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Redaktionsschluss 14. Januar 2012
Curt Visel – Förderer des
Schönen Buches. Am 21. September vorigen Jahres verstarb der allen
Bücherfreunden bekannte Verleger Curt Visel vierundachtzigjährig nach längerer
Krankheit. Seine Zeitschriften Illustration 63 und Graphische Kunst sind
angesehene Fachliteratur für Sammler sowie für Buch- und Kunstwissenschaftler.
Geboren 1928, durchlief
Visel nach dem Abitur eine Ausbildung zum Verlagsbuchhändler, und zwar beim
Maximilian Dietrich Verlag in Memmingen, den er dann 1981 übernahm. Bereits 1963
gründete er einen eigenen Verlag, in dem Illustration 63 erschien. Der Verlag
wurde später in Edition Curt Visel umbenannt, in der der rührige Verleger dann
ab 1973 auch die Graphische Kunst herausgab. Beide Zeitschriften widmeten sich
in bibliophiler Aufmachung einerseits dem künstlerisch gestalteten Buch und
andererseits der traditionellen Druckgraphik. In ihren Themenbereichen sind
diese Publikationen, in numerierten Auflagen und teils mit
Originalgraphikbeilagen ausgestattet, beliebte Sammlerobjekte. Im Jahre 2004
verschmolz Jürgen Schweitzer, der 2002 Verlag und Edition übernommen hatte, die
beiden Organe zur Graphische Kunst – Internationale Zeitschrift für Buchkunst
und Graphik. Auch im 1946 gegründeten Maximilian Dietrich Verlag hat Curt Visel
anspruchvolle Literatur in ansprechender Gestaltung verlegt. Das Nachkriegswerk
der lettischen Autorin Zenta Maurina kam beispielsweise hier heraus. Als
Illustratoren hatte Visel unter anderem Gunter Böhmer, Wilhelm M. Busch, Fritz
Fischer, Helmut Ackermann und Went Strauchmann gewinnen können. Manche von ihnen
brachte er dem Bücherfreund durch Monographien und Skizzenbücher näher. Die
Bandbreite der vorgestellten Künstler und der originalgraphischen Beilagen in
den genannten Zeitschriften umfaßte das ganze Spektrum der zeitgenössischen
Kunst. Für viele junge Künstler war Curt Visel ein hilfreicher Förderer. Die
Bibliophilie verlor in ihm einen aktiven und mutigen Anreger und Fürsprecher.
Ferdinand Puhe
Abschied von der Kunst
– zum Tod von Olaf Gropp. Olaf Gropp war in Thüringen ein geschätzter
Graphiker. Seine zahlreichen Exlibris haben ihn über die Landesgrenzen hinaus
bekannt gemacht. Mehr als 100 hat er entworfen. Für Bücherfreunde sind sie
unverzichtbares Beiwerk. Olaf Gropp war ein Meister dieses Metiers. Seine
heiteren und oft witzigen Einfälle zur Mythologie waren unverwechselbar. Der
Erfurter Graphiker, der Sinn für Humor und Freude am Leben hatte, hätte 2013
seinen 70. Geburtstag gefeiert. Das Schicksal wollte es anders; er verstarb am
29. Oktober in Erfurt. Er hinterläßt seine Kunst und seine Werke. In seinem
kleinen Atelier in Erfurt-Dittelstadt arbeitete er noch täglich bis zum
Eintreten der Krankheit. Kleine graphische Skizzen, Zeichnungen oder
Studienblätter lagen stets um ihn herum. Beeinflußt von Musik und Kunst war sein
ganzes Leben. Wie sollte es auch anders sein. 1943 in Erfurt geboren,
absolvierte er zunächst eine Malerlehre, bevor er 1972 bis 1975 in Halle (Saale)
Malerei und Graphik studierte. Seit 1981 übte er unterschiedliche
Lehrtätigkeiten aus, arbeitete mit Kunsterziehern am Erfurter Lehrerhaus und
fand in der Druckplatte sein Metier. Zahlreiche Ausstellungen zeigten seine
Werke im In- und Ausland. Durch seinen Kontakt zur Deutschen
Exlibris-Gesellschaft eröffneten sich für Gropp immer wieder neue Türen, so
konnte er 2008 an einer Ausstellung auf Kuba teilnehmen.
Behutsam zeigte er auf seinen
Blättern Landschaften, Architekturansichten und kleine oder große erotische
Abenteuer. Mit Humor und Witz sann er über die List von Zeus nach und hielt das
Sinnliche auf den Platten fest. Er experimentierte auch mit der geometrischen
Linie und setzte mit seiner Graphik oft ein Zeichen bzw. ein Sinnzeichen. Dann
und wann schuf er auch Adaptionen zu Rubens, Mantegna oder Ingres. Sein
Hauptthema aber war, Spuren des Lebens festzuhalten. Für Werden und Vergehen
fand er Symbole, Zeichen und Bilder. Jedes seiner Werke hat eine besondere
Tiefe. Diana Trojca
Noch einmal 100 Jahre
Deutsche Nationalbibliothek. Im Rahmen der Feierlichkeiten der
Deutschen Nationalbibliothek zum hundertjährigen Bestehen (vgl. MARGINALIEN, H.
206, 2012, S. 92, und H. 207, S. 88-89) fand am 2. Oktober am Gründungsort
Leipzig ein Festakt statt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Elisabeth
Niggemann, die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, und Alexander
Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels,
würdigten die Verdienste der Bibliothek als Sammlerin und Be-wahrerin des
kulturellen Gedächtnisses der Nation und wiesen auf die neuen Herausforderun-gen
hin, die der Bibliothek durch die digitale Welt erwachsen.
Die Bundesrepublik Deutschland
würdigte die Deutsche Nationalbibliothek mit einer Gedenkmünze und einer
Sonderbriefmarke. Die Präsentation erfolgte am 18. September in Frankfurt am
Main auf einer öffentlichen Veranstaltung.
Nachdem die ersten beiden Hefte des Magazins HUNDERT
den Sammelschwerpunkten Literatur und Musik gewidmet waren, geht es in HUNDERT
Nummer 3 um den DENK-RAUM mit dem Untertitel Von Forschungsquelle bis
Wissensspeicher. Bibliotheken als Ort der Erkenntnis. Darin enthalten sind
Beiträge über die beglückende Erfahrung des Denkens und Arbeitens in
Bibliotheken, die Geschichte der Zensur in der Deutschen Nationalbiblio-thek,
über das Deutsche Exilarchiv und vieles andere mehr. Der Schwerpunkt von
HUN-DERT Nummer 4 ist LESERAUM mit dem Untertitel Von Schmökern bis Studieren.
Wie Worte Welten öffnen dem Herzstück jeder Bibliothek, dem Lesesaal gewidmet.
Abgedruckt sind beeindruckende Fotos von fünf der zwölf Lesesäle der
Nationalbibliothek, ein Essay des Hirnforschers und erklärten Bücherfreundes
Ernst Pöppel über das Lesen, ein Gespräch über den Umbruch in der Buchbranche.
Wieder zwei sehr informative und sehr gut gestaltete Hefte – leider die letzen!
Zu den weiteren
Höhepunkten gehörte die Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Buch- und
Schriftmuseums Zeichen – Bücher – Netze. Von der Keilschrift zum Binärcode. Mit
800 Exponaten erzählt die Ausstellung die Menschheitsgeschichte der Medien aus
5000 Jahren Mediengeschichte. Sie bietet damit einen kleinen Einblick in die
über eine Million Objekte umfassenden Bestände des Museums. Inzwischen ist die
Dauerausstellung zum Publikumsmagneten geworden.
