|
Redaktionsschluss 15. Juli 2012
100 Jahre Deutsche
Nationalbibliothek – das Magazin HUNDERT. Im Rahmen der
Feier-lichkeiten der Deutschen Nationalbibliothek zu ihrem hundertjährigen
Bestehen erscheint ein Jubiläumsmagazin in vier Heften unter dem Titel HUNDERT.
Es informiert über die wech-selvolle Geschichte der Bibliothek und ihrer
Sammlungen, über die einzelnen Veranstaltungen und Publikationen zum Jubiläum
und über die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Bibliothek. Der
Schwerpunkt der ersten Ausgabe ist Sprachraum. Von Dünken zu Downloaden. Ein
Schwerpunkt zum Wandel und zur Vielfalt der deutschen Sprache mit einem
Interview mit Professor Armin Burkhardt, einem Glossar zum besseren Verständnis
der Begriffswelt der Bibliothekare und einer Kolumne des Kabarettisten Bülent
Ceylan zu Floskeln, Phrasen und Redensarten in der deutschen Sprache. Des
weiteren finden sich Bei-träge zur Geschichte der Deutschen Bibliothek, über die
Säure als Todfeind des Papiers und des Buches, zu Gemeinsamkeiten und
Unterschieden von Nationalbibliothek, Nationalgalerie, Nationalmuseum und
Nationaltheater von Professor Herfried Münkler sowie eine Kurzgeschichte der
Schriftstellerin Sibylle Berg zum Stichwort „Bibliothek 3000“. Der Schwerpunkt
der zweiten Ausgabe ist Klangraum. Von Schellack bis Online-Stream: Ort der
Musik und Musik ohne Ort, dazu ein Porträt des Deutschen Musikarchivs, ein
Interview mit dem Medienunternehmer Tim Renner über die neuen Herausforderungen
in der Musikbranche, eine kleine Bildergeschichte über Tonträger und eine
Kolumne der Lyrikerin und Poetry-Slammerin Nora Gomringer über den Klang der
deutschen Sprache. Des weiteren finden sich Beiträge zur Geschichte der
Bibliothek und der Erweiterung von Sammelaufträgen der Bibliothek durch das
Publikationsmedium Internet sowie ein Essay des Publizisten und Jour-nalisten
Max Dax mit seiner Suche nach der Musik Bob Dylans und den Problemen ihrer
Archivierung. Ein sehr informatives und sehr gut gestaltetes Magazin!
Informationen über Jubiläum und Veranstaltungskalender finden sich unter
www.dnb.de/100jahre und in den noch folgenden zwei Ausgaben des
Jubiläumsmagazins HUNDERT. – Weitere Berichte folgen in den nächsten Heften der
MARGINALIEN.
Dieter
Schmidmaier
100 Jahre Insel-Bücherei und Sammlertreffen in
Berlin. Wie in Heft 205 der MARGINALI-EN schon angekündigt, hat das
alle zwei Jahre durchgeführte Sammlertreffen am 19. Mai in Berlin stattgefunden.
Hierzu hatte die Berliner Sammlergruppe, zu der auch einige Pirckheimer gehören,
eine kleine Broschüre Berlin in der Insel-Bücherei und verschiedene
Veranstaltungen vorbereitet. Begonnen wurde vormittags mit einer Ausstellung in
der Staatsbibliothek. Hier war eine kleine Auswahl von IB-Bändchen zu sehen,
denen Handschriften und andere Zeugnisse des Wirkens ihrer Autoren aus den
Sammlungen der Staatsbibliothek zugeordnet waren. Anschließend fanden Führungen
über den Dorotheenstädtischen Friedhof zu Gräbern von Autoren der Insel-Bücherei
und anderen berühmten Persönlichkeiten statt.
Am Nachmittag begann die zentrale Veranstaltung im
Dietrich-Bonhoeffer-Haus mit einer Tauschbörse und dem Verkauf der
Sonderbändchen. Von IB 1355, Christa Wolf: Unter den Linden, waren 100 Exemplare
der Normalausgabe mit einem Zudruck zum Sammlertref-fen versehen und 45 von Gerd
Prade in Pergament aufgebundene Exemplare von Harald Metzkes signiert worden.
Nach einer Einführung der Veranstalter sprach Raimund Fellinger vom Insel-Verlag
über 100 Jahre Insel-Bücherei und gab dabei manch interessanten Einblick in
bisher nicht so bekannte Einzelheiten der Entwicklung dieser besonderen und nach
wie vor geschätzten Buchreihe. Ein weiterer Höhepunkt war die Autorenlesung von
Ralf Rothmann aus seinen Büchern Shakespeares Hühner (Suhrkamp) und Gethsemane
(IB 1354). Bei einem
gemeinsamen Abendessen gab es danach ausführlich Gelegenheit zum
Gedankenaustausch über die Veranstaltungsthemen, also vor allem über
Besonderheiten des IB-Sammelns sowie die Entwicklung und die Zukunft der
Insel-Bücherei. Nicht zuletzt auch zu der Frage, wer das nächste Treffen in zwei
Jahren in welcher Stadt wohl organisiert.
Peter Kunze
50. Todestag von
Rudolf Alexander Schröder. Am 22. August 1962 starb Rudolf Alexan-der
Schröder (1878–1962), der als Lyriker, Übersetzer, Publizist, Innenarchitekt und
Zeichner nur wenigen bekannt geblieben ist. Ende der 1950er Jahre für den
Nobelpreis vorgeschlagen, wird er fünfzig Jahre nach seinem Tod vor allem als
Autor evangelischer Kirchenlieder und Nachdichter klassischer Autoren wie Homer
und Horaz wahrgenommen. Begonnen hatte er unter anderem als Überbrettl-Dichter
der Münchner Jahrhundertwende, war Insel-Redakteur und Mitbegründer der Bremer
Presse. In Bremen erwarb er sich als Innenarchitekt Meriten. Während des
nationalsozialistischen Regimes trat er öffentlich meist nur in Kreisen der
Be-kennenden Kirche auf. Bekannt geblieben ist er auch als Freund und
Briefpartner von Hugo von Hofmannsthal, Alfred Richard Heymel, Rainer Maria
Rilke, Rudolf Borchardt und ande-ren. Bei den Bücherfreunden ist sein Wirken als
Vorsitzender der Gesellschaft der Bibliophi-len in guter Erinnerung. In der
zweiten Jahreshälfte 2012 wird Schröder durch wissenschaftli-che
Veranstaltungen, Gottesdienste und Lesungen gewürdigt, so durch ein Kolloquium
der Theodor-Spitta-Gesellschaft vom 6. bis 8. September in Bremen und ein
wissenschaftliches Symposium vom 6. bis 8. Dezember in Marbach am Neckar. Damit
werden Werk und Bio-graphie erstmals wieder im Querschnitt sichtbar.
