Redaktionsschluss 14. Januar 2012

Curt Visel – Förderer des Schönen Buches. Am 21. September vorigen Jahres verstarb der allen Bücherfreunden bekannte Verleger Curt Visel vierundachtzigjährig nach längerer Krankheit. Seine Zeitschriften Illustration 63 und Graphische Kunst sind angesehene Fachliteratur für Sammler sowie für Buch- und Kunstwissenschaftler.
Geboren 1928, durchlief Visel nach dem Abitur eine Ausbildung zum Verlagsbuchhändler, und zwar beim Maximilian Dietrich Verlag in Memmingen, den er dann 1981 übernahm. Bereits 1963 gründete er einen eigenen Verlag, in dem Illustration 63 erschien. Der Verlag wurde später in Edition Curt Visel umbenannt, in der der rührige Verleger dann ab 1973 auch die Graphische Kunst herausgab. Beide Zeitschriften widmeten sich in bibliophiler Aufmachung einerseits dem künstlerisch gestalteten Buch und andererseits der traditionellen Druckgraphik. In ihren Themenbereichen sind diese Publikationen, in numerierten Auflagen und teils mit Originalgraphikbeilagen ausgestattet, beliebte Sammlerobjekte. Im Jahre 2004 verschmolz Jürgen Schweitzer, der 2002 Verlag und Edition übernommen hatte, die beiden Organe zur Graphische Kunst – Internationale Zeitschrift für Buchkunst und Graphik. Auch im 1946 gegründeten Maximilian Dietrich Verlag hat Curt Visel anspruchvolle Literatur in ansprechender Gestaltung verlegt. Das Nachkriegswerk der lettischen Autorin Zenta Maurina kam beispielsweise hier heraus. Als Illustratoren hatte Visel unter anderem Gunter Böhmer, Wilhelm M. Busch, Fritz Fischer, Helmut Ackermann und Went Strauchmann gewinnen können. Manche von ihnen brachte er dem Bücherfreund durch Monographien und Skizzenbücher näher. Die Bandbreite der vorgestellten Künstler und der originalgraphischen Beilagen in den genannten Zeitschriften umfaßte das ganze Spektrum der zeitgenössischen Kunst. Für viele junge Künstler war Curt Visel ein hilfreicher Förderer. Die Bibliophilie verlor in ihm einen aktiven und mutigen Anreger und Fürsprecher.
Ferdinand Puhe

Abschied von der Kunst – zum Tod von Olaf Gropp. Olaf Gropp war in Thüringen ein geschätzter Graphiker. Seine zahlreichen Exlibris haben ihn über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Mehr als 100 hat er entworfen. Für Bücherfreunde sind sie unverzichtbares Beiwerk. Olaf Gropp war ein Meister dieses Metiers. Seine heiteren und oft witzigen Einfälle zur Mythologie waren unverwechselbar. Der Erfurter Graphiker, der Sinn für Humor und Freude am Leben hatte, hätte 2013 seinen 70. Geburtstag gefeiert. Das Schicksal wollte es anders; er verstarb am 29. Oktober in Erfurt. Er hinterläßt seine Kunst und seine Werke. In seinem kleinen Atelier in Erfurt-Dittelstadt arbeitete er noch täglich bis zum Eintreten der Krankheit. Kleine graphische Skizzen, Zeichnungen oder Studienblätter lagen stets um ihn herum. Beeinflußt von Musik und Kunst war sein ganzes Leben. Wie sollte es auch anders sein. 1943 in Erfurt geboren, absolvierte er zunächst eine Malerlehre, bevor er 1972 bis 1975 in Halle (Saale) Malerei und Graphik studierte. Seit 1981 übte er unterschiedliche Lehrtätigkeiten aus, arbeitete mit Kunsterziehern am Erfurter Lehrerhaus und fand in der Druckplatte sein Metier. Zahlreiche Ausstellungen zeigten seine Werke im In- und Ausland. Durch seinen Kontakt zur Deutschen Exlibris-Gesellschaft eröffneten sich für Gropp immer wieder neue Türen, so konnte er 2008 an einer Ausstellung auf Kuba teilnehmen.
Behutsam zeigte er auf seinen Blättern Landschaften, Architekturansichten und kleine oder große erotische Abenteuer. Mit Humor und Witz sann er über die List von Zeus nach und hielt das Sinnliche auf den Platten fest. Er experimentierte auch mit der geometrischen Linie und setzte mit seiner Graphik oft ein Zeichen bzw. ein Sinnzeichen. Dann und wann schuf er auch Adaptionen zu Rubens, Mantegna oder Ingres. Sein Hauptthema aber war, Spuren des Lebens festzuhalten. Für Werden und Vergehen fand er Symbole, Zeichen und Bilder. Jedes seiner Werke hat eine besondere Tiefe.
Diana Trojca

Noch einmal 100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek. Im Rahmen der Feierlichkeiten der Deutschen Nationalbibliothek zum hundertjährigen Bestehen (vgl. MARGINALIEN, H. 206, 2012, S. 92, und H. 207, S. 88-89) fand am 2. Oktober am Gründungsort Leipzig ein Festakt statt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Elisabeth Niggemann, die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, und Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, würdigten die Verdienste der Bibliothek als Sammlerin und Be-wahrerin des kulturellen Gedächtnisses der Nation und wiesen auf die neuen Herausforderun-gen hin, die der Bibliothek durch die digitale Welt erwachsen.
Die Bundesrepublik Deutschland würdigte die Deutsche Nationalbibliothek mit einer Gedenkmünze und einer Sonderbriefmarke. Die Präsentation erfolgte am 18. September in Frankfurt am Main auf einer öffentlichen Veranstaltung.
Nachdem die ersten beiden Hefte des Magazins HUNDERT den Sammelschwerpunkten Literatur und Musik gewidmet waren, geht es in HUNDERT Nummer 3 um den DENK-RAUM mit dem Untertitel Von Forschungsquelle bis Wissensspeicher. Bibliotheken als Ort der Erkenntnis. Darin enthalten sind Beiträge über die beglückende Erfahrung des Denkens und Arbeitens in Bibliotheken, die Geschichte der Zensur in der Deutschen Nationalbiblio-thek, über das Deutsche Exilarchiv und vieles andere mehr. Der Schwerpunkt von HUN-DERT Nummer 4 ist LESERAUM mit dem Untertitel Von Schmökern bis Studieren. Wie Worte Welten öffnen dem Herzstück jeder Bibliothek, dem Lesesaal gewidmet. Abgedruckt sind beeindruckende Fotos von fünf der zwölf Lesesäle der Nationalbibliothek, ein Essay des Hirnforschers und erklärten Bücherfreundes Ernst Pöppel über das Lesen, ein Gespräch über den Umbruch in der Buchbranche. Wieder zwei sehr informative und sehr gut gestaltete Hefte – leider die letzen!
Zu den weiteren Höhepunkten gehörte die Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Buch- und Schriftmuseums Zeichen – Bücher – Netze. Von der Keilschrift zum Binärcode. Mit 800 Exponaten erzählt die Ausstellung die Menschheitsgeschichte der Medien aus 5000 Jahren Mediengeschichte. Sie bietet damit einen kleinen Einblick in die über eine Million Objekte umfassenden Bestände des Museums. Inzwischen ist die Dauerausstellung zum Publikumsmagneten geworden.
Am 2. November wurde als Beitrag der Deutschen Nationalbibliothek zum 800. Geburtstag der Thomaner die Ausstellung Thomaner forever. Noten aufzeichnen – Klang speichern mit Exponaten aus den Sammlungen des Deutschen Buch- und Schriftmuseums und des Deutschen Musikarchivs eröffnet.
Weitere Informationen finden sich unter www.dnb.de/100jahre, in der Broschüre Deutsche Nationalbibliothek. Lesen. Hören. Wissen (Leipzig u. Frankfurt am Main 2012, 54 S.) und in dem Büchlein Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main. Deutsche Nationalbibliothek Leipzig (Berlin: Stadtwandel Verlag, 2012, 32 S. Die Neuen Architekturführer Band 181).
Mit 100 Veranstaltungen und zahlreichen Publikationen an ihren Standorten Leipzig und Frankfurt am Main beging die Deutsche Nationalbibliothek würdevoll ihr Jubiläum.
Dieter Schmidmaier

