Redaktionsschluss 14. Juli 2011

Wir gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 60. Geburtstag: Klaus-Andreas Flatau (Berlin) am 3. 9., Dieter Bernhöft (Halle) am 11. 10., Werner Dumann (Köpernitz) am 10. 11. Zum 65. Geburtstag: Eckhart Wazele (Neuruppin) am 15. 9., Sabine Kaune (Duisburg) am 29. 10., Martin Grasmannsdorf (Aalen) am 21. 12. Zum 70. Geburtstag: Konrad Kutt (Berlin) am 9. 9., Theo Neteler (Melle) am 14. 9., Hans Jaeger (Herdecke) am 28. 9., Dr. Horstfried Masthoff (Haltern am See) am 6. 10., Bernd Schulz (Berlin) am 31. 10., Gerd Focke (Berlin) am 29. 11., Klaus Nowak (Preetz/Holst.) am 9.12., Johannes Kallabis (Berlin) am 8. 12. Zum 75. Geburtstag: Herbert Kästner (Leipzig) am 1. 9., Ursula Lang (Beeskow) am 21. 9., Dr. Peter Schneck (Elstra) am 13. 10., Günter Lott (Ürikon) am 26. 12. Zum 81. Geburtstag: Dr. Claus Masuck (Berlin) am 15. 11., Ulrich Lindner (Neu-Anspach) am 25. 12. Zum 82. Geburtstag: Ingeborg Eckert (Berlin) am 3. 9., Dr. Margit Wille (Berlin) am 12. 10. Zum 83. Geburtstag: Emil Georg Schrade (Aachen) am 16. 9., Zum 84. Geburtstag: Ruth Steinbauer (Osterburken) am 21. 9. Zum 86. Geburtstag: Rudolf Schmalz (Halle) am 4. 12. Zum 87. Geburtstag: Peter Hoffmann (Nassenheide – Löwenberg) am 9. 11., Gunther Ball (Neubrandenburg) am 1. 12. Zum 88. Geburtstag: Lotte Rhein (Wismar) am 29. 11. Zum 91. Geburtstag: Dr. Wolfram Körner (Berlin) am 20. 11. Zum 97. Geburtstag: Ursula Krüger (Potsdam) am 26. 11.

Neue Mitglieder: Walter Ganser, Neusäß, Dr. Dirk Ostareck, Biologe, Aachen, Dr. Nikolaus Topic-Matutin (Neuhauser Kunstmühle), Salzburg-Gnigl.

Wir gratulieren Ursula Lang zum 75. Die Pirckheimer-Gesellschaft lebt von den bibliophilen Abenden in den regionalen Zentren und von der Zeitschrift MARGINALIEN. An deren Ausgestaltung hat seit vielen Jahren Ursula Lang einen bedeutenden Anteil. Nach einigen Jahren im Amt des Schatzmeisters übernahm sie 2001 die Leitung der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg und führt sie seitdem zusammen mit jeweils zwei anderen Vorstandsmitgliedern in schöner Kontinuität. So ein Vortragsjahr erfordert viel Umsicht und Kleinarbeit, die meist nicht gesehen wird. Die Planungen beginnen schon im Sommer des Vorjahres: Die Räume müssen vereinbart werden, die Referenten zu möglichst allseitig interessierenden Themen gewonnen werden. Alles fast ohne finanzielle Mittel. Im Herbst wird dann das Programm gedruckt und am Jahresende verteilt. Häufig eröffnet und moderiert Ursula Lang die Abende und muß dazu besonders vorbereitet sein, während sich die Besucher entspannt zurücklehnen. Hinzu kommt die Vorbereitung einer bibliophilen Fahrt über Land. Immer ist jemand an Versprechungen zu erinnern, hinterher darf kein Dank vergessen werden. Berichte in den MARGINALIEN halten den flüchtigen Augenblick fest, sie müssen geschrieben oder in Auftrag gegeben werden. Wieder geht es nicht ohne Mahnungen. – Ursula Lang sammelt Kinderbücher sowie Bücher und Werke von befreundeten Künstlern, über die sie gern auch spricht und schreibt. Viele Artikel in den MARGINALIEN zeugen von ihren Vorlieben. Meist schreibt sie nur, wenn sie von einer Sache überzeugt ist und einen persönlichen Zugang zum Thema hat. Ihre Beiträge sind deshalb gewöhnlich freundlich bis enthusiastisch. Wenn sie eine Sache aber ablehnt, kann sie auch polemisch sein. Viele MARGINALIEN-Leser freuen sich, wenn sie einen Artikel von ihr im neuen Heft entdecken. Kaum zu glauben, daß sie am 21. September ihren 75. begeht!