Am 2. November wurde als Beitrag der Deutschen
Nationalbibliothek zum 800. Geburtstag der Thomaner die Ausstellung Thomaner
forever. Noten aufzeichnen – Klang speichern mit Exponaten aus den Sammlungen
des Deutschen Buch- und Schriftmuseums und des Deutschen Musikarchivs eröffnet.
Weitere Informationen finden sich unter
www.dnb.de/100jahre, in der Broschüre Deutsche Nationalbibliothek. Lesen. Hören.
Wissen (Leipzig u. Frankfurt am Main 2012, 54 S.) und in dem Büchlein Deutsche
Nationalbibliothek Frankfurt am Main. Deutsche Nationalbibliothek Leipzig
(Berlin: Stadtwandel Verlag, 2012, 32 S. Die Neuen Architekturführer Band 181).
Mit 100 Veranstaltungen
und zahlreichen Publikationen an ihren Standorten Leipzig und Frankfurt am Main
beging die Deutsche Nationalbibliothek würdevoll ihr Jubiläum.
Dieter Schmidmaier
100 Jahre
Insel-Bücherei. Ausstellung in Berlin. Sie fehlen in kaum einer
deutschen Bibliothek, weder im öffentlichen noch – erst recht – im privaten
Raum: die Bändchen der Insel-Bücherei, bunt, vielgestaltig, von größter
Themenvielfalt, bei aller Individualität als Teile eines zusammengehörenden
Ganzen erkennbar. Wichtige Erstausgaben unserer Literatur – etwa von Rilke, von
Stefan Zweig – sind in der IB erschienen, und auch nach 100 Jahren ihrer
Existenz erfreut sich die Buchreihe regen Interesses, unverminderter, ja
wachsender Beliebt-heit. Kein Wunder also, daß die MARGINALIEN mehrfach über
herausragende Leistungen, er-freuliche Aktivitäten unserer Pirckheimer-Freunde
zu Ehren der IB im Jubiläumsjahr 2012 berichten konnten. An erster Stelle ist
die würdige Neuausgabe von Herbert Kästners schon klassischer IB-Bibliographie
in stattlichem Leinengewand, mit farbigen Abbildungen, aktuali-siert bis zur IB
1365, zu nennen (MARGINALIEN, H. 207, S. 74-77). Es ist auf das Treffen der
Sammler der IB, unter denen eine Reihe Pirckheimer sind, am 19. Mai 2012 in
Berlin – seit 2010 Sitz des Insel Verlages – und die aus diesem Anlaß
erarbeitete Schrift Berlin in der In-sel-Bücherei (MARGINALIEN, H. 207, S. 89)
sowie auf spezielle Veranstaltungen von Pirck-heimer-Freunden in der Buchstadt
Leipzig – Gründungsort und jahrzehntelang Heimstatt des Insel Verlages – am 4.
September 2012 (MARGINALIEN, H. 208, S. 100 f.) und im Heidedorf Bargfeld am 22.
und 23. September 2012 (MARGINALIEN, H. 208, S. 105-107) zu verweisen.
Daß wir nunmehr von einem in die breite Öffentlichkeit
wirkenden Berliner Beitrag zum Jubi-läum der IB berichten können, ist das
Verdienst des Berliner Pirckheimers Peter Kunze. Der leidenschaftliche
Insel-Buch-Sammler (seine Sammlung zählt zur Zeit rund 3700 Bändchen) initiierte
und kuratierte mit hohem Sachverstand und großer Liebe eine mehrmonatige
Ausstellung (19. November 2012 bis 1. Februar 2013) „100 Jahre Insel-Bücherei“
in der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin. Die Werke der
Ausstellung stammten weitestgehend aus Kunzes Sammlung. Die
Universitätsbibliothek aber unterstützte Kunzes Ausstellung, indem sie in einer
besonderen Vitrine demonstrierte, daß auch sie über reiche, viel genutzte
Bestände an Bändchen der IB verfügt.
Die wohldurchdachte, übersichtlich gegliederte
Ausstellung in vier senkrechten Vitrinen vermittelte mit Kunzes erläuternden
Texten und beeindruckenden, zum Teil sehr seltenen Anschauungsobjekten einen
Überblick über die Geschichte der IB vom ersten Rundschreiben, in dem der Verlag
1912 die geplante Insel-Bücherei mit den ersten 12 Bändchen ankündigt, bis zu
Gegenwart. Die wechselvolle deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert spiegelt sich
in der Geschichte der bunten Buchreihe: Kriegsbegeisterung zu Beginn des Ersten
Weltkrieges, spezielle Kriegsausgaben für die kämpfende Truppe, Ausgaben für das
Hamburger Rote Kreuz zu Weihnachten 1916. Streichung verbotener Autoren wie
Stefan Zweig und Heinrich Mann aus dem Programm der IB in der Zeit des „Dritten
Reiches“. Feldpost- und Frontbuchhandelsausgaben, spezielle
Truppenbetreuungsauflagen im Zweiten Weltkrieg. Vernichtung ganzer Auflagen von
Bändchen der IB im Dezember 1943 in den verheerenden Bombenangriffen auf
Leipzig. Teilung Deutschlands als Kriegsfolge und mit ihr Teilung des Insel
Verlags in die Zweige Leipzig im Osten und Wiesbaden, ab 1960 Frankfurt/M. im
Westen, damit verbunden gesonderte Fortsetzungen der Insel-Bücherei.
Wiedervereinigung Deutschlands und mit ihr Wiedervereinigung des Insel Verlags.
Gesondert wurden
illustrierte Bücher und „Bilderbücher“ wie die berühmte IB 450, Die Minnesänger
in Bildern der Manessischen Handschrift, vorgestellt. Die Österreichische
Bibliothek (erschienen 1915 bis 1917) und die Sammlung Pandora (erschienen 1921
bis 1922) als Sonderreihen fanden ebenso Berücksichtigung wie Leder- und
Vorzugsausgaben, die sog. „Kaufhausausgaben“ sowie Teilauflagen, in deren
Exemplare aus bestimmten Anlässen, zu bestimmten Gelegenheiten ein spezieller
Empfängerkreis eingedruckt ist. Hierzu gehören na-türlich die 500 Exemplare von
IB 700, Zachariä, Der Renommist, die 1989 für die Teilnehmer der Leipziger
Jahrestagung der Pirckheimer-Gesellschaft gedruckt wurden.
Auch auf die Vielfalt der Einbandgestaltung – von
Anfang an eine wirkungsvolle Eigenheit der IB – machte Kunzes Ausstellung
aufmerksam. Am Beispiel von IB 1, Rilke, Die Weise von Liebe und Tod des Cornets
Christoph Rilke, wurden 17 verschiedene Einbandvarianten vorgestellt, denen nach
Vollständigkeit auch in äußeren Nuancen strebende „Extremsammler“ begierig
nachjagen. Schließlich erhielt der Besucher der Ausstellung auch einen Überblick
über die wichtigste Literatur zur Insel-Bücherei, neben dem Klassiker Kästner
eine Reihe von Spezialbibliographien bis hin zum feinste Details beschreibenden,
vom Sammler Helmut Jenne erarbeiteten und herausgegebenen Katalog der Sammlung
Jenne in zwei schweren Bänden.
Die Kunzesche Ausstellung fand viele Besucher – Leser
der Universitätsbibliothek wie Bücherfreunde, die eigens zur
Ausstellungsbesichtigung den Weg in die Bibliothek wählten. Sie war ein würdiger
Beitrag zum Jubiläum der Insel-Bücherei, der die Freunde der IB in ihrer
Freundschaft bestärkte, ihnen neues Wissen, vielfältige Anregung vermittelte,
aber auch neue Freunde für die IB und die Bibliophilie gewann. Man wünschte
sich, daß Kunzes Ausstellung auch noch an anderen Orten gezeigt werden könnte.
