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Redaktionsschluss 18. Januar 2011
Wir gratulieren
unseren Mitgliedern
Neue Mitglieder
Ein Jubelruf aus Bücherstapeln
„...
und manch liebe Schatten steigen auf“.
Zum Tod von Wolfgang Kirsch
Ein Gespräch mit Klaus Ensikat
Lesung mit Kerstin Hensel
Interessante Erwerbungen 2010
Hans Hasso von Veltheim aus Ostrau
Ein Abend mit Elmar Faber
20 Jahre Leipziger Bibliophilen-Abend
Sammlerabend der Region Rhein-Main-Neckar
Wir gratulieren unseren Mitgliedern. Zum 60. Geburtstag: Dr. Gustav
Lange (Berlin) am 11. 4., Ulrich Scholz (Hoevelhof) am 28. 6. Zum 65.
Geburtstag: Manfred Kujau (Brandenburg) am 12. 4., Hans Wilfried Neubauer (Egg
bei Zürich) am 24. 6. Zum 70. Geburtstag: Prof. Klaus Waschk (Hamburg) am 4. 6.,
Petra Heine (Hoyerswerda) am 5. 6., Jutta Osterhof (Berlin) am 11. 6., Hansjörg
Viesel (Falkensee) am 17. 6. Zum 75. Geburtstag: Ferdinand Puhe
(Eltville-Erbach) am 11. 4., Dr. Ralf Wendt (Schwerin) am 14. 4., Günter Hermann
(Annaberg-Buchholz) am 4. 5., Prof. Dr. Dankwart Stiller (Halle) am 18. 5.,
Doris Hesse-Künanz (Lutherstadt Wittenberg) am 1. 6., Adolf Jahneke (Berlin) am
15. 6. Zum 80. Geburtstag: Harald Kretzschmar (Kleinmachnow) am 23. 5. Zum 82.
Geburtstag: Kristian Bäthe (Filderstadt) am 29. 6. Zum 83. Geburtstag: Heinz
Wegehaupt (Berlin) am 24. 6. Zum 85. Geburtstag: Werner Papke (Berlin) am 3. 5.
Zum 90. Geburtstag: Johannes Kopp (Halle/Saale) am 28. 6.

Neue Mitglieder: Dr. Thilo Berkenbusch,
Chemiker, Worms. Dr.-Ing. Robby Fröhlich, Lead-Ingenieur, Dresden. Rainer
Kocherscheidt, Antiquar, Velbert. Dorothee Trumpa, Berlin. Peter Wolf, Lehrer,
Plauen.

Ein Jubelruf aus Bücherstapeln
Von Grönlands Küste bis nach Feuerland,
Vom Nordkap bis in sonnige Australien
Ist eine deutsche Zeitschrift wohlbekannt
Und wandert heiß begehrt von Hand zu Hand
Ihr Name ist bescheiden: MARGINALIEN.
Doch jedes Heftes Seiten sind gefüllt
Mit Texten, ganz und gar nicht marginalen,
Mit klugen Studien über Buch und Bild,
Die – leidenschaftlich oder sachlich mild –
Als Kostbarkeiten weit ins Künftge strahlen.
Garant für einer Zeitschrift hohen Rang –
Das ist der Redakteur zu allen Zeiten.
Hier nenn ich Namen von erlesnem Klang:
Bis achtundneunzig war es Lothar Lang.
In Carsten Wurm bejubeln wir den zweiten.
Dem Redakteur zur Seite steht und stand
Ein Red.kollegium von edlen Geistern,
Dazu Heinz Hellmis mit der goldnen Hand
Und nicht zuletzt der Arbeitskreis Versand.
So lässt sich spielend jede Hürde meistern.
Die MARGINALIEN-Freunde feiern heut.
Im Freudentaumel ruhen die Geschäfte.
Ein Jubelruf tönt laut im Festgeläut:
Wir grüßen Heft zweihundert hocherfreut!
Wir danken Carsten Wurm für fünfzig Hefte!
Die MARGINALIEN bleiben auch fortan
In aller Welt berühmt, beliebt, bewundert.
Der dies Jubiläumslied ersann,
Stößt froh aufs Wohl der MARGINALIEN an:
Viel Glück und viel Erfolg den nächsten hundert!
