Redaktionsschluss 15. Juli 2012

100 Jahre Deutsche Nationalbibliothek – das Magazin HUNDERT. Im Rahmen der Feier-lichkeiten der Deutschen Nationalbibliothek zu ihrem hundertjährigen Bestehen erscheint ein Jubiläumsmagazin in vier Heften unter dem Titel HUNDERT. Es informiert über die wech-selvolle Geschichte der Bibliothek und ihrer Sammlungen, über die einzelnen Veranstaltungen und Publikationen zum Jubiläum und über die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Bibliothek. Der Schwerpunkt der ersten Ausgabe ist Sprachraum. Von Dünken zu Downloaden. Ein Schwerpunkt zum Wandel und zur Vielfalt der deutschen Sprache mit einem Interview mit Professor Armin Burkhardt, einem Glossar zum besseren Verständnis der Begriffswelt der Bibliothekare und einer Kolumne des Kabarettisten Bülent Ceylan zu Floskeln, Phrasen und Redensarten in der deutschen Sprache. Des weiteren finden sich Bei-träge zur Geschichte der Deutschen Bibliothek, über die Säure als Todfeind des Papiers und des Buches, zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Nationalbibliothek, Nationalgalerie, Nationalmuseum und Nationaltheater von Professor Herfried Münkler sowie eine Kurzgeschichte der Schriftstellerin Sibylle Berg zum Stichwort „Bibliothek 3000“. Der Schwerpunkt der zweiten Ausgabe ist Klangraum. Von Schellack bis Online-Stream: Ort der Musik und Musik ohne Ort, dazu ein Porträt des Deutschen Musikarchivs, ein Interview mit dem Medienunternehmer Tim Renner über die neuen Herausforderungen in der Musikbranche, eine kleine Bildergeschichte über Tonträger und eine Kolumne der Lyrikerin und Poetry-Slammerin Nora Gomringer über den Klang der deutschen Sprache. Des weiteren finden sich Beiträge zur Geschichte der Bibliothek und der Erweiterung von Sammelaufträgen der Bibliothek durch das Publikationsmedium Internet sowie ein Essay des Publizisten und Jour-nalisten Max Dax mit seiner Suche nach der Musik Bob Dylans und den Problemen ihrer Archivierung. Ein sehr informatives und sehr gut gestaltetes Magazin! Informationen über Jubiläum und Veranstaltungskalender finden sich unter www.dnb.de/100jahre und in den noch folgenden zwei Ausgaben des Jubiläumsmagazins HUNDERT. – Weitere Berichte folgen in den nächsten Heften der MARGINALIEN.
Dieter Schmidmaier

100 Jahre Insel-Bücherei und Sammlertreffen in Berlin. Wie in Heft 205 der MARGINALI-EN schon angekündigt, hat das alle zwei Jahre durchgeführte Sammlertreffen am 19. Mai in Berlin stattgefunden. Hierzu hatte die Berliner Sammlergruppe, zu der auch einige Pirckheimer gehören, eine kleine Broschüre Berlin in der Insel-Bücherei und verschiedene Veranstaltungen vorbereitet. Begonnen wurde vormittags mit einer Ausstellung in der Staatsbibliothek. Hier war eine kleine Auswahl von IB-Bändchen zu sehen, denen Handschriften und andere Zeugnisse des Wirkens ihrer Autoren aus den Sammlungen der Staatsbibliothek zugeordnet waren. Anschließend fanden Führungen über den Dorotheenstädtischen Friedhof zu Gräbern von Autoren der Insel-Bücherei und anderen berühmten Persönlichkeiten statt.
Am Nachmittag begann die zentrale Veranstaltung im Dietrich-Bonhoeffer-Haus mit einer Tauschbörse und dem Verkauf der Sonderbändchen. Von IB 1355, Christa Wolf: Unter den Linden, waren 100 Exemplare der Normalausgabe mit einem Zudruck zum Sammlertref-fen versehen und 45 von Gerd Prade in Pergament aufgebundene Exemplare von Harald Metzkes signiert worden. Nach einer Einführung der Veranstalter sprach Raimund Fellinger vom Insel-Verlag über 100 Jahre Insel-Bücherei und gab dabei manch interessanten Einblick in bisher nicht so bekannte Einzelheiten der Entwicklung dieser besonderen und nach wie vor geschätzten Buchreihe. Ein weiterer Höhepunkt war die Autorenlesung von Ralf Rothmann aus seinen Büchern Shakespeares Hühner (Suhrkamp) und Gethsemane (IB 1354).
Bei einem gemeinsamen Abendessen gab es danach ausführlich Gelegenheit zum Gedankenaustausch über die Veranstaltungsthemen, also vor allem über Besonderheiten des IB-Sammelns sowie die Entwicklung und die Zukunft der Insel-Bücherei. Nicht zuletzt auch zu der Frage, wer das nächste Treffen in zwei Jahren in welcher Stadt wohl organisiert.
Peter Kunze

50. Todestag von Rudolf Alexander Schröder. Am 22. August 1962 starb Rudolf Alexan-der Schröder (1878–1962), der als Lyriker, Übersetzer, Publizist, Innenarchitekt und Zeichner nur wenigen bekannt geblieben ist. Ende der 1950er Jahre für den Nobelpreis vorgeschlagen, wird er fünfzig Jahre nach seinem Tod vor allem als Autor evangelischer Kirchenlieder und Nachdichter klassischer Autoren wie Homer und Horaz wahrgenommen. Begonnen hatte er unter anderem als Überbrettl-Dichter der Münchner Jahrhundertwende, war Insel-Redakteur und Mitbegründer der Bremer Presse. In Bremen erwarb er sich als Innenarchitekt Meriten. Während des nationalsozialistischen Regimes trat er öffentlich meist nur in Kreisen der Be-kennenden Kirche auf. Bekannt geblieben ist er auch als Freund und Briefpartner von Hugo von Hofmannsthal, Alfred Richard Heymel, Rainer Maria Rilke, Rudolf Borchardt und ande-ren. Bei den Bücherfreunden ist sein Wirken als Vorsitzender der Gesellschaft der Bibliophi-len in guter Erinnerung. In der zweiten Jahreshälfte 2012 wird Schröder durch wissenschaftli-che Veranstaltungen, Gottesdienste und Lesungen gewürdigt, so durch ein Kolloquium der Theodor-Spitta-Gesellschaft vom 6. bis 8. September in Bremen und ein wissenschaftliches Symposium vom 6. bis 8. Dezember in Marbach am Neckar. Damit werden Werk und Bio-graphie erstmals wieder im Querschnitt sichtbar.