100 Jahre Insel-Bücherei. Ausstellung in Berlin. Sie fehlen in kaum einer deutschen Bibliothek, weder im öffentlichen noch – erst recht – im privaten Raum: die Bändchen der Insel-Bücherei, bunt, vielgestaltig, von größter Themenvielfalt, bei aller Individualität als Teile eines zusammengehörenden Ganzen erkennbar. Wichtige Erstausgaben unserer Literatur – etwa von Rilke, von Stefan Zweig – sind in der IB erschienen, und auch nach 100 Jahren ihrer Existenz erfreut sich die Buchreihe regen Interesses, unverminderter, ja wachsender Beliebt-heit. Kein Wunder also, daß die MARGINALIEN mehrfach über herausragende Leistungen, er-freuliche Aktivitäten unserer Pirckheimer-Freunde zu Ehren der IB im Jubiläumsjahr 2012 berichten konnten. An erster Stelle ist die würdige Neuausgabe von Herbert Kästners schon klassischer IB-Bibliographie in stattlichem Leinengewand, mit farbigen Abbildungen, aktuali-siert bis zur IB 1365, zu nennen (MARGINALIEN, H. 207, S. 74-77). Es ist auf das Treffen der Sammler der IB, unter denen eine Reihe Pirckheimer sind, am 19. Mai 2012 in Berlin – seit 2010 Sitz des Insel Verlages – und die aus diesem Anlaß erarbeitete Schrift Berlin in der In-sel-Bücherei (MARGINALIEN, H. 207, S. 89) sowie auf spezielle Veranstaltungen von Pirck-heimer-Freunden in der Buchstadt Leipzig – Gründungsort und jahrzehntelang Heimstatt des Insel Verlages – am 4. September 2012 (MARGINALIEN, H. 208, S. 100 f.) und im Heidedorf Bargfeld am 22. und 23. September 2012 (MARGINALIEN, H. 208, S. 105-107) zu verweisen.
Daß wir nunmehr von einem in die breite Öffentlichkeit wirkenden Berliner Beitrag zum Jubi-läum der IB berichten können, ist das Verdienst des Berliner Pirckheimers Peter Kunze. Der leidenschaftliche Insel-Buch-Sammler (seine Sammlung zählt zur Zeit rund 3700 Bändchen) initiierte und kuratierte mit hohem Sachverstand und großer Liebe eine mehrmonatige Ausstellung (19. November 2012 bis 1. Februar 2013) „100 Jahre Insel-Bücherei“ in der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin. Die Werke der Ausstellung stammten weitestgehend aus Kunzes Sammlung. Die Universitätsbibliothek aber unterstützte Kunzes Ausstellung, indem sie in einer besonderen Vitrine demonstrierte, daß auch sie über reiche, viel genutzte Bestände an Bändchen der IB verfügt.
Die wohldurchdachte, übersichtlich gegliederte Ausstellung in vier senkrechten Vitrinen vermittelte mit Kunzes erläuternden Texten und beeindruckenden, zum Teil sehr seltenen Anschauungsobjekten einen Überblick über die Geschichte der IB vom ersten Rundschreiben, in dem der Verlag 1912 die geplante Insel-Bücherei mit den ersten 12 Bändchen ankündigt, bis zu Gegenwart. Die wechselvolle deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert spiegelt sich in der Geschichte der bunten Buchreihe: Kriegsbegeisterung zu Beginn des Ersten Weltkrieges, spezielle Kriegsausgaben für die kämpfende Truppe, Ausgaben für das Hamburger Rote Kreuz zu Weihnachten 1916. Streichung verbotener Autoren wie Stefan Zweig und Heinrich Mann aus dem Programm der IB in der Zeit des „Dritten Reiches“. Feldpost- und Frontbuchhandelsausgaben, spezielle Truppenbetreuungsauflagen im Zweiten Weltkrieg. Vernichtung ganzer Auflagen von Bändchen der IB im Dezember 1943 in den verheerenden Bombenangriffen auf Leipzig. Teilung Deutschlands als Kriegsfolge und mit ihr Teilung des Insel Verlags in die Zweige Leipzig im Osten und Wiesbaden, ab 1960 Frankfurt/M. im Westen, damit verbunden gesonderte Fortsetzungen der Insel-Bücherei. Wiedervereinigung Deutschlands und mit ihr Wiedervereinigung des Insel Verlags.
Gesondert wurden illustrierte Bücher und „Bilderbücher“ wie die berühmte IB 450, Die Minnesänger in Bildern der Manessischen Handschrift, vorgestellt. Die Österreichische Bibliothek (erschienen 1915 bis 1917) und die Sammlung Pandora (erschienen 1921 bis 1922) als Sonderreihen fanden ebenso Berücksichtigung wie Leder- und Vorzugsausgaben, die sog. „Kaufhausausgaben“ sowie Teilauflagen, in deren Exemplare aus bestimmten Anlässen, zu bestimmten Gelegenheiten ein spezieller Empfängerkreis eingedruckt ist. Hierzu gehören na-türlich die 500 Exemplare von IB 700, Zachariä, Der Renommist, die 1989 für die Teilnehmer der Leipziger Jahrestagung der Pirckheimer-Gesellschaft gedruckt wurden.
Auch auf die Vielfalt der Einbandgestaltung – von Anfang an eine wirkungsvolle Eigenheit der IB – machte Kunzes Ausstellung aufmerksam. Am Beispiel von IB 1, Rilke, Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, wurden 17 verschiedene Einbandvarianten vorgestellt, denen nach Vollständigkeit auch in äußeren Nuancen strebende „Extremsammler“ begierig nachjagen. Schließlich erhielt der Besucher der Ausstellung auch einen Überblick über die wichtigste Literatur zur Insel-Bücherei, neben dem Klassiker Kästner eine Reihe von Spezialbibliographien bis hin zum feinste Details beschreibenden, vom Sammler Helmut Jenne erarbeiteten und herausgegebenen Katalog der Sammlung Jenne in zwei schweren Bänden.
Die Kunzesche Ausstellung fand viele Besucher – Leser der Universitätsbibliothek wie Bücherfreunde, die eigens zur Ausstellungsbesichtigung den Weg in die Bibliothek wählten. Sie war ein würdiger Beitrag zum Jubiläum der Insel-Bücherei, der die Freunde der IB in ihrer Freundschaft bestärkte, ihnen neues Wissen, vielfältige Anregung vermittelte, aber auch neue Freunde für die IB und die Bibliophilie gewann. Man wünschte sich, daß Kunzes Ausstellung auch noch an anderen Orten gezeigt werden könnte. Aber wird es der Sammler so lange ge-trennt von wichtigen Schätzen seiner Sammlung aushalten? Das in der Ausstellung dargebotene Wissen faßt ein wunderbarer vom Kurator verfaßter und gestalteter, reich illustrierter Ausstellungsführer zusammen, der jedem Freund der IB, jedem Interessierten an hundertjähriger Geschichte im Spiegel einer Buchreihe warm zu empfehlen ist: 100 Jahre Insel-Bücherei. Eine Ausstellung in der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin. Kuratiert und weitestgehend ausgestattet von Peter Kunze. Ausstellungsführer 57 der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin. Berlin 2012. IV, 36 S., 58 farbige Abb. Pp. 4°. 5 Euro. ISBN 978-3-929619-84-3. – Für die Ausstellung, für den Ausstellungsführer, für all Ihre Mühe, für alle Freude, die Sie uns Ausstellungsbesuchern bereitet haben: Danke, Peter Kunze!
Fritz Jüttner