Fritz Jüttner

„...
und manch liebe Schatten steigen auf“. Zum Tod von Wolfgang Kirsch. 2008 bot der
70. Geburstag einen schönen Anlaß, um über Wolfgang Kirsch zu schreiben und ihm
auf diese Weise für viele schöne Pirckheimer-Abend und gemeinsame Erlebnisse zu
danken (vgl. MARGINALIEN, H. 1, 2009). Heute ist es ein trauriger Anlaß –
Wolfgang Kirsch ist am 9. Dezember 2010 nach kurzer, schwerer Krankheit in
Halle gestorben.
Mit Prof. Dr. phil. Wolfgang Kirsch, geboren am 31. Dezember 1938 in Westewitz
bei Döbeln, verlieren die halleschen Pirckheimer denjenigen, der 1975 mit
Unterstützung anderer Bücher- und Graphikfreunde die Bezirksgruppe Halle
gegründet hat. In seinem Beitrag ... und manch liebe Schatten steigen auf im
Almanach Jubelrufe aus Bücherstapeln (Wiesbaden 2006, S. 47 ff.) stellt er
eindrucksvoll dar, wie die Regionalgruppe Halle an der Saale über die Zeiten
gewirkt hat und welche informativen und wunderbaren Veranstaltungen
stattgefunden haben. Als Vorsitzender hat er von 1975 bis 1985 und dann noch
einmal von 1998 bis 2003 für ein abwechslungsreiches und anspruchvolles
Pirckheimer-Leben gesorgt. Es muß nicht betont werden, daß Halle im Unterschied
zum benachbarten Leipzig oder gar zu Berlin ein hartes Pflaster für die
Bibliophilie ist. Umso verdienstvoller waren die Begründung und der Zusammenhalt
der Gruppe. Wie wichtig die Pirckheimer für Wolfgang Kirsch selbst waren, hat er
mir gegenüber einmal 2008 sehr nachdrücklich erklärt: „... Das hat mein Leben
unwahrscheinlich bereichert. Einmal durch die Veranstaltungen und dann durch
die Person Lothar Lang. Diesen Beitritt würde ich als einen der großen
Glücksfälle meines Lebens betrachten.“ Weniger bekannt ist, daß Wolfgang Kirsch
1990 auch bei der (Wieder-)Gründung des Halleschen Kunstvereins Pate stand;
seine verstorbene Frau Erika Kirsch war die erste Schatzmeisterin des Vereins.
Wolfgang Kirsch war vielseitig kulturell interessiert, doch seine eigentliche
Profession war die Klassische Philologie, in der er als Latinist besondere
Anerkennung genoß. Seine Frau Gertraude Clemenz-Kirsch, die die letzten 13
Jahren mit ihm teilte, hat mir erzählt, daß er gern auch seine Reise nach den
wissenschaftlichen Interesse plante, etwa Frankreich bereiste, um sein letztes
Werk, an dem er bis zum Schluß arbeitete, voranzubringen. Die seit 2004 im
Verlag Hiersemann, Stuttgart, erschienenen Bände Laudes sanctorum. Geschichte
der hagiographischen Versepik vom IV. bis X. Jahrhundert sollten mit dem
gegenwärtig in Arbeit befindlichen Band komplettiert werden. Der Verlag schrieb
ihm, daß seine Arbeit auf jeden Fall abgeschlossen und publiziert werde. Leider
hat ihn dieser Brief nicht mehr erreicht. Inzwischen hat sein Kollege Prof. Dr.
Walter Berschin, Heidelberg, zugesagt, die Arbeit an dem letzten Band, der bis
auf wenige verbindende Passagen bereits abgeschlossen war, im Sinne von Wolfgang
Kirsch zu Ende zu führen.
Wolfgang Kirschs Wunsch, noch möglichst viele der Klöster zu sehen, aus denen
die von ihm erfaßten und bearbeiteten Texte kamen, kann er nun leider leider
nicht mehr weiter verfolgen. Uns, den halleschen Pirckheimern, wird er als
ständiger Inspirator und Referent und aufgeschlossener und diskussionsfreudiger
Teilnehmer unserer Veranstaltungen fehlen. Meine Frau und ich haben mit ihm
außerdem einen guten Freund und Vertrauten verloren. So wird in Erinnerung an
ihn – um ihm das letzte Wort zu lassen – wohl immer „so mancher liebe Schatten“
aufsteigen ...
