Redaktionsschluss 18. April 2011

Wir gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 60. Geburtstag: Bernhard Köster (Haltern) am 11. 8., Dr. Klaus-Andreas Flatau (Berlin) am 3. 9. Zum 65. Geburtstag: Karl-Heinz Than (Berlin) am 5. 7., Jan-Dirk Missmahl (Aachen) am 26. 8., Eckhard Wazele (Neuruppin) am 15. 9. Zum 70. Geburtstag: Michael Duske (Berlin) am 19. 8., Wilfried Fritsch (Berlin) am 22. 8., Detlef von Baumgarten (Berlin) am 24. 8., Wilfried Onzea (Morstel) am 1. 9., Konrad Kutt (Berlin) am 9. 9., Theo Neteler (Melle) am 14. 9., Hans Jaeger (Herdecke) am 28. 9. Zum 75. Geburtstag: Peter Wolf (Plauen) am 12. 7., Dipl. Ing. Horst Priss (Neu-Isenburg) am 24. 7., Herbert Kästner (Leipzig) am 1. 9., Ursula Lang (Beeskow) am 21. 9., Zum 80. Geburtstag: Dr. Thomas Kaemmel (Berlin) am 15. 6., Wilfried Vorbrodt (Quedlinburg) am 6. 7., Erika Schulz (Herrnhut) am 11. 8. Zum 81. Geburtstag: Udo Mammen (Halberstadt) am 24. 7. Zum 82. Geburtstag: Prof. Dr. Diether Gussek (Halle) am 17. 8., Ingeborg Eckert (Berlin) am 3. 9. Zum 83. Geburtstag: Otto Gransitzki (Schönwalde) am 5. 8., Emil Georg Schrade (Aachen) am 16. 9. Zum 87. Geburtstag: Otto Neidhardt (Flieden) am 7. 7.

 

Neue Mitglieder: Gertraude Clemenz-Kirsch, Halle (Saale). Ulrich Heider, Antiquar, Köln. Arnd Keller, Antiquar, Bautzen.

 

Wir gratulieren Thomas Kaemmel zum 80. Geburtstag. Am 15. Juni begeht Dr. rer. nat. habil. Thomas Kaemmel seinen 80. Geburtstag. Der Berliner Geologe gehört zu den Gründungsmitgliedern unserer Gesellschaft, war einige Jahre Stellvertretender Leiter der Berliner Gruppe und wirkte von 1992 bis 1998 in bewegter Zeit als Schatzmeister im Vorstand unserer Gesellschaft. Das enge Verhältnis zu Büchern hat er von seinen Eltern geerbt: Die Mutter, Hanna Kaemmel, war lange Jahre beim Vorstand des DDR-Schriftstellerverbandes tätig, der Vater, der Finanzwissenschaftler Prof. Ernst Kaemmel, gehörte zum Gründungskomitee der Pirckheimer-Gesellschaft. Thomas Kaemmel hat mehrfach interessante Vorträge innerhalb und außerhalb der Pirckheimer-Gesellschaft über seine Sammelgebiete gehalten, so über Ausgaben des Kommunistischen Manifestes, pf-Karten, Gastronomisches und über das Sammlerehepaar Julius und Julie Elias, er Nordist, sie Journalistin und Autorin, zum Beispiel von Kochbüchern. Sie gehören ebenso zu seiner Verwandschaft wie Gertrud Kolmar und Walter Benjamin. Seine Sammlung Buchkalender bereitet er gerade für einen Vortrag auf.

 

Dietger Pforte erhält den Rahel Varnhagen von Ense-Medaille. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, verlieh in Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste um die Förderung des literarischen Lebens in Berlin dem Pirckheimer-Freund Prof. Dr. Dietger Pforte die Rahel Varnhagen von Ense-Medaille. Der Staatssekretär für Kultur, André Schmitz, nahm die Ehrung schon am 21. Oktober 2010 im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung der Senatskanzlei und der Stiftung Preußische Seehandlung in der Mendelssohn-Remise vor. Die Laudatio hielt Dr. Thomas Wohlfahrt. Mit der undotierten Auszeichnung, die von der Stiftung Preußische Seehandlung ins Leben gerufen worden ist und seit 1993 von der Senatskulturverwaltung in Verbindung mit der Stiftung verliehen wird, ehrt die Stadt Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um das literarische Leben in Berlin verdient gemacht haben. Bislang erhielten die Medaille Walter Höllerer, Elke Erb, Christa und Gerhard Wolf, Klaus Peter Herbach, Brigitte und Adolf Endler, Aldona Gustas, Eberhard Lämmert, Peter Wapnewski, Manfred Bofinger, Horst-Dieter Klock, Inge Deutschkron, Dietrich Simon, Klaus Wagenbach und Antonius Jammers. Dietger Pforte, so betonte André Schmitz, erhielt die Auszeichnung im 20. Jahr der Wiedervereinigung Deutschlands vor allem in Anerkennung seiner bleibenden Verdienste um das Zusammenfinden der Literaten und der Literaturen aus Ost und West und um die Neustrukturierung des literarischen Lebens in Berlin. André Schmitz hob zudem hervor, daß Pforte immer ein offenes Ohr für die nicht nur finanziellen Sorgen und Probleme der Autorinnen und Autoren gehabt hat und mit großem Engagement und Kenntnis aller Möglichkeiten und Wege vielen auch helfen konnte.