Ein kleines Jubiläum: Zehn Jahre Frankfurter Buchmessen-Buch. Der ICHverlag Häfner + Häfner aus Nürnberg hatte schon einige der Engel-Gedichte von Ingo Cesaro in Form von großformatigen und aufwendigen Künstlerbüchern veröffentlicht. In Gesprächen über die Bindung von Sammlern und Buchmessen-Besuchern an den Verlag wurde zwischen Häfner + Häfner und Ingo Cesaro die Idee für eine Reihe geboren. Und was bot sich auf der Frankfurter Buchmesse an? Natürlich das „offizielle Frankfurter Buchmessen-Buch“. Eine künstlerische Edition im Handsatz gesetzt und teilweise vor Ort am Stand auf der Buchmesse gedruckt bzw. gebunden, sozusagen im „offenen Atelier“. Natürlich bestand immer das Platzproblem.
Wie erwartet, entschlossen sich viele der Zuschauer, ein Exemplar der signierten und auf 200 Exemplare limitierten Auflage gleich zu erwerben. Neben der einheitlichen Formatgröße sind fester Bestandteil dieses Periodikums die Engel-Gedichte, zwei Graphiken in Linol von Johannes Häfner geschnitten und eine Leporello-Graphik (zweimal gefalzt, Format 56 x 30 cm), abwechselnd ein Holzschnitt, mit der Kettensäge hergestellt, oder ein Stahlschnitt. Diese stammen von Guido Häfner.
Die Leinenbände sind handgebunden und mit einem Schutzumschlag versehen. Der Schutzumschlag ist mit einem Linolschnitt im Format 30 x 42 cm bedruckt. Die Bände um-fassen jeweils 10 Seiten.
Um auch den Kontakt mit Besuchern aus den Schwerpunkt-Ländern der Buchmesse zu verstärken, wurde das Engel-Gedicht von Ingo Cesaro in Deutsch, in der Übertragung ins Englische sowie in die Sprache des jeweiligen Gastlandes abgedruckt. Die Engel-Gedichte von Ingo Cesaro stammen aus den Büchern Schatten der Engel (DAS BÜCHERHAUS, Barg-feld), Im Schweigen wohnen Engel (ICHverlag Nürnberg) und Aus dem Schatten der Engel, der Sammelband in der éditions trèves Trier mit zirka 150 Engel-Gedichten und Übersetzun-gen in 18 Sprachen.
Zur Frankfurter Buchmesse 2012 erscheint nicht nur das offizielle Frankfurter Buchmes-sen-Buch Eingemeißelt in Deutsch, Englisch und Maori, sondern auch der Jubiläumsband Über alle Hürden in Deutsch, Englisch und Französisch.
Bisher erschienen: 2003 Keine Zeile in Deutsch, Englisch und Chinesisch (vergriffen). / 2004 Wortschichten in Deutsch, Englisch und Arabisch (vergriffen). / 2005 Tausend Engels-zungen in Deutsch, Englisch und Koreanisch. / 2006 Staune mit mir in Deutsch, Englisch und Hindi. / 2007 Hinter den Wortbergen in Deutsch, Englisch und Katalan. / 2007 Jubiläumsband Keine Zeile in Deutsch, Englisch und Chinesisch. / 2008 Eine Spur aus Wassertropfen in Deutsch, Englisch und Türkisch. / 2009 Wortlos liefern wir uns aus in Deutsch, Englisch und Chinesisch. / 2010 Echolos in Deutsch, Englisch und Argentinisch. 2011 Fischträume in Deutsch, Englisch und Isländisch.
Die Bände sind auf der Frankfurter Buchmesse vom 10. bis 14. Oktober 2012 am Stand des ICHverlages Häfner & Häfner, Halle 4,1 Stand P 508, für 20 Euro zu erwerben, nach der Messe für 30 Euro.

Die Österreichische Nationalbibliothek erhält den Nachlaß von Theodor Kramer. „Immer werd ich schreiben, süß und herb, / immer werd ich schreiben, bis ich sterb.“ Diese Verse stammen von einem der bedeutendsten österreichischen Exillyriker, dem 1897 geborenen Theodor Kramer. Und er schrieb tatsächlich mit einer Leidenschaft und Intensität, die seines-gleichen sucht. Nach 61 Lebensjahren waren es weit über 10 000 Gedichte. Sein Nachlaß, der diese Gedichte und nahezu ebenso viele Briefe umfaßt, gelangte nun durch eine großzügige Schenkung von Erwin Chvojka an die Österreichische Nationalbibliothek, wo er im Literatur-archiv archiviert und bearbeitet wird. Chvojka (geboren 1924) ist Ehrenmitglied der Theodor-Kramer-Gesellschaft und wurde vom Autor selbst als Verwalter und Herausgeber seiner Schriften eingesetzt. Der zum großen Teil noch in den acht Originaltransportkisten von 1957 und einigen Reisekoffern übernommene Nachlaß ergänzt die Bestände des Literaturarchivs um eine weitere Zentralfigur der österreichischen Literatur.
Theodor Kramer (1897-1958) war in den 1930er Jahren einer der berühmtesten zeitgenössischen Dichter und gilt als bedeutendster österreichischer Exillyriker. Bereits mit seinem ersten Lyrikband Die Gaunerzinke (1929) hatte er einen beachtlichen Erfolg erzielt. Seine Gedichte wurden in Zeitungen und Rundfunkstationen im gesamten deutschsprachigen Raum gedruckt und gesendet. Seine Lyrik hat er jenen gewidmet, wie es im Buch Mit der Ziehharmonika (1936) heißt, „die ohne Stimme sind“: den Außenseitern der Gesellschaft, den Landstreichern und Tagelöhnern, den Ziegel- und Schnapsbrennern, den Knechten und Mägden, den Bettlern, Alkoholikern und Invaliden.
1939 flüchtete er vor den Nationalsozialisten nach London und arbeitete von 1942 bis 1957 als Bibliothekar in Guilford in Südostengland. Dem unermüdlichen Einsatz der ebenfalls im englischen Exil lebenden Schriftstellerin Hilde Spiel und der Hilfe des damaligen Staats-sekretärs für auswärtige Angelegenheiten im Bundeskanzleramt, Bruno Kreisky, ist es zu verdanken, daß der kranke und durch das Exil schwer gezeichnete Dichter 1957 nach Wien zurückkehren konnte, wo er im Jahr darauf starb.

