der
Einladung hieß, Künstlerbücher mit Radierungen und Wasserzeichen.
Diese sachliche Beschreibung vergaß sich schnell, als
Barbara Beisinghoff die überraschende und faszinierende Vielfalt ihrer Ideen,
Formen, Farben, Materialien und Techniken ausbreitete. Sie bildet einen sehr
persönlichen und originellen Kosmos aus Papieren. Einige davon konnte man an
diesem Abend anhand der ausgelegten Bücher und Mappen sehen, ertasten und
erfühlen – den Händen der Bibliophilen waren sie großzügig und ungeschützt
preisgegeben. Allen
ihren Werken eigen ist wohl, daß sich die Beisinghoffschen Bilder an
literarischen Texten entzünden und diese begleiten. In aller Regel gilt auch
hier: Am Anfang steht das Wort. Die Bilder gehen dann wohl eigene Wege, bleiben
aber im Kontext. Gründliche Recherche und freier Gedankenflug, handwerkliches
Vermögen und künstlerisches Experimentieren finden in ihnen Gestalt. In den
Papierbögen treiben Wasserzeichenbilder, eingeschöpfte Farbinseln und
verschiedenartige Artefakte ihr Spiel mit eingeprägten und aufgedruckten Formen
– sich vereinend zu Bildern für Augen und Hände. Ein spezifischer Effekt
entsteht durch die Wasserzeichen: Dünne, durchscheinende Partien bilden sich im
Papierfilz, wenn auf dem Schöpfsieb Formen aus Draht oder anderen Materialien
aufgebracht sind. Auch kann der zeichnende Wasserstrahl im frisch geschöpften
Papierbogen offene Spuren hinterlassen.
Die Königstechnik der Druckgraphikerin Beisinghoff ist
die Radierung. Darin fabuliert sie in aller Freiheit mit der kalten Nadel, mit
Strichradierung und Aquatinta in reicher Farbigkeit. Hier scheinen ihren Ideen
und ihrem handwerklichen Können keine Grenzen gesetzt. Als ein Beispiel sei der
Zyklus Mit Goethe den Farbenkreis durchlaufen oder wenn Farben verrückt werden
aus dem Jahre 2007 genannt. Darin begleitet sie 58 Paragraphen der Goetheschen
Farbenlehre mit bildnerischen Erfindungen der unterschiedlichsten Art. Diese und
mehr als achtzig weitere Bild-Text-Folgen vereinte die Künstlerin in ihrer
Edition Die gläserne Libelle. Eine Radierpresse von beeindruckender Dimension
erlaubt ihr den Druck auch sehr großer Formate.
Daß sie zudem in den Dimensionen großer Räume
gestaltet, zeigte die Künstlerin mittels projizierter Bilder von Installationen
in unterschiedlichen Gebäuden und Landschaften. Auch dabei sind Schrift, Zeichen
und wiederum das Papier Protagonisten ihres phantasievollen Spiels. Werkzeuge
und Materialien der Druckgraphikerin geraten dabei in gänzlich ungewohnte
Szenerien, erklimmen die Bäume oder schwimmen im Seerosenteich.
Mit der anschaulichen und begeisterten Schilderung
ihrer Arbeit faszinierte Barbara Beisinghoff offensichtlich viele der
Anwesenden. Dafür sei ihr gedankt.
Matthias Gubig
Exkursion nach
Wittenberg. In diesem Sommer hatten sich die halleschen „Pirckheimer“
für ein den meisten vertrautes Exkursionsziel entschieden, und bei schönstem
Sonnenwetter führte am 23. Juni 2012 der Weg der kleinen Gruppe ins nahe
Wittenberg. Seit fast 200 Jahren sind die Städte Halle und Wittenberg durch die
Universität, die den Namen des Reformators Martin Luther trägt, eng verbunden –
eine Verbundenheit, die nach der Wende mit der Eröffnung der „Leucorea“ als
akademische Einrichtung der Lutherstadt und als Stiftung öffentlichen Rechts an
der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eine starke Neubele-bung erfuhr.
