Redaktionsschluss 18. Januar 2011

Wir gratulieren unseren Mitgliedern
Neue Mitglieder
Ein Jubelruf aus Bücherstapeln
„... und manch liebe Schatten steigen auf“.
     Zum Tod von Wolfgang Kirsch

Ein Gespräch mit Klaus Ensikat
Lesung mit Kerstin Hensel
Interessante Erwerbungen 2010
Hans Hasso von Veltheim aus Ostrau
Ein Abend mit Elmar Faber
20 Jahre Leipziger Bibliophilen-Abend
Sammlerabend der Region Rhein-Main-Neckar
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 60. Geburtstag: Dr. Gustav Lange (Berlin) am 11. 4., Ulrich Scholz (Hoevelhof) am 28. 6. Zum 65. Geburtstag: Manfred Kujau (Brandenburg) am 12. 4., Hans Wilfried Neubauer (Egg bei Zürich) am 24. 6. Zum 70. Geburtstag: Prof. Klaus Waschk (Hamburg) am 4. 6., Petra Heine (Hoyerswerda) am 5. 6., Jutta Osterhof (Berlin) am 11. 6., Hansjörg Viesel (Falkensee) am 17. 6. Zum 75. Geburtstag: Ferdinand Puhe (Eltville-Erbach) am 11. 4., Dr. Ralf Wendt (Schwerin) am 14. 4., Günter Hermann (Annaberg-Buchholz) am 4. 5., Prof. Dr. Dankwart Stiller (Halle) am 18. 5., Doris Hesse-Künanz (Lutherstadt Wittenberg) am 1. 6., Adolf Jahneke (Berlin) am 15. 6. Zum 80. Geburtstag: Harald Kretzschmar (Kleinmachnow) am 23. 5. Zum 82. Geburtstag: Kristian Bäthe (Filderstadt) am 29. 6. Zum 83. Geburtstag: Heinz Wegehaupt (Berlin) am 24. 6. Zum 85. Geburtstag: Werner Papke (Berlin) am 3. 5. Zum 90. Geburtstag: Johannes Kopp (Halle/Saale) am 28. 6.

Neue Mitglieder: Dr. Thilo Berkenbusch, Chemiker, Worms. Dr.-Ing. Robby Fröhlich, Lead-Ingenieur, Dresden. Rainer Kocherscheidt, Antiquar, Velbert. Dorothee Trumpa, Berlin. Peter Wolf, Lehrer, Plauen.

Ein Jubelruf aus Bücherstapeln

Von Grönlands Küste bis nach Feuerland,
Vom Nordkap bis in sonnige Australien
Ist eine deutsche Zeitschrift wohlbekannt
Und wandert heiß begehrt von Hand zu Hand
Ihr Name ist bescheiden: MARGINALIEN.

Doch jedes Heftes Seiten sind gefüllt
Mit Texten, ganz und gar nicht marginalen,
Mit klugen Studien über Buch und Bild,
Die – leidenschaftlich oder sachlich mild –
Als Kostbarkeiten weit ins Künftge strahlen.

Garant für einer Zeitschrift hohen Rang –
Das ist der Redakteur zu allen Zeiten.
Hier nenn ich Namen von erlesnem Klang:
Bis achtundneunzig war es Lothar Lang.
In Carsten Wurm bejubeln wir den zweiten.

Dem Redakteur zur Seite steht und stand
Ein Red.kollegium von edlen Geistern,
Dazu Heinz Hellmis mit der goldnen Hand
Und nicht zuletzt der Arbeitskreis Versand.
So lässt sich spielend jede Hürde meistern.

Die MARGINALIEN-Freunde feiern heut.
Im Freudentaumel ruhen die Geschäfte.
Ein Jubelruf tönt laut im Festgeläut:
Wir grüßen Heft zweihundert hocherfreut!
Wir danken Carsten Wurm für fünfzig Hefte!

Die MARGINALIEN bleiben auch fortan
In aller Welt berühmt, beliebt, bewundert.
Der dies Jubiläumslied ersann,
Stößt froh aufs Wohl der MARGINALIEN an:
Viel Glück und viel Erfolg den nächsten hundert!