Aber wird es der Sammler so lange ge-trennt von wichtigen Schätzen seiner
Sammlung aushalten? Das in der Ausstellung dargebotene Wissen faßt ein
wunderbarer vom Kurator verfaßter und gestalteter, reich illustrierter
Ausstellungsführer zusammen, der jedem Freund der IB, jedem Interessierten an
hundertjähriger Geschichte im Spiegel einer Buchreihe warm zu empfehlen ist: 100
Jahre Insel-Bücherei. Eine Ausstellung in der Universitätsbibliothek der Freien
Universität Berlin. Kuratiert und weitestgehend ausgestattet von Peter Kunze.
Ausstellungsführer 57 der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin.
Berlin 2012. IV, 36 S., 58 farbige Abb. Pp. 4°. 5 Euro. ISBN 978-3-929619-84-3.
– Für die Ausstellung, für den Ausstellungsführer, für all Ihre Mühe, für alle
Freude, die Sie uns Ausstellungsbesuchern bereitet haben: Danke, Peter Kunze!
Fritz Jüttner
Mit Emil Orlik in
Japan. Aus Anlaß seines 80. Todestages ehrt das Museum für Kunst und
Gewerbe Hamburg den Zeichner, Graphiker und Buchkünstler Emil Orlik (Prag 1870 –
1932 Berlin) mit einer Ausstellung von graphischen Arbeiten, die im Zusammenhang
mit den beiden Japanreisen des Künstlers stehen. Die hier unter dem Motto Wie
ein Traum! gezeigten etwa 65 Graphiken und Vorzeichnungen stammen überwiegend
aus dem Besitz des Sammlers Peter Voss-Andreae, der auch das Vorwort zu dem
opulenten Katalogbuch schrieb.
Emil Orlik, der Sohn eines Prager Schneidermeisters,
studierte nach der Matura von 1889 bis 1893 zunächst an der privaten Malschule
von Heinrich Knirr und dann an der Akademie der Bildenden Künste in München. In
seiner Heimatstadt etablierte er sich ab 1897 mit einem eigenen Atelier. Einen
Wendepunkt in seinem künstlerischen Schaffen leiteten die Eindrücke ein, die
Orlik bei seinem zehnmonatigen Aufenthalt in Japan empfing. In diesen Jahren
hatten sich auch andere europäische Künstler von der Bilder- und Formensprache
des japanischen „ukiyo-e“, der „Bilder der heiteren, vergänglichen Welt“,
inspirieren lassen, so Manet, Monet, Pissarro, Degas, Gauguin und van Gogh.
Japanische Farbholzschnitte, vor allem von Utamaro, Hokusai, Hiroshige und
Kunisada füllten die Kunsthandlungen und waren beliebter Wandschmuck. Sammler
reisten nach Japan, japanische Kunst war Gegenstand vieler kunstkritischer
Abhandlungen. Neben Emil Orlik waren es Marianne von Werefkin und Alexej
Jawlensky, die sich in Deutschland mit der fernöstlichen Kunst
auseinandersetzten, ebenso wie Franz Marc und August Macke. Jugendstil und
Expressionismus nahmen viele Elemente des Japonismus in sich auf.
1905 hatte Orlik sein Atelier
nach Berlin verlegt, wo er dann bis zu seinem Tod lebte, immer wieder
unterbrochen von Reisen, die ihn nach Frankreich, Italien, Dalmatien, Spanien
und in die Schweiz führten. 1912 reiste er zum zweitenmal nach Fernost, wobei er
neben Japan auch China besuchte. Von dieser Reise sind nur wenige in Japan
angesiedelte Graphiken bekannt.
Umso umfangreicher waren die „Früchte“ des ersten
Japanaufenthalts, deren vielfältige Motive und Gestaltungen in der Ausstellung,
aber auch – teils in Originalgröße – im Katalog zu bewundern sind. Orlik hatte
seinen Aufenthalt zunächst genutzt, um die Technik des Holzschnitts und des
Farbholzschnitts in dessen Ursprungsland kennnenzulernen. Besonders die
japanischen Farbholzschnitte zeichnen sich durch ihre leuchtenden Farben aus.
Emil Orlik besuchte die Werkstätten von Holzschneidern und Druckern. So gelang
es dem Künstler, sich in hohem Maße in Kunst und Denken Japans einzufühlen.
Selbst manche Kenner des Landes hatten Schwierigkeiten, die in Japan
entstandenen Graphiken als nicht originär japanische Werke zu erkennen. Das hohe
Ansehen, das sich Orlik als Kenner – und Ausüber – der japanischen Kunst erwarb,
führte den Verlag Rütten & Loening dazu, die ab 1905 herausgegebenen Werke von
Lafcadio Hearn durch Orlik illustrieren und gestalten zu lassen.
Es ist ein großes Verdienst des Sammlers und des
Hamburger Museums, die für Orlik so wichtige Schaffensperiode mit allen
bekannten oder verfügbaren Skizzen, Holzschnitten Lithographien und Radierungen
zu belegen und dem interessierten Publikum zur Ansicht vorzulegen. Denjenigen,
die nicht nach Hamburg reisen konnten, bietet das von Jürgen Meyer, Hamburg,
bestens gestaltete Katalogbuch einen fast vollwertigen „Ersatz“. Der
zweispaltige Satz der weiterführenden Aufsätze von Birgit Ahrens und Rüdiger
Joppien sowie die gute Qualität der Abbildungen machen das Buch zu einer
großartigen Hommage an den unvergessenen Künstler (Edition Klaus Raasch, 140 S.,
84 farb. Abb, 28,6 x 21 cm,, Offsetdruck, Fadenheftung, Pp. mit ill. Umschl.,
29,– Euro, ISBN 978-3-927840-62-1).
Ferdinand Puhe
Horst Hussel im
Kunstkeller Annaberg. Vom 8. September bis zum 31. Dezember 2012 waren
hier im erzgebirgischen Annaberg knapp 100 Arbeiten aus den Jahren 2010-2012 des
weithin bekannten und verehrten Berliner Künstlers Horst Hussel zu erleben:
Acrylbilder, Zeichnungen, Radierungen, Collagen. Beigeordnet in Vitrinen
natürlich auch Bücher aus den letzten Jahren, schöne Bände der Dronte Presse und
auch Privatdrucke des Hussel-Sammlers Helmut Schumacher, darunter
Palastarchitektur (2005) und Phantasien zu Tarockkarten. Ein Dramolett für
Marionetten (2007). Die
wundersam-phantasievolle Ausstellung im feinen Kellergewölbe des Pirckheimers
Jörg Seifert bietet alles, was Hussel -Freunde erwarten können: anarchische
Unbekümmertheit, humoriges Hakenschlagen, fratzenhafte Hintergründigkeit
koboldartiger Wesen und deren lautes Lachen über Absurditäten und Zumutungen der
Zeit. Man vermeint, vieles zu kennen und ist doch erneut überrascht und ins
Gespräch gezogen. Etlichen dieser komischen Typen ist man irgendwann und
irgendwo doch schon begegnet?! Kein Wunder, daß von Magie der Freiheit und
Hymnen auf die Kraft der Fantasie in der sächsischen Presse geschwärmt wurde.