Die Autographensammlung Hartmann. Autographen sind ein anspruchsvolles Sammelgebiet. Doch mit seinen Herausforderungen begnügte sich das Sammlerpaar Brigitte und Gerhard Hartmann nicht. Gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit gaben sie ihrer Sammlung ein klares Profil. Sie beschränken sich nicht allein auf komplett handschriftliche, literarische Texte, die sie direkt bei zeitgenössischen deutschsprachigen Schriftstellern beziehen, sondern sie bestellen dazu in Absprache mit den Autoren bildliche Darstellungen. Autographen und Illustrationen werden von den Sammlern nicht, wie in manchen anderen Fällen, geschnorrt, sondern im Gegenteil gut honoriert. Mit im Spiel war von vornherein die Vorarlberger Landesbibliothek Bregenz, bei der die seit zirka zehn Jahren entstehende Sammlung eine Heimstatt gefunden hat. Das Ehepaar wohnt seit einigen Jahren am Bodensee und suchte sich aus diesem Grund die in der Nähe befindliche Bibliothek aus. Als Dank für die ungewöhnliche Schenkung stellte die Bibliothek zum wiederholten Male schöne Stücke aus der Sammlung aus und publizierte in diesem Frühjahr einen Katalog: Im Auftrag der Schrift. Die Sammlung Hartmann. Hrsg. v. Jürgen Thaler, Vorarlberger Landesbibliothek Bregenz. Mit ca. 150 Farbtafeln. Heidelberg, Berlin: Kehrer, 2012. 238 S. 23,5 x 20 cm. Ln. mit Umschl. Neben einigen Aufsätzen zum Thema Handschrift und Bild findet sich darin ein umfangreicher Bildteil, in dem man die Kombinationen der Hartmanns studieren kann: Ulrike Draesner (Handschrift) und Susanne Theumer (Bild), Adolf Endler und Ralf Kerbach, Peter Härtling und Jürgen Brodwolf, Rolf Haufs und Ulrich Karlkurt Köhler, Günter Kunert und Madeleine Heublein, Reiner Kunze und Jürgen Brodwolf, Martin Walser und Alissa Walser usw. Alle Abbildungen sind gut reproduziert und vorbildlich beschrieben, bei den Autographen nach Schreibmittel und Beschreibstoff (zum Beispiel „Tinte auf Papier“), bei den Bildern außerdem nach den künstlerischen Techniken. Zu finden sind meist Zeichnungen mit Kohle, Bleistift, Kreide und Tusche, aber auch Holzschnitte, Collagen, Installationen aus Karton bis hin zu einer Skulptur aus Papiermaché, Holz, Glas, Knochenleim und Wachs von Christoph & Markus Getzner.
C. W.

Nicht nur für Liebhaber – Die Liebhaberbibliothek Kiepenheuers in Weimar. Es grenzt fast an ein Wunder, daß das in den letzten Jahren finanziell arg gebeutelte Stadtmuseum Weimar gemeinsam mit der Pavillion-Presse einen solchen opulenten Katalog zur gleichna-migen Ausstellung (24. 3. – 3. 6. 2012) drucken konnte: Alf Rößner, 100 Jahre Liebhaberbibliothek des Gustav Kiepenheuer Verlages Weimar, Stadtmuseum Weimar 2012. 139 S., mit zahlr. farb. Abb. 4°. Br. Normalausgabe 26,– Euro, Vorzugsausgabe in 100 Exemplaren mit einem beiliegenden Originalholzschnitt von Thomas Mecholdt 36,– Euro. Auf Grundlage einer Privatsammlung gelingt es darin Dr. Alf Rößner, zum 100. Geburtstag der Reihe ein Stück Buch- und Kulturgeschichte aufzuzeigen, das weit über die Grenzen Weimars an Bedeutung gewann. Zu den beteiligten zeitgenössischen Autoren und Künstlern zählten immerhin Joseph Budko, Albert Ehrenstein, Otto Flake, Hermann Hesse, Rudolf Huch, Hans Alexander Müller und Emil Preetorius. In einem umfangreichen Einleitungstext erzählt Rößner die Geschichte der Reihe aus verlagshistorischer, künstlerischer und nicht zuletzt wirtschaftlicher Sicht. Die Bibliographie beschränkt sich auf die vom Verlag gezählten Titel und endet mit Katalognummer 54, dem 1920 in Potsdam erschienenen Band Tschechische Erzähler. Der Katalog ist typographisch gelungen, die zahlreichen Abbildungen sind exzellent gedruckt, jeder Titel ist (auch mit Varianten) abgebildet und akribisch beschrieben. Ich hätte mir lediglich einen anderen Einband gewünscht, der dem Format des Buches mehr entgegenkommt. – Ergänzt wird der Katalog durch eine kommentierte Zusammenstellung der an der Reihe beteiligten Künstler und Weimarer Schriftsteller. Summa sumarum ein gelungener und vor allem informativer Katalog eines vielleicht neuen Sammelgebietes.
Hans-Udo Wittkowski

