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Redaktionsschluss 14. Juli 2011
Wir
gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 60. Geburtstag: Klaus-Andreas Flatau
(Berlin) am 3. 9., Dieter Bernhöft (Halle) am 11. 10., Werner Dumann (Köpernitz)
am 10. 11. Zum 65. Geburtstag: Eckhart Wazele (Neuruppin) am 15. 9., Sabine
Kaune (Duisburg) am 29. 10., Martin Grasmannsdorf (Aalen) am 21. 12. Zum 70.
Geburtstag: Konrad Kutt (Berlin) am 9. 9., Theo Neteler (Melle) am 14. 9., Hans
Jaeger (Herdecke) am 28. 9., Dr. Horstfried Masthoff (Haltern am See) am 6. 10.,
Bernd Schulz (Berlin) am 31. 10., Gerd Focke (Berlin) am 29. 11., Klaus Nowak
(Preetz/Holst.) am 9.12., Johannes Kallabis (Berlin) am 8. 12. Zum 75.
Geburtstag: Herbert Kästner (Leipzig) am 1. 9., Ursula Lang (Beeskow) am 21. 9.,
Dr. Peter Schneck (Elstra) am 13. 10., Günter Lott (Ürikon) am 26. 12. Zum 81.
Geburtstag: Dr. Claus Masuck (Berlin) am 15. 11., Ulrich Lindner (Neu-Anspach)
am 25. 12. Zum 82. Geburtstag: Ingeborg Eckert (Berlin) am 3. 9., Dr. Margit
Wille (Berlin) am 12. 10. Zum 83. Geburtstag: Emil Georg Schrade (Aachen) am 16.
9., Zum 84. Geburtstag: Ruth Steinbauer (Osterburken) am 21. 9. Zum 86.
Geburtstag: Rudolf Schmalz (Halle) am 4. 12. Zum 87. Geburtstag: Peter Hoffmann
(Nassenheide – Löwenberg) am 9. 11., Gunther Ball (Neubrandenburg) am 1. 12. Zum
88. Geburtstag: Lotte Rhein (Wismar) am 29. 11. Zum 91. Geburtstag: Dr. Wolfram
Körner (Berlin) am 20. 11. Zum 97. Geburtstag: Ursula Krüger (Potsdam) am 26.
11.
Neue Mitglieder: Walter Ganser, Neusäß, Dr. Dirk Ostareck, Biologe,
Aachen, Dr. Nikolaus Topic-Matutin (Neuhauser Kunstmühle), Salzburg-Gnigl.
Wir gratulieren Ursula Lang zum 75. Die Pirckheimer-Gesellschaft lebt von
den bibliophilen Abenden in den regionalen Zentren und von der Zeitschrift
MARGINALIEN. An deren Ausgestaltung hat seit vielen Jahren Ursula Lang einen
bedeutenden Anteil. Nach einigen Jahren im Amt des Schatzmeisters übernahm sie
2001 die Leitung der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg und führt sie seitdem
zusammen mit jeweils zwei anderen Vorstandsmitgliedern in schöner Kontinuität.
So ein Vortragsjahr erfordert viel Umsicht und Kleinarbeit, die meist nicht
gesehen wird. Die Planungen beginnen schon im Sommer des Vorjahres: Die Räume
müssen vereinbart werden, die Referenten zu möglichst allseitig interessierenden
Themen gewonnen werden. Alles fast ohne finanzielle Mittel. Im Herbst wird dann
das Programm gedruckt und am Jahresende verteilt. Häufig eröffnet und moderiert
Ursula Lang die Abende und muß dazu besonders vorbereitet sein, während sich die
Besucher entspannt zurücklehnen. Hinzu kommt die Vorbereitung einer bibliophilen
Fahrt über Land. Immer ist jemand an Versprechungen zu erinnern, hinterher darf
kein Dank vergessen werden. Berichte in den MARGINALIEN halten den flüchtigen
Augenblick fest, sie müssen geschrieben oder in Auftrag gegeben werden. Wieder
geht es nicht ohne Mahnungen. – Ursula Lang sammelt Kinderbücher sowie Bücher
und Werke von befreundeten Künstlern, über die sie gern auch spricht und
schreibt. Viele Artikel in den MARGINALIEN zeugen von ihren Vorlieben. Meist
schreibt sie nur, wenn sie von einer Sache überzeugt ist und einen persönlichen
Zugang zum Thema hat. Ihre Beiträge sind deshalb gewöhnlich freundlich bis
enthusiastisch. Wenn sie eine Sache aber ablehnt, kann sie auch polemisch sein.