Fritz Jüttner

„... und manch liebe Schatten steigen auf“. Zum Tod von Wolfgang Kirsch. 2008 bot der 70. Geburstag einen schönen Anlaß, um über Wolfgang Kirsch zu schreiben und ihm auf diese Weise für viele schöne Pirckheimer-Abend und gemeinsame Erlebnisse zu danken (vgl. MARGINALIEN, H. 1, 2009). Heute ist es ein trauriger Anlaß – Wolfgang Kirsch ist am 9. Dezember 2010 nach kurzer, schwerer Krankheit in Halle gestorben.
Mit Prof. Dr. phil. Wolfgang Kirsch, geboren am 31. Dezember 1938 in Westewitz bei Döbeln, verlieren die halleschen Pirckheimer denjenigen, der 1975 mit Unterstützung anderer Bücher- und Graphikfreunde die Bezirksgruppe Halle gegründet hat. In seinem Beitrag ... und manch liebe Schatten steigen auf im Almanach Jubelrufe aus Bücherstapeln (Wiesbaden 2006, S. 47 ff.) stellt er eindrucksvoll dar, wie die Regionalgruppe Halle an der Saale über die Zeiten gewirkt hat und welche informativen und wunderbaren Veranstaltungen stattgefunden haben. Als Vorsitzender hat er von 1975 bis 1985 und dann noch einmal von 1998 bis 2003 für ein abwechslungsreiches und anspruchvolles Pirckheimer-Leben gesorgt. Es muß nicht betont werden, daß Halle im Unterschied zum benachbarten Leipzig oder gar zu Berlin ein hartes Pflaster für die Bibliophilie ist. Umso verdienstvoller waren die Begründung und der Zusammenhalt der Gruppe. Wie wichtig die Pirckheimer für Wolfgang Kirsch selbst waren, hat er mir gegenüber einmal 2008 sehr nachdrücklich erklärt: „... Das hat mein Leben unwahrscheinlich bereichert. Einmal durch die Veranstaltungen und dann durch die Person Lothar Lang. Diesen Beitritt würde ich als einen der großen Glücksfälle meines Lebens betrachten.“ Weniger bekannt ist, daß Wolfgang Kirsch 1990 auch bei der (Wieder-)Gründung des Halleschen Kunstvereins Pate stand; seine verstorbene Frau Erika Kirsch war die erste Schatzmeisterin des Vereins.
Wolfgang Kirsch war vielseitig kulturell interessiert, doch seine eigentliche Profession war die Klassische Philologie, in der er als Latinist besondere Anerkennung genoß. Seine Frau Gertraude Clemenz-Kirsch, die die letzten 13 Jahren mit ihm teilte, hat mir erzählt, daß er gern auch seine Reise nach den wissenschaftlichen Interesse plante, etwa Frankreich bereiste, um sein letztes Werk, an dem er bis zum Schluß arbeitete, voranzubringen. Die seit 2004 im Verlag Hiersemann, Stuttgart, erschienenen Bände Laudes sanctorum. Geschichte der hagiographischen Versepik vom IV. bis X. Jahrhundert sollten mit dem gegenwärtig in Arbeit befindlichen Band komplettiert werden. Der Verlag schrieb ihm, daß seine Arbeit auf jeden Fall abgeschlossen und publiziert werde. Leider hat ihn dieser Brief nicht mehr erreicht. Inzwischen hat sein Kollege Prof. Dr. Walter Berschin, Heidelberg, zugesagt, die Arbeit an dem letzten Band, der bis auf wenige verbindende Passagen bereits abgeschlossen war, im Sinne von Wolfgang Kirsch zu Ende zu führen.
Wolfgang Kirschs Wunsch, noch möglichst viele der Klöster zu sehen, aus denen die von ihm erfaßten und bearbeiteten Texte kamen, kann er nun leider leider nicht mehr weiter verfolgen. Uns, den halleschen Pirckheimern, wird er als ständiger Inspirator und Referent und aufgeschlossener und diskussionsfreudiger Teilnehmer unserer Veranstaltungen fehlen. Meine Frau und ich haben mit ihm außerdem einen guten Freund und Vertrauten verloren. So wird in Erinnerung an ihn – um ihm das letzte Wort zu lassen – wohl immer „so mancher liebe Schatten“ aufsteigen ...
Hans-Georg Sehrt