 

Ehrung für Prof. Stephan Füssel. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat zwei Mitgliedern die „Goldene Nadel“ für Verdienste um die Buchbranche und für ihr ehrenamtliches Engagement verliehen. Die Geehrten dieses Jahres sind Annemarie Schneider, Mitglied des Arbeitskreises unabhängiger Sortimenter, und unser Pirckheimer-Freund Prof. Dr. Stephan Füssel, Leiter des Buchwissenschaftlichen Instituts der Universität Mainz. Prof. Füssel, der 2. Vorsitzender der Willibald-Pirckheimer-Gesellschaft zur Erforschung von Renaissance und Humanismus e.V. ist und dem Vorstand der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft angehört, ist vielen Buchkundlern und Bibliophilen durch zahlreiche Veröffentlichungen zu buchwissenschaftlichen Fragen und zur Druckgeschichte und als Herausgeber des Jahrbuches der Gutenberg-Gesellschaft bekannt. Darüber hinaus betätigt sich Prof. Füssel als Herausgeber von kommentierten Faksimiledrucken herausragender Werke der Frühdruckzeit. In populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen hat Prof. Füssel das Wissen um Schrift, Mediengeschichte und Buchgestaltung dem Laien erschlossen. Auch in mehreren Fachgremien wird seine engagierte Mitarbeit sehr geschätzt.

FP

 

Zu unserer Rubrik Wir gratulieren … Wir können nur zum Geburstag gratulieren, wenn wir die Daten vorliegen haben. (Diese Daten fehlen uns bei allen Mitgliedern, die innerhalb des letzten Jahres keinen Geburtstagsglückwunsch per E-Mail erhalten haben.) Wir bitten alle Pirckheimer-Mitglieder um Angabe ihres Geburtsdatums und, falls vorhanden, der E-Mail-Adresse. Sofern nicht ausdrücklich freigegeben, werden die Angaben nicht veröffentlicht, sondern dienen nur der Vervollständigung unserer Mitgliederkartei sowie der Einsparung von Porto und, sofern Sie dem nicht widersprechen, für die Angabe von runden Geburtstagen in der Rubrik Wir gratulieren unseren Mitgliedern in den Marginalien. Die ergänzenden Daten richten Sie bitte an Abel Doering (info@pirckheimer.org, Tel.: 030-965 188 62).

A. D.

 

Der Lyriker und Herausgeber Peter Huckauf zu Gast. Am 17. Februar konnten die Berlin-Brandenburger Pirckheimer in ihrer Mitte den Berliner Poeten Peter Huckauf begrüßen, einen Künstler der ganz anderen Art, der seit 1977 in Wilmersdorf den kleinen Selbstverlag Neue Freiheit (vnf) betreibt und hier die alternative poetische Zeitschrift Chimäre herausgibt, selbstgefertigte Hefte (Huckauf ist stets Autor, Herausgeber, Gestalter und Hersteller), die in unregelmäßiger Folge erscheinen und es inzwischen bis zur Nummer 71 gebracht haben. Huckauf besteht darauf, daß eine Poesiezeitschrift absolut unabhängig und in einer Hand sein müsse. Leben könne er natürlich von Chimäre nicht, zumal er sich mit winzigen Auflagen begnügen muß. Immerhin wird die Zeitschrift von etlichen großen Bibliotheken gesammelt, in Berlin, Leipzig, Marbach … Und geschätzt werden die liebevoll und solide in einfachster Herstellungsweise gearbeiteten Hefte von Freunden und Gleichgestimmten längst, nicht nur in Berlin und deutschen Landen.

Huckauf hatte seinen interessanten sehr persönlichen Ausführungen Gedanken Juri Tynjanows von 1928 zu Velimir Chlebnikow vorangestellt, quasi als Signal für die eigene Haltung: „… Die Methode des Künstlers, seine Person, seine Sicht entwickeln sich selbst zu Themen. Das Infantile, die heidnische Urbeziehung zum Wort … führen natürlicherweise zum Heidentum als Thema.“

Viele Jahre hindurch hatte sich Huckauf mit Dadaismus, Surrealismus, Konstruktivismus und mit dem russischen Kubo-Futurismus im Umkreis Velimir Chlebnikows beschäftigt, hatte 1984 in Ostberlin den Lautpoeten Valeri Scherstjanoi kennengelernt, einen Verehrer Chlebnikows. Und so stellte Huckauf im ersten Heft seiner 1987 gestarteten Chimäre Buchstabengraphiken von Scherstjanoi vor, in der Folgezeit durch dessen Vermittlung experimentelle Arbeiten zahlreicher russischer Poeten. Huckauf selbst hat sorbische Wurzeln, spürte ihnen im Heft Aufhocker, dem Andenken seiner Mutter gewidmet (Nr. 60/2009), nach. Darin sein schönes Mut-Gedicht Die Tagelöhner auf den Gütern stehen unter Strom. Nach dem Mauerfall richtete sich das Interesse auf „gesamteuropäische künstlerische Korrespondenzen“, dabei vor allem Osteuropa betonend: „Mein Osteuropa begann sehr bald während zahlreicher Reisen in die DDR … und der Bekanntschaft mit sorbischer Kultur in den beiden Lausitzen.“