Zur Ausstellung erschien ein Katalog, auch als Vorzugsausgabe mit beigelegter
signierter Radierung, der im Kunstkeller zu erwerben ist (Tel.: 03733/ 42001;
www.kunstkeller-annaberg.de) Er bildet zahlreiche Arbeiten großzügig und farbig
ab und lädt mit dem begleitenden anspielungsreich-krausen Text von Paula
Böttcher zu einem vergnüglichen Rundgang durch die Ausstellung ein: „Eine
Versammlung von Augenblicken. Ein Reigen schönster Geister … Eine Straße der
Besten in Untergrund. Anarchisten aller Länder, vereinigt … Nicht resignieren.
Lachen!... Unverstellte Blicke prüfen ihr Gegenüber …“ Auch in den stillen Raum
mit Landschaftsradierungen leuchtet der poetische Text: „Ihr Mekelenburg,
Sterneberghe, am Erzhang!“ Beeindruckend auch die großformatige Collage
Einkaufen in Peking im Kellergang und ein kleinerer Raum mit Malereien auf Holz:
Fisch-Porträts, Urwesen mit Blicken seelenvoller Ergebenheit, charaktervolle
Kreaturen, im Tode mit Schmucksteinchen besetzt – nachdenkliches Erschrecken.
Friedrich Dieckmann spricht im Katalog der
gleichzeitig im Schloß Güstrow stattfinden-den Hussel-Ausstellung des Schweriner
Museums (8. 12. 12 – 20. 1. 13) Poesie und Eigensinn. Die Schenkung Christoph
Müller trefflich von Hussel als dem „Regenten eines verschrobenen und
vertrackten, ausschweifend-vielgestalten, widerständig-heiteren, in allen Zonen
und Zeiten bewanderten Kunstreichs“. Horst Hussel wird am 28. April 2014 seinen
80.Geburtstag feiern.
Ursula Lang
Hauptmanns und Cibulkas Hiddensee.
Zum 100. Jubiläum der Verleihung des Nobelpreises an Gerhart Hauptmann und zum
150. Geburtstag des Dichters ist im September 2012 ein kleines, aber feines
Bändchen erschienen, das die Insel Hiddensee liebevoll in Wort und Bild
umkreist. Die junge Autorin Johanna Henk aus Erfurt, die Freundin Hiddensees
ist, verbrachte hier und in Ahrenshoop einen Teil ihrer Kindheit. Wind, Wellen
und Meer ließen sie nicht mehr los. So entstand 2010 nach ihrem Studium der
Kunstgeschichte und Literatur an der Universität Jena die Idee, ein
Hiddensee-Bändchen mit Texten von Hauptmann und Hanns Cibulka zu erschaffen:
Gerhart Hauptmann – Begegnung mit seiner Insel. Hrsg. v. Johanna Henk. Pp., 8°
quer. Frankfurter Literaturverlag 2012. 64 S. Pp. 13,80 Euro. ISBN 3837211223.
Das Buch enthält abweichend vom Titel auch Texte von dem Thüringer Lyriker und
Erzähler Cibulka, den Johanna Henk in der Pirckheimer-Gesellschaft kennengelernt
hatte. Die Herausgeberin beschreibt in einem Prolog und Epilog die Orte, an
denen Hauptmann und Cibulka arbeiteten und ihre Inspirationen fanden. Neben den
Dichterworten enthält das Buch eine Serie von 26 Hiddensee-Fotografien, mit
denen Dr. Ulrich Hauch aus Erfurt die Textzitate illustriert. Bilder von Sonne,
Wolken und Meer zeigen die Insel im Wandel der Jahreszeiten. Hauptmann weilte im
Sommer auf der Insel, während Cibulka hier Frühsommer und Herbst erlebte. Ulrich
Hauch wanderte mit seiner Kamera auch über die winterliche Insel und hielt
Zwiesprache mit der von den Touristen weitgehend verlassenen Natur.
Diana Trojca
Antonia Fourniers
„Schräge Vögel“. Wenn in der kleinen Galerie „Unterm Dach“ auf der Burg
Beeskow eine Ausstellung (noch bis 3. März 2012) gezeigt wird, ist in der Regel
nicht die Aufsehen erregende Weltkunst zu besichtigen, sondern vielmehr das
liebenswerte Nebenbei. So ist es mit den Feder-, Bleistift- und
Pinselzeichnungen sowie einigen Arbeiten in Aquarell und Acryl der 1944 in
Königssee in Thüringen geborenen Diplom-Grafikerin Antonia Fournier, die an der
Hochschule der Künste Berlin studiert hat und sich auch als Autorin und
Illustratorin dem Kinderbuch widmet. Dazu gehören die Titel Anna und Wuwu von
Erika Neuhauss und Antonia Fournier (Bobenheim am Berg: Engel & Bengel Verlag,
1994), Antoninchen, die kleine Waldfrau von Antonia Fournier (Bad
Karlshafen/Cottbus: Verlag des Antiquariats Bernhard Schäfer, 2003) sowie
Möchteschön und Schwarzpferdefuß (Cottbus: Regia Verlag, 2008).
Unter dem sperrigen Titel Schräge und andere Vögel ...
(ein) wenig Weisheit und Spott hat Antonia Fournier für Beeskow um die vierzig,
in den letzten zehn Jahren entstandene Kabinettstückchen zusammengefaßt, die mit
den Mitteln der Karikatur Charaktere darstellen, ohne jedoch dabei, wie es die
Karikatur tut, einen konkreten, erzählerisch faßbaren Inhalt zu vermitteln, der
satirisch zwischenmenschliche oder politische Ereignisse oder Zustände
aufspießt. Die
Künstlerin selbst spricht von Charakterstudien und sucht sich Personengruppen
mit ausgeprägten Besonderheiten heraus, die in der typisierenden Darstellung
eines ihrer Vertreter kulminieren: Der Pianist, Der Saxophonist, Die
Schulmeisterin, Der Lehrmeister etwa. Es entsteht im Betrachter ein
schmunzelnder Aha-Effekt: So hat man das schon in der Wirklichkeit gesehen oder
erlebt. Gern überträgt sie auch Charaktereigenschaften auf Tiere, besonders oft
auf Vögel, und da stehen wiederum Hühner und Gänse an erster Stelle. So gibt es
im Federkleid eine Chickenlady, einen Verehrer, einen Sänger. Antonia Fournier
befindet sich dabei in der langen Tradition der Bebilderung von Fabeln sowie in
der Tradition der Humorzeichnung, wie sie besonders in Kinderbüchern zu finden
ist, aber in gleicher Weise Erwachsene anspricht.
Das künstlerische
Markenzeichen der Graphikerin ist die Reduktion auf die Linie. Oft ohne
abzusetzen und größtenteils mit Verzicht auf Binnenzeichnung, erreicht sie die
größtmögliche Aussage. Dabei gehen ihr in der ostdeutschen Kunstgeschichte des
20. Jahrhunderts zwei bisher hier unerreichte Meister voraus. Es sind Josef
Hegenbarth (1884-1962) und Arno Mohr (1910-2001).
Aber Antonia Fournier ist vielseitig. Mit
Tierdarstellungen in Acryl- und Aquarelltechnik erzielt sie eine dekorative
Wirkung, ohne dabei den Witz zu unterdrücken, und mit den Bleistiftzeichnungen
Eule, Katze und Huhn experimentiert sie originell mit geometrischen Formen.
Elke Lang
Berliner
Exlibristreffen 2012. Am 3. November 2012 trafen sich, von Wolfgang
Fiedler und Claus P. Mader organisiert, die Berliner Exlibrisfreunde, wie
gewohnt im Rudu-Nachbarschaftszentrum Friedrichshain-Kreuzberg. Etwa 50
Teilnehmer, einige auch von weither, tauschten eifrig und führten Gespräche.
