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Redaktionsschluss 15. April 2012
Wir
gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 60. Geburtstag: Sigrid Jahnke (Wismar)
am 5. 7., Jürgen Noffz (Oldenburg) am 8. 7., Bernd-Ingo Friedrich (Weißwasser)
am 21. 7., Christian Klünder (Berlin) am 9. 8. Zum 65. Geburtstag: Karl-Heinz
Kles (Hannover) am 5. 7., Dr. Angela Graf (Hamburg) am 11. 7., Wolfgang Neubert
(Thalheim) am 13. 7., Ernst Joachim Bauer (Ulm) am 16. 8., Horst Hoffmann
(Uelzen) am 26. 8., Eduard R. Fueter (Au, Schweiz) am 21. 9., Günter
Lichtenstein (Göpfersdorf) am 28. 9. Zum 70. Geburtstag: Dr. Hartmut Beßerdich
(Berlin) am 2. 8., Dr. Hans-Georg Sehrt (Halle/S) am 29. 8., Zum 75. Geburtstag:
Dr. Manfred Zielinski (Berlin) am 12. 8., Dr. Lothar Sommer (Berlin) am 5. 9.,
Manfred Lindenberg (Grünheide/Mark) am 30. 9. Zum 80. Geburtstag: Sigrid
Oppermann (Berlin) am 18. 9., Zum 81. Geburtstag: Wilfried Vorbrodt
(Quedlinburg) am 6. 7., Erika Schulz (Herrnhut) am 11. 8. Zum 82. Geburtstag:
Udo Mammen (Halberstadt) am 24. 7. Zum 83. Geburtstag: Prof. Dr. Diether Gussek
(Halle/S) am 17. 8., Ingeborg Eckert (Berlin) am 3. 9. Zum 84. Geburtstag: Otto
Gransitzki (Schönwalde) am 5. 8., Emil Georg Schrade (Aachen) am 16. 9. Zum 85.
Geburtstag: Ruth Steinbauer (Osterburken) am 21. 9.
Neue Mitglieder: Moritz Mechtel, Student, Cottbus. Gregor Nitzsche,
Musiker, Wilkau-Haßlau. Jessika Uppmeier, Mainz. Pay Matthis Karstens, Student,
Berlin.
Einladung zur Mitgliederversammlung 2012. Die diesjährige
Mitgliederversammlung findet am 7. September 2012 um 18.00 Uhr im »Donauhotel«,
Münchner Straße 10, 85051 Ingolstadt, statt. Der Vorstand lädt dazu alle
Mitglieder herzlich ein. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden.
2. Kassenbericht des Schatzmeisters. 3. Bericht der Revisionskommission. 4.
Aussprache über die Berichte. 5. Entlastung des Vorstandes. 6. Neuwahl des
Vorstandes. 7. Verschiedenes.
Heinrich von Kleist und die Schweiz. Am 26. Januar, im Nachklang des
Kleist-Jahres 2011, war Dr. Wolfgang de Bruyn, Direktor des Kleist-Museums in
Frankfurt/Oder, zu Gast bei den Berlin-Brandenburger Pirckheimern und sprach auf
eigenen Wunsch zu Kleists Schweizer Erfahrungen und Prägungen. Ein kurzer
Rückblick führte zunächst Höhepunkte des vergangenen Kleist-Jahres vor Augen:
den ersten Spatenstich für den Erweiterungsbau des Museums in Frankfurt/O. am 4.
März 2011, die erfolgreiche kulturhistorische Doppelausstellung Kleist: Krise
und Experiment in Berlin und Frankfurt/O., den Schlußakt am Grab Heinrich von
Kleists und Henriette Vogels am Kleinen Wannsee. Doch de Bruyn würdigte auch,
wenngleich aus Zeitgründen im Schnelldurchlauf, die vielfältigen
Kleistveranstaltungen (Vorträge, Lesungen, Ausstellungen, Publikationen,
Theateraufführungen) im ganzen Land und über die Grenzen hinaus, in Rom, in
Brüssel, in Minsk … und betonte nicht nur nebenbei die hilfreiche Unterstützung
der Museumsarbeit durch die Kleist-Gesellschaft, in deren Vorstand er selbst
auch vertreten ist.
Krise und Experiment – diese Lebenssituation führte den 24jährigen Kleist auch
in die Schweiz. Seit seiner Kindheit ein Getriebener: untauglich zum
vorbestimmten Militärdienst, unentschlossen und untauglich für die
Beamtenlaufbahn, rastlos unterwegs auf Reisen, ständig in Geldnot, von der
Familie beargwöhnt, erfüllt von der Sehnsucht, einen Lebensort für sich zu
finden, endlich Erfolg zu haben, übermächtig der Drang, den „Lorbeerkränzen“ der
Kleists einen weiteren hinzuzufügen. Doch immer wieder befallen von leidvollem
Zweifel an allen Bemühungen, oft Gedanken ans Sterben hegend. Hier in der
Schweiz hofft er nach schweren seelischen und körperlichen Erschütterungen Ruhe
und Heimat zu finden. Er will ein Bauerngut erwerben und im „eigentlichsten
Verstande ein Bauer“ werden. Auch dieser Plan scheitert, die Verbindung zur
Verlobten zerbricht. Aber in Bern lernt er Ludwig Wieland und Heinrich Geßner
kennen und trifft auch Heinrich Zschokke wieder, den er schon aus Frankfurt/O.