Hans-Georg Sehrt

Ein Gespräch mit Klaus Ensikat versammelte die Berlin-Brandenburger Pirckheimer
am 21. Oktober in der Galerie Joachim Pohl. Dicht gedrängt saßen die zumeist
langjährigen Verehrerinnen und Verehrer des Künstlers, als Carola Pohlmann, die
das Gespräch leitete, mit einem kleinen Paukenschlag begann: Ensikats Leben –
ein „offenes Buch“, einer Vorstellung des Künstlers bedürfe es nicht, die
zahlreichen Preise seien auch bekannt und ein gerade eben neu zugesprochener
Preis würde demnächst schon wieder verliehen. Ensikat war (schien) überrascht.
Der heitere Auftakt zeigte Wirkung, es wurde ein erlebnisreicher, informativer
und sehr vergnüglicher Abend, gerade auch deshalb, weil der Künstler wie stets
lakonisch knapp und wider die Erwartung reagierte, sehr viel mehr dadurch
verriet, was er aussparte oder auch freundlich bespöttelte, wie die Frage nach
den „wichtigsten Eigenschaften des Illustrators“, nämlich „Fleiß,
Ordentlichkeit, Pünktlichkeit“…
Das Gespräch begann mit Ensikats künstlerischen Anfängen als Dozent an der
Fachschule für angewandte Kunst 1961 in Berlin.Von einem „kuriosen Beginn“ war
zu hören: als „Aushilfe“ anfangs, stundenweise bezahlt, erst nach Jahresfrist
hätte sich eine Festanstellung ergeben. Seit 1965 arbeitete Ensikat als
freiberuflicher Graphiker, zunächst bei der DEWAG, aber auch für Zeitungen wie
den Sonntag, um „Bleiwüsten aufzulockern“.
Zu erfahren war, daß sich des Illustrators Arbeit für Kinder und Erwachsene vom
Herangehen nicht unterscheidet, daß Märchenillustration heute „fast eine Sünde“
sei, angesichts der „riesenhaft erdrückenden Tradition, so vieler Vorbilder.“
Ensikat lakonisch: „Mit der Zeit gewöhnt man sich an so´n Auftrag“, wie etwa
auch die Bibelillustration. Es gehe ja eben um die Vermittlung von Bildungsgut.
Aber Fontane würde er nicht illustrieren, es sei „außer den Figuren alles
beschrieben“. Derzeit arbeite er an Illustrationen für das Neue Testament,
reizvolle Herausforderung dabei das historische Kolorit, „Gulasch“ vermeidend.
Auf die Frage nach Vorbildern fiel der Name Paul Rosié, dessen Illustrationen zu
Heinrich Manns Professor Unrat der Schüler schon bewundert hätte, erst viel
später sei es zur Entdeckung Werner Klemkes gekommen. Aufschlußreiche
Ausführungen ergab die Frage Carola Pohlmanns nach den Illustrationsarbeiten zum
Rätsel der Varusschlacht (Fackelträger Verlag 2008, Büchergilde Gutenberg 2009).
Die durch die Zeiten hinweg entstandene variantenreiche Spurenlage zu den
„verlorenen Legionen“ (Ensikat: „Die Lüge wird immer größer“) zwang den
Illustrator zu „Erfindungen“, dieser Auftrag – eine immense Herausforderung.
Verlockend immer wieder Illustrationen zu E. T. A. Hoffmann, dessen „Bilder
hängen bleiben und irgendetwas Reizvolles“ vermitteln. Am Schluß die Frage nach
dem Einfluß der Illustratoren auf die Gestaltung der Bücher unter den
technischen Gegebenheiten heute. Gering sei dieser Einfluß, in der DDR hatte man
es mit einem Künstlerischen Leiter im Verlag zu tun, der zumeist ein guter
Typograph war und die qualitätvolle Gestaltung garantierte …
Mit herzlichem Beifall dankten die Anwesenden für das gute Gespräch. Eine
Auswahl neuerer Bücher, darunter der 2010 bei Tulipan erschienene wunderbare
Grimmsche Märchenband, lag zur Betrachtung bereit, auch eine Mappe mit
Originalillustrationen.
