Redaktionsschluss 15. April 2012

Wir gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 60. Geburtstag: Sigrid Jahnke (Wismar) am 5. 7., Jürgen Noffz (Oldenburg) am 8. 7., Bernd-Ingo Friedrich (Weißwasser) am 21. 7., Christian Klünder (Berlin) am 9. 8. Zum 65. Geburtstag: Karl-Heinz Kles (Hannover) am 5. 7., Dr. Angela Graf (Hamburg) am 11. 7., Wolfgang Neubert (Thalheim) am 13. 7., Ernst Joachim Bauer (Ulm) am 16. 8., Horst Hoffmann (Uelzen) am 26. 8., Eduard R. Fueter (Au, Schweiz) am 21. 9., Günter Lichtenstein (Göpfersdorf) am 28. 9. Zum 70. Geburtstag: Dr. Hartmut Beßerdich (Berlin) am 2. 8., Dr. Hans-Georg Sehrt (Halle/S) am 29. 8., Zum 75. Geburtstag: Dr. Manfred Zielinski (Berlin) am 12. 8., Dr. Lothar Sommer (Berlin) am 5. 9., Manfred Lindenberg (Grünheide/Mark) am 30. 9. Zum 80. Geburtstag: Sigrid Oppermann (Berlin) am 18. 9., Zum 81. Geburtstag: Wilfried Vorbrodt (Quedlinburg) am 6. 7., Erika Schulz (Herrnhut) am 11. 8. Zum 82. Geburtstag: Udo Mammen (Halberstadt) am 24. 7. Zum 83. Geburtstag: Prof. Dr. Diether Gussek (Halle/S) am 17. 8., Ingeborg Eckert (Berlin) am 3. 9. Zum 84. Geburtstag: Otto Gransitzki (Schönwalde) am 5. 8., Emil Georg Schrade (Aachen) am 16. 9. Zum 85. Geburtstag: Ruth Steinbauer (Osterburken) am 21. 9.

Neue Mitglieder: Moritz Mechtel, Student, Cottbus. Gregor Nitzsche, Musiker, Wilkau-Haßlau. Jessika Uppmeier, Mainz. Pay Matthis Karstens, Student, Berlin.

Einladung zur Mitgliederversammlung 2012. Die diesjährige Mitgliederversammlung findet am 7. September 2012 um 18.00 Uhr im »Donauhotel«, Münchner Straße 10, 85051 Ingolstadt, statt. Der Vorstand lädt dazu alle Mitglieder herzlich ein. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden. 2. Kassenbericht des Schatzmeisters. 3. Bericht der Revisionskommission. 4. Aussprache über die Berichte. 5. Entlastung des Vorstandes. 6. Neuwahl des Vorstandes. 7. Verschiedenes.

Heinrich von Kleist und die Schweiz. Am 26. Januar, im Nachklang des Kleist-Jahres 2011, war Dr. Wolfgang de Bruyn, Direktor des Kleist-Museums in Frankfurt/Oder, zu Gast bei den Berlin-Brandenburger Pirckheimern und sprach auf eigenen Wunsch zu Kleists Schweizer Erfahrungen und Prägungen. Ein kurzer Rückblick führte zunächst Höhepunkte des vergangenen Kleist-Jahres vor Augen: den ersten Spatenstich für den Erweiterungsbau des Museums in Frankfurt/O. am 4. März 2011, die erfolgreiche kulturhistorische Doppelausstellung Kleist: Krise und Experiment in Berlin und Frankfurt/O., den Schlußakt am Grab Heinrich von Kleists und Henriette Vogels am Kleinen Wannsee. Doch de Bruyn würdigte auch, wenngleich aus Zeitgründen im Schnelldurchlauf, die vielfältigen Kleistveranstaltungen (Vorträge, Lesungen, Ausstellungen, Publikationen, Theateraufführungen) im ganzen Land und über die Grenzen hinaus, in Rom, in Brüssel, in Minsk … und betonte nicht nur nebenbei die hilfreiche Unterstützung der Museumsarbeit durch die Kleist-Gesellschaft, in deren Vorstand er selbst auch vertreten ist.
Krise und Experiment – diese Lebenssituation führte den 24jährigen Kleist auch in die Schweiz. Seit seiner Kindheit ein Getriebener: untauglich zum vorbestimmten Militärdienst, unentschlossen und untauglich für die Beamtenlaufbahn, rastlos unterwegs auf Reisen, ständig in Geldnot, von der Familie beargwöhnt, erfüllt von der Sehnsucht, einen Lebensort für sich zu finden, endlich Erfolg zu haben, übermächtig der Drang, den „Lorbeerkränzen“ der Kleists einen weiteren hinzuzufügen. Doch immer wieder befallen von leidvollem Zweifel an allen Bemühungen, oft Gedanken ans Sterben hegend. Hier in der Schweiz hofft er nach schweren seelischen und körperlichen Erschütterungen Ruhe und Heimat zu finden. Er will ein Bauerngut erwerben und im „eigentlichsten Verstande ein Bauer“ werden. Auch dieser Plan scheitert, die Verbindung zur Verlobten zerbricht. Aber in Bern lernt er Ludwig Wieland und Heinrich Geßner kennen und trifft auch Heinrich Zschokke wieder, den er schon aus Frankfurt/O. kennt. Die Freunde befördern seinen Drang zur Dichtung. Die ersten Dramen entstehen. Kleist lebt inzwischen in Thun, in der Idylle einer Aare-Insel, dem Oberen Inseli. Seine Situation schildert er euphorisch wie fragwürdig in einem Brief vom 1. Mai 1802 an Ulrike, die geliebte Halbschwester, schwärmt von einem „Häuschen an der Spitze“, in dem er „ganz allein“, aber umsorgt von einem Fischer-Mädeli, lebe und heiter und von den Freunden umschmeichelt sei. Doch der heimatliche Erwartungsdruck quält auch hier. – Vieles in dem Brief könne nicht stimmen, so de Bruyn. Wollte Kleist imponieren? In Thun entsteht 1801 die bekannte Miniatur von Peter Friedel, das einzige Bildnis zur Lebenszeit, das die Berliner Staatsbibliothek bewahrt. Schon den Jahreswechsel 1802/03 verbringt Kleist in Weimar und Oßmannstedt auf Christoph Martin Wielands Gut. Im Sommer 1803 bricht er zu einer zweiten Schweizer Reise auf, nach Bern und Thun und von dort erneut nach Paris.