Ein Gespräch mit Klaus Ensikat versammelte die Berlin-Brandenburger Pirckheimer am 21. Oktober in der Galerie Joachim Pohl. Dicht gedrängt saßen die zumeist langjährigen Verehrerinnen und Verehrer des Künstlers, als Carola Pohlmann, die das Gespräch leitete, mit einem kleinen Paukenschlag begann: Ensikats Leben – ein „offenes Buch“, einer Vorstellung des Künstlers bedürfe es nicht, die zahlreichen Preise seien auch bekannt und ein gerade eben neu zugesprochener Preis würde demnächst schon wieder verliehen. Ensikat war (schien) überrascht. Der heitere Auftakt zeigte Wirkung, es wurde ein erlebnisreicher, informativer und sehr vergnüglicher Abend, gerade auch deshalb, weil der Künstler wie stets lakonisch knapp und wider die Erwartung reagierte, sehr viel mehr dadurch verriet, was er aussparte oder auch freundlich bespöttelte, wie die Frage nach den „wichtigsten Eigenschaften des Illustrators“, nämlich „Fleiß, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit“…
Das Gespräch begann mit Ensikats künstlerischen Anfängen als Dozent an der Fachschule für angewandte Kunst 1961 in Berlin.Von einem „kuriosen Beginn“ war zu hören: als „Aushilfe“ anfangs, stundenweise bezahlt, erst nach Jahresfrist hätte sich eine Festanstellung ergeben. Seit 1965 arbeitete Ensikat als freiberuflicher Graphiker, zunächst bei der DEWAG, aber auch für Zeitungen wie den Sonntag, um „Bleiwüsten aufzulockern“.
Zu erfahren war, daß sich des Illustrators Arbeit für Kinder und Erwachsene vom Herangehen nicht unterscheidet, daß Märchenillustration heute „fast eine Sünde“ sei, angesichts der „riesenhaft erdrückenden Tradition, so vieler Vorbilder.“ Ensikat lakonisch: „Mit der Zeit gewöhnt man sich an so´n Auftrag“, wie etwa auch die Bibelillustration. Es gehe ja eben um die Vermittlung von Bildungsgut. Aber Fontane würde er nicht illustrieren, es sei „außer den Figuren alles beschrieben“. Derzeit arbeite er an Illustrationen für das Neue Testament, reizvolle Herausforderung dabei das historische Kolorit, „Gulasch“ vermeidend.
Auf die Frage nach Vorbildern fiel der Name Paul Rosié, dessen Illustrationen zu Heinrich Manns Professor Unrat der Schüler schon bewundert hätte, erst viel später sei es zur Entdeckung Werner Klemkes gekommen. Aufschlußreiche Ausführungen ergab die Frage Carola Pohlmanns nach den Illustrationsarbeiten zum Rätsel der Varusschlacht (Fackelträger Verlag 2008, Büchergilde Gutenberg 2009). Die durch die Zeiten hinweg entstandene variantenreiche Spurenlage zu den „verlorenen Legionen“ (Ensikat: „Die Lüge wird immer größer“) zwang den Illustrator zu „Erfindungen“, dieser Auftrag – eine immense Herausforderung. Verlockend immer wieder Illustrationen zu E. T. A. Hoffmann, dessen „Bilder hängen bleiben und irgendetwas Reizvolles“ vermitteln. Am Schluß die Frage nach dem Einfluß der Illustratoren auf die Gestaltung der Bücher unter den technischen Gegebenheiten heute. Gering sei dieser Einfluß, in der DDR hatte man es mit einem Künstlerischen Leiter im Verlag zu tun, der zumeist ein guter Typograph war und die qualitätvolle Gestaltung garantierte …
Mit herzlichem Beifall dankten die Anwesenden für das gute Gespräch. Eine Auswahl neuerer Bücher, darunter der 2010 bei Tulipan erschienene wunderbare Grimmsche Märchenband, lag zur Betrachtung bereit, auch eine Mappe mit Originalillustrationen.
U. L.