Seit Mitte der neunziger Jahre wurde das Friedericianum, die alte
Universitäts-stätte Wittenbergs, als Sitz der Leucorea saniert und strahlt heute
in neuem Glanz inmitten der Collegienstraße, an der die wichtigsten
Gedenkstätten der Reformation angesiedelt sind. So lag es nahe, diese
Einrichtung, an der sich unter anderen die Sektion der Kultur- und
Religi-onswissenschaften, das Zentrum für Religionsgeschichte und lutherische
Orthodoxie sowie das Institut für deutsche Sprache und Kultur befinden, zu
besuchen. Leider war es am Wochenende nicht möglich, einen Blick auf die moderne
Inneneinrichtung der „Leucorea“ zu werfen, doch vermittelte auch die
hervorragend rekonstruierte und gestaltete Außenanlage einen überzeugenden
Eindruck von dieser lebendigen internationalen Bildungsstätte.
Fast benachbart in der
Collegienstraße, lag unser nächstes Ziel: die traditionsreiche Bi-bliothek des
Predigerseminars im Augusteum. Seit über 400 Jahren hier ansässig, gehört sie
heute mit einem Bestand von 160 000 Bänden zu den größten Kirchenbibliotheken
Deutschlands, obgleich zwei Drittel des ursprünglichen Bestandes im Zuge der
Universitätszusammenlegung ab 1817 nach Halle gingen. In Wittenberg aber
geblieben sind die theologischen und philologischen Schriften, darunter
wertvolle mittelalterliche Handschriften, rund 500 Inkunabeln, Tausende von
Drucken aus dem 16. und 17. Jahrhundert sowie Dissertationen, Leichenpredigten
und eine Reihe von Bildnissen Wittenberger Professoren und Reformatoren, alte
Holzschnitte und Kupferstiche. Eine Stadtführung am Nachmittag führte noch
einmal über die „historische Meile“, zum Markt mit dem Rathaus und den
beeindruckenden Reformatorendenkmälern, dem Melanchthon-Haus, an dem noch
saniert und gebaut wird, zu den Cranach-Höfen mit ihren Werkstätten. Unser
Rundgang endete am Luther-Haus, der wohl bedeutendsten Gedenkstätte des
Reformators, die auch das größte reformationsgeschichtliche Museum der Welt
beherbergt. Hier lebte und wirkte Martin Luther 38 Jahre lang.
Doch unser Wittenberg-Besuch
hatte auch einen „modernen“ Höhepunkt, den Besuch der etwas außerhalb der
Stadtmitte gelegenen Hundertwasser-Schule, in der das Martin-Luther-Gymnasium
untergebracht ist. In den Jahren 1994 bis 1998 wurde hier inmitten eines
Neubaugebietes ein im Plattenbau errichtetes Schulgebäude nach Plänen von
Friedensreich Hundertwasser zu einer lebendigen, „natur- und menschengerechten“
Schule umgestaltet. Für das eintönige Wohngebiet aus den siebziger Jahren ist
diese farbenfrohe und lebendige Anlage eine nicht mehr wegzudenkende
Bereicherung. Geführt von einem engagierten und kundigen Schüler, konnten wir
uns hier auch mit den Neuerungen im Inneren des Gebäudes vertraut machen. – Der
Tag hätte angesichts der Vielfalt der Eindrücke, die diese traditionsreiche und
von Touristen belebt Stadt zu bieten hatte, doppelt so lang sein können. Daß die
wenigen Stunden dennoch zu einem Erlebnis für die Gruppe wurden, ist nicht
zuletzt der Vorbereitung und Organisation unseres Pirckheimer-Mitgliedes
Hans-Jörg Märtens zu danken.