Das Häuschen auf der Aare-Insel existiert nicht mehr, wohl erst 1882 wurde dieser Kleist-Wohnort wiederentdeckt. Das Inseli ist heute in Privatbesitz, aber eine Tafel erinnert an den besonderen Ort. Immerhin wurde Kleist in seiner Schweizer Zeit recht eigentlich zum Dichter, vollendete seinen Erstling Die Familie Schroffenstein, entwarf erste Skizzen für das Lustspiel Der zerbrochene Krug, verwarf Robert Guiskard. Kurz, Kleist fand seinen „Lebensort“, die Dichtung, hier in der Schweiz.
So ist folgerichtig die Ausstellung Heinrich von Kleist und die Schweiz ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Thun, des Museums Strauhof, Zürich, und des Kleist-Museums Frankfurt/O. Sie wird vom 25. Februar bis 25. November 2012 in Frankfurt/O. zu sehen sein. Und die Zusammenarbeit werde fortgeführt, so Wolfgang de Bruyn, der seine lebendigen Ausführungen mit den trefflichen Worten begonnen hatte: „Heinrich von Kleist ist nach Goethe und Schiller der bekannteste deutsche Dichter“ und nach und neben Fontane „der bedeutendste Dichter Preußens.“
U. L.

Erinnerung an Georg Heym. Erfreulich viele Interessenten hatten sich am 16. Februar im Kleinen Säulensaal der Zentral-und Landesbibliothek eingefunden, um Gunnar Decker zuzuhören, der sein jüngst erschienenes Buch Georg Heym. „Ich, ein zerrissenes Meer“ (vbb) den Berlin-Brandenburger Pirckheimern vorstellte. Georg Heym, „ein Komet am Avantgarde-Himmel Berlins“, im Kreise der Versammelten gewiß nicht erst anläßlich seines 100. Todestages am 16. Januar 2012 zufällig wieder in Erinnerung geraten, sei natürlich dennoch von der grassierenden „Gedächtnislosigkeit“ heutzutage betroffen, so Gunnar Decker gleich zu Beginn. Es gelte, ab und an „einen Spalt“, „eine Lücke“ zu finden, um dagegenzuhalten. Und er hielt dagegen. Sein Vortrag, eine fein gewobene Collage aus Buchtext, knappen Kommentierungen, Heym-Träumen und -Bekenntnissen, Gedichten und Zeitzeugnissen, die wesentliche Lebenslinie dabei immer im Blick – das erregende Lebensbild eines „Zerrissenen“, eines jugendlichen Rebellen im „Gefühl des Allbezwingers“, eines genialen Dichters, entfaltete spürbare Wirkung.
Aus seinem wohlkomponierten biographischen Essay las Decker Passagen der Kapitel Sachlicher Bericht vom Tod eines Dichters, Der Prophet auf dem Grund des steinernen Meeres („ein Leben unter Eis“), Das Kind des Todes. Der Dichter („Ohne den Tod gäbe es den Dichter Georg Heym nicht“), Rückschau auf künftige Katastrophen („Arsch-Scheiß-Lause-Sau-Juristerei, es ist zum Kotzen“), Gefangen in der Lumpenstadt Neuruppin („… so viele Träume, nicht einer geht in Erfüllung“). Heym, vom Staatsanwalt-Vater aus Berlin nach Neuruppin verbannt, litt an dieser provinziellen Existenz, diesem ereignislosen Leben. So finden denn die „Ereignisse in seinen Texten statt“: Krieg, Zerstörung, Tod und Verwesung, Gefährdung, doch auch Sehnsucht nach Liebe und Verständnis. Georg Heym erlebte noch das Erscheinen seines ersten Lyrikbandes Der ewige Tag bei Rowohlt im April 1911, letztendlich voller Freude … Seine Lesung beschloß Decker mit der vergnüglichen Passage über den verwegen-anmaßenden Briefwechsel des Dichters mit seinem großherzigen Verleger Ernst Rowohlt, der wohl wußte, wer da außer sich geriet.
Das abschließende Gespräch fragte nach Heyms Prosa, nach dem speziellen Interesse des Autors an Heym und den Expressionisten heute, nach Georg Heyms Rang neben Trakl, Benn und Kafka, nach der Rezeption Heyms in den 1960er und 1970er Jahren in der DDR und in der Bundesrepublik. Am Ende stand im Mittelpunkt des Abends weniger Gunnar Deckers sehr empfehlenswertes Buch als viel mehr der Dichter Georg Heym. Dessen Texte seien von gravierender essentieller Aktualität: Sein „Schrei“ hallt fort, doch auch „ein altes Königslied“. – Mit herzlichem Applaus und einer von Prof. Dieter Goltzsche gestifteten Radierung wurde dem Referenten gedankt.