Lesung mit Kerstin Hensel. Literatur pur erlebten die Pirckheimer aus Berlin/Brandenburg am 25. November. Kerstin Hensel las im gut besuchten Säulensaal der Zentral- und Landesbibliothek aus ihrem 2008 im Luchterhandverlag erschienenen opulenten Roman Lärchenau (446 Seiten). Drei längere Abschnitte vermittelteten den Zuhörern die sprachgewaltig, mit hintergründigem Humor und turbulent erzählten Lebensläufe der Hauptfiguren Gunter Konarske und Adele Möbius. Der Roman führt durch die Irrungen und Wirrungen von 60 Jahren jüngster deutscher Geschichte. Es entstehen facettenreiche Lebensbilder, packende Szenen einer Ehe, eingebettet in die gesellschaftlichen Verhältnisse von Lärchenau, einem fiktiven Ort im Brandenburgischen. „Das Buch weiß mehr über unsere unmittelbare Vergangenheit als jede Geschichtsdarstellung“, urteilt die in Dresden erscheinende Sächsische Zeitung. Diese großartige Literatur wird – wie andere auch – leider durch die übergroßen Müllberge bedruckten Papiers (besonders häufig bei Weltbild, Thalia, Bertelsmann anzutreffen) in den Hintergrund abgeschoben. Da ist die Neuauflage im März 2010 durch die Verlagsgruppe Random House GmbH München in der Reihe „Freude am Lesen“ verdienstvoll.
Bereits 1988 gab Kerstin Hensel ihr literarisches Debüt mit dem Lyrikband Stilleben mit Zukunft (Mitteldeutscher Verlag Halle/Leipzig): 72 Gedichte mit sieben ganzseitigen, abstrahierenden Zeichnungen von Frank Wahle auf noblen holzfreien Papier. Dieses schöne Buch konnte am 25. November ebenso besichtigt werden wie ihre gerade erschienene Künstlermappe Hund und Katz. Drei unveröffentlichte, eigens für diese Edition geschriebene kurze Texte werden begleitet von je drei Lithographien und Radierungen von Silke Konschak und Volker Scharnefsky. Die Mappe kann für 260 Euro bei der Galerie der Berliner Graphikpresse bezogen werden. Nach der Lesung beantwortete die Autorin Fragen zu ihrem schriftstellerischen Schaffen und zu ihrer Arbeit an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Dort ist sie seit 1989 tätig; als Professorin vermittelt sie seit 2004 den Studierenden „Poetik für Schauspieler“. Ihre jüngste Biographie verzeichnet den „Leonce und Lena“-Preis, ein Stipendium an der Villa Massimo, die Berufung zum Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste. – Der Autorin sei Kraft und Zeit für weitere literarische Glanzleistungen gewünscht.
Robert Wolf

Interessante Erwerbungen 2010 waren wie jedes Jahr Thema des letzten Treffens der Berliner und Brandenburger Pirckheimer, das am 9. Dezember 2011 traditionell in der Büchergilde Buchhandlung am Wittenbergplatz bei unserem Mitglied Johanna Binger stattfand. Ursula Lang eröffnete den Abend mit einem Bericht über die Veranstaltungen des abgelaufenen Jahres, und die Anwesenden sprachen mit langem Beifall dem Berliner Vorstand und allen Helfern ihren Dank für die geleistete Arbeit aus. Auch das Programm für 2011 der Regionalgruppe fand einhellige Zustimmung. Jürgen Wilke eröffnete dann den Reigen der Vorstellungen von Neuerwerbungen des ausgehenden Jahres mit einer Ausgabe der von Franz Pfempfert verlegten Erinnerungen von Alexander Herzen (Verlag Die Aktion 1916). Peter Kunze hatte eine der seltenen Rote-Kreuz-Ausgaben der Insel-Bücherei mit dem Vermerk „Weihnachten 1916“ dabei. Ursula Lang zeigte eine von Richard Pietraß und Peter Gosse herausgegebene Ausgabe des Barockdichters Paul Fleming mit Portraits von Max Uhlig (Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gebunden, Projekte-Verlag) und eine von Dieter Goltzsche illustrierte und mit einer Einzeichnung versehene Ausgabe mit Gedichten von Charlotte Grasnick (So nackt an dich gewendet, Verbrecher Verlag). WK hatte die in der Büchergilde erschienenen Gedichte von Friederike Kempner dabei, und einen eigentlich für Lothar Lesche reservierten Leipziger Druck des von Klaus Süß illustrierten Blaubart. Die Sammlung des kürzlich verstorbenen Pirckheimer-Freundes, Bibliophie der letzten 30 Jahre, ist von einem Berliner Antiquariat erworben und jüngst angeboten worden. Carsten Wurm präsentierte Erstlingswerke, so von Oskar Loerke (Vineta, S. Fischer Verlag 1909), Gustav Meyrink (Der heiße Soldat und andere Geschichten, Albert Langen Verlag, 1903) und Wolfdietrich Schnurre (Man sollte dagegen sein, Die Vaganten 1948). Zu guter Letzt erfuhren die Anwesenden noch von Fritz Jüttner etwas über die Neuzugänge seiner Klopstock-Sammlung, die, so betonte er, vielfach durch die Unterstützung anderer Pirckheimer-Freunde zustande kamen. Wie gewohnt, holte er in seinen Ausführungen weit aus und berichtete anläßlich des Erwerbs der Ausgabe des höchst seltenen Göttinger Musenalmanachs von 1774 auch über seine Erwerbung des Almanachs von 1772, den er im Jahre 2000 von Wolfram Körner erhielt. Zur allgemeinen Freude trug er zum Schluß einen lyrischen Jubelruf zum Erscheinen von Heft 200 der MARGINALIEN vor (siehe oben).
Abel Doering