Ein kleines Jubiläum:
Zehn Jahre Frankfurter Buchmessen-Buch. Der ICHverlag Häfner + Häfner
aus Nürnberg hatte schon einige der Engel-Gedichte von Ingo Cesaro in Form von
großformatigen und aufwendigen Künstlerbüchern veröffentlicht. In Gesprächen
über die Bindung von Sammlern und Buchmessen-Besuchern an den Verlag wurde
zwischen Häfner + Häfner und Ingo Cesaro die Idee für eine Reihe geboren. Und
was bot sich auf der Frankfurter Buchmesse an? Natürlich das „offizielle
Frankfurter Buchmessen-Buch“. Eine künstlerische Edition im Handsatz gesetzt und
teilweise vor Ort am Stand auf der Buchmesse gedruckt bzw. gebunden, sozusagen
im „offenen Atelier“. Natürlich bestand immer das Platzproblem.
Wie erwartet, entschlossen sich viele der Zuschauer,
ein Exemplar der signierten und auf 200 Exemplare limitierten Auflage gleich zu
erwerben. Neben der einheitlichen Formatgröße sind fester Bestandteil dieses
Periodikums die Engel-Gedichte, zwei Graphiken in Linol von Johannes Häfner
geschnitten und eine Leporello-Graphik (zweimal gefalzt, Format 56 x 30 cm),
abwechselnd ein Holzschnitt, mit der Kettensäge hergestellt, oder ein
Stahlschnitt. Diese stammen von Guido Häfner.
Die Leinenbände sind handgebunden und mit einem
Schutzumschlag versehen. Der Schutzumschlag ist mit einem Linolschnitt im Format
30 x 42 cm bedruckt. Die Bände um-fassen jeweils 10 Seiten.
Um auch den Kontakt mit Besuchern aus den
Schwerpunkt-Ländern der Buchmesse zu verstärken, wurde das Engel-Gedicht von
Ingo Cesaro in Deutsch, in der Übertragung ins Englische sowie in die Sprache
des jeweiligen Gastlandes abgedruckt. Die Engel-Gedichte von Ingo Cesaro stammen
aus den Büchern Schatten der Engel (DAS BÜCHERHAUS, Barg-feld), Im Schweigen
wohnen Engel (ICHverlag Nürnberg) und Aus dem Schatten der Engel, der Sammelband
in der éditions trèves Trier mit zirka 150 Engel-Gedichten und Übersetzun-gen in
18 Sprachen. Zur
Frankfurter Buchmesse 2012 erscheint nicht nur das offizielle Frankfurter
Buchmes-sen-Buch Eingemeißelt in Deutsch, Englisch und Maori, sondern auch der
Jubiläumsband Über alle Hürden in Deutsch, Englisch und Französisch.
Bisher erschienen: 2003 Keine Zeile in Deutsch,
Englisch und Chinesisch (vergriffen). / 2004 Wortschichten in Deutsch, Englisch
und Arabisch (vergriffen). / 2005 Tausend Engels-zungen in Deutsch, Englisch und
Koreanisch. / 2006 Staune mit mir in Deutsch, Englisch und Hindi. / 2007 Hinter
den Wortbergen in Deutsch, Englisch und Katalan. / 2007 Jubiläumsband Keine
Zeile in Deutsch, Englisch und Chinesisch. / 2008 Eine Spur aus Wassertropfen in
Deutsch, Englisch und Türkisch. / 2009 Wortlos liefern wir uns aus in Deutsch,
Englisch und Chinesisch. / 2010 Echolos in Deutsch, Englisch und Argentinisch.
2011 Fischträume in Deutsch, Englisch und Isländisch.
Die Bände sind auf der
Frankfurter Buchmesse vom 10. bis 14. Oktober 2012 am Stand des ICHverlages
Häfner & Häfner, Halle 4,1 Stand P 508, für 20 Euro zu erwerben, nach der Messe
für 30 Euro.
Die Österreichische Nationalbibliothek erhält
den Nachlaß von Theodor Kramer. „Immer werd ich schreiben, süß und
herb, / immer werd ich schreiben, bis ich sterb.“ Diese Verse stammen von einem
der bedeutendsten österreichischen Exillyriker, dem 1897 geborenen Theodor
Kramer. Und er schrieb tatsächlich mit einer Leidenschaft und Intensität, die
seines-gleichen sucht. Nach 61 Lebensjahren waren es weit über 10 000 Gedichte.
Sein Nachlaß, der diese Gedichte und nahezu ebenso viele Briefe umfaßt, gelangte
nun durch eine großzügige Schenkung von Erwin Chvojka an die Österreichische
Nationalbibliothek, wo er im Literatur-archiv archiviert und bearbeitet wird.
Chvojka (geboren 1924) ist Ehrenmitglied der Theodor-Kramer-Gesellschaft und
wurde vom Autor selbst als Verwalter und Herausgeber seiner Schriften
eingesetzt. Der zum großen Teil noch in den acht Originaltransportkisten von
1957 und einigen Reisekoffern übernommene Nachlaß ergänzt die Bestände des
Literaturarchivs um eine weitere Zentralfigur der österreichischen Literatur.