So „andante“ es eben geht. Dieses feine, unerklärte Motto geleitete durch die Veranstaltung der Berlin-Brandenburger Pirckheimer in der Zentral- und Landesbibliothek, als Peter Rensch am 21. April seine ANDANTE Handpresse vorstellte. Trefflich vorinformiert (siehe F. Puhe: 20 Jahre ANDANTE Handpresse, in: Marginalien H. 200, 2010, S. 98-99), lauschten die zahlreichen Interessenten den lebendig vorgetragenen Ausführungen Peter Renschs, die durch Gedichte und Texte aus seinen Büchern, Sonderdrucken und Katalogen – wechselweise von ihm und seiner Frau, Eva-Maria Rensch, vergnüglich vorgetragen – über die Informationen hinaus genußreiche Unterhaltung boten.
Im Jahre 1990 hatte Peter Rensch, zusammen mit seiner ersten Frau Inga, die ANDANTE Handpresse in Schöneberg gegründet, die er seit 2007 am Friedrichshagener Müggelseedamm 133 als Werkstattgalerie weiter betreibt, offen für jedermann. „Ein Traum hatte sich erfüllt.“ Rensch ist ausgebildeter Schriftsetzer und Typograph; die ANDANTE Pressendrucke sind von erlesener Qualität, durchweg im Bleisatz auf Werkdruckpapier und Kupferdruck-Bütten hergestellt und handgebunden, die Auflagen sind klein. Rensch betont den „wohltuenden Geruch der Handarbeit“, „Büchermachen ist wie Bilder malen, so andante es eben geht.“
Viel gelernt habe er bei seinen Lehrern Wolfgang Leber, Bodo Müller, Wulf Sailer, Herbert Gutsch … Um Illustration im herkömmlichen Sinne gehe es ihm nicht. Vielmehr nehme er Stimmungsbilder des Textes für die graphische Umsetzung auf. Die Text-Bild-Beziehung beschäftige ihn sehr, es gibt langwierige Entwurfsphasen für die Bücher, oft Blinddrucke, häufig Änderungen, nie gäbe es die „Situation des Abarbeitens.“ Jeder Tag bringt Freude, „so andante es eben geht.“-
Ein reich bestückter Büchertisch lud zum Stöbern ein. Reizvoll die bibliophile Reihe Kapitälchen, alle sieben bisher erschienenen originalgraphischen Künstlerhefte wurden präsentiert, das erste 2007 zu Peter Hacks (Thomas J. Richter), die folgenden unter anderen zu Des Knaben Wunderhorn (Egon Bresien), zu Frank Hartung (Frank Hartung), zu Hans Arp (Thomas Habedank), zu Peter Hille (Egon Bresien), einige neue „Kapitälchen“ seien in Vorbereitung. In üppiger Fülle lagen indes die schönen Bücher der Handpresse bereit, Bekanntes neben Unbekanntem: Kurt Schwitters, Walter Mehring, Hans Arp, Joachim Ringelnatz, Rudolf Adrian Dietrich, Oskar Pastior, Eva-M. Psiuk (d.i. Eva M. Rensch), Else Lasker-Schüler, Eduard Reinacher, Bruno Schönlank, Hugo Ball, Primo Levi, Gedichte des deutschen Expressionismus, Fritz Sauter … – vielgestaltige Hoch- und Querformate in feinster Ausstattung mit graphischem Bildschmuck von Peter Rensch. Für die Reproduktion insbesondere der farbigen Arbeiten hat der Künstler ein eigenes Verfahren entwickelt. Auch der Jubiläumskatalog 20 Jahre ANDANTE Handpresse (2010), bilderreich, mit kundigem Text von Anke Scharnhorst, war präsent, ebenso das noble Heft Lesung unterm Apfelbaum. Acht Gedichte und eine Fabel aus nicht mehr lieferbaren Büchern, gelesen von E.-M. Rensch anläßlich der Jubiläumsausstellung der Handpresse am 31. Juli 2010. Die darin enthaltene, kleine, geistvolle Fabel Das Papier und die Tinte von Leonardo da Vinci war an unserem Abend auch zu hören. – Am Schluß beantwortete Peter Rensch Fragen der Pirckheimer, und in gelöster Atmosphäre wurde ihm unter herzlichem Beifall eine Flasche guten Rotweins überreicht.

