Redaktionsschluss 14. Juli 2011

200 Jahre Undine. Im Frühlingsheft 1811 der Vierteljahrsschrift für romantische Dichtungen Die Jahreszeiten erschien bei Julius Eduard Hitzig in Berlin Undine. Eine Erzählung von Friedrich Baron de la Motte Fouqué. Die alte märkische Stadt Brandenburg an der Havel, auf deren Dominsel der Baron 1777 geboren wurde, versucht seit Jahren verstärkt, ihren großen Sohn mehr ins Bewußtsein der Öffentlichkeit zu rücken, etwa indem sie die Stadtbibliothek nach ihm benannte. Nun bot sich die Gelegenheit, ein Jubiläum zu begehen, man ergriff sie und inszenierte eine Ausstellung 200 Jahre Undine. Die Fouqué-Bibliothek, untergebracht in einem der ältesten Häuser der Stadt am Altstädtischen Markt, bietet mit ihrer zum Garten geöffneten rückwärtigen Glasfassade einen idealen Raum für eine solche Ausstellung, die dem berühmtesten deutschen Kunstmärchen und seiner Wirkung in die Welt gewidmet ist. Aus dem düsteren Hausflur geht es in die helle Welt, wo zwei hohe Vitrinen Buchausgaben mit Leihgaben aus dem Fouqué-Archiv bergen und große Tafeln das Eindringen Undines in die verschiedensten Bereiche, in Oper und Theater, zu Hans Christian Andersen bis zu Schiffen, Produkten und heutigen Undinen zeigen. Zur festlichen Eröffnung am 10. Juni erklang neben Chören aus E. T. A. Hoffmanns Oper vom Extra Chor Brandenburg auch eine Hörprobe aus einem Rundfunkempfänger „Undine“ von 1956. Die Ausstellung zeigt, wieviel erreicht werden kann, wenn sich in Zeiten der knappen Mittel Stadtverwaltung und Bibliotheksleitung mit Künstlern, Musikern, Technikern und Handwerkern zusammentun, um mit Sponsorenhilfe ein gemeinsames Projekt anzugehen. Die Ausstellung ist bei freienm Eintritt noch bis zum 5. November 2011 geöffnet, und es ist eine kleine, reich illustrierte Festschrift für 5 Euro zu haben. Im Hause befindet sich auch das Café Undine, in dem es nicht nur Meerwasser gibt. Unser verstorbener Pirckheimer-Freund Dr. Willy Unger hätte sich über diese Aktivitäten gefreut (siehe Meine Undine-Sammlung, in MARGINALIEN, H. 133, 1994).

Konrad Hawlitzki

Zum 100. von Gunter Böhmer. Des diesjährigen Gunter-Böhmer-Jubiläums wird durch eine Wanderausstellung und gleich mehrere Bücher gedacht. Der gebürtige Dresdner (1911-1986) studierte bis 1933 an der Kunstgewerbeschule Dresden und an der Kunstakademie Berlin, unter anderem bei Emil Orlik und Hans Meid – wohl schon von Beginn an mit dem Ziel, Zeichner und Buchillustrator zu werden. Noch in Dresden studierte er nebenher an der Universität Germanistik, um seine Liebe zur Literatur durch systematisches Wissen zu untermauern. In Berlin war er in der Nähe seines großes Vorbild Max Slevogt. Für seinen Weg entscheidend wurde jedoch sein Verhältnis zu Hermann Hesse, mit dem er bereits früh in einem Briefwechsel stand. Nach dem Studium besuchte er Hesse 1933 in der Schweiz und ließ sich sogleich in seiner Nähe in Montagnola nieder. Mitgebracht hatte er Studien zu Hesses Lebenswelt, wie er sie auf dem Weg zu ihm in Hesses Geburtsstadt Calw erlebt hatte. Hesse erkannte sein großes zeichnerisches Talent und stellte ihn sogleich Samuel Fischer vor, der zum Urlaub in der Schweiz weilte. Böhmer erhielt den Auftrag, Hesses erste Erzählung Hermann Lauscher für eine Neuausgabe zu illustrieren.
Das war der Beginn einer lebenslangen Arbeit für das Buch. 175 illustrierte Bücher zählt die 2003 bei Ulrich Keicher erschienene Bibliographie von Susann Rysavy. Beispiele aus allen Schaffensperioden zeigt die von der Gunter-Böhmer-Stiftung Calw erarbeitete Jubiläumsschau, die nach Stationen in Dresden und Calw vom 1. August bis 11. September zuletzt in Burg zu Hagen im Bremischen zu sehen ist. Dazu erschien der gut bebilderte Katalog Gunter Böhmer illustriert Weltliteratur mit einer Einführung in Leben und Werk und mehreren Interpretationen einzelner Illustrationsarbeiten. Hervorhebenswert sind die Erinnerungen des Hesse-Lektors Volker Michels, der von den für Gunter Böhmer schweren 1960er und 1970er Jahren berichtet, in denen die Kunst operativ politisch sein mußte und Böhmers liebevolle Versenkung in die Literatur als altmodisch galt. Selbst im Hesse-Haus Suhrkamp/Insel war kein Platz für Böhmer, weil der Hausgott Willy Fleckhaus ganz funktional auf Schrift und Foto setzte. Der Katalog ist als Einführung in das Werk zu empfehlen, obwohl er auf beißend weißem Papier gedruckt ist und leider mit manchen Satzschwächen wie zu weitem und fehlendem Zwischenraum zwischen den Wörtern aufwartet.
Eigene Ausstellungen mit Katalogen veranstalten das Hermann-Hesse-Höri-Museum in Gaienhofen mit dem Schwerpunkt Böhmer und Hesse sowie die Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz mit dem Thema Böhmer als Maler. Die Gaienhofer Ausstellung dauert vom 3. Juli bis 16. Oktober. Der Katalog heißt: Von Hermann Lauscher bis zum Steppenwolf. Gunter Böhmer illustriert Hermann Hesse. Bearb. v. Ute Hübner und Roland Stark. 78 S., 40, teils farbige Abb. Zur Konstanzer Ausstellung, die vom 9. September bis 20. November dauert, erscheint der Katalog: Fasziniert von Licht und Farbe. Gunter Böhmer als Maler. 48 S., 30 Farbabb. Beide lagen bei Redaktionsschluß noch nicht vor.