Theodor Kramer (1897-1958) war in den 1930er Jahren
einer der berühmtesten zeitgenössischen Dichter und gilt als bedeutendster
österreichischer Exillyriker. Bereits mit seinem ersten Lyrikband Die
Gaunerzinke (1929) hatte er einen beachtlichen Erfolg erzielt. Seine Gedichte
wurden in Zeitungen und Rundfunkstationen im gesamten deutschsprachigen Raum
gedruckt und gesendet. Seine Lyrik hat er jenen gewidmet, wie es im Buch Mit der
Ziehharmonika (1936) heißt, „die ohne Stimme sind“: den Außenseitern der
Gesellschaft, den Landstreichern und Tagelöhnern, den Ziegel- und
Schnapsbrennern, den Knechten und Mägden, den Bettlern, Alkoholikern und
Invaliden. 1939
flüchtete er vor den Nationalsozialisten nach London und arbeitete von 1942 bis
1957 als Bibliothekar in Guilford in Südostengland. Dem unermüdlichen Einsatz
der ebenfalls im englischen Exil lebenden Schriftstellerin Hilde Spiel und der
Hilfe des damaligen Staats-sekretärs für auswärtige Angelegenheiten im
Bundeskanzleramt, Bruno Kreisky, ist es zu verdanken, daß der kranke und durch
das Exil schwer gezeichnete Dichter 1957 nach Wien zurückkehren konnte, wo er im
Jahr darauf starb.
Die Autographensammlung Hartmann.
Autographen sind ein anspruchsvolles Sammelgebiet. Doch mit seinen
Herausforderungen begnügte sich das Sammlerpaar Brigitte und Gerhard Hartmann
nicht. Gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit gaben sie ihrer Sammlung ein klares
Profil. Sie beschränken sich nicht allein auf komplett handschriftliche,
literarische Texte, die sie direkt bei zeitgenössischen deutschsprachigen
Schriftstellern beziehen, sondern sie bestellen dazu in Absprache mit den
Autoren bildliche Darstellungen. Autographen und Illustrationen werden von den
Sammlern nicht, wie in manchen anderen Fällen, geschnorrt, sondern im Gegenteil
gut honoriert. Mit im Spiel war von vornherein die Vorarlberger Landesbibliothek
Bregenz, bei der die seit zirka zehn Jahren entstehende Sammlung eine Heimstatt
gefunden hat. Das Ehepaar wohnt seit einigen Jahren am Bodensee und suchte sich
aus diesem Grund die in der Nähe befindliche Bibliothek aus. Als Dank für die
ungewöhnliche Schenkung stellte die Bibliothek zum wiederholten Male schöne
Stücke aus der Sammlung aus und publizierte in diesem Frühjahr einen Katalog: Im
Auftrag der Schrift. Die Sammlung Hartmann. Hrsg. v. Jürgen Thaler, Vorarlberger
Landesbibliothek Bregenz. Mit ca. 150 Farbtafeln. Heidelberg, Berlin: Kehrer,
2012. 238 S. 23,5 x 20 cm. Ln. mit Umschl. Neben einigen Aufsätzen zum Thema
Handschrift und Bild findet sich darin ein umfangreicher Bildteil, in dem man
die Kombinationen der Hartmanns studieren kann: Ulrike Draesner (Handschrift)
und Susanne Theumer (Bild), Adolf Endler und Ralf Kerbach, Peter Härtling und
Jürgen Brodwolf, Rolf Haufs und Ulrich Karlkurt Köhler, Günter Kunert und
Madeleine Heublein, Reiner Kunze und Jürgen Brodwolf, Martin Walser und Alissa
Walser usw. Alle Abbildungen sind gut reproduziert und vorbildlich beschrieben,
bei den Autographen nach Schreibmittel und Beschreibstoff (zum Beispiel „Tinte
auf Papier“), bei den Bildern außerdem nach den künstlerischen Techniken. Zu
finden sind meist Zeichnungen mit Kohle, Bleistift, Kreide und Tusche, aber auch
Holzschnitte, Collagen, Installationen aus Karton bis hin zu einer Skulptur aus
Papiermaché, Holz, Glas, Knochenleim und Wachs von Christoph & Markus Getzner.
C. W.
Nicht nur für
Liebhaber – Die Liebhaberbibliothek Kiepenheuers in Weimar. Es grenzt
fast an ein Wunder, daß das in den letzten Jahren finanziell arg gebeutelte
Stadtmuseum Weimar gemeinsam mit der Pavillion-Presse einen solchen opulenten
Katalog zur gleichna-migen Ausstellung (24. 3. – 3. 6. 2012) drucken konnte: Alf
Rößner, 100 Jahre Liebhaberbibliothek des Gustav Kiepenheuer Verlages Weimar,
Stadtmuseum Weimar 2012. 139 S., mit zahlr. farb. Abb. 4°. Br. Normalausgabe
26,– Euro, Vorzugsausgabe in 100 Exemplaren mit einem beiliegenden
Originalholzschnitt von Thomas Mecholdt 36,– Euro. Auf Grundlage einer
Privatsammlung gelingt es darin Dr. Alf Rößner, zum 100. Geburtstag der Reihe
ein Stück Buch- und Kulturgeschichte aufzuzeigen, das weit über die Grenzen
Weimars an Bedeutung gewann. Zu den beteiligten zeitgenössischen Autoren und
Künstlern zählten immerhin Joseph Budko, Albert Ehrenstein, Otto Flake, Hermann
Hesse, Rudolf Huch, Hans Alexander Müller und Emil Preetorius. In einem
umfangreichen Einleitungstext erzählt Rößner die Geschichte der Reihe aus
verlagshistorischer, künstlerischer und nicht zuletzt wirtschaftlicher Sicht.
Die Bibliographie beschränkt sich auf die vom Verlag gezählten Titel und endet
mit Katalognummer 54, dem 1920 in Potsdam erschienenen Band Tschechische
Erzähler. Der Katalog ist typographisch gelungen, die zahlreichen Abbildungen
sind exzellent gedruckt, jeder Titel ist (auch mit Varianten) abgebildet und
akribisch beschrieben. Ich hätte mir lediglich einen anderen Einband gewünscht,
der dem Format des Buches mehr entgegenkommt. – Ergänzt wird der Katalog durch
eine kommentierte Zusammenstellung der an der Reihe beteiligten Künstler und
Weimarer Schriftsteller. Summa sumarum ein gelungener und vor allem informativer
Katalog eines vielleicht neuen Sammelgebietes.