Mit Emil Orlik in Japan. Aus Anlaß seines 80. Todestages ehrt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg den Zeichner, Graphiker und Buchkünstler Emil Orlik (Prag 1870 – 1932 Berlin) mit einer Ausstellung von graphischen Arbeiten, die im Zusammenhang mit den beiden Japanreisen des Künstlers stehen. Die hier unter dem Motto Wie ein Traum! gezeigten etwa 65 Graphiken und Vorzeichnungen stammen überwiegend aus dem Besitz des Sammlers Peter Voss-Andreae, der auch das Vorwort zu dem opulenten Katalogbuch schrieb.
Emil Orlik, der Sohn eines Prager Schneidermeisters, studierte nach der Matura von 1889 bis 1893 zunächst an der privaten Malschule von Heinrich Knirr und dann an der Akademie der Bildenden Künste in München. In seiner Heimatstadt etablierte er sich ab 1897 mit einem eigenen Atelier. Einen Wendepunkt in seinem künstlerischen Schaffen leiteten die Eindrücke ein, die Orlik bei seinem zehnmonatigen Aufenthalt in Japan empfing. In diesen Jahren hatten sich auch andere europäische Künstler von der Bilder- und Formensprache des japanischen „ukiyo-e“, der „Bilder der heiteren, vergänglichen Welt“, inspirieren lassen, so Manet, Monet, Pissarro, Degas, Gauguin und van Gogh. Japanische Farbholzschnitte, vor allem von Utamaro, Hokusai, Hiroshige und Kunisada füllten die Kunsthandlungen und waren beliebter Wandschmuck. Sammler reisten nach Japan, japanische Kunst war Gegenstand vieler kunstkritischer Abhandlungen. Neben Emil Orlik waren es Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky, die sich in Deutschland mit der fernöstlichen Kunst auseinandersetzten, ebenso wie Franz Marc und August Macke. Jugendstil und Expressionismus nahmen viele Elemente des Japonismus in sich auf.
1905 hatte Orlik sein Atelier nach Berlin verlegt, wo er dann bis zu seinem Tod lebte, immer wieder unterbrochen von Reisen, die ihn nach Frankreich, Italien, Dalmatien, Spanien und in die Schweiz führten. 1912 reiste er zum zweitenmal nach Fernost, wobei er neben Japan auch China besuchte. Von dieser Reise sind nur wenige in Japan angesiedelte Graphiken bekannt.
Umso umfangreicher waren die „Früchte“ des ersten Japanaufenthalts, deren vielfältige Motive und Gestaltungen in der Ausstellung, aber auch – teils in Originalgröße – im Katalog zu bewundern sind. Orlik hatte seinen Aufenthalt zunächst genutzt, um die Technik des Holzschnitts und des Farbholzschnitts in dessen Ursprungsland kennnenzulernen. Besonders die japanischen Farbholzschnitte zeichnen sich durch ihre leuchtenden Farben aus. Emil Orlik besuchte die Werkstätten von Holzschneidern und Druckern. So gelang es dem Künstler, sich in hohem Maße in Kunst und Denken Japans einzufühlen. Selbst manche Kenner des Landes hatten Schwierigkeiten, die in Japan entstandenen Graphiken als nicht originär japanische Werke zu erkennen. Das hohe Ansehen, das sich Orlik als Kenner – und Ausüber – der japanischen Kunst erwarb, führte den Verlag Rütten & Loening dazu, die ab 1905 herausgegebenen Werke von Lafcadio Hearn durch Orlik illustrieren und gestalten zu lassen.
Es ist ein großes Verdienst des Sammlers und des Hamburger Museums, die für Orlik so wichtige Schaffensperiode mit allen bekannten oder verfügbaren Skizzen, Holzschnitten Lithographien und Radierungen zu belegen und dem interessierten Publikum zur Ansicht vorzulegen. Denjenigen, die nicht nach Hamburg reisen konnten, bietet das von Jürgen Meyer, Hamburg, bestens gestaltete Katalogbuch einen fast vollwertigen „Ersatz“. Der zweispaltige Satz der weiterführenden Aufsätze von Birgit Ahrens und Rüdiger Joppien sowie die gute Qualität der Abbildungen machen das Buch zu einer großartigen Hommage an den unvergessenen Künstler (Edition Klaus Raasch, 140 S., 84 farb. Abb, 28,6 x 21 cm,, Offsetdruck, Fadenheftung, Pp. mit ill. Umschl., 29,– Euro, ISBN 978-3-927840-62-1).
Ferdinand Puhe

Horst Hussel im Kunstkeller Annaberg. Vom 8. September bis zum 31. Dezember 2012 waren hier im erzgebirgischen Annaberg knapp 100 Arbeiten aus den Jahren 2010-2012 des weithin bekannten und verehrten Berliner Künstlers Horst Hussel zu erleben: Acrylbilder, Zeichnungen, Radierungen, Collagen. Beigeordnet in Vitrinen natürlich auch Bücher aus den letzten Jahren, schöne Bände der Dronte Presse und auch Privatdrucke des Hussel-Sammlers Helmut Schumacher, darunter Palastarchitektur (2005) und Phantasien zu Tarockkarten. Ein Dramolett für Marionetten (2007).
Die wundersam-phantasievolle Ausstellung im feinen Kellergewölbe des Pirckheimers Jörg Seifert bietet alles, was Hussel -Freunde erwarten können: anarchische Unbekümmertheit, humoriges Hakenschlagen, fratzenhafte Hintergründigkeit koboldartiger Wesen und deren lautes Lachen über Absurditäten und Zumutungen der Zeit. Man vermeint, vieles zu kennen und ist doch erneut überrascht und ins Gespräch gezogen. Etlichen dieser komischen Typen ist man irgendwann und irgendwo doch schon begegnet?! Kein Wunder, daß von Magie der Freiheit und Hymnen auf die Kraft der Fantasie in der sächsischen Presse geschwärmt wurde. Zur Ausstellung erschien ein Katalog, auch als Vorzugsausgabe mit beigelegter signierter Radierung, der im Kunstkeller zu erwerben ist (Tel.: 03733/ 42001; www.kunstkeller-annaberg.de) Er bildet zahlreiche Arbeiten großzügig und farbig ab und lädt mit dem begleitenden anspielungsreich-krausen Text von Paula Böttcher zu einem vergnüglichen Rundgang durch die Ausstellung ein: „Eine Versammlung von Augenblicken. Ein Reigen schönster Geister … Eine Straße der Besten in Untergrund. Anarchisten aller Länder, vereinigt … Nicht resignieren. Lachen!... Unverstellte Blicke prüfen ihr Gegenüber …“ Auch in den stillen Raum mit Landschaftsradierungen leuchtet der poetische Text: „Ihr Mekelenburg, Sterneberghe, am Erzhang!“ Beeindruckend auch die großformatige Collage Einkaufen in Peking im Kellergang und ein kleinerer Raum mit Malereien auf Holz: Fisch-Porträts, Urwesen mit Blicken seelenvoller Ergebenheit, charaktervolle Kreaturen, im Tode mit Schmucksteinchen besetzt – nachdenkliches Erschrecken.
Friedrich Dieckmann spricht im Katalog der gleichzeitig im Schloß Güstrow stattfinden-den Hussel-Ausstellung des Schweriner Museums (8. 12. 12 – 20. 1. 13) Poesie und Eigensinn. Die Schenkung Christoph Müller trefflich von Hussel als dem „Regenten eines verschrobenen und vertrackten, ausschweifend-vielgestalten, widerständig-heiteren, in allen Zonen und Zeiten bewanderten Kunstreichs“. Horst Hussel wird am 28. April 2014 seinen 80.Geburtstag feiern.
Ursula Lang