kennt. Die Freunde befördern seinen Drang zur Dichtung. Die ersten Dramen
entstehen. Kleist lebt inzwischen in Thun, in der Idylle einer Aare-Insel, dem
Oberen Inseli. Seine Situation schildert er euphorisch wie fragwürdig in einem
Brief vom 1. Mai 1802 an Ulrike, die geliebte Halbschwester, schwärmt von einem
„Häuschen an der Spitze“, in dem er „ganz allein“, aber umsorgt von einem
Fischer-Mädeli, lebe und heiter und von den Freunden umschmeichelt sei. Doch der
heimatliche Erwartungsdruck quält auch hier. – Vieles in dem Brief könne nicht
stimmen, so de Bruyn. Wollte Kleist imponieren? In Thun entsteht 1801 die
bekannte Miniatur von Peter Friedel, das einzige Bildnis zur Lebenszeit, das die
Berliner Staatsbibliothek bewahrt. Schon den Jahreswechsel 1802/03 verbringt
Kleist in Weimar und Oßmannstedt auf Christoph Martin Wielands Gut. Im Sommer
1803 bricht er zu einer zweiten Schweizer Reise auf, nach Bern und Thun und von
dort erneut nach Paris.
Das Häuschen auf der Aare-Insel existiert nicht mehr, wohl erst 1882 wurde
dieser Kleist-Wohnort wiederentdeckt. Das Inseli ist heute in Privatbesitz, aber
eine Tafel erinnert an den besonderen Ort. Immerhin wurde Kleist in seiner
Schweizer Zeit recht eigentlich zum Dichter, vollendete seinen Erstling Die
Familie Schroffenstein, entwarf erste Skizzen für das Lustspiel Der zerbrochene
Krug, verwarf Robert Guiskard. Kurz, Kleist fand seinen „Lebensort“, die
Dichtung, hier in der Schweiz.
So ist folgerichtig die Ausstellung Heinrich von Kleist und die Schweiz ein
Gemeinschaftsprojekt der Stadt Thun, des Museums Strauhof, Zürich, und des
Kleist-Museums Frankfurt/O. Sie wird vom 25. Februar bis 25. November 2012 in
Frankfurt/O. zu sehen sein. Und die Zusammenarbeit werde fortgeführt, so
Wolfgang de Bruyn, der seine lebendigen Ausführungen mit den trefflichen Worten
begonnen hatte: „Heinrich von Kleist ist nach Goethe und Schiller der
bekannteste deutsche Dichter“ und nach und neben Fontane „der bedeutendste
Dichter Preußens.“
U. L.
Erinnerung an Georg Heym. Erfreulich viele Interessenten hatten sich am
16. Februar im Kleinen Säulensaal der Zentral-und Landesbibliothek eingefunden,
um Gunnar Decker zuzuhören, der sein jüngst erschienenes Buch Georg Heym. „Ich,
ein zerrissenes Meer“ (vbb) den Berlin-Brandenburger Pirckheimern vorstellte.
Georg Heym, „ein Komet am Avantgarde-Himmel Berlins“, im Kreise der Versammelten
gewiß nicht erst anläßlich seines 100. Todestages am 16. Januar 2012 zufällig
wieder in Erinnerung geraten, sei natürlich dennoch von der grassierenden „Gedächtnislosigkeit“
heutzutage betroffen, so Gunnar Decker gleich zu Beginn. Es gelte, ab und an
„einen Spalt“, „eine Lücke“ zu finden, um dagegenzuhalten. Und er hielt dagegen.
Sein Vortrag, eine fein gewobene Collage aus Buchtext, knappen Kommentierungen,
Heym-Träumen und -Bekenntnissen, Gedichten und Zeitzeugnissen, die wesentliche
Lebenslinie dabei immer im Blick – das erregende Lebensbild eines „Zerrissenen“,
eines jugendlichen Rebellen im „Gefühl des Allbezwingers“, eines genialen
Dichters, entfaltete spürbare Wirkung.
Aus seinem wohlkomponierten biographischen Essay las Decker Passagen der Kapitel
Sachlicher Bericht vom Tod eines Dichters, Der Prophet auf dem Grund des
steinernen Meeres („ein Leben unter Eis“), Das Kind des Todes. Der Dichter
(„Ohne den Tod gäbe es den Dichter Georg Heym nicht“), Rückschau auf künftige
Katastrophen („Arsch-Scheiß-Lause-Sau-Juristerei, es ist zum Kotzen“), Gefangen
in der Lumpenstadt Neuruppin („… so viele Träume, nicht einer geht in
Erfüllung“). Heym, vom Staatsanwalt-Vater aus Berlin nach Neuruppin verbannt,
litt an dieser provinziellen Existenz, diesem ereignislosen Leben. So finden
denn die „Ereignisse in seinen Texten statt“: Krieg, Zerstörung, Tod und
Verwesung, Gefährdung, doch auch Sehnsucht nach Liebe und Verständnis. Georg
Heym erlebte noch das Erscheinen seines ersten Lyrikbandes Der ewige Tag bei
Rowohlt im April 1911, letztendlich voller Freude … Seine Lesung beschloß Decker
mit der vergnüglichen Passage über den verwegen-anmaßenden Briefwechsel des
Dichters mit seinem großherzigen Verleger Ernst Rowohlt, der wohl wußte, wer da
außer sich geriet.
Das abschließende Gespräch fragte nach Heyms Prosa, nach dem speziellen
Interesse des Autors an Heym und den Expressionisten heute, nach Georg Heyms
Rang neben Trakl, Benn und Kafka, nach der Rezeption Heyms in den 1960er und
1970er Jahren in der DDR und in der Bundesrepublik. Am Ende stand im Mittelpunkt
des Abends weniger Gunnar Deckers sehr empfehlenswertes Buch als viel mehr der
Dichter Georg Heym. Dessen Texte seien von gravierender essentieller Aktualität:
Sein „Schrei“ hallt fort, doch auch „ein altes Königslied“. – Mit herzlichem
Applaus und einer von Prof. Dieter Goltzsche gestifteten Radierung wurde dem
Referenten gedankt.