Hans-Udo Wittkowski
Bestandserhaltung in
der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Die Ausstellung Auch Bücher
altern vom 4. März bis zum 26. August 2012 bewog die Herzog August Bibliothek
Wolfenbüttel zur Herausgabe eines Begleitheftes: Auch Bücher altern.
Bestandserhaltung in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Hrsg. v. Almuth
Corbach. Mit einer Einführung von Helwig Schmidt-Glintzer. Wiesbaden:
Harrassowitz Verlag in Kommission, 2012. 115 S. (Wolfenbütteler Hefte Bd. 31)
Pp. 8°. 16,80 Euro. ISBN 978-3-447-06682-2. Es thematisiert die verschiedenen
von der Bibliothek ergriffenen Maßnahmen zur Bestandserhaltung. Dabei geht es
nicht um spektakuläre Bibliotheksbrände oder große Wasserschäden, die Bestände
vernichten können, sondern um die Geschichte schleichender Verluste, weil Bücher
trotz aller Sorgfalt in der Herstellung schlicht und einfach „altern und
langsam, aber stetig und unwider-ruflich zerfallen.“ Die Beiträge zeigen, wie
sich die Bibliothek gegen diesen schleichenden Verlust zur Wehr setzen kann und
welche Methoden es zur „Verlangsamung der Zerfallsgeschwindigkeit bei ihren
Beständen“ gibt (S. 7). Einer Einführung von Helwig Schmidt-Glintzer und einem
Beitrag über das Erhalten und Restaurieren in der Wolfenbütteler Bibliothek von
Almuth Corbach, die auch für die Konzeption von Ausstellung und Begleitheft
verantwortlich zeichnet, folgen Beiträge zu drei Beispielen aus Beständen der
Wolfenbütteler Bibliothek: Bucheinbände der Universitätsbibliothek Helmstedt
(Nicholas Pickwoad), Konservierung und Restaurierung von sieben
niedersächsischen Klosterbibliotheken (Femke Prinsen) sowie Untersuchungen
buchbinderischer Details an Erfurter Bucheinbänden der Universitätsbibliothek
Helmstedt (Friedrun Schneider – zur Helmstedter Universitätsbibliothek siehe
auch den Beitrag von Rolf Volkmann in MARGINALIEN, H. 135, 1994, S. 64-68). Das
Begleitheft zeigt, daß das gesamte Buch vom verwendeten Papier und dem Einband
über die früheren Besitznachweise, Exlibris und handschriftliche Notizen bis zum
Inhalt mit Text und Bild untersucht werden muß. Bucharchäologie wäre dafür ein
angemessener Begriff. Mit dieser vorbildlichen, mit vielen Abbildungen
versehenen Veröffentlichung wird die Bucherhaltung als Bibliotheksprozeß einer
breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.
Dieter Schmidmaier
Typographie im 20.
Jahrhundert. Fünf Monate lang zeigte das Gutenberg-Museum Mainz eine
Sonderschau zur Schriftgestaltung im vergangenen Jahrhundert. Mehrere
Institutionen präsentierten in verschiedenen Veranstaltungen unter dem Leitthema
„ON-TYPE – Texte zur Typografie“ Thesen, Manifeste und Standortbestimmungen zur
Typographie des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum. Eine eigens
gestaltete Lese-Lounge, Hörbücher und interaktive Anwendungen luden
Interessierte zu intensiver Lektüre und Anschauung ein. Nun liegt – sozusagen
als Frucht der Veranstaltungen – ein gewichtiger Quartband vor, in dem die
Geschichte, die Entwicklungen und Strömungen in der Typographie als Teil der
jüngeren Druckgeschichte übersichtlich präsentiert werden. Die als Belege für
die Entwicklungsge-schichte zitierten Texte sind als Faksimiledrucke in
Originalgröße und -farbe wiedergegeben. Sie nehmen den größten Umfang der
Publikation ein und sind damit ein wesentliches Element zum Verständnis der
teils kontroversen Auseinandersetzungen um der künstlerischen und technischen
Entwicklung angemessene Schriften.
Das für Buchwissenschaftler wie für Bibliophilen
gleich wichtige Buch lag in ähnlicher Art und Form bisher nicht vor und füllt so
eine von vielen bisher beklagte Lücke. Es versam-melt Thesen, Manifeste und
Standortbestimmungen zur Typographie des 20. Jahrhunderts. Wichtige
Protagonisten und Diskurse sowie größtenteils bekannte, aber auch bisher wenig
beachtete Diskussionen über die „deutsche Schrift“, den „modernen Menschen“,
über Lesbar-keit, über Kleinschreibung und die Folgen der Digitalisierung werden
mit Belegen dargestellt. Durch die Textauszüge und Originalabdrucke der Texte
aus Büchern und Zeitschriften im Maßstab 1 : 1 kann das Buch auch als ein Kanon
der Buchgestaltung gelten. Es lädt in seiner lebendigen Gestaltung ein zum
Weiterlesen, als Nachschlagewerk zur Orientierung, aber auch zum Streiten. Die
Herausgeberinnen Petra Eisele und Isabel Naegele, beide Professorinnen der
Fachhochschule Mainz, betonen, daß die Auswahl der Quellen bewußt subjektiven
Kriterien folgt. Die Autoren des Bandes, Schriftgestalter und Typographen,
Wissenschaftler und Lehrer, hätten die Frage, welche Texte über Typographie für
sie persönlich von besonderer Bedeutung seien und warum, nicht nur beantwortet,
sondern auch entsprechend begründet. Zitiert werden alle die großen Namen, von
Peter Behrens und Otto Eckmann angefangen, über F. H. Ehmcke und Konrad F.
Bauer, über F. H. Ernst Schneidler und Jan Tschichold bis zu Albert Kapr und
Hans Peter Willberg. Doch enthalten die Texte zur Typografie auch sehr
persönliche Kommentare, Anmerkungen und Empfehlungen, denen man nicht in jedem
Fall folgen kann. Anregungen bieten sie aber allemal.