Freundschaftliche Kontakte entstanden, die regelmäßige Teilnahme an den Sorbischen Poesie-Festen führte zu Begegnungen mit polnischen und auch tschechischen Schriftstellern. Einladungen zu polnischen Poesie-Festen in Warschau, Posen, Krakau und Płock folgten und auch private Reisen. Ab 1997 finden diese Erlebnisse in Chimäre immer wieder ihren informativen und atmosphärischen Niederschlag. Dem tschechischen Schriftsteller Milan Hrabal aus Varnsdorf sind bereits zwei Hefte gewidmet. Auch kleine Porträts zu Carlfriedrich Claus, „dem Annaberger Künstlervisionär, zu Henryk Bereska, dem großen Polnisch-Übersetzer, und Oskar Pastior, Sprachzauberer aus Hermannstadt/Siebenbürgen“, veröffentlichte Huckauf in Chimäre.

Im zweiten Teil des Abends trug der Künstler eigene Gedichte vor, die Titel sprechen für sich: Schwarze Elster, Ode an Pumphut, Fahndung nach einem Vorbild, Felixmüller sieht Bautzen. In Umrissen wurde Huckaufs Bibliographie erkennbar. Neben Veröffentlichungen in sorbischen, polnischen, tschechischen, slowakischen und russischen Medien erschienen zahlreiche Gedichtbände, unter anderen Schwarze Elster (1970), lautraits (1981), Quecksilben (1989), Schwärzungen (1992), Krakauer Februar. Gedichte und Collagen (1998) und Vorwerk (2005).

In dem lockeren Schlußgespräch, animiert durch den reichen Chimäre-Büchertisch, würdigte Huckauf insbesondere seinen verehrten Freund Carlfriedrich Claus als unvergessenen Utopisten: ein freundlicher, kluger, aufmerksamer, gänzlich uneitler Künstler von Weltrang in Annaberg-Buchholz. Die Versammelten erlebten einen anregenden informativen Abend und dankten mit herzlichem Beifall.

U. L.

 

Gespräch über die Friedenauer Presse. Der erste Abend der Berlin-Brandenburger Pirckheimer im neuen Jahr galt einem längst einmal fälligen Thema, einem Gespräch über die Friedenauer Presse, die seit Jahrzehnten in Berlin-Charlottenburg ansässig ist. Dazu konnte das Herz und die Seele dieses vielgerühmten Kleinverlages, Katharina Wagenbach-Wolff, am 27. 1. im Berlin-Saal der Zentral- und Landesbibliothek herzlich begrüßt werden. Ursula Lang brachte, ausgehend von noch frischen Lektüreeindrücken von Produkten der Friedenauer Presse, in einem einfühlsamen Gespräch die Verlegerin zu bekenntnishaften Aussagen über Geschichte und Gegenwart der Institution sowie über ihren eigenen Lebensweg.

1931, also vor nunmehr 80 Jahren eröffnete, der aus St. Petersburg gebürtige Andreas Wolff in der Kaiserallee in Berlin-Friedenau seine Buchhandlung und Leihbücherei „Wolffs Bücherei“. Dort veranstaltete er (mit Unterbrechung von 1933 bis 1945) viele Leseabende, bis er 1963 einen kleinen, feinen Verlag gründete, der Essays, Briefe, Gedichte und Erzählungen als Literarische Flugblätter im Umfang von ein bis zwei Bogen herausbrachte: Die Friedenauer Presse war geboren. Der erste Titel war Die Ballerina von Günter Grass. Zu den frühen Autoren gehörten Christoph Meckel, Günter Bruno Fuchs, Hans Werner Richter, aber auch Joachim Ringelnatz und Heinrich Mann. Bis zum Tode Andreas Wolffs 1972 erschienen 36 Drucke, als letzter der Vortrag von Peter Suhrkamp Die Dichtung darf nicht aufhören. Aber erst 1983 ging die Dichtung weiter, es erschien der 37. Druck mit den Erinnerungen von Erich Fried an Ingeborg Bachmann, denn nun hatte sich die Tochter des Verlegers, Katharina Wagenbach-Wolff, in der Carmerstraße in Charlottenburg niedergelassen und führt von dort aus den Verlag bis auf den heutigen Tag fort.

Zu der Stammreihe der Friedenauer Presse kamen später die umfangreicheren, gebundenen Winterbücher, begonnen mit dem unerwartet erfolgreichen Requiem für eine romantische Frau (1988) von Hans Magnus Enzensberger, sowie die über 32 Seiten umfassenden Wolffs Broschuren, zumeist von Horst Hussel gestaltet und illustriert. Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildet seit den frühen Ausgaben von Daniil Charms und Isaak Babel die russische Literatur des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. In dem Slawisten Peter Urban hat die Verlegerin einen Partner gefunden, der als Übersetzer und Herausgeber vieler Titel das geistige Profil des Verlags wesentlich mitprägt. Zu den klassischen Autoren wie Gogol, Turgenev, Čechov oder Ivan Gončarov kamen solche Entdeckungen wie Leonid Dobyčin (1894-1936), von dem mit dem Roman Die Stadt N. (2009) bereits der dritte Titel vorliegt. Im Gespräch kam man über Philippe Claudels Roman Das Geräusch der Schlüssel (2010) zu den „schwierigen“ Texten von Horst Hussel und Wolfgang Hilbig, aber hier wird die Verlegerin prinzipiell: Sie mache kein Buch aus kommerziellen Gründen, sie mache Bücher, die ihr gefallen, selbst bei vorhersehbarem Mißerfolg!