Viele MARGINALIEN-Leser freuen sich, wenn sie einen Artikel von ihr im neuen
Heft entdecken. Kaum zu glauben, daß sie am 21. September ihren 75. begeht!
So „andante“ es eben geht. Dieses feine, unerklärte Motto geleitete durch
die Veranstaltung der Berlin-Brandenburger Pirckheimer in der Zentral- und
Landesbibliothek, als Peter Rensch am 21. April seine ANDANTE Handpresse
vorstellte. Trefflich vorinformiert (siehe F. Puhe: 20 Jahre ANDANTE Handpresse,
in: Marginalien H. 200, 2010, S. 98-99), lauschten die zahlreichen Interessenten
den lebendig vorgetragenen Ausführungen Peter Renschs, die durch Gedichte und
Texte aus seinen Büchern, Sonderdrucken und Katalogen – wechselweise von ihm und
seiner Frau, Eva-Maria Rensch, vergnüglich vorgetragen – über die Informationen
hinaus genußreiche Unterhaltung boten.
Im Jahre 1990 hatte Peter Rensch, zusammen mit seiner ersten Frau Inga, die
ANDANTE Handpresse in Schöneberg gegründet, die er seit 2007 am
Friedrichshagener Müggelseedamm 133 als Werkstattgalerie weiter betreibt, offen
für jedermann. „Ein Traum hatte sich erfüllt.“ Rensch ist ausgebildeter
Schriftsetzer und Typograph; die ANDANTE Pressendrucke sind von erlesener
Qualität, durchweg im Bleisatz auf Werkdruckpapier und Kupferdruck-Bütten
hergestellt und handgebunden, die Auflagen sind klein. Rensch betont den
„wohltuenden Geruch der Handarbeit“, „Büchermachen ist wie Bilder malen, so
andante es eben geht.“
Viel gelernt habe er bei seinen Lehrern Wolfgang Leber, Bodo Müller, Wulf
Sailer, Herbert Gutsch … Um Illustration im herkömmlichen Sinne gehe es ihm
nicht. Vielmehr nehme er Stimmungsbilder des Textes für die graphische Umsetzung
auf. Die Text-Bild-Beziehung beschäftige ihn sehr, es gibt langwierige
Entwurfsphasen für die Bücher, oft Blinddrucke, häufig Änderungen, nie gäbe es
die „Situation des Abarbeitens.“ Jeder Tag bringt Freude, „so andante es eben
geht.“-
Ein reich bestückter Büchertisch lud zum Stöbern ein. Reizvoll die bibliophile
Reihe Kapitälchen, alle sieben bisher erschienenen originalgraphischen
Künstlerhefte wurden präsentiert, das erste 2007 zu Peter Hacks (Thomas J.
Richter), die folgenden unter anderen zu Des Knaben Wunderhorn (Egon Bresien),
zu Frank Hartung (Frank Hartung), zu Hans Arp (Thomas Habedank), zu Peter Hille
(Egon Bresien), einige neue „Kapitälchen“ seien in Vorbereitung. In üppiger
Fülle lagen indes die schönen Bücher der Handpresse bereit, Bekanntes neben
Unbekanntem: Kurt Schwitters, Walter Mehring, Hans Arp, Joachim Ringelnatz,
Rudolf Adrian Dietrich, Oskar Pastior, Eva-M. Psiuk (d.i. Eva M. Rensch), Else
Lasker-Schüler, Eduard Reinacher, Bruno Schönlank, Hugo Ball, Primo Levi,
Gedichte des deutschen Expressionismus, Fritz Sauter … – vielgestaltige Hoch-
und Querformate in feinster Ausstattung mit graphischem Bildschmuck von Peter
Rensch. Für die Reproduktion insbesondere der farbigen Arbeiten hat der Künstler
ein eigenes Verfahren entwickelt. Auch der Jubiläumskatalog 20 Jahre ANDANTE
Handpresse (2010), bilderreich, mit kundigem Text von Anke Scharnhorst, war
präsent, ebenso das noble Heft Lesung unterm Apfelbaum. Acht Gedichte und eine
Fabel aus nicht mehr lieferbaren Büchern, gelesen von E.-M. Rensch anläßlich der
Jubiläumsausstellung der Handpresse am 31. Juli 2010. Die darin enthaltene,
kleine, geistvolle Fabel Das Papier und die Tinte von Leonardo da Vinci war an
unserem Abend auch zu hören. – Am Schluß beantwortete Peter Rensch Fragen der
Pirckheimer, und in gelöster Atmosphäre wurde ihm unter herzlichem Beifall eine
Flasche guten Rotweins überreicht.