Die dem Buch zugrunde liegende
Ausstellung war ein Projekt des Gutenberg-Museums in Kooperation mit
Kommunikations-Designern der Fachhochschule Mainz und dem
Design-labor-Gutenberg. Wie die Präsentation folgt auch das vorliegende Buch
einer streng historisch-chronologischen Systematik und enthält alle notwendigen
bibliographischen Informationen, ausgewählte Zitate, Kommentare und den
entsprechenden designhistorischen Kontext. Die Herausgeberinnen und ihre
Studierenden haben regelrecht nach diesen Texten „gefahndet“ und haben die
Fachleute befragt. Auch etwa vierzig Verlage haben sich mit Beispielen
beteiligt. So kann das Buch ein informatives Kompendium sowohl für Fachleute als
auch für interessierte Buch- und Schrift-Liebhaber werden. Die getroffene
Auswahl der zitierten Schriftentwerfer und Typographen des vorigen Jahrhunderts
erscheint allerdings recht willkürlich. Wie sonst würden Namen wie Imre Reiner
(1905-1947), Rudo Spemann (1900-1987) und Herbert Thanhaeuser (1898-1963)
fehlen, die aktiv mit Gestaltung und Lehre an der Schriftgestaltung des
Jahrhunderts beteiligt waren und deren Schriften in der Praxis eingesetzt
wurden. Auch hätte, dem Gehalt und Wert des Bandes entsprechend, der Einband
fester, dauerhafter gestaltet werden sollen. Das Buch erscheint im Schweizer
Niggli-Verlag (240 Seiten, 31 x 23,5 cm, Klappenbroschur, ISBN
978-3-7212-0821-4, Euro 42,00).
Ferdinand Puhe
Grimms Märchen im
Heimatmuseum Seulberg. Vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, erschien
die erste Ausgabe der von den Brüdern Grimm herausgegebenen Kinder- und
Hausmärchen mit zunächst 86 Texten. Heute zählt die Erstausgabe zum
Unesco-Weltdokumentenerbe. Die Grimms gehörten zu den ersten, die in Deutschland
Volkserzählungen wie die von Rotkäppchen, Dornröschen oder Aschenputtel
aufschrieben. Viele Geschichten überlieferte ihnen Dorothea Viehmann, Nachfahrin
hugenottischer Glaubensflüchtlinge, die damit auch französische Elemente
einbrachte.
Das
Jubiläum bot dem Heimatmuseum Seulberg in Friedrichsdorf-Seulberg Gelegenheit,
von April bis Juni zwei außergewöhnliche Privatsammlungen mit Märchenbüchern zu
präsentieren. Die reich illustrierten Ausgaben der Sammlerin Ursula Kress
(Friedrichsdorf-Seulberg) zeigten etwa Zeichnungen von Otto Ubbelohde, dessen
Motive die Vorstellung prägten, die Märchen seien in Hessen angesiedelt.
Raritäten stammten aus der Sammlung von Harro Kieser (Bad Homburg v. d. Höhe).
Wie den Büchern entsprungen wirkten liebevoll inszenierte Figurengruppen
bekannter Märchenmotive, eigens gestaltet von Christine Kunz-Bauer aus Gedern. –
Die Ausstellung zeigte eingangs Literatur zu Leben und Werk der Brüder Grimm und
wies auf Märchensammlungen (Musäus) und Kunstmärchen um 1800 (Clemens Brentano,
E. T. A. Hoffmann, Goethe) hin. Fünf Märchen aus Grimms Buch wurden
heraus-gegriffen und mit zahlreichen illustrierten Büchern vorgestellt:
Aschenputtel, Die Bremer Stadtmusikanten, Der gestiefelte Kater, Hänsel und
Gretel und Rotkäppchen. Den Ausklang bildeten Märchensammlungen des 19. und 20.
Jahrhunderts (Wilhelm Hauff, Richard von Volkmann-Leander bzw. Hans Friedrich
Blunck). Erika Dittrich
Märchen-Bilder aus 200
Jahren. Im Jahre 1812 erschienen erstmals die Kinder- und Haus-märchen
der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Aus diesem Anlaß zeigte das Frankfurter
Goethe-Haus / Freies Deutsches Hochstift eine Ausstellung unter dem Titel Hänsel
und Gretel im Bilder-Wald. Illustrationen romantischer Märchen aus 200 Jahren
(24. April – 15. Juli 2012). Damit wurde das Werk der Brüder Grimm gewürdigt,
zugleich aber auch auf den literaturhistorischen Kontext ihrer Arbeit, auf
Quellen, Anregungen und die ausgiebige Rezeption im bildnerischen Bereich
verwiesen. Nun ist Frankfurt am Main im Gegensatz zu anderen Orten in Hessen
keine Stadt, in der die Grimms gelebt oder gewirkt haben, aber von hier gingen
wesentliche Impulse aus für das genuin romantische Märchenprojekt der Brüder
Grimm wie auch für die romantische Bewegung überhaupt. Denn es war der aus
Frankfurt stammende Dichter Clemens Brentano, der die Grimms für sein Vorhaben
einer Märchensammlung begeisterte, der selbst Märchen bearbeitete oder besser:
sie mit seinen Ideen, seiner überbordenden Fantasie und virtuosen Sprachkraft zu
eigenen poetischen Gebilden formte und der alsbald auch erste Entwürfe zur
Bebilderung machte. Die Märchenschau war zudem eine Veranstaltung im Rahmen des
Projektes „Impuls Romantik. Rheinromantik − Mainromantik“, das der Kulturfonds
RheinMain für die Jahre 2012 bis 2014 ins Programm genommen hat.
Die Ausstellung führte den Besucher in ein bläuliches
Halbdunkel, das mannshohe Sil-houetten, Schattenrisse von Baumwipfeln und Tieren
umgaben, von sanften Naturlauten be-spielt. Diese Inszenierung bediente nicht
nur charmant ironisch das Klischee „Deutscher Märchenwald im Mondenschein“,
sondern schonte auch die kostbaren Exponate, Bücher, Zeichnungen, Graphiken und
Gemälde. Die Fülle des Materials war überwältigend − und eine große Augenlust.