Bestandserhaltung in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Die Ausstellung Auch Bücher altern vom 4. März bis zum 26. August 2012 bewog die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel zur Herausgabe eines Begleitheftes: Auch Bücher altern. Bestandserhaltung in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Hrsg. v. Almuth Corbach. Mit einer Einführung von Helwig Schmidt-Glintzer. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag in Kommission, 2012. 115 S. (Wolfenbütteler Hefte Bd. 31) Pp. 8°. 16,80 Euro. ISBN 978-3-447-06682-2. Es thematisiert die verschiedenen von der Bibliothek ergriffenen Maßnahmen zur Bestandserhaltung. Dabei geht es nicht um spektakuläre Bibliotheksbrände oder große Wasserschäden, die Bestände vernichten können, sondern um die Geschichte schleichender Verluste, weil Bücher trotz aller Sorgfalt in der Herstellung schlicht und einfach „altern und langsam, aber stetig und unwider-ruflich zerfallen.“ Die Beiträge zeigen, wie sich die Bibliothek gegen diesen schleichenden Verlust zur Wehr setzen kann und welche Methoden es zur „Verlangsamung der Zerfallsgeschwindigkeit bei ihren Beständen“ gibt (S. 7). Einer Einführung von Helwig Schmidt-Glintzer und einem Beitrag über das Erhalten und Restaurieren in der Wolfenbütteler Bibliothek von Almuth Corbach, die auch für die Konzeption von Ausstellung und Begleitheft verantwortlich zeichnet, folgen Beiträge zu drei Beispielen aus Beständen der Wolfenbütteler Bibliothek: Bucheinbände der Universitätsbibliothek Helmstedt (Nicholas Pickwoad), Konservierung und Restaurierung von sieben niedersächsischen Klosterbibliotheken (Femke Prinsen) sowie Untersuchungen buchbinderischer Details an Erfurter Bucheinbänden der Universitätsbibliothek Helmstedt (Friedrun Schneider – zur Helmstedter Universitätsbibliothek siehe auch den Beitrag von Rolf Volkmann in MARGINALIEN, H. 135, 1994, S. 64-68). Das Begleitheft zeigt, daß das gesamte Buch vom verwendeten Papier und dem Einband über die früheren Besitznachweise, Exlibris und handschriftliche Notizen bis zum Inhalt mit Text und Bild untersucht werden muß. Bucharchäologie wäre dafür ein angemessener Begriff. Mit dieser vorbildlichen, mit vielen Abbildungen versehenen Veröffentlichung wird die Bucherhaltung als Bibliotheksprozeß einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.
Dieter Schmidmaier

Typographie im 20. Jahrhundert. Fünf Monate lang zeigte das Gutenberg-Museum Mainz eine Sonderschau zur Schriftgestaltung im vergangenen Jahrhundert. Mehrere Institutionen präsentierten in verschiedenen Veranstaltungen unter dem Leitthema „ON-TYPE – Texte zur Typografie“ Thesen, Manifeste und Standortbestimmungen zur Typographie des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum. Eine eigens gestaltete Lese-Lounge, Hörbücher und interaktive Anwendungen luden Interessierte zu intensiver Lektüre und Anschauung ein. Nun liegt – sozusagen als Frucht der Veranstaltungen – ein gewichtiger Quartband vor, in dem die Geschichte, die Entwicklungen und Strömungen in der Typographie als Teil der jüngeren Druckgeschichte übersichtlich präsentiert werden. Die als Belege für die Entwicklungsge-schichte zitierten Texte sind als Faksimiledrucke in Originalgröße und -farbe wiedergegeben. Sie nehmen den größten Umfang der Publikation ein und sind damit ein wesentliches Element zum Verständnis der teils kontroversen Auseinandersetzungen um der künstlerischen und technischen Entwicklung angemessene Schriften.
Das für Buchwissenschaftler wie für Bibliophilen gleich wichtige Buch lag in ähnlicher Art und Form bisher nicht vor und füllt so eine von vielen bisher beklagte Lücke. Es versam-melt Thesen, Manifeste und Standortbestimmungen zur Typographie des 20. Jahrhunderts. Wichtige Protagonisten und Diskurse sowie größtenteils bekannte, aber auch bisher wenig beachtete Diskussionen über die „deutsche Schrift“, den „modernen Menschen“, über Lesbar-keit, über Kleinschreibung und die Folgen der Digitalisierung werden mit Belegen dargestellt. Durch die Textauszüge und Originalabdrucke der Texte aus Büchern und Zeitschriften im Maßstab 1 : 1 kann das Buch auch als ein Kanon der Buchgestaltung gelten. Es lädt in seiner lebendigen Gestaltung ein zum Weiterlesen, als Nachschlagewerk zur Orientierung, aber auch zum Streiten. Die Herausgeberinnen Petra Eisele und Isabel Naegele, beide Professorinnen der Fachhochschule Mainz, betonen, daß die Auswahl der Quellen bewußt subjektiven Kriterien folgt. Die Autoren des Bandes, Schriftgestalter und Typographen, Wissenschaftler und Lehrer, hätten die Frage, welche Texte über Typographie für sie persönlich von besonderer Bedeutung seien und warum, nicht nur beantwortet, sondern auch entsprechend begründet. Zitiert werden alle die großen Namen, von Peter Behrens und Otto Eckmann angefangen, über F. H. Ehmcke und Konrad F. Bauer, über F. H. Ernst Schneidler und Jan Tschichold bis zu Albert Kapr und Hans Peter Willberg. Doch enthalten die Texte zur Typografie auch sehr persönliche Kommentare, Anmerkungen und Empfehlungen, denen man nicht in jedem Fall folgen kann. Anregungen bieten sie aber allemal.
Die dem Buch zugrunde liegende Ausstellung war ein Projekt des Gutenberg-Museums in Kooperation mit Kommunikations-Designern der Fachhochschule Mainz und dem Design-labor-Gutenberg. Wie die Präsentation folgt auch das vorliegende Buch einer streng historisch-chronologischen Systematik und enthält alle notwendigen bibliographischen Informationen, ausgewählte Zitate, Kommentare und den entsprechenden designhistorischen Kontext. Die Herausgeberinnen und ihre Studierenden haben regelrecht nach diesen Texten „gefahndet“ und haben die Fachleute befragt. Auch etwa vierzig Verlage haben sich mit Beispielen beteiligt. So kann das Buch ein informatives Kompendium sowohl für Fachleute als auch für interessierte Buch- und Schrift-Liebhaber werden. Die getroffene Auswahl der zitierten Schriftentwerfer und Typographen des vorigen Jahrhunderts erscheint allerdings recht willkürlich. Wie sonst würden Namen wie Imre Reiner (1905-1947), Rudo Spemann (1900-1987) und Herbert Thanhaeuser (1898-1963) fehlen, die aktiv mit Gestaltung und Lehre an der Schriftgestaltung des Jahrhunderts beteiligt waren und deren Schriften in der Praxis eingesetzt wurden. Auch hätte, dem Gehalt und Wert des Bandes entsprechend, der Einband fester, dauerhafter gestaltet werden sollen. Das Buch erscheint im Schweizer Niggli-Verlag (240 Seiten, 31 x 23,5 cm, Klappenbroschur, ISBN 978-3-7212-0821-4, Euro 42,00).
Ferdinand Puhe