Abschließend schilderte sie ihren Entwicklungsweg als Verlegerin von der Lehrzeit bei den Frankfurter Heften unter Leitung von Eugen Kogon und Walter Dirks bis zur Zusammenarbeit mit Klaus Wagenbach. Doch mal mußte ein Ende gefunden werden, und so fanden denn zum Schluß die mitgebrachten Bücher ihre Liebhaber.

Konrad Hawlitzki

 

Fritz Jüttners Reineke-Fuchs-Sammlung. Eine Sternstunde der Bibliophilie durften die Pirckheimer aus Berlin-Brandenburg und zahlreiche Gäste am 17. März 2011 erleben. Die in der Pankower Wollankstraße gelegene Galerie Joachim Pohl bot dafür mit der Ausstellung Christa Böhme (1933-2001) und Manfred Böttcher (1933-2001) – Arbeiten auf Papier einen noblen Rahmen. Dr. Fritz Jüttner stellte seine Sammlung Goethes Reineke Fuchs vor. Innerhalb von drei Monaten vollendete der 44-jährige Goethe dieses Tierepos in 12 Gesängen, die noch heute unerreichte Bearbeitung in Hexametern. Dazu benutzte der Dichter die hochdeutsche Prosaübersetzung des niederdeutschen Reynke de Vos von 1498, die der Leipziger Literaturprofessor J. C. Gottsched 1752 mit den Kupfern des Allaert van Everdingen herausgegeben hatte.

Es ist schon erstaunlich: Die Sprachschönheit und der Rhythmus beeindruckten den achtjährigen Jüttner derart, daß Goethes Dichtung prägend für sein ganzes Leben wurde. Das darf man getrost als ein Wunder bezeichnen, denn eine vom Vater aus den Trümmern geborgene und daher arg lädierte broschierte Schulausgabe (Schroedels Jugendbücher Bd. 60/61) verursachte diese Initialzündung. Gleichermaßen überraschte ihn damals der ungewöhnliche Ausgang der Geschichte. Nicht die gute Fee oder der gute Prinz siegten – wie im Märchen –, sondern am Ende triumphierte der listenreiche, machtbesessene Bösewicht Reineke Fuchs. Bereits zum Tode verurteilt, wird der Schlauberger geadelt und zum Reichskanzler ernannt. Auch eigene Dummheit und Gier verursachten das Unglück der Opfer. Mit diesem Spiegelbild menschlicher Schwächen gelang dem Weimarer Dichterfürst ein Buch immergültiger Lebensweisheit. Die „Umkehr zu ihr ist der einzige Weg, um die Erde mit dem Himmel zu versöhnen“, so urteilte Hermann Hesse. Unmittelbar nach der Vollendung im Jahre 1794 erschien Reineke zuerst in der J. F. Ungerschen Ausgabe von Goethes Neuen Schriften in Berlin, später 1808 und 1817 innerhalb der Werkausgabe bei J. G. Cotta (Stuttgart und Tübingen). Erst 1822 brachte F. A. Brockhaus (Leipzig) Reineke Fuchs als Einzelausgabe heraus. Die Zeichnungen Wilhelm von Kaulbachs, die auch in Stahlstichen und Holzstichen umgesetzt wurden, verhalfen dem Werk nach 1846/1847 zu immer neuen Auflagen.

Dem promovierten Philologen und seiner Frau gelang es im Verlaufe von mehr als fünf Jahrzehnte alle Druckvarianten der Erstausgabe und alle weiteren deutschen Drucke von Goethes Reineke aus dem 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ihre Sammlung Deutscher Klassik aufzunehmen (siehe auch Fritz Jüttner, „Sing, unsterbliche Seele ...“, in: Jubelrufe aus Bücherstapeln, 2006, S. 108-127). Über 60 Exemplare, darunter auch die drei Varianten der Unger-Ausgabe von 1794, hatte Jüttner mitgebracht. Er berichtete nuancenreich und begeistert über Besonderheiten einzelner Verleger und Verlage, über die Vorzüge einfacher und buchkünstlerisch anspruchsvoller Ausgaben. Ebenso spannend wie geistreich erzählte er von Akribie und Zufällen, der Hilfe von Freunden beim Erwerb aus Antiquariaten und Privatsammlungen. Die anekdotenhaften Reminiszenzen strahlten wie Blitzlichter auf besonders liebgewonnene bibliophile Kostbarkeiten. Mit überaus freundlichen Worten verwies Jüttner auf die umfangreiche Reineke-Fuchs-Sammlung des Brandenburger Pirckheimers Otto Gransitzki, der auf Grund hohen Alters an diesem Abend nicht dabei sein konnte.