Ordnungsprinzip war zum einen die Chronologie, also die Entwicklung der
Märchenillustrationen von den romantischen Künstlern bis in die Gegenwart mit
den je eige-nen unterschiedlichen Techniken und Ausdrucksstilen. Zum anderen
bildeten sich thematische Gruppen zu einzelnen Märchenmotiven, was die Vielfalt
der Rezeption ebenfalls sinnfällig machte.
Als Begleitpublikation erschien ein reich bebilderter
Katalog, herausgegeben von Wolfgang Bunzel, dem Kurator der Ausstellung: Hänsel
und Gretel im Bilderwald. Illustrationen romantischer Märchen aus 200 Jahren.
Hrsg. v. Wolfgang Bunzel unter Mitarbeit von Anke Harms und Anja Leinweber.
Frankfurter Goethe-Haus/Freies Deutsches Hochstift 2012. 165 S. mit Abb. Pp.
19,90 Euro. ISBN 978-3981459913. Das Buch enthält nicht nur ausführliche
Exponatbeschreibungen, sondern auch eine Reihe grundsätzlicher Essays. Darin
werden zum Beispiel die Geschichte des Genres Märchen, seine Bedeutung im
Kontext der Romantik und die Diskussion um „Volks-“ oder „Kunstmärchen“
thematisiert, eine letztlich obsolete Unterscheidung, können doch die von den
Grimms nacherzählten Märchen ihren Kunstcharakter nicht verleugnen. Neben diesen
poetologischen Aspekten wird die Geschichte der (Märchen-)Illustration skizziert
und in die Epochen der bildenden Kunst eingeordnet. So bietet die Publikation
gleichermaßen fundierte Information, Lesevergnügen und Augenweide.
Susanne Mittag
Handbuch zur
Geschichte der Kartographie. Ivan Kupčík schuf mit dem 1977
abgeschlossenen und 1980 veröffentlichten Manuskript Alte Landkarten ein
großartiges Handbuch zur Geschichte der Kartographie. Es erschien in deutscher
Sprache bis 1992 in sieben Auflagen, in französischer seit 1981 in vier
Auflagen. Alle Auflagen sind seit langem vergriffen. Inzwischen hat die
Geschichte der Kartographie große Fortschritte gemacht, zahlreiche Publikationen
in Form umfangreicher Enzyklopädien und Handbücher sind erschienen. Kupčík
veröffentlicht nun eine neue Fassung seines Buches (Ivan Kupčík: Alte
Landkarten. Von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Handbuch zur
Geschichte der Kartographie. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2011. 310 S., 81
Taf. mit 87, teils farb. Abb. Pp. 8°. 54,– Euro. ISBN 978-3-515-09408-5) und
nennt dafür drei Beweggründe. Er möchte eine Zusammenfassung der in den letzten
35 Jahren erzielten Forschungsergebnisse vornehmen, ein noch immer fehlendes
Handbuch in einem Band zusammenstellen und den Studenten der Geographie,
Geschichte, Kunstgeschichte, historischen Hilfswissenschaften und des Archiv-
und Bibliothekswesens den Einstieg in die Geschichte der Kartographie
erleichtern. Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste Teil skizziert die
Geschichte der Kartographie, der zweite liefert ein Vademekum mit praktischen
Hinweisen zu verschiedenen Komplexen (wie terminologische Fragen, lateinische
Termini und Bezeichnungen, alte Längenmaße, Maßstäbe und Maßstabsberechungen
alter Landkarten, Monogramme, Wasserzeichen und geographische Namensformen,
internationale Kartensammlungen und Institutionen, Organisationen und
Forschungsstellen, die Dokumentation alter Kartenwerke in Form von Faksimiles
und Nachdrucken, die Pflege alter Landkarten). Der dritte Teil umfaßt eine
fünfundsiebzigseitige, thematisch gegliederte Bibliographie zum Thema. Den
Abschluß bilden 81 Kunstdrucktafeln mit 87 Abbildungen. Auf die Entwicklung der
Globographie und der Vedutenkunde geht der Verfasser nur am Rande ein, auf die
Geschichte der großmaßstäblichen Flurkarten und der archivalischen Kartographie
verzichtet er. Das Buch beschäftigt sich nach Ansicht des Verfassers „mit dem
Endprodukt des kartographischen Prozesses, d.h. mit der Karte bzw. mit dem Atlas
und weniger mit der Entwicklung der astronomischen und geodätischen
Vorbereitungsarbeiten, der topographischen Arbeiten im Terrain, der Geräte, des
Kartendrucks etc.“ (S. 13). Das Handbuch ist auch Bücherfreunden und Sammlern
von Karten eine große Hilfe.
Dieter Schmidmaier
Fliegen im Kinderbuch.
Uralt ist der Traum vom Fliegen, festgehalten in Sagen, Erzählungen und
historischen Berichten. Heute ist Fliegen eine Selbstverständlichkeit, und
Kinder träumen allenfalls noch davon, wann sie wohl das erste Mal ein Flugzeug
besteigen werden. Aber wer hätte nicht auch schon davon geträumt, die eigene
Schwerkraft zu überwinden und einfach davonzufliegen? Im Heinrich-Hoffmann- und
Struwwelpeter-Museum, Frankfurt/M., Schubertstraße 20, lud eine bis zum 3.
Februar 2012 laufende Ausstellung unter dem Motto „Lesen verleiht Flügel“ zum
Abheben in die weite Welt der Phantasie ein.
Es ging dabei um die Darstellung des ewigen Traums vom
Fliegen im Kinderbuch. Ausgangspunkt dieses Rundflugs durch die Traumwelten war
– wer hätte es anders erwartet? – der fliegende Robert aus Hoffmanns
Struwwelpeter, der sozusagen als Flugpionier mit seinem Regenschirm den Himmel
eroberte. In sechs Abteilungen zeigte die Schau mit Exponaten und
Bild-Text-Tafeln ein Wiedersehen und -erleben mit Nils Holgerson, Peter Pan oder
der kleinen Hexe. „Am Start“ waren auch aktuelle Bilderbuch-Flieger wie der
kürzlich erschienene Fliegende Jakob von Philip Waechter. Die für kleine wie
auch große Besucher sehenswerte Ausstellung zum Ansehen, Anfassen und „Abheben“
wurde von Studenten der Goethe-Universität Frankfurt gestaltet. Damit
entwickelten Studierende des Instituts für Jugendbuchforschung zum dritten Mal
eine Sonderausstellung im Struwwelpeter-Museum.