Grimms Märchen im Heimatmuseum Seulberg. Vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, erschien die erste Ausgabe der von den Brüdern Grimm herausgegebenen Kinder- und Hausmärchen mit zunächst 86 Texten. Heute zählt die Erstausgabe zum Unesco-Weltdokumentenerbe. Die Grimms gehörten zu den ersten, die in Deutschland Volkserzählungen wie die von Rotkäppchen, Dornröschen oder Aschenputtel aufschrieben. Viele Geschichten überlieferte ihnen Dorothea Viehmann, Nachfahrin hugenottischer Glaubensflüchtlinge, die damit auch französische Elemente einbrachte.
Das Jubiläum bot dem Heimatmuseum Seulberg in Friedrichsdorf-Seulberg Gelegenheit, von April bis Juni zwei außergewöhnliche Privatsammlungen mit Märchenbüchern zu präsentieren. Die reich illustrierten Ausgaben der Sammlerin Ursula Kress (Friedrichsdorf-Seulberg) zeigten etwa Zeichnungen von Otto Ubbelohde, dessen Motive die Vorstellung prägten, die Märchen seien in Hessen angesiedelt. Raritäten stammten aus der Sammlung von Harro Kieser (Bad Homburg v. d. Höhe). Wie den Büchern entsprungen wirkten liebevoll inszenierte Figurengruppen bekannter Märchenmotive, eigens gestaltet von Christine Kunz-Bauer aus Gedern. – Die Ausstellung zeigte eingangs Literatur zu Leben und Werk der Brüder Grimm und wies auf Märchensammlungen (Musäus) und Kunstmärchen um 1800 (Clemens Brentano, E. T. A. Hoffmann, Goethe) hin. Fünf Märchen aus Grimms Buch wurden heraus-gegriffen und mit zahlreichen illustrierten Büchern vorgestellt: Aschenputtel, Die Bremer Stadtmusikanten, Der gestiefelte Kater, Hänsel und Gretel und Rotkäppchen. Den Ausklang bildeten Märchensammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts (Wilhelm Hauff, Richard von Volkmann-Leander bzw. Hans Friedrich Blunck).
Erika Dittrich

Märchen-Bilder aus 200 Jahren. Im Jahre 1812 erschienen erstmals die Kinder- und Haus-märchen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Aus diesem Anlaß zeigte das Frankfurter Goethe-Haus / Freies Deutsches Hochstift eine Ausstellung unter dem Titel Hänsel und Gretel im Bilder-Wald. Illustrationen romantischer Märchen aus 200 Jahren (24. April – 15. Juli 2012). Damit wurde das Werk der Brüder Grimm gewürdigt, zugleich aber auch auf den literaturhistorischen Kontext ihrer Arbeit, auf Quellen, Anregungen und die ausgiebige Rezeption im bildnerischen Bereich verwiesen. Nun ist Frankfurt am Main im Gegensatz zu anderen Orten in Hessen keine Stadt, in der die Grimms gelebt oder gewirkt haben, aber von hier gingen wesentliche Impulse aus für das genuin romantische Märchenprojekt der Brüder Grimm wie auch für die romantische Bewegung überhaupt. Denn es war der aus Frankfurt stammende Dichter Clemens Brentano, der die Grimms für sein Vorhaben einer Märchensammlung begeisterte, der selbst Märchen bearbeitete oder besser: sie mit seinen Ideen, seiner überbordenden Fantasie und virtuosen Sprachkraft zu eigenen poetischen Gebilden formte und der alsbald auch erste Entwürfe zur Bebilderung machte. Die Märchenschau war zudem eine Veranstaltung im Rahmen des Projektes „Impuls Romantik. Rheinromantik − Mainromantik“, das der Kulturfonds RheinMain für die Jahre 2012 bis 2014 ins Programm genommen hat.
Die Ausstellung führte den Besucher in ein bläuliches Halbdunkel, das mannshohe Sil-houetten, Schattenrisse von Baumwipfeln und Tieren umgaben, von sanften Naturlauten be-spielt. Diese Inszenierung bediente nicht nur charmant ironisch das Klischee „Deutscher Märchenwald im Mondenschein“, sondern schonte auch die kostbaren Exponate, Bücher, Zeichnungen, Graphiken und Gemälde. Die Fülle des Materials war überwältigend − und eine große Augenlust. Ordnungsprinzip war zum einen die Chronologie, also die Entwicklung der Märchenillustrationen von den romantischen Künstlern bis in die Gegenwart mit den je eige-nen unterschiedlichen Techniken und Ausdrucksstilen. Zum anderen bildeten sich thematische Gruppen zu einzelnen Märchenmotiven, was die Vielfalt der Rezeption ebenfalls sinnfällig machte.
Als Begleitpublikation erschien ein reich bebilderter Katalog, herausgegeben von Wolfgang Bunzel, dem Kurator der Ausstellung: Hänsel und Gretel im Bilderwald. Illustrationen romantischer Märchen aus 200 Jahren. Hrsg. v. Wolfgang Bunzel unter Mitarbeit von Anke Harms und Anja Leinweber. Frankfurter Goethe-Haus/Freies Deutsches Hochstift 2012. 165 S. mit Abb. Pp. 19,90 Euro. ISBN 978-3981459913. Das Buch enthält nicht nur ausführliche Exponatbeschreibungen, sondern auch eine Reihe grundsätzlicher Essays. Darin werden zum Beispiel die Geschichte des Genres Märchen, seine Bedeutung im Kontext der Romantik und die Diskussion um „Volks-“ oder „Kunstmärchen“ thematisiert, eine letztlich obsolete Unterscheidung, können doch die von den Grimms nacherzählten Märchen ihren Kunstcharakter nicht verleugnen. Neben diesen poetologischen Aspekten wird die Geschichte der (Märchen-)Illustration skizziert und in die Epochen der bildenden Kunst eingeordnet. So bietet die Publikation gleichermaßen fundierte Information, Lesevergnügen und Augenweide.
Susanne Mittag