U. L.

Lesung mit Kerstin Hensel. Literatur pur erlebten die Pirckheimer aus
Berlin/Brandenburg am 25. November. Kerstin Hensel las im gut besuchten
Säulensaal der Zentral- und Landesbibliothek aus ihrem 2008 im
Luchterhandverlag erschienenen opulenten Roman Lärchenau (446 Seiten). Drei
längere Abschnitte vermittelteten den Zuhörern die sprachgewaltig, mit
hintergründigem Humor und turbulent erzählten Lebensläufe der Hauptfiguren
Gunter Konarske und Adele Möbius. Der Roman führt durch die Irrungen und
Wirrungen von 60 Jahren jüngster deutscher Geschichte. Es entstehen
facettenreiche Lebensbilder, packende Szenen einer Ehe, eingebettet in die
gesellschaftlichen Verhältnisse von Lärchenau, einem fiktiven Ort im
Brandenburgischen. „Das Buch weiß mehr über unsere unmittelbare Vergangenheit
als jede Geschichtsdarstellung“, urteilt die in Dresden erscheinende Sächsische
Zeitung. Diese großartige Literatur wird – wie andere auch – leider durch die
übergroßen Müllberge bedruckten Papiers (besonders häufig bei Weltbild, Thalia,
Bertelsmann anzutreffen) in den Hintergrund abgeschoben. Da ist die Neuauflage
im März 2010 durch die Verlagsgruppe Random House GmbH München in der Reihe
„Freude am Lesen“ verdienstvoll.
Bereits 1988 gab Kerstin Hensel ihr literarisches Debüt mit dem Lyrikband
Stilleben mit Zukunft (Mitteldeutscher Verlag Halle/Leipzig): 72 Gedichte mit
sieben ganzseitigen, abstrahierenden Zeichnungen von Frank Wahle auf noblen
holzfreien Papier. Dieses schöne Buch konnte am 25. November ebenso besichtigt
werden wie ihre gerade erschienene Künstlermappe Hund und Katz. Drei
unveröffentlichte, eigens für diese Edition geschriebene kurze Texte werden
begleitet von je drei Lithographien und Radierungen von Silke Konschak und
Volker Scharnefsky. Die Mappe kann für 260 Euro bei der Galerie der Berliner
Graphikpresse bezogen werden. Nach der Lesung beantwortete die Autorin Fragen
zu ihrem schriftstellerischen Schaffen und zu ihrer Arbeit an der Hochschule für
Schauspielkunst „Ernst Busch“. Dort ist sie seit 1989 tätig; als Professorin
vermittelt sie seit 2004 den Studierenden „Poetik für Schauspieler“. Ihre
jüngste Biographie verzeichnet den „Leonce und Lena“-Preis, ein Stipendium an
der Villa Massimo, die Berufung zum Mitglied der Sächsischen Akademie der
Künste. – Der Autorin sei Kraft und Zeit für weitere literarische
Glanzleistungen gewünscht.
Robert Wolf

Interessante Erwerbungen 2010 waren wie jedes Jahr Thema des letzten Treffens
der Berliner und Brandenburger Pirckheimer, das am 9. Dezember 2011
traditionell in der Büchergilde Buchhandlung am Wittenbergplatz bei unserem
Mitglied Johanna Binger stattfand. Ursula Lang eröffnete den Abend mit einem
Bericht über die Veranstaltungen des abgelaufenen Jahres, und die Anwesenden
sprachen mit langem Beifall dem Berliner Vorstand und allen Helfern ihren Dank
für die geleistete Arbeit aus. Auch das Programm für 2011 der Regionalgruppe
fand einhellige Zustimmung. Jürgen Wilke eröffnete dann den Reigen der
Vorstellungen von Neuerwerbungen des ausgehenden Jahres mit einer Ausgabe der
von Franz Pfempfert verlegten Erinnerungen von Alexander Herzen (Verlag Die
Aktion 1916). Peter Kunze hatte eine der seltenen Rote-Kreuz-Ausgaben der
Insel-Bücherei mit dem Vermerk „Weihnachten 1916“ dabei. Ursula Lang zeigte eine
von Richard Pietraß und Peter Gosse herausgegebene Ausgabe des Barockdichters
Paul Fleming mit Portraits von Max Uhlig (Ich bin ein schwaches Both ans große
Schiff gebunden, Projekte-Verlag) und eine von Dieter Goltzsche illustrierte
und mit einer Einzeichnung versehene Ausgabe mit Gedichten von Charlotte
Grasnick (So nackt an dich gewendet, Verbrecher Verlag). WK hatte
die in der Büchergilde erschienenen Gedichte von Friederike Kempner dabei, und
einen eigentlich für Lothar Lesche reservierten Leipziger Druck des von Klaus
Süß illustrierten Blaubart. Die Sammlung des kürzlich verstorbenen
Pirckheimer-Freundes, Bibliophie der letzten 30 Jahre, ist von einem Berliner
Antiquariat erworben und jüngst angeboten worden. Carsten Wurm präsentierte
Erstlingswerke, so von Oskar Loerke (Vineta, S. Fischer Verlag 1909), Gustav
Meyrink (Der heiße Soldat und andere Geschichten, Albert Langen Verlag, 1903)
und Wolfdietrich Schnurre (Man sollte dagegen sein, Die Vaganten 1948). Zu
guter Letzt erfuhren die Anwesenden noch von Fritz Jüttner etwas über die
Neuzugänge seiner Klopstock-Sammlung, die, so betonte er, vielfach durch die
Unterstützung anderer Pirckheimer-Freunde zustande kamen. Wie gewohnt, holte er
in seinen Ausführungen weit aus und berichtete anläßlich des Erwerbs der Ausgabe
des höchst seltenen Göttinger Musenalmanachs von 1774 auch über seine Erwerbung
des Almanachs von 1772, den er im Jahre 2000 von Wolfram Körner erhielt. Zur
allgemeinen Freude trug er zum Schluß einen lyrischen Jubelruf zum Erscheinen
von Heft 200 der MARGINALIEN vor (siehe oben).