U. Lang
Schönste
Bücher 2010 in Berlin. Der 60. Jahrgang der „Schönsten deutsche Bücher“
wurde am 5. Mai 2011 nun schon traditionellerweise wieder im Studiensaal der
Kunstbibliothek Berlin vor Berlin-Brandenburger Pirckheimern und zahlreichen
Gästen vorgestellt. Geschäftsführerin Uta Schneider von der Stiftung Buchkunst
konnte dazu auch etliche prämiierte Buchkünstler und Juroren dieses Jahrgangs
begrüßen. Bei der Auswahl der eingehend zu betrachtenden Bücher ging sie daher
vornehmlich auf Werke von anwesenden Beteiligten ein. Die Jurys hatten diesmal
zahlenmäßig fast wie im Vorjahr 1034 Bücher von 457 Einsendern zu begutachten,
von denen letztlich 45 eine Prämiierung und acht eine Anerkennung erhielten, es
gab 2010 wenig ganz Herausragendes, aber vieles sehr Gute, wie Uta Schneider
einleitend bemerkte.
In der Gruppe 1, Allgemeine Literatur, standen neben der ganz klassisch
gestalteten Siegfried Unseld Chronik 1970 (Suhrkamp) zwei auffällige Titel der
Büchergilde Gutenberg: Joseph Roths Erstling Das Spinnennetz mit Bildern von
Franziska Neubert und Raymond Queneaus Zazie in der Metro, sehr farbig
illustriert von Joe Villion, der ein Ehrendiplom der „Schönsten Bücher aus aller
Welt, Leipzig 2011“ bekam. Der I. Preis der Stiftung Buchkunst aber ging an ein
Buch, das sein Autor selbst gestaltet hat: der umfängliche literarische Text Die
ganze Zeit von Oswald Egger (wiederum bei Suhrkamp). Der flexible, rote
Leineneinband von Nina Knapitsch, die auch an der Typographie und Gestaltung
mitwirkte, weist mit seiner Linienführung auf das Labyrinthische dieses
komplexen Textes hin. Auch ein in mehrfacher Hinsicht rekordverdächtiges Buch
wurde von der Herausgeberin selbst gestaltet: Das Lexikon der visuellen
Kommunikation von Juli Gudehus (H. Schmidt, Mainz). Auf 3000 Seiten Bütten
Dünndruckpapier, broschiert in einem festen Schuber handeln 3500 Autoren 9700
Begriffe auf die unterschiedlichste Weise ab. Der Öffentlichkeit vorgestellt
wurde das Werk in einem zwölfstündigen Lesemarathon mit über 100 Autoren im Mai
im Werkbundarchiv in Berlin-Kreuzberg. Ein weiteres Monumentalwerk, die Ausgabe
von Arno Schmidts Zettels Traum in der Bargfelder Ausgabe, erhielt trotz
exzellenter Gestaltung wegen unzureichender buchbinderischer Verarbeitung nur
eine Anerkennung. Bei den Taschenbüchern wurde die Reihengestaltung einer
gebundenen Albert-Camus-Ausgabe (Rowohlt) ausgezeichnet, bei den Schulbüchern
ein vorbildliches Linder Biologiebuch (Schroedel). Der 2. Preis der Stiftung
Buchkunst wurde an ein gewagtes Kinderbuch vergeben: Kafka. Es enthält kurze
Texte von Franz Kafka, inszeniert durch phantastische Illustrationen von
Stefanie Hartes (Ravensburger). Einer der beiden 3. Preise ging an eine
zweibändige, durch Fotografien bereicherte Dokumentation über die deutsche
Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion. Die spartanisch-nüchterne Ausstattung
von Gaston Isoz mit ihrer abweisenden, verschnürten Umhüllung entspricht dem
schockierenden Inhalt dieser Dokumente aus einer düsteren Zeit. Als letztes
Beispiel sei noch ein Titel aus der Gruppe der Sonderfälle genannt: Für das in
kleiner Auflage im Siebdruck hergestellte, großformatige Bilderbuch Von einem,
der auszog das Fürchten zu lernen konnte die Autorin, Malerin und
Gesamtgestalterin Doris Freigofas einen Förderpreis für junge Buchgestalter
sowie ein Ehrendiplom „Schönste Bücher aus aller Welt, Leipzig 2011“
entgegennehmen.