Hauptmanns und Cibulkas Hiddensee. Zum 100. Jubiläum der Verleihung des Nobelpreises an Gerhart Hauptmann und zum 150. Geburtstag des Dichters ist im September 2012 ein kleines, aber feines Bändchen erschienen, das die Insel Hiddensee liebevoll in Wort und Bild umkreist. Die junge Autorin Johanna Henk aus Erfurt, die Freundin Hiddensees ist, verbrachte hier und in Ahrenshoop einen Teil ihrer Kindheit. Wind, Wellen und Meer ließen sie nicht mehr los. So entstand 2010 nach ihrem Studium der Kunstgeschichte und Literatur an der Universität Jena die Idee, ein Hiddensee-Bändchen mit Texten von Hauptmann und Hanns Cibulka zu erschaffen: Gerhart Hauptmann – Begegnung mit seiner Insel. Hrsg. v. Johanna Henk. Pp., 8° quer. Frankfurter Literaturverlag 2012. 64 S. Pp. 13,80 Euro. ISBN 3837211223. Das Buch enthält abweichend vom Titel auch Texte von dem Thüringer Lyriker und Erzähler Cibulka, den Johanna Henk in der Pirckheimer-Gesellschaft kennengelernt hatte. Die Herausgeberin beschreibt in einem Prolog und Epilog die Orte, an denen Hauptmann und Cibulka arbeiteten und ihre Inspirationen fanden. Neben den Dichterworten enthält das Buch eine Serie von 26 Hiddensee-Fotografien, mit denen Dr. Ulrich Hauch aus Erfurt die Textzitate illustriert. Bilder von Sonne, Wolken und Meer zeigen die Insel im Wandel der Jahreszeiten. Hauptmann weilte im Sommer auf der Insel, während Cibulka hier Frühsommer und Herbst erlebte. Ulrich Hauch wanderte mit seiner Kamera auch über die winterliche Insel und hielt Zwiesprache mit der von den Touristen weitgehend verlassenen Natur.
Diana Trojca

Antonia Fourniers „Schräge Vögel“. Wenn in der kleinen Galerie „Unterm Dach“ auf der Burg Beeskow eine Ausstellung (noch bis 3. März 2012) gezeigt wird, ist in der Regel nicht die Aufsehen erregende Weltkunst zu besichtigen, sondern vielmehr das liebenswerte Nebenbei. So ist es mit den Feder-, Bleistift- und Pinselzeichnungen sowie einigen Arbeiten in Aquarell und Acryl der 1944 in Königssee in Thüringen geborenen Diplom-Grafikerin Antonia Fournier, die an der Hochschule der Künste Berlin studiert hat und sich auch als Autorin und Illustratorin dem Kinderbuch widmet. Dazu gehören die Titel Anna und Wuwu von Erika Neuhauss und Antonia Fournier (Bobenheim am Berg: Engel & Bengel Verlag, 1994), Antoninchen, die kleine Waldfrau von Antonia Fournier (Bad Karlshafen/Cottbus: Verlag des Antiquariats Bernhard Schäfer, 2003) sowie Möchteschön und Schwarzpferdefuß (Cottbus: Regia Verlag, 2008).
Unter dem sperrigen Titel Schräge und andere Vögel ... (ein) wenig Weisheit und Spott hat Antonia Fournier für Beeskow um die vierzig, in den letzten zehn Jahren entstandene Kabinettstückchen zusammengefaßt, die mit den Mitteln der Karikatur Charaktere darstellen, ohne jedoch dabei, wie es die Karikatur tut, einen konkreten, erzählerisch faßbaren Inhalt zu vermitteln, der satirisch zwischenmenschliche oder politische Ereignisse oder Zustände aufspießt.
Die Künstlerin selbst spricht von Charakterstudien und sucht sich Personengruppen mit ausgeprägten Besonderheiten heraus, die in der typisierenden Darstellung eines ihrer Vertreter kulminieren: Der Pianist, Der Saxophonist, Die Schulmeisterin, Der Lehrmeister etwa. Es entsteht im Betrachter ein schmunzelnder Aha-Effekt: So hat man das schon in der Wirklichkeit gesehen oder erlebt. Gern überträgt sie auch Charaktereigenschaften auf Tiere, besonders oft auf Vögel, und da stehen wiederum Hühner und Gänse an erster Stelle. So gibt es im Federkleid eine Chickenlady, einen Verehrer, einen Sänger. Antonia Fournier befindet sich dabei in der langen Tradition der Bebilderung von Fabeln sowie in der Tradition der Humorzeichnung, wie sie besonders in Kinderbüchern zu finden ist, aber in gleicher Weise Erwachsene anspricht.
Das künstlerische Markenzeichen der Graphikerin ist die Reduktion auf die Linie. Oft ohne abzusetzen und größtenteils mit Verzicht auf Binnenzeichnung, erreicht sie die größtmögliche Aussage. Dabei gehen ihr in der ostdeutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zwei bisher hier unerreichte Meister voraus. Es sind Josef Hegenbarth (1884-1962) und Arno Mohr (1910-2001).
Aber Antonia Fournier ist vielseitig. Mit Tierdarstellungen in Acryl- und Aquarelltechnik erzielt sie eine dekorative Wirkung, ohne dabei den Witz zu unterdrücken, und mit den Bleistiftzeichnungen Eule, Katze und Huhn experimentiert sie originell mit geometrischen Formen.
Elke Lang