U. L.
Ein politischer Buchclub in Großbritannien. Am 22. März 2012 stellte der
in Berlin nicht mehr unbekannte Historiker André Welters aus Köln den
Berlin-Brandenburger Pirckheimern und nicht wenigen Gästen im Kleinen Säulensaal
der Zentral- und Landesbibliothek sein spezielles Sammelgebiet vor: Der Left
Book Club, ein politischer Buchclub im Großbritannien der 1930er und 1940er
Jahre.
In den beiden Jahrzehnten zwischen den Weltkriegen basierte die britische
Verlagstätigkeit zunächst auf dem gut gemachten, aber teuren, gebundenen Buch.
Da nur wenig Bücher privat gekauft wurden, waren die Auflagen niedrig und die
Herstellungskosten hoch. Der Verleger Ernest Benn versuchte als erster, mit
einer billigen Buchreihe diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Seine Benn's Six
Penny Library scheiterte aber bald aus verschiedenen Gründen. Der bei ihm
beschäftigte junge Victor Gollancz, studierter Altphilologe und Internatslehrer
jüdisch-orthodoxer Herkunft, löste sich nach sechs Jahren erfolgreicher
Tätigkeit von Benn und gründete 1927 einen eigenen Verlag. Seine einheitlich
gestalteten, einfachen schwarzen Leinenbände mit ihren knallgelben
Schutzumschlägen erreichten auch durch seine zusätzliche aggressive Werbung
erstaunliche Auflagen. Gollancz wollte aber über die Belletristik hinaus mit
Büchern zu aktuellen politischen Themen und gesellschaftlichen Problemen
überhaupt breitere Leserschichten erreichen. Um die reservierte Haltung der
Buchhändler zu umgehen, kam er auf den Gedanken, einen Buchclub zu gründen. Im
Frühjahr 1936 bildete er mit den marxistischen Gesellschaftstheoretikern Harold
Laski und John Strachey ein Auswahlkomitee und begründete mit ihnen den Left
Book Club (LBC), dessen erster Titel, Maurice Thorez, France today and the
People's front, bereits im Mai 1936 erschien. Man hoffte, etwa 5000 Mitglieder
für den Club gewinnen zu können, nach einem Monat waren es aber schon 9000 und
nach einem Jahr 40 000 Mitglieder. (Der Höhepunkt war 1939 mit 57 000!) Durch
diese hohen Zahlen war eine sehr günstige Preisgestaltung der Bücher möglich,
bei einer gestaffelten Mitgliedschaft (A, B oder C) zahlte man 2 ½ bis 3 ½
Shilling pro Band. Die gleichen Titel kamen im Original-Gollancz-Verlag für
Nichtmitglieder wesentlich teurer heraus. Auch der Vertrieb der LBC-Bücher
erfolgte über den örtlichen Buchhandel an die Mitglieder. Ein Journal Left News
(mit 32-48 Seiten) konnten auch Nichtmitglieder beziehen. In 1200 „Local Groups“
entfalteten die Mitglieder landesweit ein breites kulturelles Leben; der LBC
wurde eine politische Bewegung, ohne eine politische Partei zu sein. Die
jährlichen Versammlungen in London füllten die Albert Hall, dann zusätzlich die
Queen's Hall und 1939 schließlich gar die riesige Empress Hall, wo unter anderem
Harry Pollitt und Lloyd George auftraten.
André Welters kam nun zu den Büchern des LBC selbst. Er gab zwei Exemplare der
beiden Buchtypen, Paperback und Hardcover, herum mit der Bemerkung, wer diese
beiden Bücher gesehen habe, der habe alle gesehen. Sehr bibliophil war dieser
Club also nicht. In den ersten Jahren lassen sich vier thematische Schwerpunkte
des Programms ausmachen: die Armut in Großbritannien, internationale Politik,
die UdSSR und der Bürgerkrieg in Spanien. Zum ersten Thema gehört das noch heute
aufgelegte Road to Wigan Pier von George Orwell, welches wegen inhaltlicher
Differenzen zwischen Gollancz und Orwell dessen einziger Titel beim LBC blieb.
Für die internationale Politik mögen die Aufzeichnungen World Politics,
1918-1936 von R. Palme Dutt stehen und für die Sowjetunion-Literatur als einer
von 15 Titeln Soviet Communism: A New Civilisation (1200 Seiten für 5 Shilling,
10 000 mal verkauft). Zum Spanienkrieg erschienen acht Bücher, von denen Arthur
Koestlers Spanish Testament berühmt wurde. In einer speziellen Reihe Topical
Books wurde auch Lion Feuchwangers Moscow 1937 herausgebracht. Der
Hitler-Stalin-Pakt und der Kriegsausbruch 1939 führten zu massenhaften
Austritten der Mitglieder, zu Beschränkungen und Papierknappheit, so daß im
Oktober 1943 das letzte der 257 Bücher erschien. Der enge Mitarbeiter von
Gollancz, John Lewis, veröffentlichte 1970 eine Monographie über den LBC mit
vollständiger Bibliographie. Ohne die politische Bildungsarbeit des LBC hätte es
den überwältigenden Labour-Sieg 1945 so nicht gegeben. – Die vielen sich an den
Vortrag anschließenden Fragen der Pirckheimer konnten dem Referenten die
Gewißheit geben, nicht vor tauben Ohren gepredigt zu haben.