Die bedauerliche Tatsache, daß nach vielen Jahren erstmals kein Faltblatt mit
den Angaben zu den ausgezeichneten Büchern herausgegeben wurde, deutete schon
auf Probleme bei der Stiftung Buchkunst hin. Uta Schneider verwies auf den
wieder hochglänzend gedruckten Katalog, der alle Daten wohlaufbereitet enthält
und für 16 Euro erhältlich ist (ISBN 978-3-9814291-0-7). In der Tat wird sich in
Zukunft einiges am Wettbewerb ändern; vorgesehen ist eine Reduzierung auf fünf
Sachgruppen, aus denen je fünf Titel ausgewählt werden, so daß es dann nur noch
25 „Schönste Bücher“ geben wird. Diese Verschlankung könnte die Überschaubarkeit
erleichtern, wie sich der Wettbewerb künftig überhaupt stärker an die Leser und
Buchkäufer wenden soll. Die neue Konzeption skizziert der Vorsitzende des
Vorstands der Stiftung Buchkunst, Thedel v. Wallmoden, in seinem Geleitwort zum
Katalogband.
Konrad Hawlitzki
Der Maler und
Graphiker Hans-Christoph Rackwitz. Neben dem großen und von den Hallensern
lange vorbereiteten Jahrestreffen der Pirckheimer-Gesellschaft im Juni in der
Saalestadt ging auch das interne Gruppenleben der halleschen Pirckheimer weiter.
So war am 31. Mai 2011 der Maler und Graphiker Hans-Christoph Rackwitz aus
Beesenstedt (Saalekreis) zu Gast bei den Pirckheimern. Rackwitz, Jahrgang 1956,
der seine Ausbildung von 1977 bis 1982 bei Frank Ruddigkeit an der halleschen
„Burg“ erhielt und durch einen langfristigen Lehrauftrag auch weiterhin seiner
Ausbildungsstätte verbunden blieb, gehört seit Jahrzehnten schon zu den
führenden Graphikkünstlern Sachsen-Anhalts. Viele der Anwesenden schätzen seine
fein strukturierten und sich durch ihre phantasievolle Sichtweise und
Konstruktion auszeichnenden Kaltnadelradierungen, die sich thematisch vor allem
im regionalen Umfeld Halles und des Saalekreises bewegen. Erinnert sei in diesem
Zusammenhang auch an die Graphik Marienbibliothek, die eigens für die Teilnehmer
des Pirckheimer-Jahrestreffens vom Künstler geschaffen wurde. Über ihren
Entstehungsprozeß sprach er dann auch besonders ausführlich, zeigte Skizzen und
Probedrucke und wies auch auf die Anforderungen und Schwierigkeiten hin, die ein
Kupferstecher zu bewältigen hat. Die meisten Zuhörer waren beeindruckt von den
technischen Fertigkeiten, die – nicht selten mit eigenen „graphischen Kniffen“
ergänzt – zu den künstlerischen Ergebnissen führten, die anschließend betrachtet
und bestaunt werden konnten. – Eine andere Seite seines Kunstschaffens
verdeutlicht seine derzeitige Arbeit an der Restaurierung des Wörlitzer
Palmensaals, wo ihm sein künstlerisches Naturstudium sowie auch seine gediegene
Handwerklichkeit als Zeichner und Radierer zugute kommen. Lebendig berichtete
der Künstler abschließend von seiner eindrucksvollen Reise nach Texas, wo er
einer Einladung der Curt-Riwa-Collection folgte.
Nicht zum ersten Mal sprach Hans-Christoph Rackwitz vor den halleschen
Pirckheimern über seine Arbeit, und die erneute Begegnung mit ihm war so
anregend, daß alle Anwesenden auf eine weitere Veranstaltung hoffen.
Ute Willer
Exkursion nach Rudolstadt. Angeregt vom Exkursionsbericht der Leipziger
Freunde im Vorjahr, führte die Jahresexkursion der halleschen Pirckheimer am 9.