Berliner Exlibristreffen 2012. Am 3. November 2012 trafen sich, von Wolfgang Fiedler und Claus P. Mader organisiert, die Berliner Exlibrisfreunde, wie gewohnt im Rudu-Nachbarschaftszentrum Friedrichshain-Kreuzberg. Etwa 50 Teilnehmer, einige auch von weither, tauschten eifrig und führten Gespräche. Klaus Rödel aus Frederikshavn hatte, eigens in 50 Exemplaren als Gabe für die Besucher gedruckt, ein kleines Heft über den XXXIV. FI-SAE-Kongreß in Finnland mitgebracht. Im Heft sind 52 farbig gedruckte Exlibris von Künstlern vieler Länder und 28 Photos der Tagung enthalten.
Die Ausstellung zeigte aus der Sammlung Peter Labuhn mehr als 200 Exlibris und Gelegenheitsgraphiken von dem estnischen Künstler Lembit Löhmus. Es ist geplant, die Blätter noch einmal im Schloss Burgk vorzuführen. Wolfgang Fiedler und Claus P. Mader hatten wieder eine kleine bet-Mappe vorbereitet. Neben einer Einführung von Claus P. Mader enthält sie einen interessanter Beitrag von Peter Labuhn über Leben und Werk von Lembit Löhmus. Außerdem sind acht Originale beigelegt, Spenden von Mitgliedern für die Mitglieder. – Das nächste bet-Treffen wird am 2. November 2013 sein.
Wolfram Körner

Arno Schmidt – einmal anders. Der Autor Arno Schmidt (1914-1979) verfügt bis heute über eine große Fan-Gemeinde. Doch viele Literaturfreunde haben so ihre Schwierigkeiten mit der Diktion, den Texten des Sprachkünstlers. So auch ich. Schmidt war ein kantiger Norddeutscher, gebürtiger Hamburger, was ihn nach Lebensabschnitten im Saarland, in Gau-Bickerlheim und Darmstadt 1958 veranlaßte, in der Lüneburger Heide ansässig zu werden. 1964 wurde dem Schriftsteller der Fontane-Preis der Stadt Berlin verliehen. Die Laudatio hielt Günter Grass, der in seiner Würdigung Schmidts Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas als seine Lieblingserzählung bezeichnete. Und gerade diese Erzählung, die am Dümmer, einem See im Oldenburgischen, spielt, ist beispielhaft für die gewöhnungsbedürftige Textgestaltung von Arno Schmidt. Der Autor nennt diese Art „Fotoalbum“, was bedeutet, daß die ein Kapitel einleitenden Sätze typographisch vom folgenden größeren Teil abgesetzt, beziehungsweise hervorgehoben sind, sozusagen als Fotos.
Die Erzählung, 1955 in der Literaturzeitschrift Texte und Zeichen erstmals veröffentlicht, löste im seinerzeit noch recht prüden Deutschland einen Sturm der Entrüstung aus. Der Staatsanwalt wurde wegen angeblicher Pornographie und Gotteslästerung bemüht. Auslöser der heute noch frisch anmutenden Liebesgeschichte zweier Männer mit zwei Zufallsbekanntschaften war Schmidts Kurzurlaub mit seiner Frau Alice an dem beliebten norddeutschen Feriensee. Eine der Frauen der Erzählung benannte Schmidt nach einer Indianerprinzessin des 17. Jahrhunderts. In der zur Frankfurter Buchmesse 2012 von der Officina Ludi vorgelegten illustrierten Neuauflage dieses Werkchens hält sich Claus Lorenzen an die typographischen Vorgaben des Autors. Die „Fotos“ sind blau und fett gesetzt und der gesamte Text ist – unterbrochen von den Illustrationen – in zweispaltigem Satz gedruckt. Und diese von Felix Scheinberger geschaffenen vielfarbigen Illustrationen sind „das Salz in der Suppe“. Sie verhelfen dem heutigen Leser zu einem deutlich besseren Zugang zum anspruchsvollen Text. Sie sind Interpretation im besten Sinne des Wortes. Auch sie ermangeln nicht der gewissen Frechheit, die dem Text innewohnt. Hohe malerische Wirkung haben besonders die ganz- und doppelseitigen Bilder, die dem Leser die Atmosphäre der Dümmerlandschaft vermitteln und zugleich die Essenz der schriftlichen Darstellung hervorheben. So konnte auch der Arno Schmidt reserviert gegenüberstehende Rezensent gewonnen werden. Das Buch enthält noch die oben zitierte Laudatio von Günter Grass und ein Nachwort des Herausgebers mit wichtigen Hinweisen zu Text und Illustration.
Wie von der Officina Ludi gewohnt, ist auch dieses in 1500 Exemplaren hergestellte Buch als „Schönes Buch“ handwerklich bestens gestaltet. Ein schweres, leicht getöntes Papier (170 g) trägt den lesefreundlich gesetzten Text und die originalgetreu abgebildeten aquarellierten Zeichnungen. Das fadengeheftete Buch im Querformat ist als Halbleinenband mit geprägtem Vorderdeckel und illustriertem Schutzumschlag gebunden (85 S., 20,5 x 25 cm, ISBN 978-3-00-039343-3, Euro 24,80; Vorzugs- und Luxusausgabe verfügbar).
Ferdinand Puhe