Böhmer-Bücher bei Ulrich Keicher. Der Katalog Böhmer illustriert Weltliteratur enthält auch einen Aufsatz von Roland Stark über die beiden letzten großen Zyklen von Böhmer, zwei differierende Illustrationsfolgen zu Kafkas Schloß, davon eine in Auswahl postum 1993 bei der Büchergilde Gutenberg erschienen. Wie oft, schuf Böhmer wesentlich mehr Bilder als bestellt und erforderlich waren. Nach seinem Tod wählten die Gestalter der Büchergilde freie „Paraphrasen“ aus, die im Zusammenhang mit der Arbeit am Schloß entstanden waren, verzichteten aber auf die eigentlich von Böhmer vorgesehenen Illustrationen mit stärkerem Textbezug. Die Ausgabe erhielt eine Auszeichnung als „Schönstes Buch“, doch Böhmer hätte nach Starks Ansicht eine andere Auswahl der noch dazu stark verkleinerten Bilder gewollt. Diesen Wunsch erfüllt jetzt eine Edition des Verlages Ulrich Keicher, die Susann Rysavy herausgegeben und Roland Stark kommentiert hat. Sie enthält beide Zyklen komplett, sowohl die „Paraphrasen“ genannten 39 Tuschezeichnungen als auch die 46 stärker illustrativen Tusche- und Federzeichnungen. Das großformatige Buch, Broschur, fadengeheftet, kostet 48 Euro und kann nur beim Verlag Ulrich Keicher (Warmbronn, Postfach 7044, 71216 Leonberg, E-Mail: u.keicher@online.de) bestellt werden.
Bei Keicher erscheint ein zweites wichtiges Jubiläumsbuch: Gunter Böhmer beim Wort genommen. Hrsg. v. Susann Rysavy. 360 S., mit 73 Abb. Ln. Gr.-8. 38 Euro. ISBN 978-3-938743-95-9. Der von Rainer Leippold schön gestaltete Band in flexiblem Leinen mit vornehmer Bauchbinde sammelt alle von Böhmer selbst veröffentlichten Texte aus rund fünf Jahrzehnten. Sie entstanden meist aus aktuellem Anlaß, wurden seinen Büchern beigegeben oder erschienen an teils entlegenen Orten. Sie handeln von seiner künstlerischen Arbeit, seiner Auseinandersetzung mit Künstlern und Schriftstellern und deren Werken und ganz allgemein von seiner Erlebniswelt. Es sind oft Gelegenheitsarbeiten, die die Frische des Augenblicks konserviert haben. Nicht selten hat sie Böhmer mit der Hand geschrieben und illustriert, wie faksimilierte Proben im Buch dokumentieren. Die Herausgeberin hat die Arbeiten zu vier Komplexen zusammengefaßt: Tessin, Maler – Dichter –Verleger, Hermann Hesse, Maximen und Reflexionen. Eine wahre Fundgrube, die viel zum Verständnis der geistigen Welt des Künstlers beiträgt.

C. W.

Abgründe. Kunst zu Kafka. Mit einer Ausstellung vom 4. August bis zum 30. September 2011, die Buchkunst zu Franz Kafka zeigt, ehrt das Klingspor-Museum (Herrnstraße 80, 63065 Offenbach) nicht nur einen der größten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts, sondern zeigt auch die immense Bandbreite künstlerischer Interpretationen seines Werkes.
Die weltweite Kafka-Rezeption begann erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs, also mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod. Die Eindrücke, die die Schrecken des Krieges und der industrialisierte Mord an Millionen hinterließen, hatten die Menschen für Kafkas düstere Bilder empfänglich gemacht. Kafka hat mit seiner beklemmenden, hermetischen Welt die Literaturwissenschaft wie kein anderer beschäftigt, da er auf eine einzigartige Weise die metaphysischen Nöte des Menschen im modernen Zeitalter schildert. Ebenso hat er zahlreiche Künstler zur Auseinandersetzung und Interpretation gereizt. Handelt es sich doch bei den zentralen Themen in Kafkas Werk Schuld, Verwundung und Isolation um die Auslotung der nackten menschlichen Existenz. Kafka gehört neben Brecht und Goethe zu den deutschsprachigen Autoren, die am meisten illustriert werden. Seine Texte evozieren das Bild geradezu. Die künstlerischen Annäherungen an Kafka sind jedoch äußerst vielfältig und beschränken sich nicht nur auf die bildliche Darstellung, sondern finden auch im Schriftbildlichen statt. Die Ausstellung zeigt zahlreiche illustrierte Kafka-Ausgaben und Graphikfolgen zu verschiedenen Kafka-Texten, aber auch handschriftliche und typographische Interpretationen, unter anderem Arbeiten von Hans Fronius, Kai Pfankuch, Herbert Gutsch und Hans Peter Willberg. Einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet der Roman Der Prozeß. Viele Leihgaben stellte die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main, zur Verfügung.

Klemkes publizistische Schriften. Unermüdlich trägt Matthias Haberzettl Material zu Werner Klemkes Werk zusammen. In den letzten zehn Jahren waren es nun auch Texte von und über Werner Klemke, gefunden in Zeitungen und Zeitschriften, Katalogen, Bibliotheken und im Internet. Jetzt hat er seine Funde in einem Band zusammengefaßt: Werner Klemke, Bemerkenswertes. Aufsätze, Vor- & Nachworte, Interviews 1952-1992. Zusammengetragen aus der Sammlung Matthias Haberzettl Augsburg. Privatdruck Augsburg im Februar 2011. 382 S. 8°. Ln.
Klemke war nicht nur Graphiker, er hat auch viel geschrieben. Wie der im Vorwort zitierte Horst Drescher anmerkt, war Klemke ein Meister der Feder im doppelten Sinne. Leider sind seine gelegentlichen, oft geistreichen mündlichen Bemerkungen nirgends aufgezeichnet. Auf etwa 240 eng bedruckten Seiten sind Aufsätze, Vor- & Nachworte, auf etwa 100 Seiten Interviews & Leserbriefe abgedruckt, in chronologischer Anordnung. Da gibt es interessante, auch witzige Lektüre über Kunst und Künstler, Bücher und Sammlungen, Mode und vieles Andere. Ein genaues Quellenverzeichnis weist die Fundstellen nach. Als Anhang ist eine nach Jahren geordnete Liste Von Werner Klemke und eine zweite Liste Über Werner Klemke angefügt. Schließlich folgt ein Personenverzeichnis mit etwa 500 Namen. Einige eingestreute kleine Abbildungen sind von mäßiger Qualität. Es ist schade, daß das Buch nur eine Auflage von sieben (!) Exemplaren hat. Da Matthias Haberzettl bestimmt noch weitere Klemke-Funde macht, wünschen wir uns eine erweiterte, zweite Auflage des interessanten Buches in höherer Stückzahl. Die vielen Klemke-Freunde werden dankbar sein.