Bis zum heutigen Tag wirkt die zeitlose Dichtung anregend auf Verlage und Illustratoren, davon zeugen Ausgaben mit Zeichnungen und Radierungen von Josef Hegenbarth, Franz Stassen, Walther Klemm, A. Paul Weber, Michael Mathias Prechtl, von Dieter Wiesmüller und Fritz Eichenberg. Zur Sammlung gehören auch die Nacherzählung von Franz Fühmann (Kinderbuchverlag, Berlin 1964 und 1982), mit farbigen Zeichnungen von Werner Klemke und moderne Tonträger mit so herausragenden Interpreten wie Erich Ponto, Eberhard Esche und Gert Westphal. Die gleichermaßen überraschten wie begeisterten Zuhörer dankten mit selten warmherzigem Beifall.

Die Jüttnersche Klassik-Sammlung wuchs in aller Stille durch beharrliches, leidenschaftliches Suchen und Sammeln im Stile einer „literaturhistorisch – bibliophilen Forschungsarbeit“. Sie stellt ein kulturelles Erbe von nationalem Rang dar und braucht keinen Vergleich mit aufwendig installierten Berliner Privatsammlungen „Bildender Kunst“ zu scheuen, die mit vielerlei medialen Lobpreisungen bedacht werden. Jede namhafte öffentliche Bibliothek dürfte sich glücklich schätzen, sie dereinst für Bildungs- und Forschungsaufgaben erwerben zu können.

Robert Wolf

 

Der Apotheker und Bibliophile Otto Hein. Angeregt durch die letzten Veranstaltungen der halleschen Pirckheimer, bei denen auch die vergangenen „bibliophilen Glanzzeiten“ der Saalestadt zur Sprache kamen – so der Vortrag von Walter Müller über Hans Hasso von Veltheim im vergangenen Oktober (siehe Marginalien, H. 1, 2011) und die Ausführungen des Sammlers Karl-Hartmut Kull am letzten „Mitbringselabend“ im Januar über die 40. Jahreshauptversammlung der Gesellschaft der Bibliophilen im Sommer 1939 in Halle – ließ sich Dr. Walter Müller nicht lange bitten, einen weiteren großen Büchersammler der Saalestadt vorzustellen, dessen Name bei vielen Hallensern noch vierzig Jahre nach seinem Tod sofort Erinnerungen hervorrief, den Apotheker und Pharmakologen Dr. Otto Hein (1886-1968). Walter Müller selbst ehrte den Goethe-Liebhaber und Sammler in einem kurzen Zeitungsartikel (Sonntagsnachrichten, Halle am 10. April 2011) zu seinem 125. Geburtstag und gab hier auch gleichermaßen ein Resümee seines Vortrages bei den Pirckheimern:

„Am 26. Februar 1886 in Poppenlauer bei Kissingen geboren, besuchte Otto Hein zunächst die Gymnasien in Münnerstadt, Lohr und Bamberg, bevor er ab 1904 den Apothekerberuf erlernte. 1908 nahm er an der Universität München das Pharmaziestudium auf. Schon in München begann seine Sammelleidenschaft, die sich vor allem auf alte Kräuterbücher, jegliches pharmazeutische Kulturgut sowie sämtliche Erstausgaben und die Primärliteratur über den großen deutschen Dichter konzentrierte. Nach dem Staatsexamen 1913 in Rostock und praktischen Tätigkeiten in mehreren Apotheken erwarb er am 1.Oktober 1919 in der Saalestadt die Victoria-Apotheke.

Als Kunstmäzen trat der den Künsten besonders zugetane Apotheker Hein seit Ende der 1920er Jahre bis zu seinem Tod in Halle sehr oft als Sponsor in Erscheinung. Er kaufte aber auch selbst mehrfach Werke von befreundeten Künstlern beziehungsweise vermittelte Aufträge in seinem großen Bekannten- und Freundeskreis. Eng befreundet war er mit zahlreichen halleschen Professoren, Wissenschaftlern und Künstlern wie dem Schriftgestalter Herbert Post (1903-1978), dem Bildhauer und Burgprofessor Gustav Weidanz (1889-1970), dem Bildhauer Richard Horn (1898-1989) oder Theaterkünstlern wie den Schauspielerinnen Ellen Weber-Erlenwein (1906-1992) und Erika Dannhoff (1909-1996). Auch der Ostrauer Schloßbesitzer, Anthroposoph und Weltreisende Hans Hasso von Veltheim (1885-1956) war bis zu seiner Flucht am 15. Oktober 1945 öfters im Hause Hein zu Besuch. Der seit 1928 in Halle wohnende Graf Felix Luckner (1881-1966) gehörte gleichfalls seit 1939 zu den häufigen Gästen in der so genannten Stübchenrunde.

Otto Hein sammelte nicht nur für sich, sondern zeigte seine Schätze in jährlich mehrfach wechselnden Schaufensterausstellungen in seiner Apotheke. Älteren Hallensern dürften noch seine seit dem Goethejahr 1949 regelmäßig repräsentierten Ausstellungen mit Exponaten aus seinen umfangreichen Sammlungen in Erinnerung sein. Themen wie ‚Alte Heilpflanzenʻ, ‚Kräuterbücher aus mehreren Jahrhundertenʻ beziehungsweise Jubiläen von bedeutenden Medizinern und Apothekern führten dazu, daß sich die Passanten an den interessanten kulturgeschichtlichen Exponaten erfreuten. Aber auch stadtgeschichtlich bedeutsame Ereignisse wie die seit 1953 jährlich veranstalteten Händelfestspiele oder die 1000-Jahr-Feier 1961 wurden von ihm mit entsprechenden Ausstellungen gewürdigt. Bei der bei seinem Tod am 3. November1968 nahezu 13 000 Bände umfassenden Büchersammlung aus zahlreichen Wissensgebieten dürfte es sich um eine der größten halleschen Privatbibliotheken dieser Zeit gehandelt haben.“