Hans Hasso von Veltheim aus Ostrau. Einen wahren Besucheransturm erlebte der Abend der halleschen Pirckheimergruppe am 26. Oktober 2010, als Dr. Walter Müller, Mitglied der Pirckheimer-Gesellschaft und ausgewiesener Experte der halleschen Stadt-, Kultur- und Heimatgeschichte, das Leben des Ostrauer Schloßherrn, Gelehrten und Bibliophilen Hans Hasso von Veltheim (1885-1956) in den Mittelpunkt eines von Bildbeispielen begleiteten Vortrags stellte. Hans Hasso von Veltheim, dessen 125. Geburtstag am 15. Oktober 2010 auch mit einem Kolloquium auf seinem einstigen Familiengut Schloß Ostrau bei Halle und in den Medien ausführlich gewürdigt wurde, war eine vielseitige und schillernde Persönlichkeit. Seit dem Tod seines Vaters Franz von Veltheim im Oktober 1927 bis zum Kriegsende 1945 lebte er, unterbrochen von ausgedehnten Studienreisen, auf dem spätbarocken Schloß Ostrau, das sich unter seiner Herrschaft zu einer kulturellen Begegnungsstätte von internationalem Rang entwickelte.
Geboren wurde Hans Hasso von Veltheim jedoch in Köln, und seine Kindheit und Schuljahre verbrachte er in Internaten und Privatpensionen. Er studierte Kunstgeschichte und Archäologie und promovierte 1912 zum Dr. phil. Seinen Lebensunterhalt bestritt er vor seiner Ostrauer Zeit als Privatgelehrter, Verleger sowie als Kunst- und Antiquitätenhändler in München und Berlin, wo es ihm dank seiner charismatischen Persönlichkeit gelang, weltweite Kontakte zu knüpfen. Neben Schriftstellern und Philosophen wie Thassilo von Scheffer, Ernst Penzoldt oder Hermann Graf von Keyserling war es vor allem der Anthroposoph Rudolf Steiner, dessen Anschauungen ihn nachhaltig beeinflußten. Trotz seiner Mitgliedschaft in der NSDAP, die wohl eher „strategisch“ aufzufassen war, hielt er Kontakte zu den Verfolgten des Nazi-Regimes, so zu dem 1944 hingerichteten Teutschenthaler Großunternehmer Carl Wentzel. Die Bodenreform 1945 aber vertrieb ihn von seinem Besitz, so daß er im Herbst 1945 schwer erkrankt und mittellos, versteckt in einem Kohlewagen, Richtung Westen flüchtete. Hier verbrachte er, von Freunden unterstützt, sein letztes Lebensjahrzehnt. Er starb am 13. August 1956 auf der Insel Föhr, wo er auch beigesetzt wurde. Im Oktober 1990 aber wurden seine sterblichen Überreste nach Ostrau überführt.
Von besonderem Interesse für die halleschen Pirckheimer waren die engen Verbindungen des Ostrauer Schloßherrn und Bücherliebhabers, dessen eigene Bibliothek 20 000 bis 22 000 Bücher und Archivalien umfaßte, zu den halleschen Bibliophilen, so zu dem Apothekenbesitzer Otto Hein, dem Fabrikanten Albin Bohacek sowie dem Germanisten Hanns Freydank. Otto Hein war es auch, der Veltheim unmittelbar nach Kriegsende und vor seiner Flucht Asyl gewährte. Walter Müller verwies im Zusammenhang mit seinen Ausführungen besonders auf die verdienstvolle Biographie Hans Hasso von Veltheims von Karl Klaus Walther, die ausführlich auch auf den Sammler Veltheim eingeht (Hans Hasso von Veltheim. Halle: MdV, 2004. ISBN-Nr. 3-89812-1211-5).
Ein großer Teil von Veltheims umfangreicher Bibliothek, die in den Nachkriegsjahren barbarischen Plünderungen ausgesetzt war, gelangte im Rahmen der Kulturgutbergung 1949 in die Universitäts- und Landesbibliothek Halle, ein weiterer Teil steht heute wieder in der neu hergerichteten Bibliothek in Ostrau. Das Schicksal einer Reihe von Büchern aber mußte bis heute ungeklärt bleiben. – Das rege Interesse an den aufschlußreichen Darlegungen Walter Müllers hat bewiesen, daß nicht nur das immer wieder gern besuchte Anwesen von Schloß und Park Ostrau, sondern auch die Erinnerung an seinen einstigen Schloßherrn und Weltbürger Hans Hasso von Veltheim eine nachhaltige Erlebnisbereicherung vermittelt.
Ute Willer