Wolfram Körner

Imagination – Karin Innerling und Petra Ober. Das Klingspor-Museum Offenbach zeigte von April bis Juli eine beachtenswerte Präsentation aus dem Schaffen zweier Künstlerinnen, die hier vornehmlich ihre Künstlerbücher vorstellten. Das ergab ein reizvolles „Kontrastprogramm“ von Unikatbüchern und Kleinauflagen (mit maximal 20 Exemplaren) in recht unkonventioneller Gestaltung, mit Graphik, Zeichnungen und Materialdrucken in „zwei spannungsvollen Gegenpolen“, wie Dr. Stefan Soltek, der Direktor des Museums es bezeichnete.
Die 1942 in Beuthen geborene Karin Innerling, die in Essen aufwuchs, studierte nach dem Abitur an der Technischen Hochschule Aachen Architektur bei Gottfried Böhm, Malerei bei Hubert Berke und Philosophie bei Walter Biemel. Sie arbeitete in verschiedenen Architekturbüros im Bereich Entwurf. 1982 bis 1984 studierte sie Radierung und Lithographie bei Rudolf Schönwald. 1984 entstand auch ihr erstes Buchobjekt. 1995 erhielt sie ein Stipendium der Stiftung Kulturfond Ahrenshoop. In ihrem Buchschaffen versucht die Künstlerin, wie sie sagt, „möglichst eine Einheit von Text, Bildern und Gesamtbuchform zu erreichen, vergleichbar einer Theaterinszenierung, wo Text, Schauspieler, Choreographie, Bühnenbild und Kostüme eine einheitliche Aussage anstreben“. Wichtig seien ihr hierbei Assoziationsfreiheit und Spiel und dadurch die Einbindung des Lesenden beziehungsweise Schauenden. Die Bücher oder Buchobjekte, meist Laserdrucke, enthalten Radierungen, Siebdrucke oder Materialdrucke auf geschöpftem Bütten.
Petra Ober, 1953 in Bad Reichenhall geboren, studierte an der Akademie der Bildenden Künste München und lebt abwechselnd in Frankfurt/Main und Pfarrwerfen (Österreich). Sie hat an vielen Ausstellungen im In- und Ausland teilgenommen und eine große Reihe von Preisen und Auszeichnungen für ihr künstlerisches Werk erhalten. Von ihr waren in der Präsentation Objekte, Graphiken, Zeichnungen und vor allem Künstlerbücher zu bewundern, letztere fast ausschließlich in starken, oft dunklen, aber variantenreichen Farben und Formen gehalten, bis zum halbrunden Format. – Die Ausstellung zeigte wieder einmal, wie vielfältig die Möglichkeiten einer attraktiven Buchgestaltung sein können.

Ferdinand Puhe

Georg Kaisers atemberaubende Karriere. Akademiefenster heißt eine Buchreihe der Berliner Akademie der Künste, in der Funde aus den Nachlässen von Autoren, Künstlern, Kunsthistorikern und Theatermachern ausgebreitet werden. Es handelt sich um Begleitbücher zu Ausstellungen, die jedoch meist interessanter sind als der Anlaß – aus konservatorischen Gründen zeigt die Akademie immer häufiger nur noch Kopien der empfindlichen Archivalien. In den Broschurdeckel ist symbolisch ein Fenster gestanzt, das einen Blick auf ein Porträtfoto dahinter gewährt. Jetzt erschien ein von Andrea Illig solide gestalteter Band, der einem immer wieder totgesagten Dramatiker gewidmet ist, dessen Stücke sich dennoch – in freilich heute bescheidenerem Maße als ehedem – auf den deutschen Bühnen behaupten: Kunst und Leben. Georg Kaiser (1878-1945). Hrsg. v. Sabine Wolf. Berlin 2011. 206 S., zahlr. Abb. 8°. Br. 19,80 Euro. ISBN 978-3-88331-174-6. Das Buch besteht im Hauptteil aus gut reproduzierten Dokumenten, an denen entlang das Leben und vor allem die erstaunliche Wirkungsgeschichte der Stücke dargestellt werden. Die Briefe, Fotos, Theaterprogramme, Kritiken etc. sind kommentiert und in den Zusammenhang gestellt durch meist kürzere, aber prägnante Intermezzi, die die Herausgeberin Sabine Wolf verfaßt hat. Sie berichtet in der Einleitung des Buches über die Geschichte des Kaiser-Archivs, das in den 1950er Jahren auf Initiative von Walther Huder von der in Berlin lebenden Witwe erworben und in der Akademie der Künste Berlin/West eingerichtet wurde. Wie der Erwerb des Heinrich-Mann-Nachlasses für die Ost-Akademie, so wurde der Kaiser-Nachlaß für die West-Akademie zum Anstoß, ein Archiv für Schriftsteller- und Künstlernachlässe einzurichten. Im Anhang zum Hauptteil des Buches stehen zwei Aufsätze, die sich mit einem Vergleich von Kaisers Stück Gas mit Fritz Langs Film Metropolis (Heike Klapdor) und mit Kaisers Wirkungsgeschichte (Frauke Krause) beschäftigen.
Das Bild, das in dem Buch von Kaiser dargeboten wird, ist durchaus vielschichtig. Der Erfolg seiner Stücke war teilweise atemberaubend. Mit der Uraufführung der Bürger von Calais erlebte er 1917 mitten im Krieg seinen Durchbruch. In der Weimarer Republik war er neben Gerhart Hauptmann der meistgespielte zeitgenössische Autor, der auf viele jüngere Dramatiker nachhaltigen Einfluß hatte. Namentlich Brecht empfing von ihm wichtige Anregungen für sein episches Theater. Das Echo der Kritik dagegen war geteilt. Während Alfred Polgar und vor allem Alfred Kerr nicht mit Kritik sparten, hielt Herbert Jhering große Stücke auf Kaiser. Der Erfolg stieg dem Kaufmannssohn zeitweise zu Kopfe. Anfang der zwanziger Jahre geriet er gar in Haft, weil er seinen teuren Lebensstil durch Verpfändung von gemieteten Einrichtungsstücken, darunter die sprichwörtlichen Silberlöffel, finanzierte. In der Nazi-Zeit wurde Kaiser kaltgestellt, selbst die Unterzeichnung der Ergebenheitsadresse, die den Mitgliedern der Preußischen Akademie der Künste von der NS-Führung abverlangt wurde, nutzte ihm nichts. Seine Stücke wurden nicht gedruckt, geschweige denn gespielt. Ende 1938 entschloß er sich deshalb zur Emigration in die Schweiz. Begleitet wurde er nicht von Frau und Kindern, sondern von einer Geliebten und deren Tochter. Zwar wurde er wieder gedruckt, so bei Emil Oprecht in Zürich, doch Inszenierungen erlebte er kaum. Das Kriegsende brachte die sehnlich erwartete Wende, er wurde wieder gespielt. Doch schon im Juni 1945 starb er in Ascona, ohne deutschen Boden wieder betreten zu haben.

C. W.

Schutzumschläge der Nachkriegszeit. Eine kleine Tafelausstellung mit kommentierten Reproduktionen von Schutzumschlägen von 1945 bis 1956 aus der SBZ/DDR ist noch voraussichtlich bis Ende September in Berlin zu sehen. Der Publizist Dr. Erhard Weinholz hat aus dem Materialfundus seiner Privatsammlung eine Auswahl getroffen, die charakteristische Beispiele für die ästhetische Bewältigung der Nachkriegsjahre zeigt, von Heinz Reins Finale Berlin bis zu Ehrenburgs Tauwetter. In Gruppen wie Aufbau in Stadt und Land, Reportagen, chinesische und mongolische Literatur oder Kinderbücher geordnet, erhält der Betrachter einen Eindruck von der äußeren Gestaltung der Literaturproduktion dieser Jahre. Mit Namen wie Klaus Wittkugel, Gerhard Goßmann, Paul Rosie oder Werner Klemke sind daran bis heute unvergessene Künstler beteiligt. In der vom Verein Pro Kiez Bötzowviertel ehrenamtlich betreuten Kurt-Tucholsky-Bibliothek in der Esmarchstraße 18, Berlin-Prenzlauer Berg, sind die Tafeln zu den Öffnungszeiten der Bibliothek zugänglich.