Juli 2011 nach Rudolstadt, und die kleine Gruppe konnte diesen herrlichen
Sommertag auf vielfache Weise genießen. Bei einem vormittäglichen Kaffeeplausch
unter den Schatten spendenden Nußbäumen im Garten des Schillerhauses wurden die
Hallenser engagiert und kenntnisreich von Jens Henkel auf den historischen und
kulturellen Reichtum der thüringischen Saalestadt eingestimmt. Nach diesem
anregenden Auftakt bot die Besichtigung des erst 2009 rekonstruierten und zur
Schiller-Gedenkstätte eingerichteten Hauses der Familie von Lengefeld die erste
große Überraschung, als im Bibliotheksraum des Anwesens die Besucher auf fünf
installierten Bildschirmen ein fiktives Gespräch jener Personen nacherleben
konnten, die sich vor rund 224 Jahren in diesem Hause auch wirklich begegnet
sind – Friedrich Schiller und die hier lebenden Schwestern Caroline von Beulwitz
und Charlotte von Lengefeld, Charlotte von Stein aus Weimar und vor allem Johann
Wolfgang Goethe, mit dem Schiller hier erstmals im September 1788 zusammentraf.
Diese moderne Präsentation kam gut an und wurde im Nachklang des Tages noch
lange diskutiert.
Am Nachmittag war noch einmal Jens Henkel, der auch Mitarbeiter des Museums auf
der Heidecksburg ist, kundiger und hilfreicher Begleiter der Halle-Gruppe. Er
führte hier durch die umfangreiche Büchersammlung des Fürstenhauses
Rudolstadt-Schwarzburg, und auch dieser Einblick war für die meisten der Gruppe
erstmalig und überraschend. Eine solch bibliophile Schatzkammer hatten wohl die
wenigsten vermutet.
Von der einmaligen Ausstellung Rococo en miniature, die seit einigen Jahren
ihren ständigen Platz im ehemaligen Küchentrakt des Schlosses gefunden hat und
sofort zu der Attraktion im Besichtigungsprogramm der Heidecksburg avancierte,
hatte man schon einiges gehört, doch das dort Gesehene überbot alle Erwartungen.
Rococo en miniature – Die Schlösser der gepriesenen Insel mit seinen
Architekturen und Tausenden von Einzelfiguren, seinen geistvoll-witzigen
Anspielungen, die das ganz Kleine ganz groß und einmalig machen, dazu der
präsentierte muntere Briefwechsel seiner Schöpfer Gerhard Bätz und Manfred
Kiedorf – das alles nötigt, wie es auch die Begleitpublikation weise voraussagt,
zu genußvollen weiteren Besuchen der Heidecksburg. Und wer sich noch genauer
über einen solch schönen Tag hier informieren will: Herbert Kästner hat ebenso
begeistert und noch viel gründlicher in den MARGINALIEN, H. 200, 2010, S. 92-93,
darüber berichtet.
Ute Willer
Die
Frühjahrsexkursion des Leipziger Bibliophilen-Abends führte am Wochenende
28./29. Mai 2011 nach Bautzen und Görlitz, zwei geschichtsträchtige, heute
grenznahe, in den letzten Jahren liebevoll restaurierte Orte. Anlaß der Reise
war der Besuch der sächsischen Landesausstellung Via regia – 800 Jahre Bewegung
und Begegnung, aber zunächst ging es nach Bautzen. Der Höhepunkt des von sehr
kundigen Stadtführern in zwei Gruppen geleiteten Rundganges war der Besuch des
Diözesanmuseums St. Petri mit seiner an wertvollen Beständen reichen Bibliothek,
namentlich zur Lokal- und Landesgeschichte und zur Geschichte des Bistums Meißen
(jetzt Dresden-Meißen). Etwas ausgedehnter als geplant war, nach der
Mittagspause im sorbischen Spezialitätenrestaurant, ein Besuch im Antiquariat
Keller, das sich, soeben in neue, größere Räumlichkeiten umgezogen, mit einem
überraschend breiten und umfangreichen Angebot präsentierte. Für den Abend des
erlebnisreichen ersten Tages war Bernd-Ingo Friedrich aus Weißwasser eingeladen,
über die Anfänge des sorbischen Buchdruckes zu informieren, und das Thema erwies
sich als außergewöhnlich ergiebig und beanspruchte das Doppelte der vorgesehenen
Zeit. – Der Sonntagvormittag war dem Besuch der Landesausstellung vorbehalten,
in deren Mittelpunkt die via regia, die älteste Ost-West-Verbindung
Mitteleuropas steht, über die nicht nur Waren, sondern auch Kunst und Kultur
transportiert wurden. Die Handelsgeschichte und Reisen von Kaufleuten,
Künstlern, Soldaten und Pilgern entlang der Route von Spanien über Frankreich
und Sachsen bis nach Polen und die Ukraine, dargestellt an Hand originärer und
erstklasiger Objekte, belegt den vielfältigen innereuropäischen Transfer von
Wissen, Kultur und Zivilisation. – Am Nachmittag schwärmten die Bibliophilen zu
ganz individuellen Erkundungen aus, um sich etliches vom reichen Görlitzer
Angebot an historischen Sehenswürdigkeiten zu erschließen. Dankbar sei noch
erwähnt, daß auch Petrus auf unserer Seite war und die erlebnisreiche Exkursion
mit Prachtwetter begleitete.