Bleibt nachzutragen, daß viele dieser mit unterschiedlichen Exlibris gekennzeichneten Bücher über den Antiquariatsbuchhandel den Weg in die Sammlungen hallescher Bücherfreunde fanden. Der gut besuchte Abend zeigte das große Interesse der Pirckheimer und ihrer „Gasthörer“ an der bibliophilen Vergangenheit Halles. Dr. Walter Müller und auch Karl-Hartmut Kull, der eine Publikation hierüber vorbereitet, ist es zu danken, daß sie diese erschließen und bewahren.

Walter Müller / Ute Willer

 

Der LUBOK Verlag, den Lesern der Marginalien in Heft 200 von Matthias Gubig vorgestellt, gab nun, am 1. Februar 2011, auch im Leipziger Bibliophilen-Abend seine Visitenkarte ab. Allerdings hatten die Besucher dieser Präsentation den Vorteil, daß die attraktiven, mit bunten Umschlägen auftretenden LUBOK-Bücher und die Hefte der Serie LUBOK spezial zur Einsichtnahme und zum Blättern vorlagen. Vom spiritus rector des Unternehmens, dem Maler und Graphiker Christoph Ruckhäberle eingeladen, bearbeiten junge Künstlerinnen und Künstler aus Malerei und Graphik, die sich noch in der Ausbildung befinden oder diese soeben abgeschlosen haben, ein Thema eigener Wahl in der Technik des Linolschnittes. Obwohl Format und Technik sowie das harte Schwarzweiß für alle Künstler vorgegeben sind, überrascht die Vielfalt der Handschriften und Herangehensweisen immer aufs Neue. Die Linolschnitte werden vom Drucker Thomas Siemon (Edition carpe plumbum) von den originalen Druckstöcken auf einer Schnellpresse Präsident aus dem Jahre 1958 gedruckt.

Christoph Ruckhäberle erläuterte, assistiert von Henriette Weber, die Intentionen des Unternehmens und stellte einzelne der Hefte genauer vor. Auf Interesse stießen insbesondere die Themenhefte der Reihe LUBOK spezial, in der Altmeister Volker Pfüller bereits vier Titel vorgelegt hat. Bei den LUBOK-Büchern wurde angemerkt, daß in einigen Heften zu viele Teilnehmer mit folglich jeweils nur wenigen Graphiken Aufnahme finden, wodurch es schwer wird, die Handschrift des Künstlers zu erkennen. Es überraschte zu hören, daß die Beschränkung auf Nennung lediglich der Namen der (zumeist noch wenig bekannten) Künstler durchaus Prinzip ist; für Auskünfte über Vita, Ausbildung und künstlerischen Werdegang muß der Interessent das Internet bemühen, zum Beispiel die Homepage des LUBOK Verlages (sic!).

Offenbar hat der Verlag mit diesen originalgraphischen Büchern, die einerseits ein Experimentierfeld für jüngere Künstler bieten, andererseits ein preisgünstiges Angebot für Sammler sind, eine Marktlücke gefunden, wie die erfreuliche Resonanz im In- und Ausland beweist. Erfreulich war auch die Resonanz auf die lebendige und frische Vorstellung des Verlages bei den Leipziger Bibliophilen, und etliche der mitgebrachten Bücher hatten nach Schluß der Veranstaltung neue Besitzer.

H. K.

 

Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller und Leser im „Dritten Reich“ heißt das bisher vernachlässigte Thema, dessen sich der Buchhistoriker Christian Adam angenommen hat (vgl. die Rezension von Hans Altenhein in diesem Heft). Am 5. April 2011 folgte der Autor einer Einladung des Leipziger Bibliophilen-Abends zu Lesung und Gespräch, und einer der größeren Säle im Haus des Buches war nötig, um die große Zahl der Interessenten zu fassen. Mark Lehmstedt, ausgewiesener Kenner der Buch- und Verlagsgeschichte, führte den Autor ein und moderierte die Veranstaltung, die sicher für viele neue Erkenntnisse wie auch überraschende Einblicke bereithielt. Es war lange Zeit landläufig, die zwölf Jahre des „Dritten Reiches“ literarisch, buchhandelsgeschichtlich oder lesesoziologisch als marginal zu betrachten. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten thematisierten diverse Einzeluntersuchungen diesen Gegenstand, den Christian Adam in einer Überblicksschau auf der Basis der im Untertitel seines Buches genannten Begriffe zu erfassen versucht. Die Buchbranche boomte, trotz Vertreibung unzähliger – darunter der besten – Autoren, trotz verbrannter Bücher und Verbotslisten, auch in den sechs Kriegsjahren. Freilich konnte das entstandene ›intellektuelle Vakuum‹ weder aufgefüllt noch von einer erwünschten ›Literatur des Nationalsozialismus‹ ersetzt werden. Die Bedeutungsarmut vor allem der schöngeistigen neuen Literatur im NS-Staat, aber auch eine gewisse Tabuisierung dieser Themen darf man getrost als Grund dafür sehen, daß erst so spät eine genauere Untersuchung eingesetzt hat. Mehr als ein Jahrzehnt suchte Christian Adam in Antiquariaten, auf Flohmärkten und in Archiven Material darüber, was unter Hitler gelesen wurde. In seinem Buch untersucht er, wie Bücher in der NS-Zeit entstanden und wie sie sich zu »Beststellern« entwickelten (oder gemacht wurden). Er stellt die politischen Institutionen und Protagonisten vor, die um die Oberhoheit über die Bücher rangen. Er schreibt die Geschichte der auflagenstärksten Bücher in der düstersten Epoche der deutschen Vergangenheit und öffnet damit einen neuen Blickwinkel auf die Mentalität der Deutschen zwischen 1933 und 1945. Christian Adam stellte sein Buch in zusammenfassenden Beschreibungen und ausgewählten Leseblöcken vor. Mit der Einführung von »zehn der erfolgreichsten Buchtypen« versucht er eine klare methodische Struktur für sein Material zu schaffen. Der Gefahr der Uferlosigkeit entzieht er sich durch die Beschränkung auf Titel, von denen eine Auflage von mindestens 100 000 Exemplaren nachweisbar ist. Damit gelingt ihm eine konzentrierte, noch immer außerordentlich materialreiche Darstellung, die sich – nimmt man sein Buch selbst zur Hand – durchaus spannend liest, auch wenn man nicht jeder Adamschen Formulierung oder Beurteilung folgen möchte. Sichtbar werden auch die Nutznießer der Buchproduktion: ob Hitlers Mein Kampf oder die Elaborate seiner Paladine – sie haben ihren Verfassern und Verlagen Spitzengewinne eingebracht. In manchem Fall waren diese Bestseller Basis für Aufstieg und wirtschaftlichen Erfolg in bundesrepublikanischer Zeit. Verblüffend ist, daß viele der Erfolgsbücher der NS-Zeit schon vor 1933 entstanden waren, wie es auch verwundert, daß etlichen dieser Titel nach 1945 ein zweites Leben ermöglicht wurde.

EP

 

Schönste Bücher 2010. Alle Jahre wieder und doch jedes Jahr neu: die Vorstellung der »Schönsten deutschen Bücher«. Die Ausstellung im Leipziger Haus des Buches wurde zwar schon am 1. März 2011 eröffnet, aber die Bibliophilen erwarteten die Finissage am 13. April, wenn die Vitrinen ausgeräumt werden und die Bücher zu genauerer Visitation bereitliegen. Über die Arbeit der Jury berichtete Uta Schneider, die Moderatorin des Wettbewerbs, sowie die Juroren Heidrun Drabke (Kunst- und Verlagsbuchbinderei Leipzig) und Andreas Pöge (Druckerei Pöge, Leipzig), die beide der ersten, für die Qualitätsprüfung der technischen Parameter verantwortlichen Jury angehörten. Während dort der Bewertung ein ziemlich objektiver Maßstab zugrunde liegt, hat die durch die zweite Jury vorzunehmende Einschätzung der Gestaltung, des buchkünstlerischen Niveaus begreiflicherweise eine stark subjektive Komponente und ist daher auch von der jährlich wechselnden Zusammensetzung dieser Jury nicht unabhängig. Damit allerdings wollten sich einige Diskutanten nicht abfinden und forderten auch hier mehr Objektivität ein, zumal wie alljährlich nicht alle prämierten Bücher auf die gleiche Zustimmung wie bei den Juroren stießen. Obgleich die Jury in ihrem Bericht (vgl. den wohlgestalteten Katalog) die Auszeichnung jedes Titels begründet, wurde doch eine mangelnde Transparenz der Juryarbeit angesprochen. Indem neuerdings auch die Bewertungsbögen der Jury unter Verschluß gehalten werden, ist die letzte Rückkoppelung zu den einsendenden Verlagen abgerissen – sie können aus den kritischen Stimmen der Juroren keine Lehren für ihre künftigen Projekte mehr ziehen. Das Niveau der Buchkunst wird somit zwar registriert, aber nicht – durch kritischen Vergleich – befördert. Es ist ohnehin zu bemerken, wie Uta Schneider betonte, daß die durch Mehrheitsvotum der Juroren hervorgehobenen Bücher nur als ›Schönste‹ unter den eingereichten Titeln anzusehen sind und sich etliche Verlage aus unterschiedlichen Gründen bereits aus dem Wettbewerb zurückgezogen haben, zum Beispiel solche, die aus ökonomischen Erwägungen auf einen professionellen Gestalter verzichten. Erneut bewies auch die diesjährige Debatte, an der wieder erfreulich viele junge Interessenten teilnahmen, daß keine noch so schöne Ausstellung den kritischen Dialog über den Stand der Buchkunst ersetzen kann. (In diesem Zusammenhang sei angemerkt, daß die in der Deutschen Bücherei Leipzig stattfindenden Jurysitzungen für die »Schönsten Bücher der DDR« stets öffentlich waren.) Das Resumee für den Buchjahrgang 2010 bestätigt ein anhaltend hohes buchgestalterisches Niveau der ausgezeichneten Titel, unter denen es an besonders innovativen, experimentierfreudigen und herausragenden Arbeiten diesmal allerdings mangelte.