Konrad Hawlitzki

Konferenzbericht zur Feldpost. Vom 13. bis zum 15. September 2010 fand im Museum für Kommunikation Berlin eine Konferenz über das wichtigste private Kommunikationsmittel in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, die Feldpost, statt. 45 Wissenschaftler und Publizisten aus elf Nationen referierten und diskutierten über den aktuellen Stand der internationalen Feldpostforschung. Die Veranstalter legen nun einen fulminanten Bericht vor: Schreiben im Krieg – Schreiben vom Krieg. Feldpost im Zeitalter der Weltkriege. Hrsg. v. Veit Didczuneit, Jens Ebert und Thomas Jander. Essen: Klartext Verlag, 2011. 538 S. Pp. 8°. Euro 34,95. ISBN 978-3-8357-0461-3. Die Verfasser untersuchen die unterschiedlichen nationalen Perspektiven auf die Kriege, den Wert der Feldpost als historische Quelle in Ergänzung der offiziellen Kriegsberichterstattung und die privaten Schicksale und individuellen Eindrücke der Kriegsteilnehmer. In den Beiträgen werden Zeitzeugnisse eines das 20. Jahrhundert prägenden Abschnitts der europäischen Geschichte aus kommunikationshistorischer Sicht vorgestellt, bewertet und erstmals in einen größeren Kontext gestellt. So entsteht eine Geschichte der Weltkriege von unten – die Feldpost als unverstellte Äußerungen einfacher Soldaten, ihre Erlebniswelt und Lebenswirklichkeit im Krieg. Der Umfang der Dokumente ist immens. Allein auf deutscher Seite wurden in beiden Weltkriegen mittels Feldpost 68 Milliarden Stück befördert, das sind Briefe, auch mit Fotos, Zeichnungen und Tagebüchern, Postkarten, Päckchen und Pakete. Feldpost ist auch privates Sammelobjekt, die vorliegende Veröffentlichung wird so für Bibliophile von besonderem Interesse sein. Besondere Aufmerksamkeit verdienen in diesem Zusammenhang die drei einleitenden Beiträge (zur Geschichte der Rezeption und Sammlung von Feldpost in Deutschland, zur Sammlung von Feldpost im Museum für Kommunikation Berlin sowie zu fotografischen Selbstdarstellungen von Kriegsteilnehmern), die acht Beiträge zum Thema „Feldpostbriefe als historische Quelle“ und die neun Beiträge zu „Feldpost im Spiegel von Literatur, Kunst und Medien“. Dieser Sammelband ist die erste umfangreiche Darstellung zur Feldpost. Sein Inhalt geht weit über eine Konferenzberichterstattung hinaus und ist eine unverzichtbare Monographie. Das Berliner Museum für Kommunikation besitzt mit über 100 000 Briefdokumenten eine der größten Sammlungen an Feldpost aus beiden Weltkriegen. 1400 ausgewählte Briefe aus der Zeit von 1939 bis 1945 sind in der Online-Datenbank des Museums zugänglich (www.museumsstiftung.de/feldpost/), die Online-Präsenz von Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg und eine Wechselausstellung Kommunikation und Krieg werden für 2014 vorbereitet.

Dieter Schmidmaier

Geschichte des Instituts für Verlagswesen und Buchhandel Leipzig. Zwei Todesfälle und eine Hochzeit. Die Buchwirtschaft auf dem Wege zur Buchwissenschaft in Leipzig nach dem II. Weltkrieg lautet der etwas sperrige Titel eines Aufsatzes von Reimar Riese (in: Kultursoziologie. Aspekte – Analysen – Argumente. Wissenschaftliche Halbjahresschrift der Gesellschaft für Kultursoziologie e.V. Leipzig, H. 1/2011, S. 47-72). Er läßt nicht erkennen, daß darin die Geschichte des Instituts für Verlagswesen und Buchhandel (IVB) an der Leipziger Universität von seiner Gründung 1968 bis zur Abwicklung 1992 behandelt. Dargelegt wird die Geschichte eines Universitätsinstituts, das in der 2009 anläßlich des 600-jährigen Jubiläums publizierten mehrbändigen Geschichte der Universität Leipzig nicht vorkommt.
An der Leipziger Universität gab es in den sechziger Jahren Bestrebungen, die 1951 mit der Emeritierung von Prof. Gerhard Menz abgebrochene Ausbildung in Buchhandelslehre in neuer Form weiterzuführen; im Ministerium für Kultur war man gleichzeitig bemüht, an einer Universität ein Zentrum für „sozialistische Buchwissenschaft“ zu errichten. Schließlich wurde im Februar 1968 unter maßgeblicher Federführung des Ministeriums für Kultur an der Leipziger Universität das IVB gegründet, nachdem das Ministerium für Finanzen der Universität die für dieses Institut notwendigen Mittel angewiesen hatte.
Für das IVB wirkte sich die doppelte Unterstellung – Ministerium für Kultur und Universität (erst Philosophische Fakultät, später Sektion Kultur- und Kunstwissenschaften) – negativ aus. Es überwog die vom Ministerium aufoktroyierte ideologische Ausrichtung, auch wenn sich im Laufe der Zeit rein pragmatisch die Probleme der Praxis stärker durchsetzen konnten. Und doch erreichte das IVB insgesamt eine durchaus beachtliche Bilanz – insgesamt absolvierten 250 Mitarbeiter von Verlagen und Buchhandlungen ein postgraduales Zusatzstudium, 225 Diplom- bzw. Abschlußarbeiten wurden geschrieben, zwei Habilitationen und acht Dissertationen verteidigt, 160 Fachbeiträge veröffentlicht.
Mit der Liquidierung der Sektion Kultur- und Kunstwissenschaften verlor das IVB seine Anbindung an eine Fakultät und wurde ebenfalls abgewickelt. Als ein neuer Anfang ist die Errichtung einer Professur Buchwissenschaft/Buchwirtschaft an der Universität Leipzig zu betrachten, für die 1995 Dietrich Kerlen als Professor berufen wurde. Nach dessen Tod 2004 übernahm Siegfried Lokatis diese Professur.