U. Lang

Schönste Bücher 2010 in Berlin. Der 60. Jahrgang der „Schönsten deutsche Bücher“ wurde am 5. Mai 2011 nun schon traditionellerweise wieder im Studiensaal der Kunstbibliothek Berlin vor Berlin-Brandenburger Pirckheimern und zahlreichen Gästen vorgestellt. Geschäftsführerin Uta Schneider von der Stiftung Buchkunst konnte dazu auch etliche prämiierte Buchkünstler und Juroren dieses Jahrgangs begrüßen. Bei der Auswahl der eingehend zu betrachtenden Bücher ging sie daher vornehmlich auf Werke von anwesenden Beteiligten ein. Die Jurys hatten diesmal zahlenmäßig fast wie im Vorjahr 1034 Bücher von 457 Einsendern zu begutachten, von denen letztlich 45 eine Prämiierung und acht eine Anerkennung erhielten, es gab 2010 wenig ganz Herausragendes, aber vieles sehr Gute, wie Uta Schneider einleitend bemerkte.
In der Gruppe 1, Allgemeine Literatur, standen neben der ganz klassisch gestalteten Siegfried Unseld Chronik 1970 (Suhrkamp) zwei auffällige Titel der Büchergilde Gutenberg: Joseph Roths Erstling Das Spinnennetz mit Bildern von Franziska Neubert und Raymond Queneaus Zazie in der Metro, sehr farbig illustriert von Joe Villion, der ein Ehrendiplom der „Schönsten Bücher aus aller Welt, Leipzig 2011“ bekam. Der I. Preis der Stiftung Buchkunst aber ging an ein Buch, das sein Autor selbst gestaltet hat: der umfängliche literarische Text Die ganze Zeit von Oswald Egger (wiederum bei Suhrkamp). Der flexible, rote Leineneinband von Nina Knapitsch, die auch an der Typographie und Gestaltung mitwirkte, weist mit seiner Linienführung auf das Labyrinthische dieses komplexen Textes hin. Auch ein in mehrfacher Hinsicht rekordverdächtiges Buch wurde von der Herausgeberin selbst gestaltet: Das Lexikon der visuellen Kommunikation von Juli Gudehus (H. Schmidt, Mainz). Auf 3000 Seiten Bütten Dünndruckpapier, broschiert in einem festen Schuber handeln 3500 Autoren 9700 Begriffe auf die unterschiedlichste Weise ab. Der Öffentlichkeit vorgestellt wurde das Werk in einem zwölfstündigen Lesemarathon mit über 100 Autoren im Mai im Werkbundarchiv in Berlin-Kreuzberg. Ein weiteres Monumentalwerk, die Ausgabe von Arno Schmidts Zettels Traum in der Bargfelder Ausgabe, erhielt trotz exzellenter Gestaltung wegen unzureichender buchbinderischer Verarbeitung nur eine Anerkennung. Bei den Taschenbüchern wurde die Reihengestaltung einer gebundenen Albert-Camus-Ausgabe (Rowohlt) ausgezeichnet, bei den Schulbüchern ein vorbildliches Linder Biologiebuch (Schroedel). Der 2. Preis der Stiftung Buchkunst wurde an ein gewagtes Kinderbuch vergeben: Kafka. Es enthält kurze Texte von Franz Kafka, inszeniert durch phantastische Illustrationen von Stefanie Hartes (Ravensburger). Einer der beiden 3. Preise ging an eine zweibändige, durch Fotografien bereicherte Dokumentation über die deutsche Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion. Die spartanisch-nüchterne Ausstattung von Gaston Isoz mit ihrer abweisenden, verschnürten Umhüllung entspricht dem schockierenden Inhalt dieser Dokumente aus einer düsteren Zeit. Als letztes Beispiel sei noch ein Titel aus der Gruppe der Sonderfälle genannt: Für das in kleiner Auflage im Siebdruck hergestellte, großformatige Bilderbuch Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen konnte die Autorin, Malerin und Gesamtgestalterin Doris Freigofas einen Förderpreis für junge Buchgestalter sowie ein Ehrendiplom „Schönste Bücher aus aller Welt, Leipzig 2011“ entgegennehmen.
Die bedauerliche Tatsache, daß nach vielen Jahren erstmals kein Faltblatt mit den Angaben zu den ausgezeichneten Büchern herausgegeben wurde, deutete schon auf Probleme bei der Stiftung Buchkunst hin. Uta Schneider verwies auf den wieder hochglänzend gedruckten Katalog, der alle Daten wohlaufbereitet enthält und für 16 Euro erhältlich ist (ISBN 978-3-9814291-0-7). In der Tat wird sich in Zukunft einiges am Wettbewerb ändern; vorgesehen ist eine Reduzierung auf fünf Sachgruppen, aus denen je fünf Titel ausgewählt werden, so daß es dann nur noch 25 „Schönste Bücher“ geben wird. Diese Verschlankung könnte die Überschaubarkeit erleichtern, wie sich der Wettbewerb künftig überhaupt stärker an die Leser und Buchkäufer wenden soll. Die neue Konzeption skizziert der Vorsitzende des Vorstands der Stiftung Buchkunst, Thedel v. Wallmoden, in seinem Geleitwort zum Katalogband.