Konrad Hawlitzki
Neues in halleschen Sammlungen ... Echte Buch- und Graphikfreunde hält
auch die extremste Witterung nicht davon ab, ihre neuesten „Fänge“ in vertrauter
und froher Runde vorzustellen. So zu erleben bei den halleschen Pirckheimern und
ihren Freunden bei etwa minus 14 Grad Celsius Außentemperatur (!) am 31. Januar
2012. Die mitgebrachten Schätze wurden nicht nur gezeigt und zum eigenen
Blättern in der großen Runde herumgegeben, doch die eigentliche Würze des Abends
waren wieder die kleinen Geschichten, die mit der Erwerbung zusammenhängen, die
Beschreibung des Stellenwerts in der eigenen Sammlung und des Besonderen des
jeweiligen Objekts. Die Spanne der vorgeführten Raritäten reichte vom Versuch
einer Monografie der Kartoffeln von Dr. C. W. E. Putsche, Weimar 1819 (Reprint
Weimar 2006) – vorgestellt von einem Landwirtschaftsprofessor, dessen einstiger
Doktorand den Reprint betrieben hat – bis zu Flohmarkt-Entdeckungen wie einen
mit zahlreichen feinen Stahlstichen versehenen Band von Meyers Universum (1841).
Im Nachtrag zu einem von ihm gehaltenen Pirckheimer-Vortrag stellte ein
Teilnehmer einen sehr informativen Sammelband von Bernd Küster zu dem viel zu
wenig bekannten Maler und Illustrator Otto Ubbelohde (Worpsweder Verlag 1997)
vor. Einem sehr reizvollen Feld, der Verbindung von Kunst und Psychiatrie,
widmet sich der Band Psychiatrische Themen in Malerei und Graphik von Rudolf
Lemke, der nach Lemkes Tod von seinem Schüler und Kollegen Helmut Renner (Gustav
Fischer Verlag 1959) herausgegeben wurde. Der dieses Buch Vorstellende hatte
selbst während seiner Studienzeit bei Lemke gehört, und Renner war in Halle sein
Kollege.
Das Thema Halle kam gleichfalls nicht zu kurz, so mit dem Führer durch Halle und
Umgebung von 1894 und 1909 (Verlag Gebauer und Schwetschke Halle) und einem sehr
reizvollen zwölfteiligen Fotoleporello mit halleschen Sehenswürdigkeiten (Verlag
Zedler & Vogel, Darmstadt 1902). Den Stadtführer des Halleschen Verkehrsvereins
erhielten seinerzeit alle neu Zugezogenen als Willkommensgeschenk und zugleich
Werbung, deshalb erschien er bereits von 1905 bis 1915 in insgesamt 11 Auflagen.
Der weitgehend unbekannte Maler und Graphiker Erich Will, von dem der Band
Tischlein deck Dich! (Verlag Erich Zender Berlin, um 1940) vorgestellt wurde,
wählte sein Pseudonym nach dem Namen seiner Heimatstadt: Will Halle. Kein
geringerer als Heinz Rühmann schrieb das Vorwort zu dieser Karikaturensammlung.
Will Halle ging später nach Berlin und starb dort wohl in den 1960er Jahren. Ein
anderer Pirckheimer-Freund hatte passend dazu ein von Will Halle illustriertes
Kinderbuch, Die Geschenke des alten Tobias von Otto Bernhard Wendler
(Mitteldeutsche Verlags-Gesellschaft, Halle/S. 1948), mitgebracht.
Eine schöne Entdeckung war für viele auch der Zeichner Jules Pascin, von dem
neben einem Karikaturenband (herausgegeben im Eulenspiegel-Verlag von Lothar
Lang) das nicht ganz jugendfreie erotische Skizzenbuch Ein Sommer die Runde
machte. Max Schwimmer muß ihn sehr geschätzt haben und steht ihm in gewisser
Weise in der Leichtigkeit des zeichnerischen Gestus nahe. Das zeigte auch ein
Vergleich von Pascins Zeichnungen zu Heine, Aus den Memoiren des Herrn von
Schnabelewobski (Paul Cassirer, Berlin 1920) mit Schwimmers Graphische(n) Etüden
(Verlag der Nation, Berlin 1965, Geleitwort von Lothar Lang). Hierzu paßte auch
die kleine, in der legendären halleschen Galerie Henning Anfang der 1950er Jahre
erschienene Mappe Die Odaliske von Voltaire mit sinnlichen Zeichnungen von der
Schwimmer-Schülerin Elfriede Weidenhaus.
Auch die Fotografie kam zu ihrem Recht: Vorgestellt wurde der umfängliche, gut
gedruckte und die DDR-Wirklichkeit erstaunlich umfassend reflektierende Band von
Manfred Bayer Alltag in der DDR – so haben wir gelebt. Das Buch greift auf den
im Bundesarchiv Koblenz verwalteten Nachlaß des DDR-Fotografen mit zirka 60 000
Negativen und Dias zurück. In die gleiche Richtung zielt der anläßlich des 75.
Geburtstages des Autors erschienene Fotoband von Jochen Ehmke mit
Schwarzweißfotografien Knochenjob und Datschenglück. Fotografien 1970-95
(Mitteldeutscher Verlag, Halle/S. 2011). Der Fotograf hat die mitteldeutsche
Landschaft und die hier lebenden Menschen über diese 25 Jahre begleitet:
Arbeitswelt, Freizeit, Ausreise aus der DDR, schwieriger Start in eine andere
Zeit usw.