Peter Hoffmann

Die Heimatbücher der deutschen Vertriebenen. Der Böhlau-Verlag legt eine umfangreiche Analyse zu einer kaum beachteten Informationsquelle vor, den Heimatbüchern der deutschen Vertriebenen: Jutta Faehndrich, Eine endliche Geschichte. Die Heimatbücher der deutschen Vertriebenen. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag, 2011. X, 303 S. (= Visuelle Geschichtskultur 5)Pp. 8°. Euro 44,90. ISBN 978-3-412-20588-1. Das Buch ist ein Muß für Historiker und Kommunikationswissenschaftler und zugleich eine wunderbare Hintergrundinformation für Bibliotheken, Museen und Archive sowie Privatsammler von Heimatbüchern. Die Autorin bezeichnet die Heimatbücher der Vertriebenen „als Ausdrucksmittel einer Kultur des Erinnerns an Verlorenes“. Es zeigt sich, wie viele historische und geographische Kenntnisse im Laufe der letzten Jahrzehnte abhanden gekommen sind, eine Terra incognita mit auf heutigen Landkarten nicht mehr vorhandenen deutschen Bezeichnungen von Gegenden wie Glatzer Bergland, Kaschubische Schweiz und Zips und Orten wie Sackelhausen, Gnadental und Untertannowitz. Derzeit sind etwa 750 Heimatbücher deutscher Vertriebener bekannt, 300 davon hat die Autorin in einer Bibliographie am Ende der Veröffentlichung erfaßt. Die Arbeit kann in drei Abschnitte eingeteilt werden: Der erste Abschnitt ist eine umfassende Einführung in den Gegenstand (Fragestellungen, Forschungsstand, Methoden, theoretische Grundlagen), der zweite behandelt das Heimatbuch als Kind des vergangenen Jahrhunderts (Geschichte und Tradition der Heimatkunde und Geschichte und Typologie des Heimatbuchs), der dritte und ausführlichste die Heimatbücher der deutschen Vertriebenen und das kulturelle Gedächtnis der Vertriebenen im Heimatbuch. Die Autorin erhielt für diese Dissertation 2010 den wissenschaftlichen Förderpreis des Botschafters der Republik Polen verliehen, der jährlich für herausragende Dissertationen und Abschlußarbeiten aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften zur polnischen Geschichte und Kultur sowie zu den deutsch-polnischen Beziehungen vergeben wird. Zum Thema Vertreibungen im 20. Jahrhundert sei ein großartiges Nachschlagewerk aus dem gleichen Verlag empfohlen: Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Detlef Brandes, Holm Sundhausen, Stefan Troebst u.a. 2010. 801 S. Pp. 8°. Euro 79,–. ISBN 978-3-205-78407-4.

Dieter Schmidmaier

Andrea Lange – eine bedeutende Buchkünstlerin. Gemälde, Holzschnitte und vor allem Bücher der Künstlerin Andrea Lange zeigte die Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, in den Monaten Juni und Juli. Der Leiter des Buchladens, Wolfgang Grätz, der auch den art-club der Büchergilde leitet, hatte einen informativen Überblick auf das jüngere Werk der 1970 in Dresden geborenen Malerin, Graphikerin, Buchgestalterin und Druckerin zusammengestellt. Im Mittelpunkt stand das großformatige, in diesem Jahr erschienene Hohelied – Lied der Lieder mit dem von Alisa Stadler aus dem Hebräischen übersetzten Text und einem Nachwort von Rainer Stöckli. Der 64 Seiten umfassende Band (40 x 36 cm) enthält 16 farbige und 6 schwarzweiße Originalholzschnitte. Der Text wurde von Hand gesetzt und gedruckt, die feste Buchdecke und der Schuber sind ebenfalls bedruckt. Die Auflage beträgt 33 Exemplare. Ein von der hohen Qualität der Holzschnitte und der Gesamtgestaltung bestimmtes wertvolles Buch!
Wie auch die nachfolgend genannten Bücher erschien das Werk in der von Andrea Lange und Bettina Haller 1998 gegründeten Sonnenberg-Presse. Bisher haben 24 Drucke von hohem Anspruch dieser Presse den Ruf verschafft, eine der besten deutschen Werkstätten zu sein. Das künstlerische Schaffen von Andrea Lange wurde vorbereitet durch ihr Studium der Malerei und Graphik an der Leipziger Hochschule, wo sie auch ihr Meisterschüler-Studium absolvierte. Wie Grätz berichtete, umfaßt das Werk der Künstlerin auch handgemalte Unikatbücher. In letzter Zeit habe sich Andrea Lange verstärkt der Malerei zugewandt, wovon überzeugende Beispiele in der Ausstellung zu sehen waren.
Unter den präsentierten Büchern, alle in kleiner Auflage, fielen dem Betrachter weitere Titel auf, die sich durch herausragende Gestaltung und Bildqualität auszeichnen. Da sind zunächst die Verse der Irin Cathal o Searcaigh, Tag aller Tage, übersetzt von Hans Thill und mit 12 Farbholzschnitten versehen, davon zwei doppelseitigen. Der Umschlag ist mit einem weiteren Holzschnitt geschmückt. Wie alle Bücher ist auch dieses im Handsatz und traditionellem Buchdruck hergestellt (2009, 32 Seiten, 30 x 39 cm, 25 Exemplare). Nichts als den Himmel enthält Collagen von Texten Philipp Melanchthons mit 10 ganzseitigen Farbholzschnitten, die das Spirituelle eindrücklich „ins Bild bringen“. Die Vorsätze zieren ebenfalls doppelseitige Holzschnitte, wie auch den leinenen Buchumschlag (24 Seiten auf Zerkall-Bütten, 41 x 29 cm, 30 Exemplare). Zu einem anrührenden Text über das Älterwerden der beiden ersten Menschen von Marie Luise Kaschnitz, Adam und Eva, schuf Lange 11 einzeln signierte Farb- und Schwarzweißholzschnitte, die den Text einfühlsam interpretieren (26 Seiten, 32 x 37 cm, von Ludwig Vater, Jena, handgebunden, 40 Exemplare). Weitere Bücher enthalten Texte von Frederik Vahle, Jurek Becker und Werner Heiduczek. Zusammen mit den Einzelgraphiken und Bildern eine überzeugende Präsentation der künstlerischen Arbeiten von Andrea Lange.