Ein Abend mit Elmar Faber. Die hallesche Pirckheimer-Gruppe beschloß am 30. November 2010 ihr Jahresprogramm mit einem besonderen Höhepunkt. Eingeladen und mit neugieriger Spannung erwartet war der Leipziger Verleger Elmar Faber, der mit seinem Vortrag Wie Bücher zu ihren Titeln kamen ein spezielles Kapitel der „Buchwerdung“ beleuchtete. Gern hätte er dieses Thema in seiner Essaysammlung Die Allmacht des Geldes und die Zukunft der Phantasie. Betrachtungen zur Bücherwelt (Leipzig 2003) mit aufgenommen, doch mangelnde Stellungnahmen der von ihm angeschriebenen Autoren ließen ihn zunächst davon Abstand nehmen. Wie unverändert wichtig ihm aber dieses Thema ist, bewiesen seine lebendigen und auch unterhaltsamen Ausführungen, die keinesfalls nur für den Verleger von Interesse waren.
Daß bei der Wahl eines Buchtitels auf viele Dinge geachtet werden muß, belegten etliche Beispiele, die Autoren für ihre literarischen Schöpfungen selbst gewählt hatten und die bei den Lesern falsche und oft auch negative Vorstellungen erwecken mußten. So ein Beispiel aus dem eigenen Verlag: Der Autor Klaus Funke nannte seinen Novellenband zu Clara Schumann und Johannes Brahms Tod am Fluß – ein düsterer Titel, der eher Krimi-Freunde ansprach. Unter dem schön und klar formulierten Titelmotto Am Ende war alles Musik (Leipzig 2005) hat dieses Buch inzwischen drei Auflagen erreicht. Auch rechtliche Fragen spielen bei der Titelfindung mitunter eine Rolle. So wurde in den dreißiger Jahren durch den Einspruch des Baedeker-Verlages aus Werner Bergengruens Baedeker des Herzens eine Badekur des Herzens. Viele weitere Beispiele konnte Elmar Faber hier aufzählen. Sie alle zeigten, daß im Sinne eines guten und richtigen Vertriebs der Verleger seine Entscheidungen besonders verantwortungsbewußt treffen muß. Um Doppelungen oder auch zu Verwechslungen führende Ähnlichkeiten zu vermeiden, wurde beim Börsenverein der Deutschen Buchhändler 1932 ein Titelschutz eingeführt – bei jährlich 90 000 bis 100 000 Neuerscheinungen heute eine absolute Notwendigkeit.
In diesem Zusammenhang warf Elmar Faber auch einen Blick auf die historische Entwicklung der Buchtitel, die sich im schwülstigen Barockzeitalter deutlich anders präsentierten, als das heute der Fall ist. Doch zu allen Zeiten sind syntaktische und semantische Regeln zu beachten, um gezielt auf den Inhalt, die Gedanken und die Stimmungen eines Buches zu weisen. Ein guter Titel, so Faber, muß auch ohne einen Untertitel auskommen. Auch auf die unterschiedlichen Formen der Titel ging der kundige Verleger ein: Namen mit oder ohne ein Attribut, Charakterisierungen, Zahlentitel, Gegensätzliches, Paarungen und so weiter – oder auch Titel, die sich bewußt rätselhaft geben. Hier schien die Palette fast endlos. Die seinem Vortrag folgenden Diskussionen bewiesen das Interesse der Zuhörer ebenso wie die engagierte Weise, mit der Elmar Faber seine Darlegungen betonte.
Da die meisten der Besucher, nicht zuletzt durch den Beitrag Hans-Georg Sehrts 20 Jahre Faber & Faber in den MARGINALIEN (H. 3, 2010), vom Jubiläum des Verlages und auch vom bevorstehenden Rückzug des inzwischen 75jährigen Verlegers aus seinem Unternehmen informiert waren, bot sich ein kurzer Rückblick auf die zwei Jahrzehnte des erfolgreichen Verlages sozusagen von selbst an. Elmar Faber gab diesen Rückblick, indem er den erst kürzlich herausgegebenen Almanach Vom Wein der Weisheit einen Tropfen (Leipzig 2010, ISBN-Nr. 978-3-86730-119-0) mit so herzerfrischender Eigenfreude präsentierte, daß wohl ein jeder, der diesen köstlichen, von Egbert Herfurth illustrierten Band noch nicht besaß, mit einem neuen vorweihnachtlichen Buchwunsch den anregenden Abend verließ. – Zum Schluß bleibt nachzutragen, daß auch Elmar Fabers Vortrag Wie die Bücher zu ihren Titeln kamen in absehbarer Zeit als gedruckter Essay vorliegen wird.
Ute Willer