Ute Willer
Kriminales
war das Thema in der Septemberveranstaltung der halleschen Pirckheimer-Gruppe.
Aber – es sei gleich vorweg gesagt: Es war kein blutrünstiger Horrorabend. Der
Kri-minalfall „Rose und Rosahl“ fiel in das Jahr 1858 und gehört nach Aussage
der Germanistin Eva Scherf, mitbeteiligte „sachkundige“ Germanistin des Abends,
und Ronald Kobe, Autor und Illustrator des vorgestellten Buches, zu den
Grundsatz-Kriminalfällen jedes Jurastudenten im 1. Studienjahr. Hintergrund war
ein Auftragsmord, bei dem – wohl durch nächtliches Dunkel bedingt – der Falsche
erschossen wird. Alles keine Erfindung, denn das Grab des Op-fers gibt es auf
dem Lieskauer Friedhof, und der Ort der Mordtat ist mit dem „Mörderstein“
dokumentiert. Ronald Kobe (Jahrgang 1942, 1960 bis 1963 Studium der
Gebrauchsgraphik an der Fachschule für Angewandte Kunst Magdeburg, seit 1968
freischaffend) lebt mit seiner Frau Else, gleichfalls Gebrauchsgraphikerin, seit
vielen Jahren im nahe Halle gelegenen Lieskau, heute Salzatal Ortsteil Lieskau,
und kennt die Geschichte wie jeder Lieskauer. Dazu kam, daß zwei seiner Neffen
Juristen sind und voller Erstaunen die „Zuordnung“ festgestellt haben. Ronald
Kobe entschloß sich, „ein richtiges Buch“ zu machen. Das im Selbstverlag
herausgegebene Werk Der Kriminalfall Rose und Rosahl. Die ganze Begebenheit,
wahrheits-getreu berichtet und illustriert von Ronald Kobe besteht aus humorigen
Texten im Stil des Bänkelsangs und dazu passenden, dem Cartoon verwandten
farbigen Zeichnungen. Während des Abends stellte Kobe, kommentiert von Eva
Scherf, anhand von verschiedenen Vorarbei-ten die Entwicklung der Episoden bis
hin zu den fertigen Bildern vor – vom Vorspiel über den Mord bis hin zum
Gerichtsverfahren. Da es zwar Zeitungsberichte über die Geschichte, aber keine
Abbildungen der am Mordfall Beteiligten gibt, hat der Autor zeichnerisch die
Charaktere im Sinne sparsam-witziger Karikaturen entwickelt und seine Version an
diesem Abend immer in Verbindung mit seinem Text voller Witz dargestellt. Es war
schon eine Freude, ihm dabei zuzuhören und die „Zwischenbilder“ auch zu sehen.
Als passende „Pirckheimer“-Beigabe stellte Ronald Kobe an seinem Buch auch die
für ihn zu einem „richtigen Buch“ gehörige Anlage von gelungenem Außentitel über
das passende Vorsatzpapier, den Schmutztitel usw. vor.