Ferdinand Puhe

Kaleidoskop IV der Limlingeröder Reihe ist kürzlich erschienen, eine stattliche, 178 Seiten umfassende Broschur in feiner Aufmachung, wie zuvor die Kaleidoskope I – III sorgsam komponiert, mit eigenen Beiträgen bereichert und im Auftrag des Fördervereins „Dichterstätte Sarah Kirsch“ herausgegeben von Heidelore Kneffel. Eingerahmt von Sarah Kirschs Blumengarten, diesen verspielten Blümchen-Vignetten, und Schriftzeichen aus dem Gästebuch der Dichterstätte, bietet das Heft in bunter Mischung, orientiert um die letzten „Limlingeröder Diskurse“ (2007-2010), Texte und Betrachtungen zu Sarah Kirsch, von und zu Wegbegleitern und Gästen der Diskurse. Darüber hinaus werden Veranstaltungen und Ausstellungen dokumentiert und gewürdigt. Eine farbenreiche, vielstimmige und sehr lebendige Bilanz der letzten Jahre dieses besonderen Literatur- und Kunstortes hält der Leser in den Händen.
„Die Werke Sarah Kirschs in einer Auswahl, geschrieben an den Orten ihrer verschiedenen Existenzformen“, ein einfühlsam-umsichtiger Text Heidelore Kneffels, resümiert zu Beginn mit biographischen und zeitkritischen Seitenblicken die Werke Sarah Kirschs, soweit sie in der Dichterstätte-Bibliothek versammelt sind. Aufschlußreich darin vergleichende Hinweise auf BRD- und DDR-Ausgaben derselben Werke.
Eine schöne Würdigung wird der dänischen Lyrikerin Inger Christensen (1935-2009) zuteil. Sie war mit Sarah Kirsch bekannt und ihr verbunden, hatte 1996 anläßlich der Verleihung des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises an Sarah Kirsch die Laudatio gehalten und darin die „Landschaft Kirsch“ erkundet, mit ihren „Schutthalden, Irrgärten und schönen Gefühlen“. Auch ein Hinweis auf das 2009 erschienene Poesiealbum 285: Inger Christensen mit Bildbeigaben von Hermann Glöckner fehlt nicht. Nachzulesen sind in diesem Band die brillanten Vortragstexte Fritz Mieraus zu Ossip Mandelstam (10. Diskurse 2007) und Sergej Jessenin (11. Diskurse 2009). Vorgestellt werden zudem die Betrachtungen Thomas Wilds im Juni 2008 zu Uwe Kolbes Gedichten und Karl Robert Straubes Text Zu den Landschaften Ron Winklers während der Diskurse 2009.
Eine wesentliche Bereicherung erfährt dieses Kaleidoskop IV durch den Nachdruck von acht Rezensionen Christian Egers zu Sarah Kirschs Werk, die zwischen 2003 und 2010 zuerst in der Mitteldeutschen Zeitung erschienen waren, darunter ein sehr lesenswerter Geburtstagsgruß zum Siebzigsten der Dichterin vom 16. April 2005. Ein Bericht über die 13. Limlingeröder Diskurse am 26. und 27. Juni 2010 mit Nancy Hünger, Erich Arendt und Dieter Goltzsche beschließt den Textreigen, dessen farbenreiche Mitte Malereien mit poetischen Titeln von Karin Kisker bilden.

Ursula Lang

Neue schöne Kinderbücher. Die Genesis, die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments, hat vor allem für Kinder seit Jahrhunderten eine starke Anziehungskraft. So ist es nicht verwunderlich, daß auch in unseren Tagen immer wieder Kinderbücher diese faszinierenden Erzählungen der Bibel darstellen und in Bildern interpretieren. Der Verlag Rizzoli in Mailand brachte 2008 in seiner Reihe Storie della Biblia den Band La Creazione heraus. Das Buch wurde so gut aufgenommen, daß es nun von der bohem press, Zürich, mit deutscher Übertragung auch für die deutschsprachigen Kinder und interessierte Erwachsene vorgelegt wurde. Die Schöpfungsgeschichte wird neu erzählt von Paola Parazzoli, der Cheflektorin des Verlages Rizzoli, die bereits mehrfach Märchen und Gedichte für Kinder veröffentlichte. Die Übersetzung besorgte Danielle Heufemann in schlichter, kindgerechter Sprache. Das Buch aber lebt von seinen ganzseitigen Illustrationen und den Vignetten am Anfang der Texte jeder Seite. Sie wurden geschaffen von Antonella Abbatiello, die bisher schon etwa 70 Kinderbücher illustriert hat, die in 13 Ländern erschienen. Für ihre Arbeiten erhielt sie eine Auszeichnung der UNESCO sowie in den Jahren 1993, 2008 und 2009 den Titel „White Raven“ der Jugendbibliothek Schloß Blutenburg. Die Illustrationen – ebenso schlicht und einfach wie der Text – sind starkfarbig und erläutern die Geschichte der siebentägigen Erschaffung von Welt, Lebewesen und Pflanzen und zuletzt der Menschen Adam und Eva in einer einprägsamen Bildersprache. Dabei bleiben die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau, wenngleich in verhaltener Darstellung, nicht ausgespart. Die Geschichte endet mit dem Brudermord von Kain an Abel und den für die Menschheit daraus erwachsenen Folgen (48 Seiten, ISBN 3-85581-506-2, Euro 14,95).
Von ganz anderer Art ist das „echte“ Kinderbuch Gute Reise, kleine Wolke. Die Geschichte ohne Worte für Kinder ab 3 Jahren von MUZO erschien bereits 2004 in den Editions Autrement und war so erfolgreich, daß der Schweizer aracari-Verlag aus Baar das Buch in diesem Jahr neu herausbrachte. Die phantasiereiche Erzählung berichtet von einem Wölkchen, das dem Kessel einer Hexe entweicht und durch den Kamin in die weite Welt fliegt. Auf ihrer Reise hilft sie nach Wasser lechzenden Blumen, bildet einem Frosch einen Tümpel zum Hineinhüpfen und freundet sich mit einem Mäuschen an. Das Wölkchen segelt über Landschaften und Dörfer. Sie gelangt in eine von Qualm und Abgasen übel zugerichtete Stadt. Dabei wird sie so grau-braun, daß sie sich in einer Waschmaschine wieder sauber waschen läßt. So kann sie weitere Abenteuer erleben. Die poetisch, anrührend und luftig leicht erzählte Geschichte lebt aus ihren einfachen, gut verständlichen farbigen Bildern. So lädt sie Kinder dazu ein, auch ihre eigene Phantasie spielen zu lassen, die Geschichte weiterzuspinnen. Der nur unter dem Namen Muzo bekannte Graphiker aus Rennes hat eine Kunstgewerbeschule besucht und wurde durch die Mitgestaltung an einer Fernsehserie des Senders Antenne 2 bekannt. 1993 illustrierte MUZO sein erstes Kinderbuch. Derzeit teilt er seine Zeit zwischen Aufträgen für Presse und Verlage einerseits und der Malerei andererseits (28 Seiten, ISBN 3-905945-10-2, Euro 12,90).
Eher ein Buch für Erwachsene und allenfalls für Kinder ab 10 Jahren ist das höchst amüsante, gar frech verschmitzte Achtung, Kinder! von Christine Nöstlinger, kongenial illustriert von Heide Stöllinger. Der durch zahlreiche Bücher (hauptsächlich für Kinder) im gesamten deutschsprachigen Raum weit bekannten österreichischen Autorin gelang mit neuen Gedichten über Glück und Unglück der Kindheit wieder ein großer Wurf, für Erwachsene zum Schmunzeln, für Kinder zum Lachen – nicht aber als Empfehlung zur Nachahmung! Die eingängigen Verse sind in bezaubernder Weise mit den farbigen Zeichnungen so zusammengestellt, daß eine klare Lesefreundlichkeit gegeben ist. Die Bilder vertiefen das Gelesene optimal. Ein rundum sammelnswertes Buch (fadengeheftet)! Christine Nöstlinger, die sich selbst als „wildes und wütendes Kind“ bezeichnet, geboren 1936 in Wien-Hernals, stammt aus einer sozialistisch geprägten Handwerkerfamilie. Nach der Matura studierte sie Gebrauchsgraphik an der Akademie für Angewandte Kunst in Wien. Bald aber wurde das Schreiben ihre große Leidenschaft. Vor allem verfaßt sie Kinder- und Jugendbücher, ist aber auch für Fernsehen, Radio und Zeitschriften tätig. Inzwischen hat sie für ihr Werk eine Fülle von Preisen und Auszeichnungen erhalten. An der gleichen Hochschule hatte auch die 1941 in Klagenfurt geborene Heide Stöllinger studiert, die dann aber bei der Graphik, vor allem der Illustration blieb. Auch sie wurde mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet (Nilpferd in Residenz, 64 Seiten, ISBN 3-7017-2095-8, Euro 16,90).
Die minedition von Michael Neugebauer, Bargteheide, legt mit Teilen macht Spaß ein Kinderbuch vor, das nicht nur Kindern Spaß macht. Der Text entstammt der Feder der 1960 in Kufstein geborenen Brigitte Weninger und ist reich illustriert mit einfühlsamen Bildern der Französin Eve Tharlet. Die Erzählung um Vorfreude, Enttäuschung und (nicht zu später) Einsicht in die Notwendigkeit des Teilens zeigt auf, wie gegenseitiges Helfen und Teilen nicht nur Streit verhindert, sondern auch verbindet und sogar Freude macht. Die Illustratorin, die ihr Kunststudium in Straßburg absolvierte, hat dazu ganzseitige Bilder in zarten Pastellfarben komponiert. Der in der Type Ikone gesetzte Text ist gut lesbar in den freien Farbflächen plaziert. Ein empfehlenswertes, gut gemachtes Buch mit pädagogischem Anspruch (32 Seiten, ISBN 3-86566-145-6, Euro 12,95).