Franz Fühmann und die Samariteranstalten Fürstenwalde. 120 Jahre Samariteranstalten in Fürstenwalde waren Anlaß für diese diakonische Einrichtung, ihre Geschichte und die einiger ihrer Bewohner und Mitarbeiter von der Schriftstellerin Angela Kiefer-Hofmann in einem Buch mit dem Titel Die Jacke des Herrn A. Erzählungen aus den Samariteranstalten (Berlin: Wichern-Verlag, 2012) darstellen zu lassen. Dazu standen ihr Archive zur Verfügung, wobei das der Samariteranstalten das ergiebigste war, und zahlreiche Gesprächspartner, die von sich selbst oder auch von ihren Erlebnissen mit anderen berichteten. Herausgekommen ist in fünf Jahren Arbeit ein berührendes, lebendig dargestelltes authentisches Zeugnis nicht nur der auf-opferungs- und entbehrungsreichen Arbeit der Mitarbeiter zum Wohle der ihnen anvertrauten geistig behinderten Menschen, sondern auch ein warmherziges Bild von diesen selbst, wie sie sich in die Gesellschaft eingliederten und in ihr zu behaupten versuchten. Eingebettet ist alles in die historischen Zeitumstände, wobei die regionalen Kriegs- und unmittelbaren Nach-kriegsereignisse des Zweiten Weltkriegs eine große Rolle spielen. Auch der Umgang mit den politischen Zwängen in der NS-Zeit, etwa der Euthanasie, wird nicht ausgespart, konnte aber aufgrund mangelhafter Aktenlage nur angerissen werden. Eine zweite politische Schiene bie-tet die DDR-Zeit, in der geistig Behinderte von staatlicher Seite nur wenig Förderung erhielten und in der solche Einrichtungen wie die Samariteranstalten oft eine Nische für Nichtbehinderte bildeten, die in irgendeiner Weise nicht staatskonform dachten und handelten und hier eine Arbeitsstelle fanden.
Unter vielen, namentlich nur in einem engeren Kreis bekannten Personen, befinden sich auch allgemein bekannte Persönlichkeiten, so zum Beispiel Franz Fühmann. Der Fotoband von Dietmar Riemann, Was für eine Insel in was für einem Meer. Leben mit geistig Behinderten (Rostock: Hinstorff Verlag, 1985) mit einem Text von Franz Fühmann entstand in den Samariteranstalten Fürstenwalde. Darüber hat schon Uwe Kolbe geschrieben in Rübezahl in der Garage. Franz Fühmann in Märkisch-Buchholz und Fürstenwalde 1958-1984 (Frankfurt: Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte, 2009, Frankfurter Buntbücher 41). Er kannte Fühmann seit 1976. Angela Kiefer-Hofmann widmet Franz Fühmann in ihrem Buch das Kapitel „Geis-tig behindert – mein Gott, ist das ein blödes Wort“ nach einem Zitat des Dichters. Sie bezieht sich wie schon Kolbe auf das heute bei Bad Freienwalde lebende Ehepaar Margret und Klaus Gubener, das in den Samariteranstalten den engsten Kontakt zu Franz Fühmann hatte. Wäh-rend sich Kolbe in erster Linie der literarischen Seite der Beziehung zwischen Fühmann und den geistig Behinderten zuwendet, stellt Kiefer-Hofmann die menschliche Seite dar, die sie im persönlichen Gespräch den Erzählungen Margret und Klaus Gubeners entnommen hat. Zwischen dem Ehepaar und dem Dichter entwickelte sich ein Briefwechsel, der sich im Kleist-Museum befindet und aus dem die Autorin Zitate übernommen hat. Es wird deutlich, welch enge emotionale Beziehungen zwischen Franz Fühmann und den Samariteranstalten bestanden, nicht nur zum Ehepaar Gubener, auch zu anderen Mitarbeitern und zu den Bewoh-nern. Deren Erinnerungen an den Dichter fließen ebenfalls in das Fühmann-Kapitel des Bu-ches ein. Weiterhin hat Kiefer-Hofmann – allerdings ohne Literaturangabe – Barbara Heinzes (Hrsg.) Franz Fühmann. Eine Biographie in Bildern, Dokumenten und Briefen (Rostock: Hin-storff Verlag,1998) für Zitate und Fakten herangezogen. Angela Kiefer-Hofmann hat die Zitate zwar gekennzeichnet, aber nicht unbedingt ihre Quellen benannt. In einem Fall wird ein Brief Fühmanns an „eine Freundin“ angeführt. Gemeint ist Margarete Hannsmann (1921-2007), und zwar im Zusammenhang mit der durch Fühmann arrangierten Ausstellung von Kopien aus HAP Grieshabers Totentanz von Basel in den Samariteranstalten. Diese unwissen-schaftliche Verfahrensweise sei verziehen, denn Angela Kiefer-Hofmann wollte ausdrücklich keine Dokumentation schreiben, sondern, wie sie selbst sagt, eine Erzählung, also ein literarisches Werk. Als solches gesehen, kann es die Vorstellung, die man vom Wesen, vom Charakter des Dichters Franz Fühmann hat, durchaus bekräftigen und vielleicht auch eine neue Facette hinzufügen.
Elke Lang

Märchen in neuem Gewand. Die uralte Mär von Reineke dem Fuchs – wohl zuerst bekannt gemacht durch die Fabeln des Aesop (um 550 v. Chr.) – wurde von vielen (teils unbekannten) Autoren aufgegriffen und mit unterschiedlichen Tendenzen neu interpretiert. Zum Kanon der deutschen Literatur gehört Goethes Versepos Reineke Fuchs, das von namhaften Künstlern mehrerer Generationen gern illustriert wurde. Doch in neuerer Zeit sind die Erzählungen um den listigen und ränkereichen Fuchs immer weniger präsent. Nun hat sich Renate Raecke, 1943 in Lübeck geboren, des Themas in ganz neuer Sicht angenommen. Aus der Vielzahl der überlieferten „Taten“ des mal als Bösewicht, mal als Retter und Tugendheld Dargestellten hat die studierte Kunst- und Literaturhistorikerin eine Auswahl getroffen und diese in eine originelle und amüsante Rahmenhandlung gesetzt. Jonas Lauströer hat das Buch mit großenteil ganz- und doppelseitigen malerischen Bildern illustriert. Die mehrfarbigen Bilder machen die Erzählungen nicht nur für Kinder neu erlebbar (minedition Michael Neugebauer, 2012, 80 S., 25 x 25 cm, ill. Pappband, Fadenheftung, ISBN 978-3-86566-152-4, Euro 16,95).
Über die Arbeiten der Illustratorin Lisbeth Zwerger (1954 in Wien geboren) haben wir an dieser Stelle bereits einige Male berichtet. Die minedition brachte im Oktober 2012 ein neus Werk der mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichneten Künstlerin heraus, welches aus der Masse der neueren Kinderliteratur durch die hohe Qualität der Bilder und der Gesamtgestaltung herausragt. Es war naheliegend, zum „Grimm-Jahr“ die von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm gesammelten Märchen in neuem „Gewand“ vorzulegen. Die in Brüder Grimm: Märchen von Lisbeth Zwerger selbst ausgewählten zehn Märchen und eine Sage sind durchgehend mit ganzseitigen Bildern in der für die Künstlerin typischen verhaltenen Farbigkeit illustriert. Die Erzählungen gewinnen dadurch an Leben und Anschaulichkeit, verführen gar zum erneuten Lesen der längst bekannten Märchen (96 S., 29,3 x 24 cm, ill. Pp. mit Umschl., Euro 24,95. ISBN 978-3-86566-159-3).
Ferdinand Puhe

Das 20. Band des Leipziger Jahrbuchs zur Buchgeschichte. Das im Harrasowitz erschei-nende Periodikum ist seit den frühen neunziger Jahren neben dem Gutenberg-Jahrbuch zum wichtigsten fachspezifischen Forum geworden. Mit dem seit Ende 2012 vorliegenden 20. Jahrgang ging die Verantwortung für das Erscheinen von der Deutschen Nationalbibliothek an die Universitätsbibliothek Leipzig über. Zugleich schied der verdienstvolle Mitbegründer des Jahrbuches Lothar Poethe, Mitarbeiter des Leipziger Buch- und Schriftmuseums, aus Redaktion und Herausgebergremium aus. Die Herausgabe liegt jetzt in den Händen von Detlef Döring, Thomas Fuchs und Christine Haug, die Redaktion in denen von Thomas Fuchs. Mehrere Beiträge mit Themen, die sich aus den Beständen und der Geschichte der Universitätsbibliothek ergeben, belegen, daß der Wechsel durchaus fruchtbar sein kann. So schreibt Thomas Fuchs über Die „Acta Lutherorum“, die wertvolle Zeugnisse aus dem Leben des Reformators und seiner Familie umfaßt und im 19. Jahrhundert als Schenkung an die Stadt Leipzig gekommen ist. Ein anderer Bericht befaßt sich mit der Auslagerung der Bestände der Universitätsbibliothek Leipzig während des Zweiten Weltkrieges und ihrer Rückführung (Thomas Thibault Döring). Die Bibliotheksleitung hatte sich für eine breit gestreute Auslagerung entschieden, mit der einem Totalausfall durch Kriegseinführung erfolgreich begegnet werden konnte. Viele Bände gingen dennoch verloren oder erlitten Schäden, so im Völkerschlachtdenkmal, wo zeitweise sogar eine Benutzung organisiert worden war. Einige Bestände wurden von den Besatzungsmächten beschlagnahmt und kamen später nur teilweise wieder zurück.
Für Freunde der Verlagsgeschichte enthält der Band gleich mehrere empfehlenswerte Aufsätze, so mit neuen Forschungsergebnissen über die Druckerfamilie de Bry, die durch wertvolle, mit Kupferstichen versehene geographische Publikationen über Amerika aus der Zeit nach der Entdeckung bekannt geblieben ist, so über den Halleschen Verlag Gebauer, der ein reichhaltiges Archiv hinterlassen hat, das sukzessive, unter anderem in früheren Ausgaben des Jahrbuchs, ausgewertet wird. Diesmal ist die Verlagsgeschichte im Zusammenhang mit der Papierkrise 1788-1793 Thema. Das Archiv des führenden Philosophie-Verlages Felix Meiner wird vorgestellt. Ein Insiderbericht (von Thomas Maagh) schildert die wechselvolle Geschichte des Verlags der Autoren, die mit einem Eklat im Hause Suhrkamp begann und durch basisdemokratische Strukturen gekennzeichnet ist. (Die Suhrkamp-Autoren hatten 1968 geschlossen zu Unseld gestanden, so daß sich die um Mitbestimmung kämpfenden Lektoren aus dem Verlag zurückziehen mußten.) Der längste Aufsatz der Bandes von Ulrike Gessler stellt die Geschichte der Leipziger Verlagsbuchhandlung Quelle & Meyer dar, manchem noch bekannt durch populärwissenschaftliche Reihen und wissenschaftliche Handbücher. Das Un-ternehmen bestand in Leipzig von 1906 bis 1971 – die letzten Jahrzehnten in Abwicklung – und hatte besonders während der Weimarer Republik einen beträchtlichen Umfang mit mehr als 1100 Neuerscheinungen. Spannend sind die Befunde zur Anpassung an den Zeitgeist und die wechselnden Systeme.
C. W.