Abel Doering

Hans Hasso von Veltheim aus Ostrau. Einen wahren Besucheransturm erlebte der
Abend der halleschen Pirckheimergruppe am 26. Oktober 2010, als Dr. Walter
Müller, Mitglied der Pirckheimer-Gesellschaft und ausgewiesener Experte der
halleschen Stadt-, Kultur- und Heimatgeschichte, das Leben des Ostrauer
Schloßherrn, Gelehrten und Bibliophilen Hans Hasso von Veltheim (1885-1956) in
den Mittelpunkt eines von Bildbeispielen begleiteten Vortrags stellte. Hans
Hasso von Veltheim, dessen 125. Geburtstag am 15. Oktober 2010 auch mit einem
Kolloquium auf seinem einstigen Familiengut Schloß Ostrau bei Halle und in den
Medien ausführlich gewürdigt wurde, war eine vielseitige und schillernde
Persönlichkeit. Seit dem Tod seines Vaters Franz von Veltheim im Oktober 1927
bis zum Kriegsende 1945 lebte er, unterbrochen von ausgedehnten Studienreisen,
auf dem spätbarocken Schloß Ostrau, das sich unter seiner Herrschaft zu einer
kulturellen Begegnungsstätte von internationalem Rang entwickelte.
Geboren wurde Hans Hasso von Veltheim jedoch in Köln, und seine Kindheit und
Schuljahre verbrachte er in Internaten und Privatpensionen. Er studierte
Kunstgeschichte und Archäologie und promovierte 1912 zum Dr. phil. Seinen
Lebensunterhalt bestritt er vor seiner Ostrauer Zeit als Privatgelehrter,
Verleger sowie als Kunst- und Antiquitätenhändler in München und Berlin, wo es
ihm dank seiner charismatischen Persönlichkeit gelang, weltweite Kontakte zu
knüpfen. Neben Schriftstellern und Philosophen wie Thassilo von Scheffer, Ernst
Penzoldt oder Hermann Graf von Keyserling war es vor allem der Anthroposoph
Rudolf Steiner, dessen Anschauungen ihn nachhaltig beeinflußten. Trotz seiner
Mitgliedschaft in der NSDAP, die wohl eher „strategisch“ aufzufassen war, hielt
er Kontakte zu den Verfolgten des Nazi-Regimes, so zu dem 1944 hingerichteten
Teutschenthaler Großunternehmer Carl Wentzel. Die Bodenreform 1945 aber
vertrieb ihn von seinem Besitz, so daß er im Herbst 1945 schwer erkrankt und
mittellos, versteckt in einem Kohlewagen, Richtung Westen flüchtete. Hier
verbrachte er, von Freunden unterstützt, sein letztes Lebensjahrzehnt. Er starb
am 13. August 1956 auf der Insel Föhr, wo er auch beigesetzt wurde. Im Oktober
1990 aber wurden seine sterblichen Überreste nach Ostrau überführt.
Von besonderem Interesse für die halleschen Pirckheimer waren die engen
Verbindungen des Ostrauer Schloßherrn und Bücherliebhabers, dessen eigene
Bibliothek 20 000 bis 22 000 Bücher und Archivalien umfaßte, zu den halleschen
Bibliophilen, so zu dem Apothekenbesitzer Otto Hein, dem Fabrikanten Albin
Bohacek sowie dem Germanisten Hanns Freydank. Otto Hein war es auch, der
Veltheim unmittelbar nach Kriegsende und vor seiner Flucht Asyl gewährte. Walter
Müller verwies im Zusammenhang mit seinen Ausführungen besonders auf die
verdienstvolle Biographie Hans Hasso von Veltheims von Karl Klaus Walther, die
ausführlich auch auf den Sammler Veltheim eingeht (Hans Hasso von Veltheim.