Konrad Hawlitzki

Der Maler und Graphiker Hans-Christoph Rackwitz. Neben dem großen und von den Hallensern lange vorbereiteten Jahrestreffen der Pirckheimer-Gesellschaft im Juni in der Saalestadt ging auch das interne Gruppenleben der halleschen Pirckheimer weiter. So war am 31. Mai 2011 der Maler und Graphiker Hans-Christoph Rackwitz aus Beesenstedt (Saalekreis) zu Gast bei den Pirckheimern. Rackwitz, Jahrgang 1956, der seine Ausbildung von 1977 bis 1982 bei Frank Ruddigkeit an der halleschen „Burg“ erhielt und durch einen langfristigen Lehrauftrag auch weiterhin seiner Ausbildungsstätte verbunden blieb, gehört seit Jahrzehnten schon zu den führenden Graphikkünstlern Sachsen-Anhalts. Viele der Anwesenden schätzen seine fein strukturierten und sich durch ihre phantasievolle Sichtweise und Konstruktion auszeichnenden Kaltnadelradierungen, die sich thematisch vor allem im regionalen Umfeld Halles und des Saalekreises bewegen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an die Graphik Marienbibliothek, die eigens für die Teilnehmer des Pirckheimer-Jahrestreffens vom Künstler geschaffen wurde. Über ihren Entstehungsprozeß sprach er dann auch besonders ausführlich, zeigte Skizzen und Probedrucke und wies auch auf die Anforderungen und Schwierigkeiten hin, die ein Kupferstecher zu bewältigen hat. Die meisten Zuhörer waren beeindruckt von den technischen Fertigkeiten, die – nicht selten mit eigenen „graphischen Kniffen“ ergänzt – zu den künstlerischen Ergebnissen führten, die anschließend betrachtet und bestaunt werden konnten. – Eine andere Seite seines Kunstschaffens verdeutlicht seine derzeitige Arbeit an der Restaurierung des Wörlitzer Palmensaals, wo ihm sein künstlerisches Naturstudium sowie auch seine gediegene Handwerklichkeit als Zeichner und Radierer zugute kommen. Lebendig berichtete der Künstler abschließend von seiner eindrucksvollen Reise nach Texas, wo er einer Einladung der Curt-Riwa-Collection folgte.
Nicht zum ersten Mal sprach Hans-Christoph Rackwitz vor den halleschen Pirckheimern über seine Arbeit, und die erneute Begegnung mit ihm war so anregend, daß alle Anwesenden auf eine weitere Veranstaltung hoffen.
Ute Willer