U. L.

Ein politischer Buchclub in Großbritannien. Am 22. März 2012 stellte der in Berlin nicht mehr unbekannte Historiker André Welters aus Köln den Berlin-Brandenburger Pirckheimern und nicht wenigen Gästen im Kleinen Säulensaal der Zentral- und Landesbibliothek sein spezielles Sammelgebiet vor: Der Left Book Club, ein politischer Buchclub im Großbritannien der 1930er und 1940er Jahre.
In den beiden Jahrzehnten zwischen den Weltkriegen basierte die britische Verlagstätigkeit zunächst auf dem gut gemachten, aber teuren, gebundenen Buch. Da nur wenig Bücher privat gekauft wurden, waren die Auflagen niedrig und die Herstellungskosten hoch. Der Verleger Ernest Benn versuchte als erster, mit einer billigen Buchreihe diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Seine Benn's Six Penny Library scheiterte aber bald aus verschiedenen Gründen. Der bei ihm beschäftigte junge Victor Gollancz, studierter Altphilologe und Internatslehrer jüdisch-orthodoxer Herkunft, löste sich nach sechs Jahren erfolgreicher Tätigkeit von Benn und gründete 1927 einen eigenen Verlag. Seine einheitlich gestalteten, einfachen schwarzen Leinenbände mit ihren knallgelben Schutzumschlägen erreichten auch durch seine zusätzliche aggressive Werbung erstaunliche Auflagen. Gollancz wollte aber über die Belletristik hinaus mit Büchern zu aktuellen politischen Themen und gesellschaftlichen Problemen überhaupt breitere Leserschichten erreichen. Um die reservierte Haltung der Buchhändler zu umgehen, kam er auf den Gedanken, einen Buchclub zu gründen. Im Frühjahr 1936 bildete er mit den marxistischen Gesellschaftstheoretikern Harold Laski und John Strachey ein Auswahlkomitee und begründete mit ihnen den Left Book Club (LBC), dessen erster Titel, Maurice Thorez, France today and the People's front, bereits im Mai 1936 erschien. Man hoffte, etwa 5000 Mitglieder für den Club gewinnen zu können, nach einem Monat waren es aber schon 9000 und nach einem Jahr 40 000 Mitglieder. (Der Höhepunkt war 1939 mit 57 000!) Durch diese hohen Zahlen war eine sehr günstige Preisgestaltung der Bücher möglich, bei einer gestaffelten Mitgliedschaft (A, B oder C) zahlte man 2 ½ bis 3 ½ Shilling pro Band. Die gleichen Titel kamen im Original-Gollancz-Verlag für Nichtmitglieder wesentlich teurer heraus. Auch der Vertrieb der LBC-Bücher erfolgte über den örtlichen Buchhandel an die Mitglieder. Ein Journal Left News (mit 32-48 Seiten) konnten auch Nichtmitglieder beziehen. In 1200 „Local Groups“ entfalteten die Mitglieder landesweit ein breites kulturelles Leben; der LBC wurde eine politische Bewegung, ohne eine politische Partei zu sein. Die jährlichen Versammlungen in London füllten die Albert Hall, dann zusätzlich die Queen's Hall und 1939 schließlich gar die riesige Empress Hall, wo unter anderem Harry Pollitt und Lloyd George auftraten.
André Welters kam nun zu den Büchern des LBC selbst. Er gab zwei Exemplare der beiden Buchtypen, Paperback und Hardcover, herum mit der Bemerkung, wer diese beiden Bücher gesehen habe, der habe alle gesehen. Sehr bibliophil war dieser Club also nicht. In den ersten Jahren lassen sich vier thematische Schwerpunkte des Programms ausmachen: die Armut in Großbritannien, internationale Politik, die UdSSR und der Bürgerkrieg in Spanien. Zum ersten Thema gehört das noch heute aufgelegte Road to Wigan Pier von George Orwell, welches wegen inhaltlicher Differenzen zwischen Gollancz und Orwell dessen einziger Titel beim LBC blieb. Für die internationale Politik mögen die Aufzeichnungen World Politics, 1918-1936 von R. Palme Dutt stehen und für die Sowjetunion-Literatur als einer von 15 Titeln Soviet Communism: A New Civilisation (1200 Seiten für 5 Shilling, 10 000 mal verkauft). Zum Spanienkrieg erschienen acht Bücher, von denen Arthur Koestlers Spanish Testament berühmt wurde. In einer speziellen Reihe Topical Books wurde auch Lion Feuchwangers Moscow 1937 herausgebracht. Der Hitler-Stalin-Pakt und der Kriegsausbruch 1939 führten zu massenhaften Austritten der Mitglieder, zu Beschränkungen und Papierknappheit, so daß im Oktober 1943 das letzte der 257 Bücher erschien. Der enge Mitarbeiter von Gollancz, John Lewis, veröffentlichte 1970 eine Monographie über den LBC mit vollständiger Bibliographie. Ohne die politische Bildungsarbeit des LBC hätte es den überwältigenden Labour-Sieg 1945 so nicht gegeben. – Die vielen sich an den Vortrag anschließenden Fragen der Pirckheimer konnten dem Referenten die Gewißheit geben, nicht vor tauben Ohren gepredigt zu haben.