Handbuch zur Geschichte der Kartographie. Ivan Kupčík schuf mit dem 1977 abgeschlossenen und 1980 veröffentlichten Manuskript Alte Landkarten ein großartiges Handbuch zur Geschichte der Kartographie. Es erschien in deutscher Sprache bis 1992 in sieben Auflagen, in französischer seit 1981 in vier Auflagen. Alle Auflagen sind seit langem vergriffen. Inzwischen hat die Geschichte der Kartographie große Fortschritte gemacht, zahlreiche Publikationen in Form umfangreicher Enzyklopädien und Handbücher sind erschienen. Kupčík veröffentlicht nun eine neue Fassung seines Buches (Ivan Kupčík: Alte Landkarten. Von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Handbuch zur Geschichte der Kartographie. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2011. 310 S., 81 Taf. mit 87, teils farb. Abb. Pp. 8°. 54,– Euro. ISBN 978-3-515-09408-5) und nennt dafür drei Beweggründe. Er möchte eine Zusammenfassung der in den letzten 35 Jahren erzielten Forschungsergebnisse vornehmen, ein noch immer fehlendes Handbuch in einem Band zusammenstellen und den Studenten der Geographie, Geschichte, Kunstgeschichte, historischen Hilfswissenschaften und des Archiv- und Bibliothekswesens den Einstieg in die Geschichte der Kartographie erleichtern. Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste Teil skizziert die Geschichte der Kartographie, der zweite liefert ein Vademekum mit praktischen Hinweisen zu verschiedenen Komplexen (wie terminologische Fragen, lateinische Termini und Bezeichnungen, alte Längenmaße, Maßstäbe und Maßstabsberechungen alter Landkarten, Monogramme, Wasserzeichen und geographische Namensformen, internationale Kartensammlungen und Institutionen, Organisationen und Forschungsstellen, die Dokumentation alter Kartenwerke in Form von Faksimiles und Nachdrucken, die Pflege alter Landkarten). Der dritte Teil umfaßt eine fünfundsiebzigseitige, thematisch gegliederte Bibliographie zum Thema. Den Abschluß bilden 81 Kunstdrucktafeln mit 87 Abbildungen. Auf die Entwicklung der Globographie und der Vedutenkunde geht der Verfasser nur am Rande ein, auf die Geschichte der großmaßstäblichen Flurkarten und der archivalischen Kartographie verzichtet er. Das Buch beschäftigt sich nach Ansicht des Verfassers „mit dem Endprodukt des kartographischen Prozesses, d.h. mit der Karte bzw. mit dem Atlas und weniger mit der Entwicklung der astronomischen und geodätischen Vorbereitungsarbeiten, der topographischen Arbeiten im Terrain, der Geräte, des Kartendrucks etc.“ (S. 13). Das Handbuch ist auch Bücherfreunden und Sammlern von Karten eine große Hilfe.
Dieter Schmidmaier

Fliegen im Kinderbuch. Uralt ist der Traum vom Fliegen, festgehalten in Sagen, Erzählungen und historischen Berichten. Heute ist Fliegen eine Selbstverständlichkeit, und Kinder träumen allenfalls noch davon, wann sie wohl das erste Mal ein Flugzeug besteigen werden. Aber wer hätte nicht auch schon davon geträumt, die eigene Schwerkraft zu überwinden und einfach davonzufliegen? Im Heinrich-Hoffmann- und Struwwelpeter-Museum, Frankfurt/M., Schubertstraße 20, lud eine bis zum 3. Februar 2012 laufende Ausstellung unter dem Motto „Lesen verleiht Flügel“ zum Abheben in die weite Welt der Phantasie ein.
Es ging dabei um die Darstellung des ewigen Traums vom Fliegen im Kinderbuch. Ausgangspunkt dieses Rundflugs durch die Traumwelten war – wer hätte es anders erwartet? – der fliegende Robert aus Hoffmanns Struwwelpeter, der sozusagen als Flugpionier mit seinem Regenschirm den Himmel eroberte. In sechs Abteilungen zeigte die Schau mit Exponaten und Bild-Text-Tafeln ein Wiedersehen und -erleben mit Nils Holgerson, Peter Pan oder der kleinen Hexe. „Am Start“ waren auch aktuelle Bilderbuch-Flieger wie der kürzlich erschienene Fliegende Jakob von Philip Waechter. Die für kleine wie auch große Besucher sehenswerte Ausstellung zum Ansehen, Anfassen und „Abheben“ wurde von Studenten der Goethe-Universität Frankfurt gestaltet. Damit entwickelten Studierende des Instituts für Jugendbuchforschung zum dritten Mal eine Sonderausstellung im Struwwelpeter-Museum.
FP