20 Jahre Leipziger Bibliophilen-Abend. Am 8. Januar 2011, genau zwanzig Jahre nach Wiedergründung des Leipziger Bibliophilen-Abends, versammelten sich reichlich 160 Mitglieder und Gäste in der Alten Handelsbörse Leipzig zu einer Festversammlung. Gekommen waren sie aus nah und fern, aus Emden im hohen Norden, aus Frechen im Umkreis Kölns, aus Dortmund, aus dem südlichen Nürnberg, aus Berlin, Chemnitz, Lutherstadt Wittenberg und aus Leipzigs näherer Umgebung. Nach einem Sektempfang im Foyer der Börse war die rechte Feststimmung aufgekommen, als das Schumann-Quartett das Programm mit dem Allegro aus Franz Schuberts Quartett a-moll op. 29 eröffnete. – In seinen Begrüßungsworten erinnerte der Vorsitzende Herbert Kästner an die Intentionen, die 1991 der Neugründung des LBA zugrundelagen: Zuvörderst soll er sich der ›bibliophilia activa‹verpflichtet fühlen und um einen eigenständigen Beitrag zur Entwicklung der Buchkultur bemüht sein. Dabei will er sich in die künstlerischen Entwicklungen und, wo möglich, in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und sowohl im Literarischen wie im Künstlerischen Gegenwärtigkeit, geistige Zeitgenossenschaft zum Ausdruck bringen. Und schließlich will sich der LBA aktiv in das kulturelle Leben der Stadt Leipzig einbinden und seine Veranstaltungen und Ausstellungen einem breiten Publikum öffnen.
Die Bilanz von 270 Veranstaltungen, von 40 Exkursionen zu kultur- und kunsthistorisch bedeutsamen Stätten, von 18 Ausstellungen und von 106 bibliophilen Editionen, darunter mehr als die Hälfte Erstdrucke von Texten zeitgenössischer Autoren, zeigt, wie diese Leitlinien umgesetzt wurden. Das macht auch die stetig wachsende Mitgliederzahl von 105 bei Neugründung bis derzeit 226 deutlich. – Für sein drittes Jahrzehnt setzt der LBA nun auf Konsolidierung und Verstetigung, auch Entschleunigung dort, wo es der Qualität dient, sowie auf Beachtung der sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen für Buchkunst und Bibliophilie, für den kulturellen Standard schlechthin, denn dieser ist durch galoppierende Verflachung und geistige Selbstentleibung gekennzeichnet. In dieser Situation sollten sich auch die bibliophilen Vereinigungen aktiv und öffentlich einmischen, um, mit Volker Braun zu sprechen, der Abschaffung des eigenen kulturellen Raumes entgegenzuwirken. – Freundliche Grußworte sprachen Prof. Dr. Wulf D. von Lucius für die Maximilian-Gesellschaft, Dr. Onno Feenders für die Gesellschaft der Bibliophilen und Dr. Hans-Georg Sehrt für die Pirckheimer-Gesellschaft (in Vertretung des erkrankten Vorsitzenden Dr. WK). – Die Festrede hielt Jens Sparschuh, der über das Thema SchriftBild, den Reihentitel der neuen bibliophilen Serie des LBA, improvisierte. Die Rede kann im Band 1 der Reihe in Bälde nachgelesen werden. – Bevor das Schumann-Quartett, das die gesamte Veranstaltung musikalisch begleitete, mit dem Vivace aus Antonin Dvoraks Quartett F-Dur op. 96 den Schlußakkord gesetzt hatte, erinnerte die Schauspielerin Steffi Böttger noch mit dem Vortrag einer Goethe-Parodie aus der Feder von Georg Witkowski und Anton Kippenberg an die Spottlust der bibliophilen Vorväter.
Im Anschluß an die Festversammlung wechselte man von der Alten Börse in das nahegelegene Museum der bildenden Künste, wo ein exzellentes Büffet für leibliche Genüsse sorgte. Aber auch bibliophile Leckerbissen mußten nicht entbehrt werden, angefangen von der gezeichneten und im Lichtdruck (!) reproduzierten Speisekarte (Robert Schmiedel) über eine von unserem Mitglied Wolfgang Zumpe gespendete originalgraphische Gabe (von den jungen Hallenser Künstlern Regina Stiegeler und René Schäffer) bis zur mit großer Freude aufgenommenen Festschrift Leipziger Bibliophilen-Abend – Das zweite Jahrzehnt mit buchwissenschaftlichen und literarischen Beiträgen und mit zehn signierten Originalgraphiken. In anregenden Gesprächen über Buch und Bild bei einem guten Glas Wein klang der ereignisreiche und heitere Abend aus.