Großes Interesse fand auch der ebenfalls der Region verbundene, leider nur über
den Herausgeber erhältliche sehr komplexe Sammelband (360 S.) zu Archäologie,
Natur, Geschichte und Kunst Au(g)enblicke. Streifzüge durch die Elster-Luppe-
und Saale-Elster-Aue (Arbeitskreis Döllnitz e.V., Halle 2012). Er enthält 30
Beiträge von 28 Autoren (darunter zwei Beiträge von Hans-Georg Sehrt zu dem an
der halleschen Burg Giebichenstein ausgebildeten über 80jährigen Maler Hans
Rothe und zu dem in Leipzig geborenen Carl Gustav Carus) und eine Vielzahl
farbiger und schwarzweißer Abbildungen.
Eher ungewöhnlich für ein Bibliophilentreffen mag auf den ersten Blick ein
kleiner Silberbecher aus dem Jahr 1925 gewesen sein. Es handelte sich hier um
den 2. Preis für einen Blumenkorso auf der Saale: Die Abbildung des 1. Preises –
der gleiche Silberbecher, nur etwas größer – fand der Besitzer in einem Fotoband
mit den Silberbechern des berühmten Silberschatzes der Halloren. Dazu wurde die
Kopie eines Zeitungsartikels zum Thema von 1925 gezeigt. Also im weitesten Sinne
doch passend zur Bibliophilie ... Einen heiteren Schlußpunkt des viel zu schnell
vergangenen Abend setzte der Band Kitsch – Balsam für Herz und Seele (Belser
Verlag, Stuttgart 2007), der sich durch herrliche Abbildungen, gute Texte und
einen an textiles Goldbrokat erinnernden Einband auszeichnet. Auf der
Buchrückseite ist zu lesen: „In jedem von uns steckt ein Tropfen Kitsch, weil
Kitsch der kürzeste Weg zur Versöhnung mit den Lebensumständen ist.“
Hans-Georg Sehrt
Schöne Bücher natürlich auch aus Halle ... Die halleschen Pirckheimer
hatten sich im März die Buchkünstlerin Anna Helm eingeladen. Um es gleich vorweg
zu sagen: Es war ein wunderbarer Abend, der nicht allgemein um das Thema
Buchkunst ging und trotzdem das Allgemeine am Einzelnen bewußt machte. Anna
Helm, Jahrgang 1972, lernte ein Jahr an der Otto-Dorfner-Werkstatt in Weimar,
studierte dann an der halleschen Burg Giebichenstein im Fachgebiet Buch und
Einband und absolvierte zusätzlich ein Gaststudium am Roehampton College London
im Studiengang Bookbindung and Calligraphy. Ein besonderes Erlebnis war es für
sie, daß sie wie alle Studierenden ihrer Fachrichtung einen Paß besaß, mit dem
sie jederzeit Zutritt zu der schwer zugänglichen Rara-Abteilung der British
Library London hatte. Gerade die „Begegnung“ mit den vielen kostbaren Büchern
war für die Bewertung der eigenen Tätigkeit und deren historische Einordnung
bedeutsam. Die beiden für ihr Studium an der Burg Giebichenstein wichtigen
Professorinnen waren Ingrid Schultheiß und Mechthild Lobisch. Im Jahr 2001
eröffnete Anna Helm in Halle ihr eigenes „Atelier für Buchkunst und Gestaltung“,
und 2005 gründete sie die „Edition Helm“, mit der sie auch regelmäßig auf der
Frankfurter Buchmesse mit einem eigenen Stand vertreten ist. In ganz
unkomplizierter und offener Weise sprach Anna Helm über ihre Ansichten zur
Buchkunst und schilderte ihr eigenes Vorgehen. Sie fertigt neben Unikatbüchern
nur ganz kleine Auflagen von fünf oder sechs Exemplaren, ganz selten von 25
Exemplaren an. Den Unterschied zwischen Unikatbuch und Kleinauflage sieht sie
vor allem so: „Beim Unikatbuch kann ich mir Seite nach Seite ausdenken, bei der
Kleinauflage dagegen muß der Gesamtablauf klar und fertig sein.“ Neben den
Künstlerbüchern führt sie auch Reparaturen aus, denn „es ist nicht leicht,
allein von der Kunst zu leben.“ Die Beherrschung des Handwerks ist für sie
Voraussetzung für ihre Kunst.
Anna Helm beschäftigt sich intensiv mit den von ihr ausgewählten Texten, ehe sie
an die buchkünstlerische Umsetzung geht. An diesem Abend hatte sie zwölf recht
unterschiedliche Bücher aus den letzten sechs Jahren mitgebracht. Ihr Spektrum
reicht von Oswald von Wolkenstein über Rilke bis zu Klassikern der
Nachkriegsmoderne wie Peter Handke, Ingeborg Bachmann und Ernst Jandl. Eine
Vorliebe gilt der englischsprachigen Literatur. Da Anna Helm die englische
Sprache so gut beherrscht, daß sie auch als Lektorin für Fachbücher tätig sein
kann, enthalten ihre Bücher oft neben dem englischen Text ihre eigene
Übersetzung ins Deutsche. Dylan Thomas, Walt Whitman, Virginia Woolf sind hier
ihre Favoriten, auch Bob Dylan, der bekanntlich schon wegen seiner Songtexte im
Gespräch für den Literatur-Nobelpreis war. Neben den Pressendrucken entstehen in
Zusammenarbeit mit dem an der Burg Giebichenstein tätigen Maler und langjährigen
Rektor Prof. Ulrich Klieber Malerbücher. Klieber malt schwungvoll und streut ab
und an handschriftliche Textfetzen ein, während Helm nach eigenem Bekunden nur
den Mantel schafft, ohne in das Innere einzugreifen.