Neue schöne Kinderbücher. Eine wunderbare, phantastische Geschichte erzählt Heinz Janisch, 1960 in Güssing/Burgenland geboren, in Herr Jemineh hat Glück. Und dabei sieht es zunächst gar nicht danach aus, daß so viel Unglück sich am Ende in Glück verkehrt. Wieso soll es auch Glück sein, wenn Herr Jemineh die Treppe hinunterpurzelt, ihn ein Schiff streift und ihm ein Blumentopf auf den Kopf fällt? Aber der vermeintliche Pechvogel vermag auch das Gute in all seinem Malheur zu erkennen. Einmal findet er seinen Schlüssel wieder, ein anderes Mal wird er zu einer Seefahrt eingeladen und am Schluß lernt er gar seine zukünftige Frau kennen. Das alles ist leichtfüßig mit viel Humor erzählt und mit hellfarbigen Bildern von Selda Marlin Soganci illustriert. Die 1973 in Hof/Saale geborene Künstlerin hat in Münster Grafik-Design mit Schwerpunkt Illustration studiert und bereits mehrere Bilderbücher gestaltet (Verlag Nilpferd in Residenz, 32 Seiten, 15 x 20 cm, ISBN 978-3-7017-2109-2, Euro 8,90).
Ganz neu wirkt die Rotkäppchen-Erzählung in dem von Adolfo Serra gestalteten Bilderbuch, das ganz ohne Text auskommt. Das Buch erscheint zum zweihundertjährigen Jubiläum der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Den Text – oder zumindest den Inhalt – kennt jeder, der einmal Kind war. So ist es nicht allzu gewagt, einen neuen künstlerischen Zugang zu dem Altbekannten zu suchen. Die ausdruckstarken, symbolträchtigen, vom Helldunkel-Kontrast geprägten Bilder erzählen die alte Geschichte ganz neu. Der Betrachter, gleich ob Kind oder Erwachsener, erlebt auf ungewöhnliche Weise Gefühle wie Angst und Grauen, aber auch Geborgenheit. Mit Recht nennt die Berner Zeitung diese Ausgabe „ein kunstvolles Bilderbuch, das klug vermeintlich Bekanntes mit Neuem verbindet“. Adolfo Serra, 1980 in Teruel geboren, machte zuerst eine Ausbildung in Öffentlichkeitsarbeit und Werbung, fand dann aber zum Zeichnen, der Leidenschaft seiner Kindheit, zurück. Er studierte an der Escuela de Arte 10 in Madrid. Dieses Buch ist sein zweites Bilderbuch (aracari verlag, 40 Seiten, 26 x 21 cm, ISBN 978-3-905945-32-4, Euro 13,90).
Ferdinand Puhe

Hannah und die Folgen von Elinor Weise. Die Kinderbuchillustratorin Elinor Weise ist eine überraschende Entdeckung aus jüngster Zeit. Ich hatte sie bislang nicht wahrgenommen, ob-wohl sie seit den frühen achtziger Jahren illustriert und für bekannte Verlage arbeitet, für den Verlag Junge Welt, für Volk und Wissen, für Cornelsen, aber auch für den Scheunen-Verlag Kückenshagen und den Kiro Verlag Schwedt, zuletzt nun für den leiv-Verlag, Leipzig. Und hier sind ihre neuesten Bücher erschienen, zwei Papp-Bilderbücher nach eigener Erzähl- und Bildidee und mit eigenen Texten, die ihr deshalb auch die liebsten sind: Ich bin die Hannah (2010) und Wo versteckt sich Hannah am liebsten? (2012). Die ersten zwei Bändchen einer mehrteiligen Reihe, die sich gewiß ergeben wird.
Bilderbücher für die Kleinsten, die gerade „Ich“ sagen lernen und „Ich“ auch meinen. Hannah ist ein munteres kleines Mädchen mit wachem Gesicht und keck abstehenden vier Zöpfchen, die mit ihren roten Schleifen Seite für Seite Lebensfreude bezeugen. Nichts in den vergnüglichen Bildern vom Barbie-Kitsch und von rosafarbener Trivialität, auch nichts von medialer Vorkost. Statt dessen feine sparsame Zeichnung und verhaltene Farbigkeit in originären Bildfindungen, witzig und phantasievoll auf Wesentliches reduziert, auf die entdeckungsreiche Wahrnehmung selbstverständlicher Gegebenheiten in der unmittelbaren Lebenswelt eines behüteten Kindes. Das nämlich ist die eigentliche Botschaft: „Ich“ fühlt Hannah, weil sie sich geborgen weiß, als „Naschkatze“, als „Trampeltier“, als „Faulpelz“, als „Krümelmonster“, als „Schmutzfink“, natürlich als „Kuschelmaus“. Vorhaltungen tun nicht weh, wenn sie berechtigt, einleuchtend und liebevoll gemeint sind. So ruft die Selbstdarstellerin Hannah sie schelmisch auf.
Elinor Weise, die auch als Designerin arbeitet, hat ein ästhetisch überzeugendes sinnrei-ches Bilderbuch geschaffen. Kinder verstehen sogleich, Hannah bleibt immer Hannah, auch wenn sie als „Kratzbürste“ oder „Kichererbse“ oder eben als „Schmutzfink“ agiert: Ich bin das alles und noch viel mehr! Die Künstlerin, geboren 1951, Mutter von zwei Kindern, leitet die Selbstvorstellung der Kleinen originell mit einer kindlichen Frage ein: „Wie nennt mich Mama, wenn sie mit mir kuscheln möchte?“ Bei allen Fehlvorschlägen tönt das „Nein“ förmlich aus den Bildseiten heraus, wie auch das endliche „Ja“ zur „Kuschelmaus“. Hanna hat eine Stimme. Der Schrift hätte es nicht bedurft.
Der Folgeband fügt sich zur bewährten Grundidee: Mit einer hilfreichen Frage wird Hannahs Lust zum Schabernack in anrührenden Bildern vorgeführt: „Wo versteckt sich Hannah am liebsten?“ Vogelnest, Seerosenblatt, Regentropfen, Aquarium, Blumentopf, Maulwurfshaufen, Katzenkorb, Mamas Hausschuh. Die „Möglichkeiten“ erfassen ein Kinderleben voll lebendiger Schönheit, Abwechslung und Vertrautheit. Auch die Wörter prägen sich ein; wie schön sie klingen, aufgereiht gesprochen – kostbare Lebensbegleiter! Und zum Fabulieren laden die Bilder die kleinen Betrachter unvermittelt ein. Man darf gespannt sein, mit welchen thematischen Ideen die folgenden Bändchen überraschen werden: Hannah und Farben? Hannah und die Tiere? Der Reihe ist jedenfalls Glück und Erfolg zu wünschen und der Künstlerin fortan gebührende Aufmerksamkeit. Seit vielen Jahren arbeitet Elinor Weise mit Bodo Schulenburg zusammen (u.a. Hugo-Erzählungen!) und hat zuletzt dessen Reisebücher für Kinder (Usedom und Rügen) illustriert. Als einstige Schülerin von Werner Klemke an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee hält sie ihrem verehrten Lehrer bis heute die Treue. Auf der Einband-Rückseite des Hannah-Erstlings hängt ein Klemke-Bild an der Wand – Hannah als Wolkenschaf, die vier Zöpfchen verraten es. Elinor Weise, die auch als Dozentin tätig ist, lebt mit ihrem Gefährten, dem Künstler Manfred Zoller, in Bergfelde bei Berlin.
Ursula Lang