Sammlerabend der Region Rhein-Main-Neckar. Das letzte Treffen im Jahr 2010 war wieder der Präsentation schöner Bücher und Graphiken aus den Beständen der Mitglieder gewidmet. Vorzugsweise hatten die Pirckheimer Neuerwerbungen mitgebracht. Die Vorstellung der Schätze begann mit einem Lexikon, und zwar dem „Meyer“, herausgegeben vom Bibliographischen Institut im Jahre 1897. Der Satzspiegel und die hohe Qualität der Abbildungen, meist Holzstiche in hoher Detailgenauigkeit, sind beeindruckend. Eine aktuelle Neuerscheinung aus der israelischen Even Hoshen Press, Lire les Mures/Read the Walls, überzeugt durch wertvolle Materialien und deren optimale typographische Verarbeitung. Gut gestaltet und versehen mit exzellent reproduzierten Illustrationen von Fritz Löwen, ist Gogols Teufel, Hexen und Kosaken eine Augenweide (Thyrsos, Wien um 1920). Das gilt ebenso für Hauptmanns Bahnwärter Thiel mit Kaltnadelradierungen von Mathias Roloff und mit der Typographie von Steffen Kramer. Eine Rarität ist wohl Fritz Mordechai Kaufmanns Sammlung Die schönsten Lieder der Ostjuden (Jüdischer Verlag, Berlin 1920) wie auch Tschapajew – Das Bataillon der 21 Nationen, redigiert von Alfred Kantorowicz (Madrid 1938). Ein lesenswerter Ulk ist ein Büchlein über Antiquare und ihre Katalogsprache von Wolfgang Keller Als spakig ward der Bug empfunden (Wilfried Richter, Berlin 1995). – Hans Christian Andersens Märchen mit den Illustrationen der bewährten Graphikerin Lisbeth Zwerger ist in dieser Gestaltung – wenn auch ein verkleinerter Nachdruck – ein wahrer Genuß (minedition, Bargteheide). Gut und lesefreundlich gestaltet sind die Taschenbücher der Reihe btb Goldmann (Random House), ein Beispiel dafür, was auch heute noch möglich ist (aber von viel zu wenigen Verlagen genutzt wird). Äußerst kostbar ist eine ersteigerte Erstausgabe von Schillers Wilhelm Tell in wertsteigernder Schatulle (Cotta 1804). Gezeigt wurde auch die Neuerscheinung 1930 – Das Leben sucht sich seinen Weg von Erwin Poell. Das Buch enthält zudem ein Liber Amicorum zum 80. Geburtstag des namhaften Designers und Buchgestalters (Mattes, Heidelberg 2010).
FP