Halle: MdV, 2004. ISBN-Nr. 3-89812-1211-5).
Ein großer Teil von Veltheims umfangreicher Bibliothek, die in den
Nachkriegsjahren barbarischen Plünderungen ausgesetzt war, gelangte im Rahmen
der Kulturgutbergung 1949 in die Universitäts- und Landesbibliothek Halle, ein
weiterer Teil steht heute wieder in der neu hergerichteten Bibliothek in Ostrau.
Das Schicksal einer Reihe von Büchern aber mußte bis heute ungeklärt bleiben. –
Das rege Interesse an den aufschlußreichen Darlegungen Walter Müllers hat
bewiesen, daß nicht nur das immer wieder gern besuchte Anwesen von Schloß und
Park Ostrau, sondern auch die Erinnerung an seinen einstigen Schloßherrn und
Weltbürger Hans Hasso von Veltheim eine nachhaltige Erlebnisbereicherung
vermittelt.
Ute Willer

Ein Abend mit Elmar Faber. Die hallesche Pirckheimer-Gruppe beschloß am 30.
November 2010 ihr Jahresprogramm mit einem besonderen Höhepunkt. Eingeladen und
mit neugieriger Spannung erwartet war der Leipziger Verleger Elmar Faber, der
mit seinem Vortrag Wie Bücher zu ihren Titeln kamen ein spezielles Kapitel der
„Buchwerdung“ beleuchtete. Gern hätte er dieses Thema in seiner Essaysammlung
Die Allmacht des Geldes und die Zukunft der Phantasie. Betrachtungen zur
Bücherwelt (Leipzig 2003) mit aufgenommen, doch mangelnde Stellungnahmen der
von ihm angeschriebenen Autoren ließen ihn zunächst davon Abstand nehmen. Wie
unverändert wichtig ihm aber dieses Thema ist, bewiesen seine lebendigen und
auch unterhaltsamen Ausführungen, die keinesfalls nur für den Verleger von
Interesse waren.
Daß bei der Wahl eines Buchtitels auf viele Dinge geachtet werden muß, belegten
etliche Beispiele, die Autoren für ihre literarischen Schöpfungen selbst gewählt
hatten und die bei den Lesern falsche und oft auch negative Vorstellungen
erwecken mußten. So ein Beispiel aus dem eigenen Verlag: Der Autor Klaus Funke
nannte seinen Novellenband zu Clara Schumann und Johannes Brahms Tod am Fluß –
ein düsterer Titel, der eher Krimi-Freunde ansprach. Unter dem schön und klar
formulierten Titelmotto Am Ende war alles Musik (Leipzig 2005) hat dieses Buch
inzwischen drei Auflagen erreicht. Auch rechtliche Fragen spielen bei der
Titelfindung mitunter eine Rolle. So wurde in den dreißiger Jahren durch den
Einspruch des Baedeker-Verlages aus Werner Bergengruens Baedeker des Herzens
eine Badekur des Herzens. Viele weitere Beispiele konnte Elmar Faber hier
aufzählen. Sie alle zeigten, daß im Sinne eines guten und richtigen Vertriebs
der Verleger seine Entscheidungen besonders verantwortungsbewußt treffen muß.
Um Doppelungen oder auch zu Verwechslungen führende Ähnlichkeiten zu vermeiden,
wurde beim Börsenverein der Deutschen Buchhändler 1932 ein Titelschutz
eingeführt – bei jährlich 90 000 bis 100 000 Neuerscheinungen heute eine
absolute Notwendigkeit.
In diesem Zusammenhang warf Elmar Faber auch einen Blick auf die historische
Entwicklung der Buchtitel, die sich im schwülstigen Barockzeitalter deutlich
anders präsentierten, als das heute der Fall ist. Doch zu allen Zeiten sind
syntaktische und semantische Regeln zu beachten, um gezielt auf den Inhalt, die
Gedanken und die Stimmungen eines Buches zu weisen. Ein guter Titel, so Faber,
muß auch ohne einen Untertitel auskommen. Auch auf die unterschiedlichen Formen
der Titel ging der kundige Verleger ein: Namen mit oder ohne ein Attribut,
Charakterisierungen, Zahlentitel, Gegensätzliches, Paarungen und so weiter –
oder auch Titel, die sich bewußt rätselhaft geben. Hier schien die Palette fast
endlos. Die seinem Vortrag folgenden Diskussionen bewiesen das Interesse der
Zuhörer ebenso wie die engagierte Weise, mit der Elmar Faber seine Darlegungen
betonte.