FP
Neue schöne
Kinderbücher. Eine wunderbare, phantastische Geschichte erzählt Heinz
Janisch, 1960 in Güssing/Burgenland geboren, in Herr Jemineh hat Glück. Und
dabei sieht es zunächst gar nicht danach aus, daß so viel Unglück sich am Ende
in Glück verkehrt. Wieso soll es auch Glück sein, wenn Herr Jemineh die Treppe
hinunterpurzelt, ihn ein Schiff streift und ihm ein Blumentopf auf den Kopf
fällt? Aber der vermeintliche Pechvogel vermag auch das Gute in all seinem
Malheur zu erkennen. Einmal findet er seinen Schlüssel wieder, ein anderes Mal
wird er zu einer Seefahrt eingeladen und am Schluß lernt er gar seine zukünftige
Frau kennen. Das alles ist leichtfüßig mit viel Humor erzählt und mit
hellfarbigen Bildern von Selda Marlin Soganci illustriert. Die 1973 in Hof/Saale
geborene Künstlerin hat in Münster Grafik-Design mit Schwerpunkt Illustration
studiert und bereits mehrere Bilderbücher gestaltet (Verlag Nilpferd in
Residenz, 32 Seiten, 15 x 20 cm, ISBN 978-3-7017-2109-2, Euro 8,90).
Ganz neu wirkt die Rotkäppchen-Erzählung in dem von
Adolfo Serra gestalteten Bilderbuch, das ganz ohne Text auskommt. Das Buch
erscheint zum zweihundertjährigen Jubiläum der Kinder- und Hausmärchen der
Brüder Grimm. Den Text – oder zumindest den Inhalt – kennt jeder, der einmal
Kind war. So ist es nicht allzu gewagt, einen neuen künstlerischen Zugang zu dem
Altbekannten zu suchen. Die ausdruckstarken, symbolträchtigen, vom
Helldunkel-Kontrast geprägten Bilder erzählen die alte Geschichte ganz neu. Der
Betrachter, gleich ob Kind oder Erwachsener, erlebt auf ungewöhnliche Weise
Gefühle wie Angst und Grauen, aber auch Geborgenheit. Mit Recht nennt die Berner
Zeitung diese Ausgabe „ein kunstvolles Bilderbuch, das klug vermeintlich
Bekanntes mit Neuem verbindet“. Adolfo Serra, 1980 in Teruel geboren, machte
zuerst eine Ausbildung in Öffentlichkeitsarbeit und Werbung, fand dann aber zum
Zeichnen, der Leidenschaft seiner Kindheit, zurück. Er studierte an der Escuela
de Arte 10 in Madrid. Dieses Buch ist sein zweites Bilderbuch (aracari verlag,
40 Seiten, 26 x 21 cm, ISBN 978-3-905945-32-4, Euro 13,90).
Ferdinand Puhe
Hannah und die Folgen
von Elinor Weise. Die Kinderbuchillustratorin Elinor Weise ist eine
überraschende Entdeckung aus jüngster Zeit. Ich hatte sie bislang nicht
wahrgenommen, ob-wohl sie seit den frühen achtziger Jahren illustriert und für
bekannte Verlage arbeitet, für den Verlag Junge Welt, für Volk und Wissen, für
Cornelsen, aber auch für den Scheunen-Verlag Kückenshagen und den Kiro Verlag
Schwedt, zuletzt nun für den leiv-Verlag, Leipzig. Und hier sind ihre neuesten
Bücher erschienen, zwei Papp-Bilderbücher nach eigener Erzähl- und Bildidee und
mit eigenen Texten, die ihr deshalb auch die liebsten sind: Ich bin die Hannah
(2010) und Wo versteckt sich Hannah am liebsten? (2012). Die ersten zwei
Bändchen einer mehrteiligen Reihe, die sich gewiß ergeben wird.
Bilderbücher für die Kleinsten, die gerade „Ich“ sagen
lernen und „Ich“ auch meinen. Hannah ist ein munteres kleines Mädchen mit wachem
Gesicht und keck abstehenden vier Zöpfchen, die mit ihren roten Schleifen Seite
für Seite Lebensfreude bezeugen. Nichts in den vergnüglichen Bildern vom
Barbie-Kitsch und von rosafarbener Trivialität, auch nichts von medialer
Vorkost. Statt dessen feine sparsame Zeichnung und verhaltene Farbigkeit in
originären Bildfindungen, witzig und phantasievoll auf Wesentliches reduziert,
auf die entdeckungsreiche Wahrnehmung selbstverständlicher Gegebenheiten in der
unmittelbaren Lebenswelt eines behüteten Kindes. Das nämlich ist die eigentliche
Botschaft: „Ich“ fühlt Hannah, weil sie sich geborgen weiß, als „Naschkatze“,
als „Trampeltier“, als „Faulpelz“, als „Krümelmonster“, als „Schmutzfink“,
natürlich als „Kuschelmaus“. Vorhaltungen tun nicht weh, wenn sie berechtigt,
einleuchtend und liebevoll gemeint sind. So ruft die Selbstdarstellerin Hannah
sie schelmisch auf.
Elinor Weise, die auch als Designerin arbeitet, hat ein ästhetisch überzeugendes
sinnrei-ches Bilderbuch geschaffen. Kinder verstehen sogleich, Hannah bleibt
immer Hannah, auch wenn sie als „Kratzbürste“ oder „Kichererbse“ oder eben als
„Schmutzfink“ agiert: Ich bin das alles und noch viel mehr! Die Künstlerin,
geboren 1951, Mutter von zwei Kindern, leitet die Selbstvorstellung der Kleinen
originell mit einer kindlichen Frage ein: „Wie nennt mich Mama, wenn sie mit mir
kuscheln möchte?“ Bei allen Fehlvorschlägen tönt das „Nein“ förmlich aus den
Bildseiten heraus, wie auch das endliche „Ja“ zur „Kuschelmaus“. Hanna hat eine
Stimme. Der Schrift hätte es nicht bedurft.