Anna Helm arbeitet mit den unterschiedlichsten Papieren und Einbandmaterialien.
Oft verleiht sie ihren Büchern spielerische Effekte, die ihren Charme erst beim
näheren Betrachten und Durchblättern offenbaren. Für ein Buch über eine Reise
nach Istanbul schuf sie etwa Ornamente, die an die in den Moscheen vorhandenen
bunten Teppiche erinnern, auf denen sich Männlein und Weiblein – und sie als
Tourist – bequem ausruhen. Manchmal verwendet sie mit Laser hergestellte
Papierschnitte, die, über den Text gelegt, besondere Lichteffekte hervorrufen.
Ihre Bücher liegen zumeist in ästhetisch abgestimmten Kassetten. Mitunter ist es
ihr aber auch wichtig, daß das Licht über längere Zeit am Einband „seine
Pflicht“ tut und die Einbandfarben partiell verblassen.
Die Preise, besonders natürlich der Unikat-Bücher, erschweren natürlich den
Erwerb ihrer Bücher. Günstig ist immerhin der von ihr anläßlich der Frankfurter
Buchmesse 2006 herausgegebene, von dem halleschen Graphikdesigner Lutz Grumbach
gut gestaltete Informationsband Ulrich Klieber / Anna Helm. Edition Helm (15
Euro, ISBN 978-3-00-019527-3), der in Wort und Bild die von Ulrich Klieber in
den Jahren 1999 bis 2006 gefertigten Malerbücher und die in der Edition Helm ab
2005 entstandenen gemeinsamen Künstlerbücher Klieber/Helm dokumentiert. – „Viele
meiner Bücher sind extrem dünn“, lautete ein Bekenntnis Anna Helms, „ich will
meine Leser nicht langweilen ...“ Das hat sie an diesem Abend nun wirklich
nicht.
Hans-Georg Sehrt
Sammlung Heiner Vogel. Die Bibliothek des Stadtgeschichtlichen Museums zu
Leipzig – den ansässigen Bibliophilen eigentlich bestens bekannt – kann immer
wieder mit Schätzen überraschen, und daher füllte auch am 6. März 2012 ein
zahlreiches und erwartungsfrohes Publikum den Lesesaal der Bibliothek bis an
seine Kapazitätsgrenze. Was aber Doris Mundus, stellvertretende Direktorin des
Hauses, und Marko Kuhn, Leiter der Bibliothek, für diesen Abend in reicher Fülle
ausgewählt hatten, löste Begeisterung und Entzücken aus, obwohl es sich ›nur‹ um
eine Auswahl aus einer erst kürzlich erworbenen Spezialsammlung handelte. Zu
intensiver Betrachtung und Kommentierung waren zahlreiche Stücke aus der
Sammlung Heiner Vogel (Leipzig-Mölkau) ausgelegt, deren Rang durch Ausstellungen
und Kataloge, Nachdrucke und Publikationen mit dem Charakter von
Referenzliteratur mehrfach belegt ist. Heiner Vogel, langjähriges Mitglied der
Pirckheimer-Gesellschaft, der im Juli den 87. Geburtstag begeht, vereint in
seiner Person als Holzstecher, Illustrator, Sammler, Ausstellungsmacher und
Autor den bilderschöpfenden Beruf mit der bilder-und objektesammelnden Berufung.
Ins Zentrum seiner jahrzehntelangen Sammeltätigkeit hat Heiner Vogel die Welt
des Kindes gestellt: In dem knapp eineinhalbtausend Objekte zählenden Bestand
finden sich Kinder- und Bilderbücher, Bilderbogen und Guckkastenbilder,
Papiertheater, Marionetten, Zinnfiguren, Spielzeug und Spiele jeglicher Art,
Spiel- und Lehrmittel, mechanische Spielzeuge und bewegliche Bilderbücher sowie
auch Objekte aus den Grenzbereichen zu Optik, Fotografie und Kinematographie, so
die sogenannten Wundertrommeln, die Stereoskope aus der Frühzeit der Fotografie
oder die beweglichen Glasbilder der Laterna magica.
An diesem Märzabend lag der Schwerpunkt auf den papierenen Objekten, Büchern und
Bilderbogen, die hier freilich nicht im einzelnen beschrieben werden können.
Interessant und signifikant scheint aber zu sein, daß sich unter den Urhebern
des mehrere Jahrhunderte überspannenden Sammlungsgutes neben anonymen Verfassern
oder bislang unaufgelösten Pseudonymen nicht wenige prominente Autoren befinden,
erwähnt seien Clemens Brentano, Chamisso, auch der heute eher vergessene und von
Arno Schmidt geschätzte Friedrich Wilhelm Hackländer. Als besonders
eindrucksvoll sei das Lese- und Aufstellbüchlein Bunte Scenerien aus dem
Menschenleben. Ein Bilderbuch ganz neuer Art zum Nutzen und Vergnügen der Jugend
von Leopold Chimani (Wien 1835) genannt, eines für die Entwicklung des Kinder-
und Jugendbuches in Österreich besonders wichtigen Autors. Wie sorgfältig und
intensiv Heiner Vogel seine Sammlung aufbereitet hat, zeigen die vielen mit
Bleistift eingetragenen biographischen und bibliographischen Nachweise, Notizen
über Standorte und Auktionsergebnisse. – Die versammelten Mitglieder und Freunde
des Leipziger Bibliophilen-Abends konnten kaum ein Ende finden beim Betrachten
und Durchblättern der Vogelschen Schätze, die sonst höchstens durch das
Vitrinenglas zu beschauen sind. Ein Dankeschön an die Referentin Doris Mundus
und den bibliothekarischen Schatzhüter an ihrer Seite und einen respektvollen
Gruß dem Sammler nach Mölkau!