H. K.
Werkstattgespräche bieten stets interessante Einblicke in die
Gedankenwelt und den Schaffensprozess eines Künstlers und erfreuen sich daher
großen Zuspruchs des Publikums. So auch am 7. Juni 2011, als der Dresdner Maler,
Graphiker und Bildhauer Hermann Naumann Gast beim Leipziger Bibliophilen-Abend
war; und um so mehr, als der Künstler bekanntlich das Reisen nicht liebt. Nur
selten verläßt er sein auf einer Anhöhe gelegenes Hofmannsches Gut in
Dittersbach nahe Stolpen im Tal der Wesenitz; seine Reisen finden im Kopf und im
Atelier statt – und in der Literatur, zu der er eine bibliophile Beziehung
pflegt, wovon seine Belesenheit ebenso wie seine beeindruckende Bibliothek
Zeugnis geben. So war es ganz zwangsläufig, daß sich Hermann Naumann namentlich
in seinem graphischen Werk vielfach von literarischen Themen inspirieren ließ.
Aus der beachtlichen Zahl der von ihm illustrierten Bücher sind den Bibliophilen
besonders seine bei Reclam realisierten Drucke Meine jüdischen Augen und
Rimbaud, Gedichte sowie Gerhart Hauptmanns Zur Charakteristik Jehovas
(Sisyphos-Presse Faber & Faber) gegenwärtig. Weniger bekannt sind die in eigenem
Auftrag und in kleinen, privat finanzierten Auflagen entstandenen Arbeiten,
häufig in Mappen gefaßte Zyklen zu literarischen Vorlagen, die ihn gefesselt und
zu graphischer Kommentierung herausgefordert haben. Dabei stehen ihm alle
graphischen Techniken zu Gebote. Je nach der Vorlage und der künstlerischen
Absicht finden wir, allesamt meisterhaft gehandhabt, Lithographien und
Holzschnitte und -stiche, Radierungen und Kupferstiche und die von ihm
wiederentdeckte Technik des Punzenstichs. Mitgebracht hatte der Künstler einige
Mappen aus der von ihm begründeten Moses-Presse, Holzschnitte zu Scholem
Alejchem, Tewje der Milchmann, zu Ausgeträumt von Charles Bukowski und zu den
Messer Gedichten von Michael Wüstefeld, Blätter zu Kafka, Hamsun, zum Alten
Testament – immer wieder überraschend nicht nur durch die Vielfalt der
verwendeten und zum Teil variierten graphischen Techniken, sondern auch durch
eine außerordentliche stilistische Wandlungsfähigkeit. Lebendig, anschaulich und
anekdotenreich wußte der Künstler über seine Arbeit zu berichten, Fragen wurden
gestellt und beantwortet, die Blätter kursierten, und noch lange nach Ende der
Veranstaltung saßen einige Bibliophile mit dem Künstler und seiner Muse Helga
Luzens im Café des Literaturhauses zusammen.