Exkursion nach Rudolstadt. Angeregt vom Exkursionsbericht der Leipziger Freunde im Vorjahr, führte die Jahresexkursion der halleschen Pirckheimer am 9. Juli 2011 nach Rudolstadt, und die kleine Gruppe konnte diesen herrlichen Sommertag auf vielfache Weise genießen. Bei einem vormittäglichen Kaffeeplausch unter den Schatten spendenden Nußbäumen im Garten des Schillerhauses wurden die Hallenser engagiert und kenntnisreich von Jens Henkel auf den historischen und kulturellen Reichtum der thüringischen Saalestadt eingestimmt. Nach diesem anregenden Auftakt bot die Besichtigung des erst 2009 rekonstruierten und zur Schiller-Gedenkstätte eingerichteten Hauses der Familie von Lengefeld die erste große Überraschung, als im Bibliotheksraum des Anwesens die Besucher auf fünf installierten Bildschirmen ein fiktives Gespräch jener Personen nacherleben konnten, die sich vor rund 224 Jahren in diesem Hause auch wirklich begegnet sind – Friedrich Schiller und die hier lebenden Schwestern Caroline von Beulwitz und Charlotte von Lengefeld, Charlotte von Stein aus Weimar und vor allem Johann Wolfgang Goethe, mit dem Schiller hier erstmals im September 1788 zusammentraf. Diese moderne Präsentation kam gut an und wurde im Nachklang des Tages noch lange diskutiert.
Am Nachmittag war noch einmal Jens Henkel, der auch Mitarbeiter des Museums auf der Heidecksburg ist, kundiger und hilfreicher Begleiter der Halle-Gruppe. Er führte hier durch die umfangreiche Büchersammlung des Fürstenhauses Rudolstadt-Schwarzburg, und auch dieser Einblick war für die meisten der Gruppe erstmalig und überraschend. Eine solch bibliophile Schatzkammer hatten wohl die wenigsten vermutet.
Von der einmaligen Ausstellung Rococo en miniature, die seit einigen Jahren ihren ständigen Platz im ehemaligen Küchentrakt des Schlosses gefunden hat und sofort zu der Attraktion im Besichtigungsprogramm der Heidecksburg avancierte, hatte man schon einiges gehört, doch das dort Gesehene überbot alle Erwartungen. Rococo en miniature – Die Schlösser der gepriesenen Insel mit seinen Architekturen und Tausenden von Einzelfiguren, seinen geistvoll-witzigen Anspielungen, die das ganz Kleine ganz groß und einmalig machen, dazu der präsentierte muntere Briefwechsel seiner Schöpfer Gerhard Bätz und Manfred Kiedorf – das alles nötigt, wie es auch die Begleitpublikation weise voraussagt, zu genußvollen weiteren Besuchen der Heidecksburg. Und wer sich noch genauer über einen solch schönen Tag hier informieren will: Herbert Kästner hat ebenso begeistert und noch viel gründlicher in den MARGINALIEN, H. 200, 2010, S. 92-93, darüber berichtet.

Ute Willer

Die Frühjahrsexkursion des Leipziger Bibliophilen-Abends führte am Wochenende 28./29. Mai 2011 nach Bautzen und Görlitz, zwei geschichtsträchtige, heute grenznahe, in den letzten Jahren liebevoll restaurierte Orte. Anlaß der Reise war der Besuch der sächsischen Landesausstellung Via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung, aber zunächst ging es nach Bautzen. Der Höhepunkt des von sehr kundigen Stadtführern in zwei Gruppen geleiteten Rundganges war der Besuch des Diözesanmuseums St. Petri mit seiner an wertvollen Beständen reichen Bibliothek, namentlich zur Lokal- und Landesgeschichte und zur Geschichte des Bistums Meißen (jetzt Dresden-Meißen). Etwas ausgedehnter als geplant war, nach der Mittagspause im sorbischen Spezialitätenrestaurant, ein Besuch im Antiquariat Keller, das sich, soeben in neue, größere Räumlichkeiten umgezogen, mit einem überraschend breiten und umfangreichen Angebot präsentierte. Für den Abend des erlebnisreichen ersten Tages war Bernd-Ingo Friedrich aus Weißwasser eingeladen, über die Anfänge des sorbischen Buchdruckes zu informieren, und das Thema erwies sich als außergewöhnlich ergiebig und beanspruchte das Doppelte der vorgesehenen Zeit. – Der Sonntagvormittag war dem Besuch der Landesausstellung vorbehalten, in deren Mittelpunkt die via regia, die älteste Ost-West-Verbindung Mitteleuropas steht, über die nicht nur Waren, sondern auch Kunst und Kultur transportiert wurden. Die Handelsgeschichte und Reisen von Kaufleuten, Künstlern, Soldaten und Pilgern entlang der Route von Spanien über Frankreich und Sachsen bis nach Polen und die Ukraine, dargestellt an Hand originärer und erstklasiger Objekte, belegt den vielfältigen innereuropäischen Transfer von Wissen, Kultur und Zivilisation. – Am Nachmittag schwärmten die Bibliophilen zu ganz individuellen Erkundungen aus, um sich etliches vom reichen Görlitzer Angebot an historischen Sehenswürdigkeiten zu erschließen. Dankbar sei noch erwähnt, daß auch Petrus auf unserer Seite war und die erlebnisreiche Exkursion mit Prachtwetter begleitete.
H. K.