Eberhard Patzig
Zeichen – Bücher – Netze. Von der Keilschrift zum Binärcode. Dies ist der
Titel der neuen Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums, die am
13. März 2012, am Vorabend der Buchmesse und im Rahmen der Feierlichkeiten zum
100. Gründungsjubiläum der Deutschen Nationalbibliothek, eröffnet wurde. Einen
intensiveren Einblick in die Exposition, die eine kurze Mediengeschichte der
Menschheit darstellen will, konnten die Leipziger Bibliophilen am 3. April 2012
gewinnen: Jenseits des Eröffnungstrubels erläuterte Hannelore Schneiderheinze,
die maßgeblich an der Ausstellungskonzeption beteiligt war, den Aufbau der Schau
entlang der drei bedeutenden Medieninnovationen Schrift, Buchdruck mit
beweglichen Lettern und digitale Netzwelten. In der knapp 1000 qm großen Halle
im kürzlich fertiggestellten vierten Erweiterungsbau der Deutschen
Nationalbibliothek erzählen zirka 1000 Objekte, von Knotenschnur und Kerbholz
über Bücher, Flugblätter und Druckwerkzeugen, von der Frühgeschichte
schriftlicher Kommunikation bis zur digitalen Gegenwart. – In fünf großen
Vitrinenkörpern in ›Bumerang-Form‹, die die Gestalter der Ausstellung vor
subtile Probleme stellten, werden thematische Zusammenhänge dargestellt wie
Zeichen und Schriften, Handschriftenkultur, Buchdruck, Lesen, Zensur,
Industrialisierung, Ästhetik des Buches, Massenmedien und virtuelle
Bibliotheken. In die thematischen Komplexe wird durch kurze erläuternde Texte
eingeführt. Die überlegt und attraktiv präsentierten Schaustücke sind durch
präzise, gut lesbare Legenden erschlossen. Auswahl der Objekte und
Schwerpunktsetzung sind freilich immer diskussionswürdig, und so ist der
Besucher besonders neugierig auf weitere erläuternde Dokumentationen sowie
Ergänzungen und Vertiefungen der Ausstellungsinhalte in Text, Bild und Ton, die
in einer zweiten Ausbaustufe der Ausstellung derzeit vorbereitet werden und
später auch im Internet abrufbar sein sollen.
H. K.
Die Maximilian-Gesellschaft in Leipzig. Die Maximilian-Gesellschaft
führte ihre Jahrestagung 2012 vom 19. bis 21. April in Leipzig durch, und den
Teilnehmern wurde ein reichhaltiges und interessantes Programm geboten,
beginnend mit der Eröffnung der Ausstellung Eine Buchstadt entsteht. Leipzigs
Buchwesen um 1500 in der Universitätsbibliothek, in der am Folgetag auch die
ordentliche Mitgliederversammlung stattfand. Einblicke in die Sammlungen der
Bibliotheca Albertina gaben deren Direktor, zugleich stellvertretender
Vorsitzender der Maximilian-Gesellschaft, Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider,
sowie Prof. Dr. Thomas Fuchs, Leiter der Sondersammlungen, und dessen
Stellvertreter Dr. Christoph Mackert. – Nicht fehlen durfte freilich auch eine
Führung durch den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek und die
neugestaltete Dauerausstellung Zeichen Bücher Netze. Von der Keilschrift zum
Binärcode des Deutschen Buch- und Schriftmuseums, die die Direktorin des
Museums, Dr. Stephanie Jacobs, mit sichtlichem Stolz präsentieren konnte. Einen
Einblick in die Ausbildung und die Werkstätten des Fachbereichs Buchkunst der
Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale vermittelte die Führung durch
Prof. Sabine Golde unter dem Titel Wie entsteht ein Künstlerbuch?. – Der
Leipziger Bibliophilen-Abend, dessen Mitglieder eine freundliche Einladung zum
geselligen Teil der Tagung erhalten hatten, zeigte in der Universitätsbibliothek
eine kleine Ausstellung einiger seiner bibliophilen Drucke, und beim gemeinsamen
Abendessen in Auerbachs Keller wurden die Teilnehmer der Tagung ›wie in alten
Zeiten‹ mit einer Gabe erfreut, einem satirischen Text von Jean Paul, gestaltet
und gesetzt von Sabine Golde und geschmückt mit einer Originallithographie von
Rolf Münzner.
H. K.
Lesegesellschaften. Die Pirckheimer der Region Rhein-Main-Neckar ließen
sich von dem Pirckheimer-Freund Hans-Joachim Prenzel, Frankfurt/M., über die
geschichtliche Entwicklung der im 17. Jahrhundert aufgekommenen
Lesegesellschaften informieren. Die ersten Lesegesellschaften entstanden in der
städtischen Bürgerschicht, bestehend aus dem Bildungsbürgertum und den niederen
(Dienst-)Adel. Das Streben nach höherer Bildung war gewachsen, Bücher waren aber
noch relativ teuer. Die ersten Zeitungen entstanden. Nun riefen Privatleute
(Laien, keine Geistlichen) Einrichtungen extensiven Lesekonsums ins Leben. Man
traf sich zur gemeinsamen Lektüre von Zeitungen und „Bildungsromanen“. Zunächst
wurden diese vorgelesen. Später wurden Bücher angeschafft, die von Hand zu Hand
zur selbständigen Lektüre weitergereicht wurden. Aus Kostengründen, aber auch
zur Abgrenzung gegenüber niedrigeren Ständen, bestanden die Vereinigungen auf
festen Mitgliedschaften. Die Lesegesellschaften verbreiteten sich in den Städten
rasch und wurden ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens. Auf dem Land gab
es solche Institutionen nur sehr vereinzelt.