Klaus Rödel aus Frederikshavn hatte, eigens in 50 Exemplaren als Gabe für die
Besucher gedruckt, ein kleines Heft über den XXXIV. FI-SAE-Kongreß in Finnland
mitgebracht. Im Heft sind 52 farbig gedruckte Exlibris von Künstlern vieler
Länder und 28 Photos der Tagung enthalten.
Die Ausstellung zeigte aus der Sammlung Peter Labuhn
mehr als 200 Exlibris und Gelegenheitsgraphiken von dem estnischen Künstler
Lembit Löhmus. Es ist geplant, die Blätter noch einmal im Schloss Burgk
vorzuführen. Wolfgang Fiedler und Claus P. Mader hatten wieder eine kleine
bet-Mappe vorbereitet. Neben einer Einführung von Claus P. Mader enthält sie
einen interessanter Beitrag von Peter Labuhn über Leben und Werk von Lembit
Löhmus. Außerdem sind acht Originale beigelegt, Spenden von Mitgliedern für die
Mitglieder. – Das nächste bet-Treffen wird am 2. November 2013 sein.
Wolfram Körner
Arno Schmidt – einmal
anders. Der Autor Arno Schmidt (1914-1979) verfügt bis heute über eine
große Fan-Gemeinde. Doch viele Literaturfreunde haben so ihre Schwierigkeiten
mit der Diktion, den Texten des Sprachkünstlers. So auch ich. Schmidt war ein
kantiger Norddeutscher, gebürtiger Hamburger, was ihn nach Lebensabschnitten im
Saarland, in Gau-Bickerlheim und Darmstadt 1958 veranlaßte, in der Lüneburger
Heide ansässig zu werden. 1964 wurde dem Schriftsteller der Fontane-Preis der
Stadt Berlin verliehen. Die Laudatio hielt Günter Grass, der in seiner Würdigung
Schmidts Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas als seine Lieblingserzählung
bezeichnete. Und gerade diese Erzählung, die am Dümmer, einem See im
Oldenburgischen, spielt, ist beispielhaft für die gewöhnungsbedürftige
Textgestaltung von Arno Schmidt. Der Autor nennt diese Art „Fotoalbum“, was
bedeutet, daß die ein Kapitel einleitenden Sätze typographisch vom folgenden
größeren Teil abgesetzt, beziehungsweise hervorgehoben sind, sozusagen als
Fotos. Die Erzählung,
1955 in der Literaturzeitschrift Texte und Zeichen erstmals veröffentlicht,
löste im seinerzeit noch recht prüden Deutschland einen Sturm der Entrüstung
aus. Der Staatsanwalt wurde wegen angeblicher Pornographie und Gotteslästerung
bemüht. Auslöser der heute noch frisch anmutenden Liebesgeschichte zweier Männer
mit zwei Zufallsbekanntschaften war Schmidts Kurzurlaub mit seiner Frau Alice an
dem beliebten norddeutschen Feriensee. Eine der Frauen der Erzählung benannte
Schmidt nach einer Indianerprinzessin des 17. Jahrhunderts. In der zur
Frankfurter Buchmesse 2012 von der Officina Ludi vorgelegten illustrierten
Neuauflage dieses Werkchens hält sich Claus Lorenzen an die typographischen
Vorgaben des Autors. Die „Fotos“ sind blau und fett gesetzt und der gesamte Text
ist – unterbrochen von den Illustrationen – in zweispaltigem Satz gedruckt. Und
diese von Felix Scheinberger geschaffenen vielfarbigen Illustrationen sind „das
Salz in der Suppe“. Sie verhelfen dem heutigen Leser zu einem deutlich besseren
Zugang zum anspruchsvollen Text. Sie sind Interpretation im besten Sinne des
Wortes. Auch sie ermangeln nicht der gewissen Frechheit, die dem Text innewohnt.
Hohe malerische Wirkung haben besonders die ganz- und doppelseitigen Bilder, die
dem Leser die Atmosphäre der Dümmerlandschaft vermitteln und zugleich die Essenz
der schriftlichen Darstellung hervorheben. So konnte auch der Arno Schmidt
reserviert gegenüberstehende Rezensent gewonnen werden. Das Buch enthält noch
die oben zitierte Laudatio von Günter Grass und ein Nachwort des Herausgebers
mit wichtigen Hinweisen zu Text und Illustration.
Wie von der Officina Ludi
gewohnt, ist auch dieses in 1500 Exemplaren hergestellte Buch als „Schönes Buch“
handwerklich bestens gestaltet. Ein schweres, leicht getöntes Papier (170 g)
trägt den lesefreundlich gesetzten Text und die originalgetreu abgebildeten
aquarellierten Zeichnungen. Das fadengeheftete Buch im Querformat ist als
Halbleinenband mit geprägtem Vorderdeckel und illustriertem Schutzumschlag
gebunden (85 S., 20,5 x 25 cm, ISBN 978-3-00-039343-3, Euro 24,80; Vorzugs- und
Luxusausgabe verfügbar).
Ferdinand Puhe
Franz Fühmann und die
Samariteranstalten Fürstenwalde. 120 Jahre Samariteranstalten in
Fürstenwalde waren Anlaß für diese diakonische Einrichtung, ihre Geschichte und
die einiger ihrer Bewohner und Mitarbeiter von der Schriftstellerin Angela
Kiefer-Hofmann in einem Buch mit dem Titel Die Jacke des Herrn A. Erzählungen
aus den Samariteranstalten (Berlin: Wichern-Verlag, 2012) darstellen zu lassen.
Dazu standen ihr Archive zur Verfügung, wobei das der Samariteranstalten das
ergiebigste war, und zahlreiche Gesprächspartner, die von sich selbst oder auch
von ihren Erlebnissen mit anderen berichteten. Herausgekommen ist in fünf Jahren
Arbeit ein berührendes, lebendig dargestelltes authentisches Zeugnis nicht nur
der auf-opferungs- und entbehrungsreichen Arbeit der Mitarbeiter zum Wohle der
ihnen anvertrauten geistig behinderten Menschen, sondern auch ein warmherziges
Bild von diesen selbst, wie sie sich in die Gesellschaft eingliederten und in
ihr zu behaupten versuchten. Eingebettet ist alles in die historischen
Zeitumstände, wobei die regionalen Kriegs- und unmittelbaren
Nach-kriegsereignisse des Zweiten Weltkriegs eine große Rolle spielen. Auch der
Umgang mit den politischen Zwängen in der NS-Zeit, etwa der Euthanasie, wird
nicht ausgespart, konnte aber aufgrund mangelhafter Aktenlage nur angerissen
werden. Eine zweite politische Schiene bie-tet die DDR-Zeit, in der geistig
Behinderte von staatlicher Seite nur wenig Förderung erhielten und in der solche
Einrichtungen wie die Samariteranstalten oft eine Nische für Nichtbehinderte
bildeten, die in irgendeiner Weise nicht staatskonform dachten und handelten und
hier eine Arbeitsstelle fanden.
Unter vielen, namentlich nur in einem engeren Kreis
bekannten Personen, befinden sich auch allgemein bekannte Persönlichkeiten, so
zum Beispiel Franz Fühmann. Der Fotoband von Dietmar Riemann, Was für eine Insel
in was für einem Meer. Leben mit geistig Behinderten (Rostock: Hinstorff Verlag,
1985) mit einem Text von Franz Fühmann entstand in den Samariteranstalten
Fürstenwalde. Darüber hat schon Uwe Kolbe geschrieben in Rübezahl in der Garage.