Da die meisten der Besucher, nicht zuletzt durch den Beitrag Hans-Georg Sehrts
20 Jahre Faber & Faber in den MARGINALIEN (H. 3, 2010), vom Jubiläum des
Verlages und auch vom bevorstehenden Rückzug des inzwischen 75jährigen Verlegers
aus seinem Unternehmen informiert waren, bot sich ein kurzer Rückblick auf die
zwei Jahrzehnte des erfolgreichen Verlages sozusagen von selbst an. Elmar Faber
gab diesen Rückblick, indem er den erst kürzlich herausgegebenen Almanach Vom
Wein der Weisheit einen Tropfen (Leipzig 2010, ISBN-Nr. 978-3-86730-119-0) mit
so herzerfrischender Eigenfreude präsentierte, daß wohl ein jeder, der diesen
köstlichen, von Egbert Herfurth illustrierten Band noch nicht besaß, mit einem
neuen vorweihnachtlichen Buchwunsch den anregenden Abend verließ. – Zum Schluß
bleibt nachzutragen, daß auch Elmar Fabers Vortrag Wie die Bücher zu ihren
Titeln kamen in absehbarer Zeit als gedruckter Essay vorliegen wird.
Ute Willer

20 Jahre Leipziger Bibliophilen-Abend. Am 8. Januar 2011, genau zwanzig Jahre
nach Wiedergründung des Leipziger Bibliophilen-Abends, versammelten sich
reichlich 160 Mitglieder und Gäste in der Alten Handelsbörse Leipzig zu einer
Festversammlung. Gekommen waren sie aus nah und fern, aus Emden im hohen Norden,
aus Frechen im Umkreis Kölns, aus Dortmund, aus dem südlichen Nürnberg, aus
Berlin, Chemnitz, Lutherstadt Wittenberg und aus Leipzigs näherer Umgebung. Nach
einem Sektempfang im Foyer der Börse war die rechte Feststimmung aufgekommen,
als das Schumann-Quartett das Programm mit dem Allegro aus Franz Schuberts
Quartett a-moll op. 29 eröffnete. – In seinen Begrüßungsworten erinnerte der
Vorsitzende Herbert Kästner an die Intentionen, die 1991 der Neugründung des LBA
zugrundelagen: Zuvörderst soll er sich der ›bibliophilia activa‹verpflichtet
fühlen und um einen eigenständigen Beitrag zur Entwicklung der Buchkultur bemüht
sein. Dabei will er sich in die künstlerischen Entwicklungen und, wo möglich, in
den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und sowohl im Literarischen wie im
Künstlerischen Gegenwärtigkeit, geistige Zeitgenossenschaft zum Ausdruck
bringen. Und schließlich will sich der LBA aktiv in das kulturelle Leben der
Stadt Leipzig einbinden und seine Veranstaltungen und Ausstellungen einem
breiten Publikum öffnen.
Die Bilanz von 270 Veranstaltungen, von 40 Exkursionen zu kultur- und
kunsthistorisch bedeutsamen Stätten, von 18 Ausstellungen und von 106
bibliophilen Editionen, darunter mehr als die Hälfte Erstdrucke von Texten
zeitgenössischer Autoren, zeigt, wie diese Leitlinien umgesetzt wurden. Das
macht auch die stetig wachsende Mitgliederzahl von 105 bei Neugründung bis
derzeit 226 deutlich. – Für sein drittes Jahrzehnt setzt der LBA nun auf
Konsolidierung und Verstetigung, auch Entschleunigung dort, wo es der Qualität
dient, sowie auf Beachtung der sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen
für Buchkunst und Bibliophilie, für den kulturellen Standard schlechthin, denn
dieser ist durch galoppierende Verflachung und geistige Selbstentleibung
gekennzeichnet. In dieser Situation sollten sich auch die bibliophilen
Vereinigungen aktiv und öffentlich einmischen, um, mit Volker Braun zu sprechen,
der Abschaffung des eigenen kulturellen Raumes entgegenzuwirken. – Freundliche
Grußworte sprachen Prof. Dr. Wulf D. von Lucius für die Maximilian-Gesellschaft,
Dr. Onno Feenders für die Gesellschaft der Bibliophilen und Dr. Hans-Georg Sehrt
für die Pirckheimer-Gesellschaft (in Vertretung des erkrankten Vorsitzenden Dr.