Band 19. des Mitteldeutschen Jahrbuches. Das von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz herausgegebene Periodikum enthält neben vielen geschichtlichen und architektur-geschichtlichen Aufsätzen wieder zahlreiche Beiträge, die für den Bücherfreund von Interesse sind. Da ist zunächst eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Insel-Bücherei, die im vergangenen Jahr ihren hundertsten Gründungstag beging. Susanne Buchinger erörtert unter anderem, wem vor allem die Initiative zur Einrichtung der Reihe zuzuschreiben ist und kommt zu dem sicher nicht unumstrittenen Fazit: Stefan Zweig. Ergänzend zum Thema schreibt Klaus Walther über den Jenne. Zum Jubiläum hundert Jahre Deutsche Bücherei stellt Christian Horn Architektur und Ästhetik der Lesesäle in der Nationalbibliothek Leipzig vor. Paul Raabe schreibt über das „Kulturelle Erbe in Sachsen-Anhalt“, an dessen Sicherung und Rekonstruktion er in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten großen Anteil hatte. Kenntnisreiche Aufsätze beschäftigen sich mit Leben und Werk von Goethes Schwager, den Unterhaltungsschriftsteller Christian August Vulpius, und mit der Reiseschriftstellerin, Erzählerin und Vorkämpferin der Frauenemanzipation Fanny Lewald, die seit den 1980er Jahren eine wahre Renaissance erlebt. Eine Stärke des Jahrbuchs sind die vielen Gedenk- und Jubiläumsartikel über Schriftsteller, Künstler, Architekten, Germanisten, Historiker und Komponisten, so in diesem Band über Friedrich Meineke, Helmut Holtzhauer, Leiva Petersen, Paul Wallot, Karl May, Frist Baust, Christian Gottlob Heyne, Josef Hegenbarth, Eva Strittmatter, Erwin Strittmatter, Hanns Eisler, Paula Dehmel, Wilhelm Lachnit, Joseph Wulf, Bernhard Heisig und Adolf Endler. Mancher Beitrag über die Großen ihrer Zunft referiert zwar nur den Forschungsstand, die meisten enthalten jedoch neue Informationen und anregende Wertungen. Manche sind geradezu überraschend in ihren Dimensionen, so der Nachruf auf den Germanisten Peter von Polenz (von Rudolf Bentzinger und Horst Naumann), der aus der Familie des sozialkritischen Schriftstellers Wilhelm von Polenz (Der Büttnerbauer) stammt. Das Familienerbe bei Bautzen wurde im Zuge der Bodenreform nach 1945 enteignet. Peter von Polenz studierte in Leipzig Germanistik und promovierte erfolgreich bei Theodor Frings über ein sprachwissenschaftliches Thema. Die Promotionsurkunde sollte ihm jedoch nicht ausgehändigt werden, weil er inzwischen auf Grund seiner Herkunft und Gesinnung bei der SED in Ungnade gefallen war. Freunde am Institut entnahmen die Urkunde jedoch dem Dekanat und schmuggelten sie nach Westberlin zu dem inzwischen geflüchteten Polenz, der im Westen ein führender Linguist werden und trotz dieser Behandlung mit den Kollegen im Osten in wissenschaftlichem Austausch bleiben sollte.
C. W.

Deutsch-amerikanische Kalender. Eine großartige Veröffentlichung hat die wenig erforsch-ten populären deutsch-amerikanischen Kalender des 18. und 19. Jahrhunderts zum Gegenstand, die in den Neuengland-Staaten und den Vereinigten Staaten von Amerika als wichtigstes periodisches Informations- und Unterhaltungsmedium der deutschsprachigen Minoritätenkultur erschienen sind: Deutsch-amerikanische Kalender des 18. und 19. Jahrhunderts. Bibliographie und Kommentar. Hrsg. v. York-Gothart Mix. Band 1.-2. Berlin: de Gruyter, 2012. XII, 1585 S. Pp 8°. 249,– Euro. ISBN 978-3-11-018624-6. Die Einwanderer kamen in mehreren Emigrationswellen, zum Beispiel Mennoniten aus dem Niederrheingebiet und Amische aus dem Jura, dem Elsaß und Montbéliard. Sie siedelten sich vorwiegend in Pennsylvania, aber auch in Ohio, Indiana, Illinois und Iowa an.
Die Kalender spielten eine bedeutende Rolle im Leben der Einwanderer und sind einzigartige Zeugnisse eines deutsch-amerikanischen Kulturtransfers. Vorbildfunktion hatte der Kalendertyp des in Südwestdeutschland, Ostfrankreich und der Schweiz erschienenen, sehr erfolgreichen Hinkenden Boten. York-Gothart Mix hat 113 deutschsprachige Kalender untersucht und in einer umfangreichen Bibliographie die per Autopsie eingesehenen Jahrgänge verzeichnet, versehen mit ausführlichen Inhalten und Kommentaren. Aufgenommen und erschlossen wurden alle in den Bibliotheken des Franklin & Marshall College, Lancaster, Pa. sowie der Historical Society of Pennsylvania und der German Society in Philadelphia auf-findbaren Kalender von den Anfängen bis zum Jahr 1918. Der früheste Kalender erschien 1731 unter dem Titel Der Teutsche Pilgrim, Mitbringende einen Sitten Calender, eine beson-ders lange Laufzeit hatten Der Neue Nord=Americanische Stadt- und Land-Calender von 1797 bis 1918 und der Americanische Stadt- und Land Calender von 1784 bis 1860. Ein Bei-trag „Soziokultureller Regionalbezug in populären deutsch-amerikanischen Kalenders des 18. und 19. Jahrhunderts“ führt in die Bibliographie ein.
Gestaltung und Einteilung der Kalender geschahen oft nach europäischen Vorbildern mit Trennung von Kalendarium, Prognostikon und Textteil. Die gängigen Rubriken orientierten sich am politisch-sozialen Alltag in der Neuen Welt. Dem Leser bot sich ein breites Spektrum von Themen, eine Mischung aus Lesetexten (Auszüge aus der Bibel, Bauernsprüche), Le-benshilfe („eine leichte Methode um Warzen zu heilen“, die Nahrhaftigkeit und Heilsamkeit des Zuckers, „einige nützliche Arzeneymittel“, Probleme der landwirtschaftlichen Haushal-tung) und Informationen (Gedenktage und biographische Daten zur jüngsten nordamerikani-schen Geschichte, die Belange und Institutionen der „Reformirten Kirche“, die Größe der Himmelskörper und ihre Entfernung von der Erde). Für Bücherfreunde interessant sind die Beiträge über Politiker, Künstler, Schriftsteller, Dichter und Erfinder (zum Beispiel Johannes Gutenberg) und die Buchhandelsanzeigen sowie die Hinweise auf die Verleger und Illustratoren der Kalender.
Dieter Schmidmaier