Franz Fühmann in Märkisch-Buchholz und Fürstenwalde 1958-1984 (Frankfurt:
Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte, 2009, Frankfurter Buntbücher 41). Er kannte
Fühmann seit 1976. Angela Kiefer-Hofmann widmet Franz Fühmann in ihrem Buch das
Kapitel „Geis-tig behindert – mein Gott, ist das ein blödes Wort“ nach einem
Zitat des Dichters. Sie bezieht sich wie schon Kolbe auf das heute bei Bad
Freienwalde lebende Ehepaar Margret und Klaus Gubener, das in den
Samariteranstalten den engsten Kontakt zu Franz Fühmann hatte. Wäh-rend sich
Kolbe in erster Linie der literarischen Seite der Beziehung zwischen Fühmann und
den geistig Behinderten zuwendet, stellt Kiefer-Hofmann die menschliche Seite
dar, die sie im persönlichen Gespräch den Erzählungen Margret und Klaus Gubeners
entnommen hat. Zwischen dem Ehepaar und dem Dichter entwickelte sich ein
Briefwechsel, der sich im Kleist-Museum befindet und aus dem die Autorin Zitate
übernommen hat. Es wird deutlich, welch enge emotionale Beziehungen zwischen
Franz Fühmann und den Samariteranstalten bestanden, nicht nur zum Ehepaar
Gubener, auch zu anderen Mitarbeitern und zu den Bewoh-nern. Deren Erinnerungen
an den Dichter fließen ebenfalls in das Fühmann-Kapitel des Bu-ches ein.
Weiterhin hat Kiefer-Hofmann – allerdings ohne Literaturangabe – Barbara Heinzes
(Hrsg.) Franz Fühmann. Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen
(Rostock: Hin-storff Verlag,1998) für Zitate und Fakten herangezogen. Angela
Kiefer-Hofmann hat die Zitate zwar gekennzeichnet, aber nicht unbedingt ihre
Quellen benannt. In einem Fall wird ein Brief Fühmanns an „eine Freundin“
angeführt. Gemeint ist Margarete Hannsmann (1921-2007), und zwar im Zusammenhang
mit der durch Fühmann arrangierten Ausstellung von Kopien aus HAP Grieshabers
Totentanz von Basel in den Samariteranstalten. Diese unwissen-schaftliche
Verfahrensweise sei verziehen, denn Angela Kiefer-Hofmann wollte ausdrücklich
keine Dokumentation schreiben, sondern, wie sie selbst sagt, eine Erzählung,
also ein literarisches Werk. Als solches gesehen, kann es die Vorstellung, die
man vom Wesen, vom Charakter des Dichters Franz Fühmann hat, durchaus
bekräftigen und vielleicht auch eine neue Facette hinzufügen.
Elke Lang
Märchen in neuem
Gewand. Die uralte Mär von Reineke dem Fuchs – wohl zuerst bekannt
gemacht durch die Fabeln des Aesop (um 550 v. Chr.) – wurde von vielen (teils
unbekannten) Autoren aufgegriffen und mit unterschiedlichen Tendenzen neu
interpretiert. Zum Kanon der deutschen Literatur gehört Goethes Versepos Reineke
Fuchs, das von namhaften Künstlern mehrerer Generationen gern illustriert wurde.
Doch in neuerer Zeit sind die Erzählungen um den listigen und ränkereichen Fuchs
immer weniger präsent. Nun hat sich Renate Raecke, 1943 in Lübeck geboren, des
Themas in ganz neuer Sicht angenommen. Aus der Vielzahl der überlieferten
„Taten“ des mal als Bösewicht, mal als Retter und Tugendheld Dargestellten hat
die studierte Kunst- und Literaturhistorikerin eine Auswahl getroffen und diese
in eine originelle und amüsante Rahmenhandlung gesetzt. Jonas Lauströer hat das
Buch mit großenteil ganz- und doppelseitigen malerischen Bildern illustriert.
Die mehrfarbigen Bilder machen die Erzählungen nicht nur für Kinder neu erlebbar
(minedition Michael Neugebauer, 2012, 80 S., 25 x 25 cm, ill. Pappband,
Fadenheftung, ISBN 978-3-86566-152-4, Euro 16,95).
Über die Arbeiten der Illustratorin Lisbeth Zwerger
(1954 in Wien geboren) haben wir an dieser Stelle bereits einige Male berichtet.
Die minedition brachte im Oktober 2012 ein neus Werk der mit zahlreichen
internationalen Preisen ausgezeichneten Künstlerin heraus, welches aus der Masse
der neueren Kinderliteratur durch die hohe Qualität der Bilder und der
Gesamtgestaltung herausragt. Es war naheliegend, zum „Grimm-Jahr“ die von den
Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm gesammelten Märchen in neuem „Gewand“
vorzulegen. Die in Brüder Grimm: Märchen von Lisbeth Zwerger selbst ausgewählten
zehn Märchen und eine Sage sind durchgehend mit ganzseitigen Bildern in der für
die Künstlerin typischen verhaltenen Farbigkeit illustriert. Die Erzählungen
gewinnen dadurch an Leben und Anschaulichkeit, verführen gar zum erneuten Lesen
der längst bekannten Märchen (96 S., 29,3 x 24 cm, ill. Pp. mit Umschl., Euro
24,95. ISBN 978-3-86566-159-3).
Ferdinand Puhe
Das 20. Band des
Leipziger Jahrbuchs zur Buchgeschichte. Das im Harrasowitz
erschei-nende Periodikum ist seit den frühen neunziger Jahren neben dem
Gutenberg-Jahrbuch zum wichtigsten fachspezifischen Forum geworden. Mit dem seit
Ende 2012 vorliegenden 20. Jahrgang ging die Verantwortung für das Erscheinen
von der Deutschen Nationalbibliothek an die Universitätsbibliothek Leipzig über.
Zugleich schied der verdienstvolle Mitbegründer des Jahrbuches Lothar Poethe,
Mitarbeiter des Leipziger Buch- und Schriftmuseums, aus Redaktion und
Herausgebergremium aus. Die Herausgabe liegt jetzt in den Händen von Detlef
Döring, Thomas Fuchs und Christine Haug, die Redaktion in denen von Thomas
Fuchs. Mehrere Beiträge mit Themen, die sich aus den Beständen und der
Geschichte der Universitätsbibliothek ergeben, belegen, daß der Wechsel durchaus
fruchtbar sein kann. So schreibt Thomas Fuchs über Die „Acta Lutherorum“, die
wertvolle Zeugnisse aus dem Leben des Reformators und seiner Familie umfaßt und
im 19. Jahrhundert als Schenkung an die Stadt Leipzig gekommen ist. Ein anderer
Bericht befaßt sich mit der Auslagerung der Bestände der Universitätsbibliothek
Leipzig während des Zweiten Weltkrieges und ihrer Rückführung (Thomas Thibault
Döring). Die Bibliotheksleitung hatte sich für eine breit gestreute Auslagerung
entschieden, mit der einem Totalausfall durch Kriegseinführung erfolgreich
begegnet werden konnte. Viele Bände gingen dennoch verloren oder erlitten
Schäden, so im Völkerschlachtdenkmal, wo zeitweise sogar eine Benutzung
organisiert worden war. Einige Bestände wurden von den Besatzungsmächten
beschlagnahmt und kamen später nur teilweise wieder zurück.