Werkstattgespräche bieten stets interessante Einblicke in die Gedankenwelt und den Schaffensprozess eines Künstlers und erfreuen sich daher großen Zuspruchs des Publikums. So auch am 7. Juni 2011, als der Dresdner Maler, Graphiker und Bildhauer Hermann Naumann Gast beim Leipziger Bibliophilen-Abend war; und um so mehr, als der Künstler bekanntlich das Reisen nicht liebt. Nur selten verläßt er sein auf einer Anhöhe gelegenes Hofmannsches Gut in Dittersbach nahe Stolpen im Tal der Wesenitz; seine Reisen finden im Kopf und im Atelier statt – und in der Literatur, zu der er eine bibliophile Beziehung pflegt, wovon seine Belesenheit ebenso wie seine beeindruckende Bibliothek Zeugnis geben. So war es ganz zwangsläufig, daß sich Hermann Naumann namentlich in seinem graphischen Werk vielfach von literarischen Themen inspirieren ließ. Aus der beachtlichen Zahl der von ihm illustrierten Bücher sind den Bibliophilen besonders seine bei Reclam realisierten Drucke Meine jüdischen Augen und Rimbaud, Gedichte sowie Gerhart Hauptmanns Zur Charakteristik Jehovas (Sisyphos-Presse Faber & Faber) gegenwärtig. Weniger bekannt sind die in eigenem Auftrag und in kleinen, privat finanzierten Auflagen entstandenen Arbeiten, häufig in Mappen gefaßte Zyklen zu literarischen Vorlagen, die ihn gefesselt und zu graphischer Kommentierung herausgefordert haben. Dabei stehen ihm alle graphischen Techniken zu Gebote. Je nach der Vorlage und der künstlerischen Absicht finden wir, allesamt meisterhaft gehandhabt, Lithographien und Holzschnitte und -stiche, Radierungen und Kupferstiche und die von ihm wiederentdeckte Technik des Punzenstichs. Mitgebracht hatte der Künstler einige Mappen aus der von ihm begründeten Moses-Presse, Holzschnitte zu Scholem Alejchem, Tewje der Milchmann, zu Ausgeträumt von Charles Bukowski und zu den Messer Gedichten von Michael Wüstefeld, Blätter zu Kafka, Hamsun, zum Alten Testament – immer wieder überraschend nicht nur durch die Vielfalt der verwendeten und zum Teil variierten graphischen Techniken, sondern auch durch eine außerordentliche stilistische Wandlungsfähigkeit. Lebendig, anschaulich und anekdotenreich wußte der Künstler über seine Arbeit zu berichten, Fragen wurden gestellt und beantwortet, die Blätter kursierten, und noch lange nach Ende der Veranstaltung saßen einige Bibliophile mit dem Künstler und seiner Muse Helga Luzens im Café des Literaturhauses zusammen.