Ferdinand Puhe

Franz Fühmann und der Pegnesische B1umenorden. Der 1999 gegründete Freundeskreis Franz Fühmann veranstaltet in unregelmäßiger Folge meist in Berlin literarische Abende, die Fühmanns vielseitige Beziehungen thematisieren, so in letzter Zeit zu E. T. A. Hoffmann, Paul Karpati und Ernst Barlach. Nun widmete sich im Mai 2011 ein Abend im Berlin-Kreuzberger „Büchertisch“ Fühmanns langjähriger Beschäftigung mit den Spielformen der Poesie. Der Schriftsteller und Herausgeber Paul Alfred Kleinert ging von Fühmanns Sprachspielbuch Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel von 1978 aus und kam dann zu den Traditionen der Sprachspiele. Im Deutschland des 17. Jahrhunderts hatten sich mehrere sogenannte Sprachgesellschaften gebildet, die sich für die Reinhaltung der deutschen Sprache einsetzten und die barocke Dichtung beförderten. Eine dieser oft nur kurzlebigen Gesellschaften, die „Gesellschaft der Schäfer an der Pegnitz“ oder „Der Gekrönte Pegnesische Blumenorden“ aber hat alle Zeitläufte überdauert und existiert als nunmehr älteste literarische Gesellschaft in Deutschland bis heute in ihrer Gründungsstadt Nürnberg. Zwei Vertreter der Gesellschaft waren angereist und schilderten in Wort und Bild die Geschichte der Pegnitzer Schäfer von ihrer Gründung 1644 durch Georg Philipp Harsdörffer und Johann Kluj bis zu den heutigen kulturellen Aktivitäten im Nürnberger Raum. Proben der barocken Poesie, besonders aus Harsdörffers berühmtem Nürnberger Trichter, erheiterten die Berliner Zuhörer (siehe auch die Typographische Beilage zu MARGINALIEN, H. 187, 2007). Diese Veranstaltung wird am 24. September 2011 in Nürnberg im Bürgermeisterturm an der Neutormauer wiederholt.

Konrad Hawlitzki

Mitteldeutsches Jahrbuch 2010. Unter den Periodika, die sich mit der Kultur und Geschichte der neuen Bundesländer beschäftigen, nimmt das Mitteldeutsche Jahrbuch für Kultur und Geschichte, einen bedeutenden Platz ein. 1994 begründet, erschien 2010 der 17., von Harro Kieser und Gerlinde Schlenker herausgegebene Band. Gegenstand des Jahrbuchs sind die fünf neuen Bundesländer und Berlin sowie ihre politischen Vorgänger, vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Die Bände gliedern sich in einen Aufsatzteil, einen reichhaltigen Teil an Gedenkartikeln, wie Jubiläen von bedeutenden Persönlichkeiten und Institutionen sowie Nachrufe, einen Berichtsteil mit Darstellungen von Forschungsvorhaben und -ergebnissen, Museumsporträts, Nachlaßvorstellungen, Ausstellungsbesprechungen etc, sowie einen vielseitigen Rezensionsteil. Besonders profiliert ist der Gedenkteil, der nicht nur kürzere und längere Darstellungen enthält, sondern auch ein sicher sehr mühvoll erstelltes Kalendarium. Um möglichst vielen Themen Raum zu gewähren, sind die Texte in der Regel kurz bis mittellang, also eine bis 20 Druckseiten. Diese Textlänge eignet sich besonders für biographische Beiträge, die im Jahrbuch zahlreich vertreten sind. Um den Inhalt grob zu umreißen, seien hier einige Persönlichkeiten genannt, die für Buch- und Kunstfreunde von Interesse sind, wie Königin Luise von Preußen, die französische Schriftstellerin Madame de Staël und ihr Deutschlandbuch von 1810-1814, der Theologe Friedrich Schleiermacher und sein Verleger Georg Andreas Reimer, die Schriftsteller Ernst Moritz Arndt und Fritz Reuter, der Maler Philipp Otto Runge, der Komponist Friedemann Bach und der Literatur-Nobelpreisträger Paul Heyse, der Goethe-Forscher Ernst Beutler, der Romanist Victor Klemperer, der Publizist Wilhelm Herzog, die Sprachwissenschaftler Ernst Wasserzieher und Gerhard Kettmann, der Kunsthistoriker Wolfgang Hütt und der Lyriker Heinz Czechowski. Daneben gibt es auch etliche andere buchkundliche Beiträge, wie eine Erinnerung an die Anfänge von Gustav Kiepenheuer in Weimar ab 1910 oder die Gründung der Cansteinschen Bibelanstalt 1710 in Halle (Saale). Die meisten Texte sind gut geschrieben, freundlich, aufgeschlossen und an der Sache interessiert. Es gibt aber auch Polemik und harsche Kritik, wie eine umfangreiche Kritik an einer Dissertation über das Bauhaus. Informiert wird häufig über zeitgenössische Debatten, die sich um historische Persönlichkeiten drehen. So gab es 2009/2010 eine heftige Auseinandersetzung um Ernst Moritz Arndt, dessen Namen die Greifswalder Universität seit 1933 trägt. Der „völkische Ideologe und Antisemit“ sollte nach Ansicht einer studentischen Initiative nicht länger Namenspatron einer liberalen Universität sein.