Konrad Hawlitzki

Neues in halleschen Sammlungen ... Echte Buch- und Graphikfreunde hält auch die extremste Witterung nicht davon ab, ihre neuesten „Fänge“ in vertrauter und froher Runde vorzustellen. So zu erleben bei den halleschen Pirckheimern und ihren Freunden bei etwa minus 14 Grad Celsius Außentemperatur (!) am 31. Januar 2012. Die mitgebrachten Schätze wurden nicht nur gezeigt und zum eigenen Blättern in der großen Runde herumgegeben, doch die eigentliche Würze des Abends waren wieder die kleinen Geschichten, die mit der Erwerbung zusammenhängen, die Beschreibung des Stellenwerts in der eigenen Sammlung und des Besonderen des jeweiligen Objekts. Die Spanne der vorgeführten Raritäten reichte vom Versuch einer Monografie der Kartoffeln von Dr. C. W. E. Putsche, Weimar 1819 (Reprint Weimar 2006) – vorgestellt von einem Landwirtschaftsprofessor, dessen einstiger Doktorand den Reprint betrieben hat – bis zu Flohmarkt-Entdeckungen wie einen mit zahlreichen feinen Stahlstichen versehenen Band von Meyers Universum (1841).
Im Nachtrag zu einem von ihm gehaltenen Pirckheimer-Vortrag stellte ein Teilnehmer einen sehr informativen Sammelband von Bernd Küster zu dem viel zu wenig bekannten Maler und Illustrator Otto Ubbelohde (Worpsweder Verlag 1997) vor. Einem sehr reizvollen Feld, der Verbindung von Kunst und Psychiatrie, widmet sich der Band Psychiatrische Themen in Malerei und Graphik von Rudolf Lemke, der nach Lemkes Tod von seinem Schüler und Kollegen Helmut Renner (Gustav Fischer Verlag 1959) herausgegeben wurde. Der dieses Buch Vorstellende hatte selbst während seiner Studienzeit bei Lemke gehört, und Renner war in Halle sein Kollege.
Das Thema Halle kam gleichfalls nicht zu kurz, so mit dem Führer durch Halle und Umgebung von 1894 und 1909 (Verlag Gebauer und Schwetschke Halle) und einem sehr reizvollen zwölfteiligen Fotoleporello mit halleschen Sehenswürdigkeiten (Verlag Zedler & Vogel, Darmstadt 1902). Den Stadtführer des Halleschen Verkehrsvereins erhielten seinerzeit alle neu Zugezogenen als Willkommensgeschenk und zugleich Werbung, deshalb erschien er bereits von 1905 bis 1915 in insgesamt 11 Auflagen. Der weitgehend unbekannte Maler und Graphiker Erich Will, von dem der Band Tischlein deck Dich! (Verlag Erich Zender Berlin, um 1940) vorgestellt wurde, wählte sein Pseudonym nach dem Namen seiner Heimatstadt: Will Halle. Kein geringerer als Heinz Rühmann schrieb das Vorwort zu dieser Karikaturensammlung. Will Halle ging später nach Berlin und starb dort wohl in den 1960er Jahren. Ein anderer Pirckheimer-Freund hatte passend dazu ein von Will Halle illustriertes Kinderbuch, Die Geschenke des alten Tobias von Otto Bernhard Wendler (Mitteldeutsche Verlags-Gesellschaft, Halle/S. 1948), mitgebracht.
Eine schöne Entdeckung war für viele auch der Zeichner Jules Pascin, von dem neben einem Karikaturenband (herausgegeben im Eulenspiegel-Verlag von Lothar Lang) das nicht ganz jugendfreie erotische Skizzenbuch Ein Sommer die Runde machte. Max Schwimmer muß ihn sehr geschätzt haben und steht ihm in gewisser Weise in der Leichtigkeit des zeichnerischen Gestus nahe. Das zeigte auch ein Vergleich von Pascins Zeichnungen zu Heine, Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewobski (Paul Cassirer, Berlin 1920) mit Schwimmers Graphische(n) Etüden (Verlag der Nation, Berlin 1965, Geleitwort von Lothar Lang). Hierzu paßte auch die kleine, in der legendären halleschen Galerie Henning Anfang der 1950er Jahre erschienene Mappe Die Odaliske von Voltaire mit sinnlichen Zeichnungen von der Schwimmer-Schülerin Elfriede Weidenhaus.
Auch die Fotografie kam zu ihrem Recht: Vorgestellt wurde der umfängliche, gut gedruckte und die DDR-Wirklichkeit erstaunlich umfassend reflektierende Band von Manfred Bayer Alltag in der DDR – so haben wir gelebt. Das Buch greift auf den im Bundesarchiv Koblenz verwalteten Nachlaß des DDR-Fotografen mit zirka 60 000 Negativen und Dias zurück. In die gleiche Richtung zielt der anläßlich des 75. Geburtstages des Autors erschienene Fotoband von Jochen Ehmke mit Schwarzweißfotografien Knochenjob und Datschenglück. Fotografien 1970-95 (Mitteldeutscher Verlag, Halle/S. 2011). Der Fotograf hat die mitteldeutsche Landschaft und die hier lebenden Menschen über diese 25 Jahre begleitet: Arbeitswelt, Freizeit, Ausreise aus der DDR, schwieriger Start in eine andere Zeit usw.