H. K.

Elementare Bibliophilie hatte Dr. Johannes Saltzwedel seinen Vortrag übertitelt, der am 3. Mai 2011 im Leipziger Haus des Buches ein überaus zahlreiches und interessiertes Publikum fand. Was gibt heute, am vielfach herbeigeredeten Ende des Gutenberg-Zeitalters, den Anreiz, Bücher zu sammeln? Wie erwacht das Interesse, wann beginnt die Leidenschaft – und wohin führt sie? Das waren Fragen, die nicht nur die Mitglieder des gastgebenden Leipziger Bibliophilen-Abends, sondern viele weitere, auch erfreulich viele jüngere Freunde des Buches bewegen. An Beispielen aus seinem eigenen Weg zur Bibliophilie machte der Referent deutlich, wie Entdeckerfreude, Neugier, historisches Interesse, ästhetische Faszination und ein Gespür für innere Kulturwerte den Funken schlagen, an dem sich ein bibliophiles Feuer entzünden kann. An Objekten der eigenen Sammlung, die im Bild oder, in einigen Fällen, gar realiter präsent waren, demonstrierte Johannes Saltzwedel den Reiz des Originals, der Erst- und Vorzugsausgabe, die Aura des Pressendrucks und der Gabe einer bibliophilen Gersellschaft, der Provinienz anhand von Widmungen, Exlibris oder Eintragungen des Vorbesitzers. So konnte es nicht verwundern, daß die Rede von ›elementarer‹ Bibliophilie, so man sie denn als Vorspiel späterer Ekstase versteht, bald auf die höhere Form der ›bibliophilia activa‹ kam, der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Sammlung. Auch dazu gab es Beispiele: So hat Johannes Saltzwedel kürzlich im Verlag zu Klampen Essays zu literarischen und bibliophilen Themen unter dem Titel Finderglück veröffentlicht, und im Internet findet man seine bearbeitete und ergänzte Fassung des Registers zum Standardwerk von G. A. E. Bogeng Die großen Bibliophilen (unter www.venturus.de). Nach dem mit viel Zustimmung und Beifall aufgenommenen kurzweiligen Vortrag wurden noch das Gespräch mit dem Referenten und ein Blick in die mitgebrachten Schätze gesucht.

H. K.

Lexika-Sammlung. Schwer zu tragen hatte Pirckheimer-Mitglied Dr. Ralph Aepler. Er berichtete beim Treffen der Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar am 12. Mai über einen seiner Sammlungs-Schwerpunkte, das Lexikon. Dazu hatte er viele in jeder Hinsicht gewichtige Zeugnisse mitgebracht. In seiner Schulzeit hatte Ralph Aepler seine Zuneigung zur Astronomie entdeckt, die ihn zum Sammeln relevanter Literatur anregte, wobei auf Lexika nicht verzichtet werden konnte. So präsentierte er sein erstes, mit deutlichen Spuren regen Gebrauchs behaftetes „Lexikon“: Von Anton bis Zylinder aus dem Kinderbuchverlag (8. Auflage 1978). Der gleiche Berliner Verlag versorgte die wissensdurstige Jugend mit Bänden der Themenreihe Mein kleines Lexikon.
Mit fortschreitendem Alter weitete sich das Interesse von Ralph Aepler hin zu älteren Ausgaben der großen Lexika. So hatte er den Zuhörern die Supplemente zum Brockhaus Konversations-Lexikon Geschichte und Biographie, 2. Auflage, erschienen 1896 bei R. Meyenburg, Berlin, mitgebracht, ebenfalls einen Band des Großen Brockhaus, 15. Auflage von 1931, sowie den Ergänzungsband von 1935. Der letztere enthält bemerkenswerte politisch bedingte „Korrekturen“. Der Referent wies anhand dieses Beispiels darauf hin, daß sich die dirigistischen Maßnahmen der damaligen Machthaber bis in die Lexikon-Redaktionen aller Verlage auswirkten. Das zeigte besonders deutlich das Gegenwartslexikon der Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1944.
Daß Gestaltung und Ausstattung von Lexika oft mit großer Sorgfalt ausgeführt wurden, zeigt der Band Der Mensch und die Erde aus dem Verlag Bong & Co., Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart 1913. Der Ledereinband im Jugendstil ist ebenso bemerkenswert wie die Qualität der Abbildungen. Lexika und andere Wissensspeicher der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zeichnen sich durch Lichtdruckabbildungen, Mehrfarben-Tiefdruck und Holzstichtafeln aus. Gerade bei letzteren ist die Detailgenauigkeit besonders hoch. Dafür legte Ralph Aepler entsprechende Beispiele vor. Als wichtiges Handbuch für den Lexika-Sammler bezeichnete Ralph Aepler die Bibliotheca Lexikorum, ein kommentiertes Verzeichnis der Sammlung Otmar Seemann, herausgegeben vom Antiquariat Inlibris, Wien (2001, 708 Seiten).
Die Pirckheimer-Freunde bedankten sich herzlich für die wissenswerten Einblicke in ein eher seltenes Sammelgebiet.