Einen Höhepunkt erreichte die Entwicklung und Verbreitung der Lesegesellschaften
im Zusammenhang mit der französischen Revolution. So gab es im ersten Viertel
des 19. Jahrhunderts etwa 500 Gesellschaften. Jetzt entstanden allerdings auch
Leih- und städtische Bibliotheken, um den freiheitlichen Lesehunger zu stillen.
Aus den Lesegesellschaften entwickelten sich wissenschaftliche Gesellschaften,
wie die Naturhistorische Gesellschaft in Hannover. Die Auswahl der Lektüre war
einem Gremium übertragen, das hauptsächlich Periodika politischen und
wissenschaftlichen Inhalts bestellte. Einige Lesegesellschaften wandelten sich
in politische Klubs. Ähnliche Funktionen übernahmen die im 19. Jahrhundert
aufkommenden Arbeiter-Bildungsvereine. Einige wenige bürgerliche Bildungsvereine
überlebten bis heute, so die Bonner Lesegesellschaft und die Teutsche
Lesegesellschaft in Gießen. Andere benannten sich um wie die Freiburger
Museumsgesellschaft.
FP
Jubelrufe im Norden bei Vollmond. Die Veranstaltungen VollmOnd – Gute
Geschichten zur guten Nacht stellen bereits ein Markenzeichen für literarische
Veranstaltungen in Neustrelitz dar. Sie sind eine Lesereihe des
Hans-Fallada-Klubs in Kooperation mit dem Landestheater und dem Hotel
Schloßgarten. Bekannte Autoren und Schauspieler lesen aus ihren Werken und
Lieblingsbüchern. Die erste Lesung im 15. Jahr der VollmOnd-Reihe bestritten die
Mitglieder der Pirckheimer-Gesellschaft Erhard Kunkel und Joachim Studier mit
ihren Beiträgen aus dem Almanach Neue Jubelrufe aus Bücherstapeln. Der Abend
stand unter dem Motto Jubel-rufe aus Bücherstapeln – Sammler-Episoden. Susanne
Schulz, Kulturredakteurin des Nordkuriers und Mitglied der Jury für den
Uwe-Johnson-Preis, eröffnete charmant die Lesung und stellte Jutta Kunkel sowie
die beiden Autoren der Beiträge vor. Anschließend entwarf Joachim Studier, der
lange Zeit als Dokumentalist in einem Elektro-Anlagenbau-Betrieb und als
Pressereferent des Landkreises Mecklenburg-Strelitz tätig war, ein kleines
Abbild der Pirckheimer-Gesellschaft und präsentierte den neuen Almanach. Er las
seinen Beitrag Leben mit Büchern in der Provinz, in dem er anhand von
Widmungsexemplaren über seine Begegnungen mit Autoren, Graphikern und Verlegern
berichtete, zu denen unter anderen Brigitte Reimann, Lisa Jobst, Horst Hussel,
Elmar Faber und Wolfram Benda zählten. Auch erzählt er darin über Lesungen, die
er in vielen Jahren im Strelitzer Land organisierte.
Jutta Kunkel las die Episoden aus Widmungen erzählen ihre Geschichten von Erhard
Kunkel, der früher Regisseur, unter anderem an den Theatern in Schwerin,
Neustrelitz und Greifswald, war. Er beschreibt, wie er durch seinen Beruf und
auch persönlich mit Schriftstellern und Graphikern in Berührung kam. In einer
ganzen Reihe von Künstlern sind besonders Eva Strittmatter, Tschingis Aitmatow,
Werner Klemke und Fritz Cremer zu nennen. Da Jutta Kunkel sich als eine gute
Vorleserin in einer Reihe von Veranstaltungen ausgewiesen hatte und das Publikum
nach einer Zugabe verlangte, las sie angemessen für den Klub noch die Episode
Weihnachtsgeschenk 1938 mit Widmung von Hans Fallada, verfaßt von Peter Labuhn.
Erhard Kunkel, ein Mensch voller Geschichten, erzählte noch einige Anekdoten
über seine bibliophilen Erlehnisse. Dazu führte er das legendäre Skizzenbuch von
Wolfgang Böttcher vor. Der Theaterzeichner hatte in den zwanziger Jahren viele
Persönlichkeiten der Berliner Kulturszene porträtiert und sich die jeweiligen
Zeichnungen von diesen signieren lassen. Darunter waren Bildnisse von Heinrich
Mann, Albert Einstein und Bertolt Brecht aus dem Jahre 1928. Besonders wegen
Brecht interessierte sich Kunkel sehr für das Buch. Da es jedoch keiner bisher
gesehen hatte, gab es Zweifel an seiner Existenz. Böttcher schenkte das
Skizzenbuch kurz vor seinem Tode Kunkel anläßlich von dessen Uraufführung von
Charlys Tante nach Brecht. So kam Kunkel zu einem ersehnten Brecht-Autogramm.
Besucher bedauerten, daß das Buch nicht aufgelegt worden ist.
Auf Fragen von Interessierten machte Joachim Studier Ausführungen zur Geschichte
des Verlages Faber & Faber, zu den Editionen des Verlages und insbesondere zu
den Buchkuriositäten. Besucher hatten sogar Exemplare dieser Besonderheiten
mitgebracht. Die zahlreich erschienenen und aufmerksam lauschenden Besucher
spendeten zum Schluß viel Applaus. Langsam ging der Abend mit Gesprächen und
Gläsern guten Weins in die Vollmond-Nacht über.
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