Großes Interesse fand auch der ebenfalls der Region verbundene, leider nur über den Herausgeber erhältliche sehr komplexe Sammelband (360 S.) zu Archäologie, Natur, Geschichte und Kunst Au(g)enblicke. Streifzüge durch die Elster-Luppe- und Saale-Elster-Aue (Arbeitskreis Döllnitz e.V., Halle 2012). Er enthält 30 Beiträge von 28 Autoren (darunter zwei Beiträge von Hans-Georg Sehrt zu dem an der halleschen Burg Giebichenstein ausgebildeten über 80jährigen Maler Hans Rothe und zu dem in Leipzig geborenen Carl Gustav Carus) und eine Vielzahl farbiger und schwarzweißer Abbildungen.
Eher ungewöhnlich für ein Bibliophilentreffen mag auf den ersten Blick ein kleiner Silberbecher aus dem Jahr 1925 gewesen sein. Es handelte sich hier um den 2. Preis für einen Blumenkorso auf der Saale: Die Abbildung des 1. Preises – der gleiche Silberbecher, nur etwas größer – fand der Besitzer in einem Fotoband mit den Silberbechern des berühmten Silberschatzes der Halloren. Dazu wurde die Kopie eines Zeitungsartikels zum Thema von 1925 gezeigt. Also im weitesten Sinne doch passend zur Bibliophilie ... Einen heiteren Schlußpunkt des viel zu schnell vergangenen Abend setzte der Band Kitsch – Balsam für Herz und Seele (Belser Verlag, Stuttgart 2007), der sich durch herrliche Abbildungen, gute Texte und einen an textiles Goldbrokat erinnernden Einband auszeichnet. Auf der Buchrückseite ist zu lesen: „In jedem von uns steckt ein Tropfen Kitsch, weil Kitsch der kürzeste Weg zur Versöhnung mit den Lebensumständen ist.“
Hans-Georg Sehrt

Schöne Bücher natürlich auch aus Halle ... Die halleschen Pirckheimer hatten sich im März die Buchkünstlerin Anna Helm eingeladen. Um es gleich vorweg zu sagen: Es war ein wunderbarer Abend, der nicht allgemein um das Thema Buchkunst ging und trotzdem das Allgemeine am Einzelnen bewußt machte. Anna Helm, Jahrgang 1972, lernte ein Jahr an der Otto-Dorfner-Werkstatt in Weimar, studierte dann an der halleschen Burg Giebichenstein im Fachgebiet Buch und Einband und absolvierte zusätzlich ein Gaststudium am Roehampton College London im Studiengang Bookbindung and Calligraphy. Ein besonderes Erlebnis war es für sie, daß sie wie alle Studierenden ihrer Fachrichtung einen Paß besaß, mit dem sie jederzeit Zutritt zu der schwer zugänglichen Rara-Abteilung der British Library London hatte. Gerade die „Begegnung“ mit den vielen kostbaren Büchern war für die Bewertung der eigenen Tätigkeit und deren historische Einordnung bedeutsam. Die beiden für ihr Studium an der Burg Giebichenstein wichtigen Professorinnen waren Ingrid Schultheiß und Mechthild Lobisch. Im Jahr 2001 eröffnete Anna Helm in Halle ihr eigenes „Atelier für Buchkunst und Gestaltung“, und 2005 gründete sie die „Edition Helm“, mit der sie auch regelmäßig auf der Frankfurter Buchmesse mit einem eigenen Stand vertreten ist. In ganz unkomplizierter und offener Weise sprach Anna Helm über ihre Ansichten zur Buchkunst und schilderte ihr eigenes Vorgehen. Sie fertigt neben Unikatbüchern nur ganz kleine Auflagen von fünf oder sechs Exemplaren, ganz selten von 25 Exemplaren an. Den Unterschied zwischen Unikatbuch und Kleinauflage sieht sie vor allem so: „Beim Unikatbuch kann ich mir Seite nach Seite ausdenken, bei der Kleinauflage dagegen muß der Gesamtablauf klar und fertig sein.“ Neben den Künstlerbüchern führt sie auch Reparaturen aus, denn „es ist nicht leicht, allein von der Kunst zu leben.“ Die Beherrschung des Handwerks ist für sie Voraussetzung für ihre Kunst.
Anna Helm beschäftigt sich intensiv mit den von ihr ausgewählten Texten, ehe sie an die buchkünstlerische Umsetzung geht. An diesem Abend hatte sie zwölf recht unterschiedliche Bücher aus den letzten sechs Jahren mitgebracht. Ihr Spektrum reicht von Oswald von Wolkenstein über Rilke bis zu Klassikern der Nachkriegsmoderne wie Peter Handke, Ingeborg Bachmann und Ernst Jandl. Eine Vorliebe gilt der englischsprachigen Literatur. Da Anna Helm die englische Sprache so gut beherrscht, daß sie auch als Lektorin für Fachbücher tätig sein kann, enthalten ihre Bücher oft neben dem englischen Text ihre eigene Übersetzung ins Deutsche. Dylan Thomas, Walt Whitman, Virginia Woolf sind hier ihre Favoriten, auch Bob Dylan, der bekanntlich schon wegen seiner Songtexte im Gespräch für den Literatur-Nobelpreis war. Neben den Pressendrucken entstehen in Zusammenarbeit mit dem an der Burg Giebichenstein tätigen Maler und langjährigen Rektor Prof. Ulrich Klieber Malerbücher. Klieber malt schwungvoll und streut ab und an handschriftliche Textfetzen ein, während Helm nach eigenem Bekunden nur den Mantel schafft, ohne in das Innere einzugreifen.