FP

Hier irrt der Zeichner. Nein, in der Frage nach seiner größten Liebe werde ich dem Zeichner Joachim John nicht widersprechen, und selbst in der Sache, um die es hier geht und in welcher der Zeichner irrte, widerspreche nicht ich selbst, sondern widerlege ihn mit einem früheren Zeugnis Johns.
Mit einer den MARGINALIEN, 200. Heft, beigelegten Zugabe danach konnten die Teilnehmer am Jahrestreffen in Hannover überrascht werden, mit einer Handzeichnung Joachim Johns zum Thema Leda mit dem Schwan. Als deren Entstehungsjahr nannte ich, nachdem ich den Künstler danach gefragt hatte, doch vom Zweifel geplagt, das offenbar falsche Jahr 1988. Mea culpa, denn ich ging dem Zweifel nicht nach, recherchierte nicht; der Tag des Redaktionsschlusses war bereits überschritten. Aber kurze Zeit später entdeckte ich dann doch in meiner überdifferenzierten Ablage, in einer Mappe mit Material zur Relativität der statistischen Methode in der kunstwissenschaftlichen Arbeit, diesen gut drei Jahre früher geschriebenen Brief Joachim Johns vom 16. 3. 85:
„Sehr geehrter Herr Dr. Arlt, danke Ihnen für Ihr Interesse – ich weiß über das von mir Hergestellte nicht so gut bescheid wie Sie, weil es mich, wenn es erst gemacht ist, fast nicht mehr interessiert. (...) Ich habe mal vielleicht 500 kleine Zeichnungen zu ‚Aktäonʻ gemacht, 500 zu ‚Ledaʻ usw. Zu den ‚Antike-Entdeckungenʻ im Staatstheater Schwerin, eine Aufführung von 4 klassischen Stücken, die auch schon in Berlin, Frankreich und Österreich gastierte (damit von 19.00 bis 23.30 Uhr). In den beiden großen Pausen also saß ich im Foyer an einem Tisch und zeichnete vor den Augen der Leute ‚Antike Szenenʻ, alle 2 Minuten, – im Ganzen mit den zuhause entstandenen ca. 800. Vielleicht 400 sind noch bei mir, die anderen wurden ‚frisch vom Faßʻ im Theater für 10,– M das Stück verkauft: Solidaritätsaktion des Theaters. – Die antiken Stoffe interessieren mich, weil scenisch alles vorkommt, was möglich und unmöglich ist. Man kann keine 3 Figuren skizzieren, die nicht in der Mythologie irgendwo handelnd vorkommen. – Eine klassische (bürgerliche) Bildung habe ich nicht. Vieles, von dem, was ich machte, ist nicht ‚aufhebenswertʻ (...)“
Daß darin John wiederum irrte, wird wohl jeder von uns, wenn er seine Leda-Zeichnung in den Händen hält, behaupten wollen. Johns Kompositionen hat er uns in einer anderen Art von Solidaritätsaktion für die Pirckheimer-Gesellschaft preisgünstig überlassen. Daß er sich damit auch selbst einen kleinen Gefallen getan hat, mag seine bittere Feststellung in einem Brief vom V. VI. MMX andeuten:
„Ich habe keinen Marktnamen, und damit ist jeder Nachlaß den Erben eine unzumutbare Belästigung. – In die Recyclingtonne! Es wird wieder Papier daraus gemacht, und es kann sich mancher doch noch überlebende Graphikliebhaber damit den Arsch abwischen. Allerdings unsigniert. Während dessen kann ich nicht anders, als auf den großen Mist, den ich über 50 Jahre lang machte, noch pikante Sahnehäubchen drauf zu scheißen – Sommergrüße!“

Peter Arlt