Der Folgeband fügt sich zur bewährten Grundidee: Mit
einer hilfreichen Frage wird Hannahs Lust zum Schabernack in anrührenden Bildern
vorgeführt: „Wo versteckt sich Hannah am liebsten?“ Vogelnest, Seerosenblatt,
Regentropfen, Aquarium, Blumentopf, Maulwurfshaufen, Katzenkorb, Mamas
Hausschuh. Die „Möglichkeiten“ erfassen ein Kinderleben voll lebendiger
Schönheit, Abwechslung und Vertrautheit. Auch die Wörter prägen sich ein; wie
schön sie klingen, aufgereiht gesprochen – kostbare Lebensbegleiter! Und zum
Fabulieren laden die Bilder die kleinen Betrachter unvermittelt ein. Man darf
gespannt sein, mit welchen thematischen Ideen die folgenden Bändchen überraschen
werden: Hannah und Farben? Hannah und die Tiere? Der Reihe ist jedenfalls Glück
und Erfolg zu wünschen und der Künstlerin fortan gebührende Aufmerksamkeit. Seit
vielen Jahren arbeitet Elinor Weise mit Bodo Schulenburg zusammen (u.a.
Hugo-Erzählungen!) und hat zuletzt dessen Reisebücher für Kinder (Usedom und
Rügen) illustriert. Als einstige Schülerin von Werner Klemke an der
Kunsthochschule Berlin-Weißensee hält sie ihrem verehrten Lehrer bis heute die
Treue. Auf der Einband-Rückseite des Hannah-Erstlings hängt ein Klemke-Bild an
der Wand – Hannah als Wolkenschaf, die vier Zöpfchen verraten es. Elinor Weise,
die auch als Dozentin tätig ist, lebt mit ihrem Gefährten, dem Künstler Manfred
Zoller, in Bergfelde bei Berlin.
Ursula Lang
Autoren erzählen von
ihren Pseudonymen. Eine mit einem Antiquar verheiratete Ärztin und
Büchersammlerin war immer wieder auf das Versteckspiel mit Namen in der
Literatur gestoßen. Sie begann, Pseudonyme zu sammeln und Autoren um Aufklärung
zu bitten, und erhielt Antworten von ihnen selbst oder von Angehörigen, Freunden
oder Verlegern. Die Geschichten der Pseudonyme von rund 370 deutschsprachigen
Autoren des 20. Jahrhunderts hat sie nun, natürlich unter Pseudonym, in einem
umfänglichen Buch herausgegeben. Clarissas Krambude nennt sie bescheiden den
Band (novum publishing 2011, 473 S., Br. 20,30 Euro), jedoch nicht ohne darauf
hinzuweisen, daß Goethe 1787 einmal Lexika Krambuden nannte. Ein Lexikon wird es
also sein, was wir nun in Händen halten, ja, aber ein recht eigenwilliges.
Clarissa hat nämlich die Autoren in acht Schubladen eingeteilt nach den Gründen
und Moti-ven der Verwendung ihrer Pseudonyme, und so stehen sie in acht
aufeinanderfolgenden Alphabeten als Einzelartikel von A-Z in dem Band. Zwar
lassen sich gesuchte Autoren durch ein Register auffinden, aber dieses enthält
nur die Klarnamen, nicht die Pseudonyme. Man muß also schon vorher wissen, wer
sich hinter einem Pseudonym verbirgt und kann es dann bestätigt finden. Als
Nachschlagewerk ist dieses Lexikon also wenig geeignet, dagegen erweist es sich
als ein fesselndes Lesebuch, das eine Vielzahl von Autorenschicksalen erhellt.
Das Spektrum der vorgestellten Autoren ist denkbar breit gefächert: Es umfaßt
Lyriker, Prosaisten und Dramatiker, Publizisten, Journalisten, Germanisten und
Wissenschaftler vieler Bereiche, Politiker und Künstler, Satiriker und
Kabarettisten, Autoren von Science Fiction, Krimis, Western und Erotica, von
denen viele in Wilfried Eymers Pseudonymenlexikon (1997) noch nicht erfaßt sind.
Neben einigen Verweigerungen stehen viele freimütige Bekenntnisse zu
Pseudonymen, neben schon lange bekannten wie Artur Knoff alias Günter Grass oder
Stefan Heym für Helmut Flieg werden so manche hier erstmals gelüftet. Es gibt
knappe, sachliche Auskünfte (Fritz Muliar oder Günter Kunert) und umfängliche
Geschichten (Johannes von Guenther und Joseph Graf von Westphalen), die auf
ernste oder heitere Weise Einblicke in das literarische Schaffen gewähren. Wie
wichtig Pseudonyme als Überlebenshilfe und Schutzmaßnahme sein konnten, zeigen
etwa die Beiträge von Rudolf Frank und Gerhard Zwerenz. Die Angaben der in
verschiedenen Regimes verfolgten, geflüchteten oder untergetauchten Autoren
nehmen einen breiten Raum ein. Und hier zeigt sich Clarissas Schubfacheinteilung
auch als sinnvoll. Des öfteren arbeiten Autoren eng mit anderen zusammen, es
kommt zu Gemeinschaftspseudonymen, und sie werden in einem gemeinsamen Artikel
behandelt (so Karl Riha mit Ror Wolf oder Peter Rühmkorf mit Werner Riegel).
Harmlos dagegen waren die Hintergründe der Pseudonyme von Publizisten und
Verlegern wie Rudolf Augstein oder Michael Naumann, die nur in Zeitschriften
verwendet wurden. Ein Sonderfall: Seine Pseudonyme als Journalist und
Kinderbuchautor lüftete aus Zeitmangel der seinerzeit amtierende Präsident
Johannes Rau telefonisch! Clarissas Krambude ist ein Buch, das man nicht
hintereinander lesen kann, wenn man es aber zur Hand nimmt, es auch nur schwer
wieder weglegen kann, denn wo man’s aufschlägt, ist es interessant.
Konrad Hawlitzki |