Anna Helm arbeitet mit den unterschiedlichsten Papieren und Einbandmaterialien. Oft verleiht sie ihren Büchern spielerische Effekte, die ihren Charme erst beim näheren Betrachten und Durchblättern offenbaren. Für ein Buch über eine Reise nach Istanbul schuf sie etwa Ornamente, die an die in den Moscheen vorhandenen bunten Teppiche erinnern, auf denen sich Männlein und Weiblein – und sie als Tourist – bequem ausruhen. Manchmal verwendet sie mit Laser hergestellte Papierschnitte, die, über den Text gelegt, besondere Lichteffekte hervorrufen. Ihre Bücher liegen zumeist in ästhetisch abgestimmten Kassetten. Mitunter ist es ihr aber auch wichtig, daß das Licht über längere Zeit am Einband „seine Pflicht“ tut und die Einbandfarben partiell verblassen.
Die Preise, besonders natürlich der Unikat-Bücher, erschweren natürlich den Erwerb ihrer Bücher. Günstig ist immerhin der von ihr anläßlich der Frankfurter Buchmesse 2006 herausgegebene, von dem halleschen Graphikdesigner Lutz Grumbach gut gestaltete Informationsband Ulrich Klieber / Anna Helm. Edition Helm (15 Euro, ISBN 978-3-00-019527-3), der in Wort und Bild die von Ulrich Klieber in den Jahren 1999 bis 2006 gefertigten Malerbücher und die in der Edition Helm ab 2005 entstandenen gemeinsamen Künstlerbücher Klieber/Helm dokumentiert. – „Viele meiner Bücher sind extrem dünn“, lautete ein Bekenntnis Anna Helms, „ich will meine Leser nicht langweilen ...“ Das hat sie an diesem Abend nun wirklich nicht.
Hans-Georg Sehrt

Sammlung Heiner Vogel. Die Bibliothek des Stadtgeschichtlichen Museums zu Leipzig – den ansässigen Bibliophilen eigentlich bestens bekannt – kann immer wieder mit Schätzen überraschen, und daher füllte auch am 6. März 2012 ein zahlreiches und erwartungsfrohes Publikum den Lesesaal der Bibliothek bis an seine Kapazitätsgrenze. Was aber Doris Mundus, stellvertretende Direktorin des Hauses, und Marko Kuhn, Leiter der Bibliothek, für diesen Abend in reicher Fülle ausgewählt hatten, löste Begeisterung und Entzücken aus, obwohl es sich ›nur‹ um eine Auswahl aus einer erst kürzlich erworbenen Spezialsammlung handelte. Zu intensiver Betrachtung und Kommentierung waren zahlreiche Stücke aus der Sammlung Heiner Vogel (Leipzig-Mölkau) ausgelegt, deren Rang durch Ausstellungen und Kataloge, Nachdrucke und Publikationen mit dem Charakter von Referenzliteratur mehrfach belegt ist. Heiner Vogel, langjähriges Mitglied der Pirckheimer-Gesellschaft, der im Juli den 87. Geburtstag begeht, vereint in seiner Person als Holzstecher, Illustrator, Sammler, Ausstellungsmacher und Autor den bilderschöpfenden Beruf mit der bilder-und objektesammelnden Berufung.
Ins Zentrum seiner jahrzehntelangen Sammeltätigkeit hat Heiner Vogel die Welt des Kindes gestellt: In dem knapp eineinhalbtausend Objekte zählenden Bestand finden sich Kinder- und Bilderbücher, Bilderbogen und Guckkastenbilder, Papiertheater, Marionetten, Zinnfiguren, Spielzeug und Spiele jeglicher Art, Spiel- und Lehrmittel, mechanische Spielzeuge und bewegliche Bilderbücher sowie auch Objekte aus den Grenzbereichen zu Optik, Fotografie und Kinematographie, so die sogenannten Wundertrommeln, die Stereoskope aus der Frühzeit der Fotografie oder die beweglichen Glasbilder der Laterna magica.
An diesem Märzabend lag der Schwerpunkt auf den papierenen Objekten, Büchern und Bilderbogen, die hier freilich nicht im einzelnen beschrieben werden können. Interessant und signifikant scheint aber zu sein, daß sich unter den Urhebern des mehrere Jahrhunderte überspannenden Sammlungsgutes neben anonymen Verfassern oder bislang unaufgelösten Pseudonymen nicht wenige prominente Autoren befinden, erwähnt seien Clemens Brentano, Chamisso, auch der heute eher vergessene und von Arno Schmidt geschätzte Friedrich Wilhelm Hackländer. Als besonders eindrucksvoll sei das Lese- und Aufstellbüchlein Bunte Scenerien aus dem Menschenleben. Ein Bilderbuch ganz neuer Art zum Nutzen und Vergnügen der Jugend von Leopold Chimani (Wien 1835) genannt, eines für die Entwicklung des Kinder- und Jugendbuches in Österreich besonders wichtigen Autors. Wie sorgfältig und intensiv Heiner Vogel seine Sammlung aufbereitet hat, zeigen die vielen mit Bleistift eingetragenen biographischen und bibliographischen Nachweise, Notizen über Standorte und Auktionsergebnisse. – Die versammelten Mitglieder und Freunde des Leipziger Bibliophilen-Abends konnten kaum ein Ende finden beim Betrachten und Durchblättern der Vogelschen Schätze, die sonst höchstens durch das Vitrinenglas zu beschauen sind. Ein Dankeschön an die Referentin Doris Mundus und den bibliothekarischen Schatzhüter an ihrer Seite und einen respektvollen Gruß dem Sammler nach Mölkau!