WK). – Die Festrede hielt Jens Sparschuh, der über das Thema
SchriftBild, den Reihentitel der neuen bibliophilen Serie des LBA,
improvisierte. Die Rede kann im Band 1 der Reihe in Bälde nachgelesen werden. –
Bevor das Schumann-Quartett, das die gesamte Veranstaltung musikalisch
begleitete, mit dem Vivace aus Antonin Dvoraks Quartett F-Dur op. 96 den
Schlußakkord gesetzt hatte, erinnerte die Schauspielerin Steffi Böttger noch mit
dem Vortrag einer Goethe-Parodie aus der Feder von Georg Witkowski und Anton
Kippenberg an die Spottlust der bibliophilen Vorväter.
Im Anschluß an die Festversammlung wechselte man von der Alten Börse in das
nahegelegene Museum der bildenden Künste, wo ein exzellentes Büffet für
leibliche Genüsse sorgte. Aber auch bibliophile Leckerbissen mußten nicht
entbehrt werden, angefangen von der gezeichneten und im Lichtdruck (!)
reproduzierten Speisekarte (Robert Schmiedel) über eine von unserem Mitglied
Wolfgang Zumpe gespendete originalgraphische Gabe (von den jungen Hallenser
Künstlern Regina Stiegeler und René Schäffer) bis zur mit großer Freude
aufgenommenen Festschrift Leipziger Bibliophilen-Abend – Das zweite Jahrzehnt
mit buchwissenschaftlichen und literarischen Beiträgen und mit zehn signierten
Originalgraphiken. In anregenden Gesprächen über Buch und Bild bei einem guten
Glas Wein klang der ereignisreiche und heitere Abend aus.

Sammlerabend der Region Rhein-Main-Neckar. Das letzte Treffen im Jahr 2010 war wieder der Präsentation schöner Bücher und Graphiken aus den Beständen der
Mitglieder gewidmet. Vorzugsweise hatten die Pirckheimer Neuerwerbungen
mitgebracht. Die Vorstellung der Schätze begann mit einem Lexikon, und zwar dem
„Meyer“, herausgegeben vom Bibliographischen Institut im Jahre 1897. Der
Satzspiegel und die hohe Qualität der Abbildungen, meist Holzstiche in hoher
Detailgenauigkeit, sind beeindruckend. Eine aktuelle Neuerscheinung aus der
israelischen Even Hoshen Press, Lire les Mures/Read the Walls, überzeugt durch
wertvolle Materialien und deren optimale typographische Verarbeitung. Gut
gestaltet und versehen mit exzellent reproduzierten Illustrationen von Fritz
Löwen, ist Gogols Teufel, Hexen und Kosaken eine Augenweide (Thyrsos, Wien um
1920). Das gilt ebenso für Hauptmanns Bahnwärter Thiel mit Kaltnadelradierungen
von Mathias Roloff und mit der Typographie von Steffen Kramer. Eine Rarität ist
wohl Fritz Mordechai Kaufmanns Sammlung Die schönsten Lieder der Ostjuden
(Jüdischer Verlag, Berlin 1920) wie auch Tschapajew – Das Bataillon der 21
Nationen, redigiert von Alfred Kantorowicz (Madrid 1938). Ein lesenswerter Ulk
ist ein Büchlein über Antiquare und ihre Katalogsprache von Wolfgang Keller Als
spakig ward der Bug empfunden (Wilfried Richter, Berlin 1995). – Hans Christian
Andersens Märchen mit den Illustrationen der bewährten Graphikerin Lisbeth
Zwerger ist in dieser Gestaltung – wenn auch ein verkleinerter Nachdruck – ein
wahrer Genuß (minedition, Bargteheide). Gut und lesefreundlich gestaltet sind
die Taschenbücher der Reihe btb Goldmann (Random House), ein Beispiel dafür, was
auch heute noch möglich ist (aber von viel zu wenigen Verlagen genutzt wird).
Äußerst kostbar ist eine ersteigerte Erstausgabe von Schillers Wilhelm Tell in
wertsteigernder Schatulle (Cotta 1804). Gezeigt wurde auch die Neuerscheinung
1930 – Das Leben sucht sich seinen Weg von Erwin Poell. Das Buch enthält zudem
ein Liber Amicorum zum 80. Geburtstag des namhaften Designers und
Buchgestalters (Mattes, Heidelberg 2010).
FP
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