Für Freunde der
Verlagsgeschichte enthält der Band gleich mehrere empfehlenswerte Aufsätze, so
mit neuen Forschungsergebnissen über die Druckerfamilie de Bry, die durch
wertvolle, mit Kupferstichen versehene geographische Publikationen über Amerika
aus der Zeit nach der Entdeckung bekannt geblieben ist, so über den Halleschen
Verlag Gebauer, der ein reichhaltiges Archiv hinterlassen hat, das sukzessive,
unter anderem in früheren Ausgaben des Jahrbuchs, ausgewertet wird. Diesmal ist
die Verlagsgeschichte im Zusammenhang mit der Papierkrise 1788-1793 Thema. Das
Archiv des führenden Philosophie-Verlages Felix Meiner wird vorgestellt. Ein
Insiderbericht (von Thomas Maagh) schildert die wechselvolle Geschichte des
Verlags der Autoren, die mit einem Eklat im Hause Suhrkamp begann und durch
basisdemokratische Strukturen gekennzeichnet ist. (Die Suhrkamp-Autoren hatten
1968 geschlossen zu Unseld gestanden, so daß sich die um Mitbestimmung
kämpfenden Lektoren aus dem Verlag zurückziehen mußten.) Der längste Aufsatz der
Bandes von Ulrike Gessler stellt die Geschichte der Leipziger
Verlagsbuchhandlung Quelle & Meyer dar, manchem noch bekannt durch
populärwissenschaftliche Reihen und wissenschaftliche Handbücher. Das
Un-ternehmen bestand in Leipzig von 1906 bis 1971 – die letzten Jahrzehnten in
Abwicklung – und hatte besonders während der Weimarer Republik einen
beträchtlichen Umfang mit mehr als 1100 Neuerscheinungen. Spannend sind die
Befunde zur Anpassung an den Zeitgeist und die wechselnden Systeme.
C. W.
Band 19. des
Mitteldeutschen Jahrbuches. Das von der Deutschen Stiftung
Denkmalschutz herausgegebene Periodikum enthält neben vielen geschichtlichen und
architektur-geschichtlichen Aufsätzen wieder zahlreiche Beiträge, die für den
Bücherfreund von Interesse sind. Da ist zunächst eine ausführliche Darstellung
der Geschichte der Insel-Bücherei, die im vergangenen Jahr ihren hundertsten
Gründungstag beging. Susanne Buchinger erörtert unter anderem, wem vor allem die
Initiative zur Einrichtung der Reihe zuzuschreiben ist und kommt zu dem sicher
nicht unumstrittenen Fazit: Stefan Zweig. Ergänzend zum Thema schreibt Klaus
Walther über den Jenne. Zum Jubiläum hundert Jahre Deutsche Bücherei stellt
Christian Horn Architektur und Ästhetik der Lesesäle in der Nationalbibliothek
Leipzig vor. Paul Raabe schreibt über das „Kulturelle Erbe in Sachsen-Anhalt“,
an dessen Sicherung und Rekonstruktion er in den zurückliegenden beiden
Jahrzehnten großen Anteil hatte. Kenntnisreiche Aufsätze beschäftigen sich mit
Leben und Werk von Goethes Schwager, den Unterhaltungsschriftsteller Christian
August Vulpius, und mit der Reiseschriftstellerin, Erzählerin und Vorkämpferin
der Frauenemanzipation Fanny Lewald, die seit den 1980er Jahren eine wahre
Renaissance erlebt. Eine Stärke des Jahrbuchs sind die vielen Gedenk- und
Jubiläumsartikel über Schriftsteller, Künstler, Architekten, Germanisten,
Historiker und Komponisten, so in diesem Band über Friedrich Meineke, Helmut
Holtzhauer, Leiva Petersen, Paul Wallot, Karl May, Frist Baust, Christian
Gottlob Heyne, Josef Hegenbarth, Eva Strittmatter, Erwin Strittmatter, Hanns
Eisler, Paula Dehmel, Wilhelm Lachnit, Joseph Wulf, Bernhard Heisig und Adolf
Endler. Mancher Beitrag über die Großen ihrer Zunft referiert zwar nur den
Forschungsstand, die meisten enthalten jedoch neue Informationen und anregende
Wertungen. Manche sind geradezu überraschend in ihren Dimensionen, so der
Nachruf auf den Germanisten Peter von Polenz (von Rudolf Bentzinger und Horst
Naumann), der aus der Familie des sozialkritischen Schriftstellers Wilhelm von
Polenz (Der Büttnerbauer) stammt. Das Familienerbe bei Bautzen wurde im Zuge der
Bodenreform nach 1945 enteignet. Peter von Polenz studierte in Leipzig
Germanistik und promovierte erfolgreich bei Theodor Frings über ein
sprachwissenschaftliches Thema. Die Promotionsurkunde sollte ihm jedoch nicht
ausgehändigt werden, weil er inzwischen auf Grund seiner Herkunft und Gesinnung
bei der SED in Ungnade gefallen war. Freunde am Institut entnahmen die Urkunde
jedoch dem Dekanat und schmuggelten sie nach Westberlin zu dem inzwischen
geflüchteten Polenz, der im Westen ein führender Linguist werden und trotz
dieser Behandlung mit den Kollegen im Osten in wissenschaftlichem Austausch
bleiben sollte. C. W.
Deutsch-amerikanische
Kalender. Eine großartige Veröffentlichung hat die wenig erforsch-ten
populären deutsch-amerikanischen Kalender des 18. und 19. Jahrhunderts zum
Gegenstand, die in den Neuengland-Staaten und den Vereinigten Staaten von
Amerika als wichtigstes periodisches Informations- und Unterhaltungsmedium der
deutschsprachigen Minoritätenkultur erschienen sind: Deutsch-amerikanische
Kalender des 18. und 19. Jahrhunderts. Bibliographie und Kommentar. Hrsg. v.
York-Gothart Mix. Band 1.-2. Berlin: de Gruyter, 2012. XII, 1585 S. Pp 8°. 249,–
Euro. ISBN 978-3-11-018624-6. Die Einwanderer kamen in mehreren
Emigrationswellen, zum Beispiel Mennoniten aus dem Niederrheingebiet und Amische
aus dem Jura, dem Elsaß und Montbéliard. Sie siedelten sich vorwiegend in
Pennsylvania, aber auch in Ohio, Indiana, Illinois und Iowa an.
Die Kalender spielten eine
bedeutende Rolle im Leben der Einwanderer und sind einzigartige Zeugnisse eines
deutsch-amerikanischen Kulturtransfers. Vorbildfunktion hatte der Kalendertyp
des in Südwestdeutschland, Ostfrankreich und der Schweiz erschienenen, sehr
erfolgreichen Hinkenden Boten. York-Gothart Mix hat 113 deutschsprachige
Kalender untersucht und in einer umfangreichen Bibliographie die per Autopsie
eingesehenen Jahrgänge verzeichnet, versehen mit ausführlichen Inhalten und
Kommentaren. Aufgenommen und erschlossen wurden alle in den Bibliotheken des
Franklin & Marshall College, Lancaster, Pa. sowie der Historical Society of
Pennsylvania und der German Society in Philadelphia auf-findbaren Kalender von
den Anfängen bis zum Jahr 1918. Der früheste Kalender erschien 1731 unter dem
Titel Der Teutsche Pilgrim, Mitbringende einen Sitten Calender, eine beson-ders
lange Laufzeit hatten Der Neue Nord=Americanische Stadt- und Land-Calender von
1797 bis 1918 und der Americanische Stadt- und Land Calender von 1784 bis 1860.
Ein Bei-trag „Soziokultureller Regionalbezug in populären deutsch-amerikanischen
Kalenders des 18. und 19. Jahrhunderts“ führt in die Bibliographie ein.