Eberhard Patzig

Zeichen – Bücher – Netze. Von der Keilschrift zum Binärcode. Dies ist der Titel der neuen Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums, die am 13. März 2012, am Vorabend der Buchmesse und im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Gründungsjubiläum der Deutschen Nationalbibliothek, eröffnet wurde. Einen intensiveren Einblick in die Exposition, die eine kurze Mediengeschichte der Menschheit darstellen will, konnten die Leipziger Bibliophilen am 3. April 2012 gewinnen: Jenseits des Eröffnungstrubels erläuterte Hannelore Schneiderheinze, die maßgeblich an der Ausstellungskonzeption beteiligt war, den Aufbau der Schau entlang der drei bedeutenden Medieninnovationen Schrift, Buchdruck mit beweglichen Lettern und digitale Netzwelten. In der knapp 1000 qm großen Halle im kürzlich fertiggestellten vierten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek erzählen zirka 1000 Objekte, von Knotenschnur und Kerbholz über Bücher, Flugblätter und Druckwerkzeugen, von der Frühgeschichte schriftlicher Kommunikation bis zur digitalen Gegenwart. – In fünf großen Vitrinenkörpern in ›Bumerang-Form‹, die die Gestalter der Ausstellung vor subtile Probleme stellten, werden thematische Zusammenhänge dargestellt wie Zeichen und Schriften, Handschriftenkultur, Buchdruck, Lesen, Zensur, Industrialisierung, Ästhetik des Buches, Massenmedien und virtuelle Bibliotheken. In die thematischen Komplexe wird durch kurze erläuternde Texte eingeführt. Die überlegt und attraktiv präsentierten Schaustücke sind durch präzise, gut lesbare Legenden erschlossen. Auswahl der Objekte und Schwerpunktsetzung sind freilich immer diskussionswürdig, und so ist der Besucher besonders neugierig auf weitere erläuternde Dokumentationen sowie Ergänzungen und Vertiefungen der Ausstellungsinhalte in Text, Bild und Ton, die in einer zweiten Ausbaustufe der Ausstellung derzeit vorbereitet werden und später auch im Internet abrufbar sein sollen.
H. K.

Die Maximilian-Gesellschaft in Leipzig. Die Maximilian-Gesellschaft führte ihre Jahrestagung 2012 vom 19. bis 21. April in Leipzig durch, und den Teilnehmern wurde ein reichhaltiges und interessantes Programm geboten, beginnend mit der Eröffnung der Ausstellung Eine Buchstadt entsteht. Leipzigs Buchwesen um 1500 in der Universitätsbibliothek, in der am Folgetag auch die ordentliche Mitgliederversammlung stattfand. Einblicke in die Sammlungen der Bibliotheca Albertina gaben deren Direktor, zugleich stellvertretender Vorsitzender der Maximilian-Gesellschaft, Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider, sowie Prof. Dr. Thomas Fuchs, Leiter der Sondersammlungen, und dessen Stellvertreter Dr. Christoph Mackert. – Nicht fehlen durfte freilich auch eine Führung durch den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek und die neugestaltete Dauerausstellung Zeichen Bücher Netze. Von der Keilschrift zum Binärcode des Deutschen Buch- und Schriftmuseums, die die Direktorin des Museums, Dr. Stephanie Jacobs, mit sichtlichem Stolz präsentieren konnte. Einen Einblick in die Ausbildung und die Werkstätten des Fachbereichs Buchkunst der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale vermittelte die Führung durch Prof. Sabine Golde unter dem Titel Wie entsteht ein Künstlerbuch?. – Der Leipziger Bibliophilen-Abend, dessen Mitglieder eine freundliche Einladung zum geselligen Teil der Tagung erhalten hatten, zeigte in der Universitätsbibliothek eine kleine Ausstellung einiger seiner bibliophilen Drucke, und beim gemeinsamen Abendessen in Auerbachs Keller wurden die Teilnehmer der Tagung ›wie in alten Zeiten‹ mit einer Gabe erfreut, einem satirischen Text von Jean Paul, gestaltet und gesetzt von Sabine Golde und geschmückt mit einer Originallithographie von Rolf Münzner.
H. K.

Lesegesellschaften. Die Pirckheimer der Region Rhein-Main-Neckar ließen sich von dem Pirckheimer-Freund Hans-Joachim Prenzel, Frankfurt/M., über die geschichtliche Entwicklung der im 17. Jahrhundert aufgekommenen Lesegesellschaften informieren. Die ersten Lesegesellschaften entstanden in der städtischen Bürgerschicht, bestehend aus dem Bildungsbürgertum und den niederen (Dienst-)Adel. Das Streben nach höherer Bildung war gewachsen, Bücher waren aber noch relativ teuer. Die ersten Zeitungen entstanden. Nun riefen Privatleute (Laien, keine Geistlichen) Einrichtungen extensiven Lesekonsums ins Leben. Man traf sich zur gemeinsamen Lektüre von Zeitungen und „Bildungsromanen“. Zunächst wurden diese vorgelesen. Später wurden Bücher angeschafft, die von Hand zu Hand zur selbständigen Lektüre weitergereicht wurden. Aus Kostengründen, aber auch zur Abgrenzung gegenüber niedrigeren Ständen, bestanden die Vereinigungen auf festen Mitgliedschaften. Die Lesegesellschaften verbreiteten sich in den Städten rasch und wurden ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens. Auf dem Land gab es solche Institutionen nur sehr vereinzelt.