Hans-Georg Sehrt
Erstausgaben in der
Insel-Bücherei. Zur ersten Veranstaltung des Leipziger
Bibliophilen-Abends nach der Sommerpause konnte der stellvertretende Vorsitzende
Eberhard Patzig im Café des Hauses des Buches am 4. September 2012 mehr als 70
Zuhörer begrüßen, die den Vortrag des Vorsitzenden Herbert Kästner hören
wollten. Fast auf den Tag genau 100 Jahre nach dem Erscheinen der ersten zwölf
Bändchen der Insel-Bücherei im Herbst 1912 in Leipzig sprach der bekannte
Sammler und Bibliograph mit Akribie und Leidenschaft über Autoren und Künstler,
Texte und Satzschriften. Debüts in der Insel-Bücherei (vgl. die Rezension der
Bibliographie in: MARGINALIEN, H. 207, 2012, S. 74-77). Nach Abgrenzung der
›literarischen Erstausgabe‹ von Erstdrucken von Übersetzungen und von
Begleittexten stellte er auf einem Zeitstrahl die Erstausgaben in fünf
Zeitetappen vor. 1912 bis 1917 erschienen sieben Erstaus-gaben, wobei mit Josef
Wincklers Eisernen Sonetten (IB 134), Klabunds Dumpfe Trommel (IB 183) und
Richard Dehmels Kriegs-Brevier (IB 229) durchaus die Kriegstrommel gerührt
wurde. Insgesamt kam Kästner bei seiner Zählung auf 99 Erstausgaben in 100
Jahren in Leipzig, Wiesbaden, Frankfurt am Main und Berlin, darunter 10 in
Leipzig von 1946 bis 1989. Mehrere Erstausgaben erschienen untere anderem von
Peter Bichsel, Durs Grünbein, Angela Krauß, Georg Maurer, Rainer Maria Rilke,
Albrecht Schaeffer, Karl Heinrich Waggerl und Stefan Zweig. Auch von so
bedeutenden Autoren wie Heinrich Mann (IB 62), Hermann Hesse (IB 454), Ricarda
Huch (IB 144), Anna Seghers (IB 99), Franz Carl Weiskopf (IB 602), Heinrich Böll
(IB 647), Günter Eich (IB 667), Hans Erich Nossack (IB 805), Wieland Herzfelde
(IB 952), Franz Fühmann (IB 989), Günter Kunert (IB 1007), Peter Rühmkorf (IB
1288) und Uwe Tellkamp (IB 1323) liegen Erstausgaben in der Insel-Bücherei vor.
Mit vier Erstausgaben bis 2011 (inzwischen sind es fünf) ist Thomas Rosenlöcher
Spitzenreiter in der Insel-Bücherei.
38 Buchgraphiker des 20. Jahrhunderts sind in der
Insel-Bücherei mit mehr als einem Titel vertreten. An der Spitze steht mit zehn
Titeln Pablo Picasso, gefolgt von Karl-Georg Hirsch mit neun, Felix Timmermans
mit acht, Heinrich Vogeler mit sieben und Fritz Kredel mit sechs Titeln. Nicht
nur die Sammler illustrierter Bücher erfreuen sich an Marcus Behmer, Andreas
Brylka, George Grosz, Frans Masereel, Hans Alexander Müller, Nuría Quevedo, Imre
Reiner und Karl Rössing. Auf besonderes Interesse stießen Kästners Ausführungen
über Buchgraphiker, die Originalbeiträge in der Insel-Bücherei veröffentlichten.
Die alphabetische Liste reichte von Anita Albus und Alexander Alfs bis zu
Hans-Joachim Walch und Carl Weidemeyer und enthielt unter Pirckheimern bekannte
Namen wie Tamara Ebert, Jutta Hellgrewe, Christa Jahr, Joachim Kölbel, Peter
Laube, Hans Mau und Jürgen Mau. Künstler, deren erstes buchgraphisches Werk ein
Inselbändchen war, sind unter anderem Rita Berger, Eva Clemens, Hans-Hendrik
Grimmling, Joachim Kratsch, Rolf Kuhrt, Rolf Felix Müller, Peter Pfefferkorn,
Hanns Schimansky, Arnd Schultheiß, Gertraud Thieme und Ulrike Triebel.
Abschließend stellte Herbert Kästner sieben Künstler vor, deren Schriftentwürfe
in der Insel-Bücherei erstmalig zur Anwendung kamen: Rudolf Koch (1876-1934),
Walter Tiemann (1876-1934), Paul Renner (1878-1956), Ernst Schneidler
(1882-1956), Herbert Post (1903-1978), Hellmuth Tschörtner (1911-1979) und
Hermann Zapf (geb. 1918). Der kenntnisreiche Vortrag setzte betont inhaltliche
Akzente und stach damit wohltuend von manchen anderen Betrachtungen über die
Insel-Bücherei ab. Erfreut und rege machten die Zuhörer davon Gebrauch,
Inselbändchen aus der Sammlung des Referenten im Original anzusehen.