H. K.
Elementare
Bibliophilie hatte Dr. Johannes Saltzwedel seinen Vortrag übertitelt, der am
3. Mai 2011 im Leipziger Haus des Buches ein überaus zahlreiches und
interessiertes Publikum fand. Was gibt heute, am vielfach herbeigeredeten Ende
des Gutenberg-Zeitalters, den Anreiz, Bücher zu sammeln? Wie erwacht das
Interesse, wann beginnt die Leidenschaft – und wohin führt sie? Das waren
Fragen, die nicht nur die Mitglieder des gastgebenden Leipziger
Bibliophilen-Abends, sondern viele weitere, auch erfreulich viele jüngere
Freunde des Buches bewegen. An Beispielen aus seinem eigenen Weg zur
Bibliophilie machte der Referent deutlich, wie Entdeckerfreude, Neugier,
historisches Interesse, ästhetische Faszination und ein Gespür für innere
Kulturwerte den Funken schlagen, an dem sich ein bibliophiles Feuer entzünden
kann. An Objekten der eigenen Sammlung, die im Bild oder, in einigen Fällen, gar
realiter präsent waren, demonstrierte Johannes Saltzwedel den Reiz des
Originals, der Erst- und Vorzugsausgabe, die Aura des Pressendrucks und der Gabe
einer bibliophilen Gersellschaft, der Provinienz anhand von Widmungen, Exlibris
oder Eintragungen des Vorbesitzers. So konnte es nicht verwundern, daß die Rede
von ›elementarer‹ Bibliophilie, so man sie denn als Vorspiel späterer Ekstase
versteht, bald auf die höhere Form der ›bibliophilia activa‹ kam, der
wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Sammlung. Auch dazu gab es Beispiele:
So hat Johannes Saltzwedel kürzlich im Verlag zu Klampen Essays zu literarischen
und bibliophilen Themen unter dem Titel Finderglück veröffentlicht, und im
Internet findet man seine bearbeitete und ergänzte Fassung des Registers zum
Standardwerk von G. A. E. Bogeng Die großen Bibliophilen (unter www.venturus.de).
Nach dem mit viel Zustimmung und Beifall aufgenommenen kurzweiligen Vortrag
wurden noch das Gespräch mit dem Referenten und ein Blick in die mitgebrachten
Schätze gesucht.
H. K.
Lexika-Sammlung. Schwer zu tragen hatte Pirckheimer-Mitglied Dr. Ralph
Aepler. Er berichtete beim Treffen der Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar am 12.
Mai über einen seiner Sammlungs-Schwerpunkte, das Lexikon. Dazu hatte er viele
in jeder Hinsicht gewichtige Zeugnisse mitgebracht. In seiner Schulzeit hatte
Ralph Aepler seine Zuneigung zur Astronomie entdeckt, die ihn zum Sammeln
relevanter Literatur anregte, wobei auf Lexika nicht verzichtet werden konnte.
So präsentierte er sein erstes, mit deutlichen Spuren regen Gebrauchs behaftetes
„Lexikon“: Von Anton bis Zylinder aus dem Kinderbuchverlag (8. Auflage 1978).
Der gleiche Berliner Verlag versorgte die wissensdurstige Jugend mit Bänden der
Themenreihe Mein kleines Lexikon.
Mit fortschreitendem Alter weitete sich das Interesse von Ralph Aepler hin zu
älteren Ausgaben der großen Lexika. So hatte er den Zuhörern die Supplemente zum
Brockhaus Konversations-Lexikon Geschichte und Biographie, 2. Auflage,
erschienen 1896 bei R. Meyenburg, Berlin, mitgebracht, ebenfalls einen Band des
Großen Brockhaus, 15. Auflage von 1931, sowie den Ergänzungsband von 1935. Der
letztere enthält bemerkenswerte politisch bedingte „Korrekturen“. Der Referent
wies anhand dieses Beispiels darauf hin, daß sich die dirigistischen Maßnahmen
der damaligen Machthaber bis in die Lexikon-Redaktionen aller Verlage
auswirkten. Das zeigte besonders deutlich das Gegenwartslexikon der
Dieterich’schen Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1944.
Daß Gestaltung und Ausstattung von Lexika oft mit großer Sorgfalt ausgeführt
wurden, zeigt der Band Der Mensch und die Erde aus dem Verlag Bong & Co.,
Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart 1913. Der Ledereinband im Jugendstil ist ebenso
bemerkenswert wie die Qualität der Abbildungen. Lexika und andere
Wissensspeicher der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zeichnen sich durch
Lichtdruckabbildungen, Mehrfarben-Tiefdruck und Holzstichtafeln aus. Gerade bei
letzteren ist die Detailgenauigkeit besonders hoch. Dafür legte Ralph Aepler
entsprechende Beispiele vor. Als wichtiges Handbuch für den Lexika-Sammler
bezeichnete Ralph Aepler die Bibliotheca Lexikorum, ein kommentiertes
Verzeichnis der Sammlung Otmar Seemann, herausgegeben vom Antiquariat Inlibris,
Wien (2001, 708 Seiten).