H. K.

 

Allerlei Leipziger Antiqua. Die kleine Wortspielerei des Vortragsthemas am 1. März 2011 im Haus des Buches Leipzig assoziiert zwar das kulinarische „Leipziger Allerlei“, der Inhalt stellte jedoch ein Stück Schriftgeschichte dar. Ausgangspunkt war im ersten Teil des Vortrags von Dr. Thomas Glöß die Frage, warum in der lateinischen Schrift A nicht gleich a ist, wodurch also viele Buchstaben eine andere Majuskelform erlangt haben als ihre entsprechenden Minuskeln. Der von Bildbeispielen begleitete Entwicklungsweg führte von der monumentalen römischen Inschrift über die Entstehung der Antiquaschrift in der Renaissance bis in die heutige Zeit und brachte spannende und überraschende Erkenntnisse. Im zweiten Teil ging es um die Verknüpfung der Buchstadt Leipzig mit der Antiquaschrift. Das verbindende Element stellt dabei der humanistische Gedanke dar, der hinter Leipzig als einer von starkem und aufgeklärtem Bürgertum bestimmten Universitäts-, Buch- und Handelsstadt steht. Mit einem virtuellen Stadtrundgang wurde mit exemplarischen Beschriftungen diese Verbindung belegt. An dessen Anfang stand das Alte Rathaus, das eine der längsten und auch eindrucksvollsten Inschriften in Antiqua trägt. Abgerundet wurde die Reihe von Beispielen mit einer Druckschrift, welche die Verbindung auch mit dem Namen auf den Punkt bringt, der „Leipziger Antiqua“. Diese Druckschrift entwarf in den 1970er Jahren Professor Albert Kapr, Typograph und langjähriger Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Den Namen wählte er als Reminiszenz an die Stadt, die über mehrere Jahrhunderte untrennbar mit humanistischer Schriftkultur verbunden war.

Th. G.

 

Schiller in Mannheim. Das erste Treffen im neuen Jahr vereinte die Mitglieder der Regionalgruppe Rhein-Main-Neckar am 17. März in Großsachsen. Karlheinz Niedoba, Germanist und Historiker aus Heidelberg, referierte über die Mannheimer Aufenthalte Friedrich Schillers. Das dortige Nationaltheater hatte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen ausgezeichneten Ruf (wie auch derzeit). Unter der Intendanz von Wolfgang von Dalberg (1750-1806) waren namhafte Schauspieler, unter anderen August Wilhelm Iffland (1759-1814), dort engagiert. Dalberg war immer auf der Suche nach erfolgversprechenden Theaterdichtern. So wandte sich auch der junge Schiller nach seiner Entlassung aus der Hohen Karlsschule zu Stuttgart und müde der Auseinandersetzungen mit dem Württemberger Herzog nach Mannheim. Begleitet wurde er von seinem Freund Andreas Streicher, der über die gemeinsamen Erlebnisse in seinem Buch Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim berichtete (bei Cotta, Stuttgart und Augsburg 1836). Hier im „Ausland“ war er frei, und das ihm auferlegte Schreibverbot galt nicht.

Bereits 1780 hatte Schiller die Niederschrift des ersten Stückes Die Räuber begonnen. Aber das Manuskript ließ sich nicht verkaufen. Deshalb erfolgte der erste Druck auf eigene Kosten. Diesen Vorabdruck erhielt der Mannheimer Verleger Christian Friedrich Schwan, der aber mit dem sprachlichen Duktus nicht ganz einverstanden war. So erschien 1782 in der Schwanischen Buchhandlung eine „Neue für die Mannheimer Bühne verbesserte Ausgabe“. Eine folgende Auflage erschien bei Tobias Löffler, Mannheim, die gesuchte „Löwenausgabe“. Für die Uraufführung am Nationaltheater im Jahre 1782 änderte Dalberg seinerseits eigenmächtig die Texte, diese erste Bühnenfassung wurde aber nie gedruckt. Iffland spielte den Franz Moor. Die Aufführung war ein Erfolg.

Der Herzog berief Schiller nach Stuttgart zurück, dieser traute sich aber nicht. Er wandte sich nach Sachsenhausen bei Frankfurt. Im Gepäck hatte er bereits den Fiesco. Dieses Stück wurde aber von Dalberg abgelehnt, weil er es nicht für bühnentauglich hielt. Schwan allerdings nahm das Manuskript an und gab es im Druck heraus. Im Juli 1783 berief Dalberg Schiller als Theaterdichter an das Nationaltheater. Im September 1783 erkrankte Schiller am Nervenfieber (Malaria), das zu jener Zeit im feuchten Rheintal häufiger auftrat. Im Januar 1784 wurde Fiesco und im April 1784 Luise Millerin uraufgeführt. Aber das Engagement war nicht von langer Dauer. Nach einem Jahr kam es zum Zerwürfnis mit Dalberg. Auch soll Schiller in Mannheim unter unglücklichen und letztlich gescheiterten Liebschaften gelitten haben, unter anderem mit Charlotte von Kalb.

Der Referent hatte zur Freude der Anwesenden seinen lebhaften Vortrag mit der Vorlage der genannten Erstausgaben gewürzt.

FP