Hans-Jürgen Viehrig
›… und ich wollte doch
mit Büchern leben und tätig sein‹. Unter diesem Zitat von Kurt Wolff
stand die Veranstaltung des Leipziger Bibliophilen-Abends am 9. Oktober 2012 in
der Deutschen Bücherei. Aus Anlaß des 100. Gründungsjubiläums des
Kurt-Wolff-Verlages sprach Dr. Marion Detjen (Berlin) zur Bibliophilie Kurt
Wolffs in den USA und zeichnete dazu ein Bild der von Humanismus,
Traditionsbewußtsein und Geschmack getragenen Persönlichkeit Wolffs, seiner
Lauterkeit und Geradlinigkeit. Zeit seines Lebens der Liebe zu Büchern
verschrieben, trennte er sich doch immer wieder von großartigen Sammlungen, so
1912 zur Finanzierung seines ersten, in Leipzig gegründeten Verlags, von der
Sammlung der deutschen Klassik und Moderne (der Katalog bei Graupe, Frankfurt a.
M. verzeichnet 1694 Nummern), 1926 wiederum aus akutem Finanzbedarf des Verlages
von seiner beachtlichen Inkunabelsammlung. Weitere Auktionen in den Jahren 1930
und 1934 sind auch im Kontext mit einer psychischen Krise Wolffs zu sehen; er
beginnt den Verlag zu liquidieren, seine Ehe wird geschieden, und Wolff zieht
sich zur Meditation auf ein Landhaus bei Nizza zurück und beginnt ein einfaches,
nicht nach Gewinn und Besitz strebendes Leben zu führen. Anfang 1933 verläßt
Kurt Wolff Deutschland für immer und lebt mit seiner zweiten Frau Helen in
Italien und Frankreich. Von dort kann er Ende 1940 in die USA – ohne ein
einziges Buch – entkommen. Auch in den kommenden Jahren entstehen keine
Sammlungen mehr, 1947 veräußert Wolff selbst seine mit Autoren und Künstlern
geführte Korrespondenz.
In seiner verlegerischen Tätigkeit kam ein anderer
Aspekt seiner Bücherliebe zum Tragen, denn er war von Anbeginn bestrebt,
Geschmack im Literarischen mit Geschmack in der Gestaltung und Ausstattung
seiner Editionen zu verbinden, so in den Kunstzeitschriften Die weißen Blätter
und Der Genius sowie in den Kunstpublikationen des 1924 gegründeten Verlages
Pantheon Casa Editrice, Florenz. – Diese hohen Maßstäbe an Inhalt und Form
versucht Wolff auch in dem 1943 mit finanzieller Unterstützung von Curt v. Faber
du Faur und anderen gegründeten Verlag Pantheon Books zu verwirklichen, und das
trotz enormer Schwierigkeiten: von einer Einraum-Wohnung aus, mit spärlichen
finanziellen Mitteln, bei einem 16-Stunden-Arbeitstag für sich und seine Frau.