Aufarbeitung einer Kindheit. Es gilt über ein geradezu bemerkenswertes Buch zu berichten. Die vielfach geehrte, immer aber auch umstrittene deutsch-schwedische Autorin, Kolumnistin, Schauspielerin und Gerichtsreporterin Peggy Parnass beschreibt in Kindheit ihre Erlebnisse in Nazideutschland und Schweden. Dorthin wurde das 1934 in Hamburg geborene Kind mit seinem vierjährigen Bruder Gady in einem Kindertransport verbracht, wo sie die folgenden sechs Jahre in zwölf verschiedenen Pflegefamilien lebte. Ihre Eltern kamen im Vernichtungslager Treblinka um. Darüber schreibt Peggy Parnass im vorliegenden Buch: „Meine Eltern haben weder Grab noch Grabstein. Nur drei Stolpersteine vor ihrer Wohnung in der Hamburger Methfesselstraße 13. Zwei Steine mit ihren Namen drauf. Auf dem dritten Stein steht ‚Die Liebenden‘. Weil sie sich ja so wahnsinnig geliebt haben.“ Und im Hinblick auf dieses Buch schreibt sie weiter: „… also kein Grab und kein Grabstein. Aber jetzt dieses wunderbare Buch zu ihren Ehren.“
Und tatsächlich ist das von Schwarze Kunst, Grethem-Büchten, als neuntes Werk der Edition Die Holzschnittbücher herausgebrachte Werk ein beeindruckendes Zeugnis der Zusammenarbeit von Peggy Parnass mit der mit ihr seit Jahren befreundeten Künstlerin Tita do Rêgo Silva und den Druckern Walter Fischer, Klaus Raasch und Lothar Schumann. Der sehr berührende, tief ins Private greifende Text wurde von der Graphikerin in kongenialer Weise mit zwölf ganzseitigen farbigen Originalholzschnitten und vier Vignetten geschmückt.
Autorin und Künstlerin leben beide in Hamburg. Peggy Parnass hatte in Stockholm, London, Hamburg und Paris studiert. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Gerichtsreportagen für die kritische Monataszeitschrift konkret. Bis heute ist sie politisch engagiert, hält Lesungen, singt an Theatern und arbeitet für Rundfunk und Fernsehen. Tita do Rêgo Silva, 1959 in Caxias/Brasilien geboren, studierte zunächst Touristik, aber nachfolgend von 1985 bis 1988 Kunst an der Universität Brasilia und an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Dort lebt sie seit 1988. Sie widmet sich vor allem dem Holzschnitt und gelegentlich fertigt sie auch Installationen. Zahlreiche Einzel- und Gruppenaustellungen im In- und Ausland belegen die hohe Anerkennung der Künstlerin in der Kunstwelt. Ihre Farbholzschnitte sind deutlich beeinflußt durch die Mythen ihrer Heimat. Sie sind bevölkert von langbeinigen Menschen-Tier-Mischwesen, die meist tänzelnd miteinander kommunizieren. Im vorliegenden Buch bilden sie den relativierenden Kontrapunkt zum oft traurig stimmenden Inhalt der Schilderung. In Anbetracht der wertvollen Ausstattung des Bandes und der Auflage von 1000 Exemplaren ist der geforderte Preis als maßvoll zu betrachten (48 S., 32,6 x 24,2 cm, Fadenheftung, Leineneinband, der durchgehend mit einem Holzschnitt bedruckt ist, Euro 48, ISBN 978-3-927840-43-0).
Ferdinand Puhe

Max Herrmann-Neißes Reisealbum 1937. Max Herrmann-Neiße brach gleich nach der Machtübernahme durch die Nazis im Februar 1933 ins Exil auf. Er war weder rassisch noch politisch unmittelbar in Gefahr, verließ Deutschland statt dessen aus Ekel vor der um sich greifenden Unkultur. Schon in guten Zeiten in wirtschaftlicher Bedrängnis, konnte sich der Lyriker im Ausland nur behaupten dank der Unterstützung durch den Juwelier Alphonse Sondheimer, der sich nach dem Tod seiner Frau in Herrmann-Neißes Frau Lene verliebt hatte. Sondheimer besaß in Zürich, Amsterdam und London Geschäfte, die so viel abwarfen, daß er auch dem Dichterehepaar ein Auskommen finanzieren konnte. Nach einer Wartezeit in Zürich, während der Herrmann-Neiße Zürich und die Schweiz lieben gelernt hatte, ging das Paar nach London. Von dort unternahmen sie zu zweit oder dritt mehrfach Urlaubsreisen via Paris in die Schweiz. Von einer Reise hat sich ein Album erhalten, das jetzt als Faksimile gedruckt wurde: Max Herrmann-Neiße: Daß wir alle Not der Zeit vergaßen. Reisealbum Herbst 1937. Hrsg. v. Klaus Völker. Warmbronnen: Keicher, 2012. 16 S., 40 Farbtaf. 28 x 19 cm. Br., Blockbuchbindung. 24 Euro.
Das Buch gibt in farbiger Reproduktion das von Herrmann-Neiße selbst angelegte Album wieder. Es besteht aus Ansichtskarten, Hotelwerbung, Eintrittskarten, Ausschnitten aus Rei-seprospekten und Zeitungen sowie einmontierten Handschriften und Druckbelegen von den auf der Reise entstandenen Gedichten. Die Reise führte Herrmann-Neiße über Paris, wo er die Weltausstellung 1937 erlebte, und das deutsche und dennoch „goebbelsfreie“ Basel nach Lu-gano, von wo er die italienische Schweiz erkundete. In Paris genoß er auf der Hin- und Rückfahrt die vielfältigen Anregungen durch die Ausstellungen aus aller Herren Länder. In Lugano unternahm das Paar viele Ausflüge, unter anderem zu Hermann Hesse, sowie lange Spaziergänge. Die Gedichte, die nicht von der ergreifenden Art der Heimatgedichte im Exil sind, schwelgen in Urlaubsidyllen. Doch wie jede gute Idylle haben sie einen doppelten Boden: Hinter der Schönheit lauert die Gefahr des Verlusts. Nur noch eine Reise war dem Paar vergönnt, dann machten die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft, die angespannten persönlichen Verhältnisse und schließlich der Krieg diesem Born der Lebensfreude ein Ende. Der Herausgeber Klaus Völker gibt in seinem Vorwort darüber eindringlich Auskunft.
C. W.