Einen Höhepunkt erreichte die Entwicklung und Verbreitung der Lesegesellschaften im Zusammenhang mit der französischen Revolution. So gab es im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts etwa 500 Gesellschaften. Jetzt entstanden allerdings auch Leih- und städtische Bibliotheken, um den freiheitlichen Lesehunger zu stillen. Aus den Lesegesellschaften entwickelten sich wissenschaftliche Gesellschaften, wie die Naturhistorische Gesellschaft in Hannover. Die Auswahl der Lektüre war einem Gremium übertragen, das hauptsächlich Periodika politischen und wissenschaftlichen Inhalts bestellte. Einige Lesegesellschaften wandelten sich in politische Klubs. Ähnliche Funktionen übernahmen die im 19. Jahrhundert aufkommenden Arbeiter-Bildungsvereine. Einige wenige bürgerliche Bildungsvereine überlebten bis heute, so die Bonner Lesegesellschaft und die Teutsche Lesegesellschaft in Gießen. Andere benannten sich um wie die Freiburger Museumsgesellschaft.
FP

Jubelrufe im Norden bei Vollmond. Die Veranstaltungen VollmOnd – Gute Geschichten zur guten Nacht stellen bereits ein Markenzeichen für literarische Veranstaltungen in Neustrelitz dar. Sie sind eine Lesereihe des Hans-Fallada-Klubs in Kooperation mit dem Landestheater und dem Hotel Schloßgarten. Bekannte Autoren und Schauspieler lesen aus ihren Werken und Lieblingsbüchern. Die erste Lesung im 15. Jahr der VollmOnd-Reihe bestritten die Mitglieder der Pirckheimer-Gesellschaft Erhard Kunkel und Joachim Studier mit ihren Beiträgen aus dem Almanach Neue Jubelrufe aus Bücherstapeln. Der Abend stand unter dem Motto Jubel-rufe aus Bücherstapeln – Sammler-Episoden. Susanne Schulz, Kulturredakteurin des Nordkuriers und Mitglied der Jury für den Uwe-Johnson-Preis, eröffnete charmant die Lesung und stellte Jutta Kunkel sowie die beiden Autoren der Beiträge vor. Anschließend entwarf Joachim Studier, der lange Zeit als Dokumentalist in einem Elektro-Anlagenbau-Betrieb und als Pressereferent des Landkreises Mecklenburg-Strelitz tätig war, ein kleines Abbild der Pirckheimer-Gesellschaft und präsentierte den neuen Almanach. Er las seinen Beitrag Leben mit Büchern in der Provinz, in dem er anhand von Widmungsexemplaren über seine Begegnungen mit Autoren, Graphikern und Verlegern berichtete, zu denen unter anderen Brigitte Reimann, Lisa Jobst, Horst Hussel, Elmar Faber und Wolfram Benda zählten. Auch erzählt er darin über Lesungen, die er in vielen Jahren im Strelitzer Land organisierte.
Jutta Kunkel las die Episoden aus Widmungen erzählen ihre Geschichten von Erhard Kunkel, der früher Regisseur, unter anderem an den Theatern in Schwerin, Neustrelitz und Greifswald, war. Er beschreibt, wie er durch seinen Beruf und auch persönlich mit Schriftstellern und Graphikern in Berührung kam. In einer ganzen Reihe von Künstlern sind besonders Eva Strittmatter, Tschingis Aitmatow, Werner Klemke und Fritz Cremer zu nennen. Da Jutta Kunkel sich als eine gute Vorleserin in einer Reihe von Veranstaltungen ausgewiesen hatte und das Publikum nach einer Zugabe verlangte, las sie angemessen für den Klub noch die Episode Weihnachtsgeschenk 1938 mit Widmung von Hans Fallada, verfaßt von Peter Labuhn.
Erhard Kunkel, ein Mensch voller Geschichten, erzählte noch einige Anekdoten über seine bibliophilen Erlehnisse. Dazu führte er das legendäre Skizzenbuch von Wolfgang Böttcher vor. Der Theaterzeichner hatte in den zwanziger Jahren viele Persönlichkeiten der Berliner Kulturszene porträtiert und sich die jeweiligen Zeichnungen von diesen signieren lassen. Darunter waren Bildnisse von Heinrich Mann, Albert Einstein und Bertolt Brecht aus dem Jahre 1928. Besonders wegen Brecht interessierte sich Kunkel sehr für das Buch. Da es jedoch keiner bisher gesehen hatte, gab es Zweifel an seiner Existenz. Böttcher schenkte das Skizzenbuch kurz vor seinem Tode Kunkel anläßlich von dessen Uraufführung von Charlys Tante nach Brecht. So kam Kunkel zu einem ersehnten Brecht-Autogramm. Besucher bedauerten, daß das Buch nicht aufgelegt worden ist.
Auf Fragen von Interessierten machte Joachim Studier Ausführungen zur Geschichte des Verlages Faber & Faber, zu den Editionen des Verlages und insbesondere zu den Buchkuriositäten. Besucher hatten sogar Exemplare dieser Besonderheiten mitgebracht. Die zahlreich erschienenen und aufmerksam lauschenden Besucher spendeten zum Schluß viel Applaus. Langsam ging der Abend mit Gesprächen und Gläsern guten Weins in die Vollmond-Nacht über.
JS