Wolff verlegt ein zivilisationskritisches Programm, beginnend mit dem Danse
macabre von Frans Masereel, mit dem Roman Der Tod des Vergil von Hermann Broch
und den Weltgeschichtlichen Betrachtungen von Jacob Burckhardt. Es erscheinen
Kunstpublikationen über Daumier, Toulouse-Lautrec, Maillol und Chagall,
wiederaufgelegt werden Voltaires Candide mit den Zeichnungen von Paul Klee und
de Costers Ulenspiegel mit den Holzschnitten Masereels. Als mit Gift from the
Sea (1955) von A. M. Lindbergh und, mehr noch, mit Doctor Shiwago (1958) von
Pasternak auch beträchtliche Publikumserfolge errungen werden, wittern die
›Shareholder‹ des Verlages das große Geschäft und mutieren von Mäzenen zu
Ökonomen. Das geforderte Streben nach Gewinnmaximierung engt Wolffs Spielraum
zunehmend ein, sein verlegerisches Konzept wird als antiquiert diffamiert, man
versucht, ihn aus dem Verlag zu drängen, dem er 1960 mit seinem Ausscheiden
zuvorkommt – im Jahr, in dem ihm die Ehrenmedaille des deutschen Buchhandels
verliehen wird. – Der interessante, etliche neue Informationen und
Einschätzungen bereithaltende Vortrag bot einen unkonventionellen Blick auf
Person und Werk Kurt Wolffs und wurde von den Bibliophilen mit reichlichem
Beifall aufgenommen. H.
K.
Buchreihen. Viele Verlage haben in
Geschichte und Gegenwart Buchreihen herausgegeben, Reclam, Suhrkamp, Insel,
Kröner, Göschen, Teubner, Rowohlt und andere wie die verschie-denen
Buchgemeinschaften. Pirckheimer-Mitglied Dr. Ralph Aepler, Mannheim, berichtete
den Teilnehmern beim Treffen der Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar am 23. August
an-schaulich und mit vielen Belegstücken über ein Teilgebiet seiner Sammlungen.
Als Beispiel für einen
Verlag, der besonders durch eine Buchreihe bekannt wurde, be-richtete Ralph
Aepler über die Geschichte der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung. Weit bekannt
wurde die 1937 begründete Sammlung Dieterich aus dem gleichnamigen Verlag.
Dieser ist einer der ältesten deutschen Verlage, 1765 in Göttingen gegründet.
1927 hatte der Leipziger Verleger Wilhelm Klemm (1881-1968) den Verlag
übernommen. Die zusammen mit dem Philologen und baldigen Miteigentümer Rudolf
Marx herausgegebene Sammlung umfaßt philosophisch, kulturgeschichtlich und
literarisch wertvolle Bände in humanistischer Ausrich-tung. Nach Ende des
Zweiten Weltkriegs existierte die Sammlung Dieterich weiter, im Osten betreut
von Rudolf Marx, im Westen von Wilhelm Klemm. 1950 verkaufte Klemm in
finanzieller Notsituation den westdeutschen Firmenteil – allerdings ohne
Zustimmung von Rudolf Marx – an den Bremer Verlag Carl Schünemann. Man einigte
sich bald, und so er-schienen bis 1989 in beiden Verlagen über 400 Bände der
Sammlung Dieterich. Bedeutende Gestalter der Reihe waren Heinrich Hussmann und
nachfolgend Egon Pruggmayer. Eine Wiedergründung der Dieterich’schen
Verlagsbuchhandlung startete 1982 Alfred Klemm, der Sohn von Wilhelm Klemm, in
Mainz. In der ehemaligen
DDR war der Aufbau-Verlag mit mehreren Reihentiteln präsent. So er-freuten sich
die Bibliothek deutscher Klassiker (BDK) mit Autoren von Anzengruber über Goethe
und Schiller bis zu Weerth (153 Bände, 70 Mio. Gesamtauflage), die mit anderen
Ver-lagen zusammen herausgegebene Bibliothek der Weltliteratur (BDW) und die
1951 vom Ver-lag Volk und Wissen übernommene Reihe Bibliothek fortschrittlicher
deutscher Schriftsteller (BFDS) großer Beliebtheit – und waren zu günstigen
Preisen zu erwerben. Auch die Deutsche Volksbibliothek (DVB) brachte es in
vierzehn Jahren des Bestehens auf 118 Titel (Preis 2,85 Mark). Ohne die weitere
Existenz von aktuellen Buchreihen wäre die heutige Buchhandels- und
Verlagslandschaft nicht denkbar – oder auch nicht überlebensfähig.
Ferdinand Puhe
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