Gestaltung und Einteilung der Kalender geschahen oft
nach europäischen Vorbildern mit Trennung von Kalendarium, Prognostikon und
Textteil. Die gängigen Rubriken orientierten sich am politisch-sozialen Alltag
in der Neuen Welt. Dem Leser bot sich ein breites Spektrum von Themen, eine
Mischung aus Lesetexten (Auszüge aus der Bibel, Bauernsprüche), Le-benshilfe
(„eine leichte Methode um Warzen zu heilen“, die Nahrhaftigkeit und Heilsamkeit
des Zuckers, „einige nützliche Arzeneymittel“, Probleme der landwirtschaftlichen
Haushal-tung) und Informationen (Gedenktage und biographische Daten zur jüngsten
nordamerikani-schen Geschichte, die Belange und Institutionen der „Reformirten
Kirche“, die Größe der Himmelskörper und ihre Entfernung von der Erde). Für
Bücherfreunde interessant sind die Beiträge über Politiker, Künstler,
Schriftsteller, Dichter und Erfinder (zum Beispiel Johannes Gutenberg) und die
Buchhandelsanzeigen sowie die Hinweise auf die Verleger und Illustratoren der
Kalender. Dieter
Schmidmaier
Aufarbeitung einer Kindheit. Es gilt
über ein geradezu bemerkenswertes Buch zu berichten. Die vielfach geehrte, immer
aber auch umstrittene deutsch-schwedische Autorin, Kolumnistin, Schauspielerin
und Gerichtsreporterin Peggy Parnass beschreibt in Kindheit ihre Erlebnisse in
Nazideutschland und Schweden. Dorthin wurde das 1934 in Hamburg geborene Kind
mit seinem vierjährigen Bruder Gady in einem Kindertransport verbracht, wo sie
die folgenden sechs Jahre in zwölf verschiedenen Pflegefamilien lebte. Ihre
Eltern kamen im Vernichtungslager Treblinka um. Darüber schreibt Peggy Parnass
im vorliegenden Buch: „Meine Eltern haben weder Grab noch Grabstein. Nur drei
Stolpersteine vor ihrer Wohnung in der Hamburger Methfesselstraße 13. Zwei
Steine mit ihren Namen drauf. Auf dem dritten Stein steht ‚Die Liebenden‘. Weil
sie sich ja so wahnsinnig geliebt haben.“ Und im Hinblick auf dieses Buch
schreibt sie weiter: „… also kein Grab und kein Grabstein. Aber jetzt dieses
wunderbare Buch zu ihren Ehren.“
Und tatsächlich ist das von Schwarze Kunst,
Grethem-Büchten, als neuntes Werk der Edition Die Holzschnittbücher
herausgebrachte Werk ein beeindruckendes Zeugnis der Zusammenarbeit von Peggy
Parnass mit der mit ihr seit Jahren befreundeten Künstlerin Tita do Rêgo Silva
und den Druckern Walter Fischer, Klaus Raasch und Lothar Schumann. Der sehr
berührende, tief ins Private greifende Text wurde von der Graphikerin in
kongenialer Weise mit zwölf ganzseitigen farbigen Originalholzschnitten und vier
Vignetten geschmückt.
Autorin und Künstlerin leben beide in Hamburg. Peggy Parnass hatte in Stockholm,
London, Hamburg und Paris studiert. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre
Gerichtsreportagen für die kritische Monataszeitschrift konkret. Bis heute ist
sie politisch engagiert, hält Lesungen, singt an Theatern und arbeitet für
Rundfunk und Fernsehen. Tita do Rêgo Silva, 1959 in Caxias/Brasilien geboren,
studierte zunächst Touristik, aber nachfolgend von 1985 bis 1988 Kunst an der
Universität Brasilia und an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Dort
lebt sie seit 1988. Sie widmet sich vor allem dem Holzschnitt und gelegentlich
fertigt sie auch Installationen. Zahlreiche Einzel- und Gruppenaustellungen im
In- und Ausland belegen die hohe Anerkennung der Künstlerin in der Kunstwelt.
Ihre Farbholzschnitte sind deutlich beeinflußt durch die Mythen ihrer Heimat.
Sie sind bevölkert von langbeinigen Menschen-Tier-Mischwesen, die meist tänzelnd
miteinander kommunizieren. Im vorliegenden Buch bilden sie den relativierenden
Kontrapunkt zum oft traurig stimmenden Inhalt der Schilderung. In Anbetracht der
wertvollen Ausstattung des Bandes und der Auflage von 1000 Exemplaren ist der
geforderte Preis als maßvoll zu betrachten (48 S., 32,6 x 24,2 cm, Fadenheftung,
Leineneinband, der durchgehend mit einem Holzschnitt bedruckt ist, Euro 48, ISBN
978-3-927840-43-0).
Ferdinand Puhe
Max Herrmann-Neißes Reisealbum 1937.
Max Herrmann-Neiße brach gleich nach der Machtübernahme durch die Nazis im
Februar 1933 ins Exil auf. Er war weder rassisch noch politisch unmittelbar in
Gefahr, verließ Deutschland statt dessen aus Ekel vor der um sich greifenden
Unkultur. Schon in guten Zeiten in wirtschaftlicher Bedrängnis, konnte sich der
Lyriker im Ausland nur behaupten dank der Unterstützung durch den Juwelier
Alphonse Sondheimer, der sich nach dem Tod seiner Frau in Herrmann-Neißes Frau
Lene verliebt hatte. Sondheimer besaß in Zürich, Amsterdam und London Geschäfte,
die so viel abwarfen, daß er auch dem Dichterehepaar ein Auskommen finanzieren
konnte. Nach einer Wartezeit in Zürich, während der Herrmann-Neiße Zürich und
die Schweiz lieben gelernt hatte, ging das Paar nach London. Von dort
unternahmen sie zu zweit oder dritt mehrfach Urlaubsreisen via Paris in die
Schweiz. Von einer Reise hat sich ein Album erhalten, das jetzt als Faksimile
gedruckt wurde: Max Herrmann-Neiße: Daß wir alle Not der Zeit vergaßen.
Reisealbum Herbst 1937. Hrsg. v. Klaus Völker. Warmbronnen: Keicher, 2012. 16
S., 40 Farbtaf. 28 x 19 cm. Br., Blockbuchbindung. 24 Euro.
Das Buch gibt in farbiger Reproduktion das von
Herrmann-Neiße selbst angelegte Album wieder. Es besteht aus Ansichtskarten,
Hotelwerbung, Eintrittskarten, Ausschnitten aus Rei-seprospekten und Zeitungen
sowie einmontierten Handschriften und Druckbelegen von den auf der Reise
entstandenen Gedichten. Die Reise führte Herrmann-Neiße über Paris, wo er die
Weltausstellung 1937 erlebte, und das deutsche und dennoch „goebbelsfreie“ Basel
nach Lu-gano, von wo er die italienische Schweiz erkundete. In Paris genoß er
auf der Hin- und Rückfahrt die vielfältigen Anregungen durch die Ausstellungen
aus aller Herren Länder. In Lugano unternahm das Paar viele Ausflüge, unter
anderem zu Hermann Hesse, sowie lange Spaziergänge. Die Gedichte, die nicht von
der ergreifenden Art der Heimatgedichte im Exil sind, schwelgen in
Urlaubsidyllen. Doch wie jede gute Idylle haben sie einen doppelten Boden:
Hinter der Schönheit lauert die Gefahr des Verlusts. Nur noch eine Reise war dem
Paar vergönnt, dann machten die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft,
die angespannten persönlichen Verhältnisse und schließlich der Krieg diesem Born
der Lebensfreude ein Ende. Der Herausgeber Klaus Völker gibt in seinem Vorwort
darüber eindringlich Auskunft.
C. W. |