Autoren erzählen von ihren Pseudonymen. Eine mit einem Antiquar verheiratete Ärztin und Büchersammlerin war immer wieder auf das Versteckspiel mit Namen in der Literatur gestoßen. Sie begann, Pseudonyme zu sammeln und Autoren um Aufklärung zu bitten, und erhielt Antworten von ihnen selbst oder von Angehörigen, Freunden oder Verlegern. Die Geschichten der Pseudonyme von rund 370 deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts hat sie nun, natürlich unter Pseudonym, in einem umfänglichen Buch herausgegeben. Clarissas Krambude nennt sie bescheiden den Band (novum publishing 2011, 473 S., Br. 20,30 Euro), jedoch nicht ohne darauf hinzuweisen, daß Goethe 1787 einmal Lexika Krambuden nannte. Ein Lexikon wird es also sein, was wir nun in Händen halten, ja, aber ein recht eigenwilliges. Clarissa hat nämlich die Autoren in acht Schubladen eingeteilt nach den Gründen und Moti-ven der Verwendung ihrer Pseudonyme, und so stehen sie in acht aufeinanderfolgenden Alphabeten als Einzelartikel von A-Z in dem Band. Zwar lassen sich gesuchte Autoren durch ein Register auffinden, aber dieses enthält nur die Klarnamen, nicht die Pseudonyme. Man muß also schon vorher wissen, wer sich hinter einem Pseudonym verbirgt und kann es dann bestätigt finden. Als Nachschlagewerk ist dieses Lexikon also wenig geeignet, dagegen erweist es sich als ein fesselndes Lesebuch, das eine Vielzahl von Autorenschicksalen erhellt. Das Spektrum der vorgestellten Autoren ist denkbar breit gefächert: Es umfaßt Lyriker, Prosaisten und Dramatiker, Publizisten, Journalisten, Germanisten und Wissenschaftler vieler Bereiche, Politiker und Künstler, Satiriker und Kabarettisten, Autoren von Science Fiction, Krimis, Western und Erotica, von denen viele in Wilfried Eymers Pseudonymenlexikon (1997) noch nicht erfaßt sind. Neben einigen Verweigerungen stehen viele freimütige Bekenntnisse zu Pseudonymen, neben schon lange bekannten wie Artur Knoff alias Günter Grass oder Stefan Heym für Helmut Flieg werden so manche hier erstmals gelüftet. Es gibt knappe, sachliche Auskünfte (Fritz Muliar oder Günter Kunert) und umfängliche Geschichten (Johannes von Guenther und Joseph Graf von Westphalen), die auf ernste oder heitere Weise Einblicke in das literarische Schaffen gewähren. Wie wichtig Pseudonyme als Überlebenshilfe und Schutzmaßnahme sein konnten, zeigen etwa die Beiträge von Rudolf Frank und Gerhard Zwerenz. Die Angaben der in verschiedenen Regimes verfolgten, geflüchteten oder untergetauchten Autoren nehmen einen breiten Raum ein. Und hier zeigt sich Clarissas Schubfacheinteilung auch als sinnvoll. Des öfteren arbeiten Autoren eng mit anderen zusammen, es kommt zu Gemeinschaftspseudonymen, und sie werden in einem gemeinsamen Artikel behandelt (so Karl Riha mit Ror Wolf oder Peter Rühmkorf mit Werner Riegel). Harmlos dagegen waren die Hintergründe der Pseudonyme von Publizisten und Verlegern wie Rudolf Augstein oder Michael Naumann, die nur in Zeitschriften verwendet wurden. Ein Sonderfall: Seine Pseudonyme als Journalist und Kinderbuchautor lüftete aus Zeitmangel der seinerzeit amtierende Präsident Johannes Rau telefonisch! Clarissas Krambude ist ein Buch, das man nicht hintereinander lesen kann, wenn man es aber zur Hand nimmt, es auch nur schwer wieder weglegen kann, denn wo man’s aufschlägt, ist es interessant.
Konrad Hawlitzki