Die Pirckheimer-Freunde bedankten sich herzlich für die wissenswerten Einblicke
in ein eher seltenes Sammelgebiet.
FP
Hier irrt der
Zeichner. Nein, in der Frage nach seiner größten Liebe werde ich dem
Zeichner Joachim John nicht widersprechen, und selbst in der Sache, um die es
hier geht und in welcher der Zeichner irrte, widerspreche nicht ich selbst,
sondern widerlege ihn mit einem früheren Zeugnis Johns.
Mit einer den MARGINALIEN, 200. Heft, beigelegten Zugabe danach konnten die
Teilnehmer am Jahrestreffen in Hannover überrascht werden, mit einer
Handzeichnung Joachim Johns zum Thema Leda mit dem Schwan. Als deren
Entstehungsjahr nannte ich, nachdem ich den Künstler danach gefragt hatte, doch
vom Zweifel geplagt, das offenbar falsche Jahr 1988. Mea culpa, denn ich ging
dem Zweifel nicht nach, recherchierte nicht; der Tag des Redaktionsschlusses war
bereits überschritten. Aber kurze Zeit später entdeckte ich dann doch in meiner
überdifferenzierten Ablage, in einer Mappe mit Material zur Relativität der
statistischen Methode in der kunstwissenschaftlichen Arbeit, diesen gut drei
Jahre früher geschriebenen Brief Joachim Johns vom 16. 3. 85:
„Sehr geehrter Herr Dr. Arlt, danke Ihnen für Ihr Interesse – ich weiß über das
von mir Hergestellte nicht so gut bescheid wie Sie, weil es mich, wenn es erst
gemacht ist, fast nicht mehr interessiert. (...) Ich habe mal vielleicht 500
kleine Zeichnungen zu ‚Aktäonʻ gemacht, 500 zu ‚Ledaʻ usw. Zu den
‚Antike-Entdeckungenʻ im Staatstheater Schwerin, eine Aufführung von 4
klassischen Stücken, die auch schon in Berlin, Frankreich und Österreich
gastierte (damit von 19.00 bis 23.30 Uhr). In den beiden großen Pausen also saß
ich im Foyer an einem Tisch und zeichnete vor den Augen der Leute ‚Antike
Szenenʻ, alle 2 Minuten, – im Ganzen mit den zuhause entstandenen ca. 800.
Vielleicht 400 sind noch bei mir, die anderen wurden ‚frisch vom Faßʻ im Theater
für 10,– M das Stück verkauft: Solidaritätsaktion des Theaters. – Die antiken
Stoffe interessieren mich, weil scenisch alles vorkommt, was möglich und
unmöglich ist. Man kann keine 3 Figuren skizzieren, die nicht in der Mythologie
irgendwo handelnd vorkommen. – Eine klassische (bürgerliche) Bildung habe ich
nicht. Vieles, von dem, was ich machte, ist nicht ‚aufhebenswertʻ (...)“
Daß darin John wiederum irrte, wird wohl jeder von uns, wenn er seine
Leda-Zeichnung in den Händen hält, behaupten wollen. Johns Kompositionen hat er
uns in einer anderen Art von Solidaritätsaktion für die Pirckheimer-Gesellschaft
preisgünstig überlassen. Daß er sich damit auch selbst einen kleinen Gefallen
getan hat, mag seine bittere Feststellung in einem Brief vom V. VI. MMX
andeuten:
„Ich habe keinen Marktnamen, und damit ist jeder Nachlaß den Erben eine
unzumutbare Belästigung. – In die Recyclingtonne! Es wird wieder Papier daraus
gemacht, und es kann sich mancher doch noch überlebende Graphikliebhaber damit
den Arsch abwischen. Allerdings unsigniert. Während dessen kann ich nicht
anders, als auf den großen Mist, den ich über 50 Jahre lang machte, noch pikante
Sahnehäubchen drauf zu scheißen – Sommergrüße!“
Peter Arlt |