C. W.

Heimkehr von Büchern Veltheim-Ostraus – dank der Pirckheimer-Gesellschaft. Kaum hatte ich das 201. Heft (1, 2011) der MARGINALIEN in der Hand, stieß ich auf den Seiten 86 ff. auf eine Veranstaltung mit Dr. Walter Müller über den Autor Hans Hasso von Veltheim aus Ostrau, und ich erinnerte mich an einige Bücher in meiner Bibliothek.
Vor über 25 Jahren schenkte mir mein bester Freund, der meine Leidenschaft für Reise- und Abenteuerliteratur kennt, das Buch von Veltheim-Ostrau: Der Geist Asiens. Das Bleibende aus drei Büchern, Tagebücher aus Asien, Der Atem Indiens, Götter und Menschen zwischen Indien und China, zusammengefaßt und herausgegeben von Gisela Bonn. Claasen Verlag Düsseldorf, 1. Auflage 1976. Der Autor war mir damals unbekannt. Ich nahm zunächst lediglich zur Kenntnis, daß er in Köln geboren und im Ersten Weltkrieg Luftschiffer gewesen war – ein Thema, welches mich erst viel später bei einem eigenen Buch interessieren sollte.
Nach der sog. Wende kaufte ich dann auf einem Buchmarkt an der Berliner Museumsinsel zwei in grau-braunem Leinen gebundene Bücher im Format DIN A4, Band I und II der Berichte über meine Asienreise 1937-38 von Veltheim-Ostrau. Es handelt sich um einen Matrizenabzug, ein „unkorrigiertes Manuskript!“, wie dem Titelblatt des ersten Bandes zu entnehmen ist, beim „Oscar R. Henschel Hauptbüro“ eingegangen am 12. August 1938. Die Titelblätter kennzeichnen die beiden Bände als 8. und 13. Fortsetzung. Sie weisen keine Schäden und Gebrauchsspuren auf.
Nachdem ich mich damals über den Autor „etwas schlau gemacht hatte“, schrieb ich an die zuständige Stadtverwaltung, um die Bücher für die Bibliothek oder das Archiv anzubieten. Ich erhielt darauf nie eine Antwort. Deshalb nahm ich die Bände in meine Abteilung „Karl May und Abenteuerliteratur“ auf. In den MARGINALIEN las ich nun, daß die Bibliothek des Autors nach 1945 wohl mehrmals regelrecht geplündert wurde. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, wie bedeutungsvoll mein damaliger Zufallsfund sein könnte. Nach wie vor war ich bereit, beide Bände einer öffentlich zugänglichen Einrichtung zu überlassen, da ich zu der Spezies gehöre, die meint, gewisse Bücher, Archivalien u.ä. gehören in die Hand der Öffentlichkeit. Also schrieb ich an Carsten Wurm und bat ihn, eine E-Mail, in der ich meinen Fund beschrieb, an Dr. Walter Müller weiterzuleiten. Daraufhin kam es zu einem interessanten längeren Telefongespräch mit Dr. Müller von der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt Halle. Er erzählte mir Näheres von der einstmals großen, nunmehr aber „verstreuten“ Bibliothek und von der Person des Hans Hasso von Veltheim aus Ostrau. Meine beiden Bände fehlten in der Universitäts- und Landesbibliothek. Weiter machte er mich auf das Schloß Ostrau aufmerksam, das sich im Besitz der Gemeinde Ostrau befindet und vom Ostrauer Kulturverein betreut wird. Dessen Internetseite (http://www.ostrauer-schloss.de/) bietet einen kleinen Einblick in die bisher geleistete Arbeit sowie natürlich auch entsprechende Kontaktmöglichkeiten für Führungen. Schließlich gab mir Dr. Müller noch einen Hinweis auf biographische Literatur zu Hasso v. Veltheim-Ostrau. Ich erklärte mich bereit, meine beiden Exemplare der Universitäts- und Landesbibliothek zur Verfügung zu stellen. Wie mir Dr. Müller zwischenzeitlich bestätigte, sind sie dort auch schon wohlbehalten eingetroffen. Mit anderen Worten: Der ost-westliche Deal via Pirckheimer hat funktioniert!

Manfred Backhausen

NACH REDAKTIONSSCHLUß

Jens Henkel: Max Thalmann. Graphiker und Buchkünstler. Mit einem Beitrag von Irmgard Heidler zur Buchgestaltung für den Eugen Diederichs Verlag Jena. Rudolstadt: burgart-presse Jens Henkel, 2011. 168 S., 247 Abb. 29 x 22 cm. 25 Euro. ISBN 978-3-9110206-76-2.

Eine Neuerscheinung aus der burgart-presse von Jens Henkel aus Rudolstadt wird jeder Bücher- und Graphikfreund mit Freuden erwerben. Jedes der Bücher und jeder der Drucke, die der Verleger und zugleich Kustos am Thüringer Landesmuseum Heidecksburg seit 1990 herausgibt, genügen höchsten bibliophilen, künstlerischen und drucktechnischen Ansprüchen.
Mit seinem in diesem Jahr erschienenen und von ihm selbst gestalteten Buch zu Max Thalmann (1890 Rudolstadt – 1944 Weimar) ist Jens Henkel in der Reihe edition burgart auch als Autor einer wissenschaftlichen Arbeit hervorgetreten. Ihm gebührt damit das Verdienst, einen der vielen, in einem örtlich begrenzten Rahmen, hier Thüringen, tätig gewesenen Künstler wiederentdeckt zu haben, die sich nur kurz überragender öffentlicher Anerkennung erfreuen konnten, deren Werk aber einen wichtigen Beitrag zur Stilprägung in ihrer Zeit geleistet hat. Zu nennen wären Thalmanns spätexpressionistische Landschaftsdarstellungen in unterschiedlichen Techniken, besonders aber seine Leistungen als Holzschneider. Während er in der Mappe Passion (1921) eine dekorative Darstellung benutzt, vermittelt Amerika im Holzschnitt (1924/1925) in acht Großstadtansichten ein Bild der modernen Welt, wie es etwa Fritz Langs Metropolis zeigt, und weist stilistisch in Richtung Kubismus. In der Mappe Der Dom (1923) wiederum beginnt sich die Darstellung im Abstrakten aufzulösen. Max Thalmann gehört in der Kunst zu der Hefe, aus deren Gärprozeß schließlich bei anderen etwas Neues wird. Solche Künstler sind, für sich gesehen, allemal ein Gewinn für die Kunst, für die kunstgeschichtliche Entwicklung aber sind sie unentbehrlich. Eine Vielzahl von Thalmanns Werken konnte in diesem Buch erstmals veröffentlicht werden.
Als Buchgestalter für den Eugen Diederichs Verlag in Jena, der er aus wirtschaftlichen Gründen von 1920 bis zu seinem Tod war, beeindruckte er nicht durch Innovationen. Er setzte jedoch durch künstlerische Gediegenheit und sachliche Strenge sowie seinen schier unerschöpflichen Einfallsreichtum Maßstäbe.
Jens Henkel, der unter dem Titel Max Thalmann. Schüler von Henry van de Velde und Otto Dorfner, Jungmeister am Bauhaus, Buchgestalter bei Eugen Diederichs eine Ausstellung im Stadtmuseum Weimar (6. Mai bis 10. Juli 2011) ermöglicht hatte, fand bei seinen Recherchen zu Thalmann eine „sehr dünne Faktenlage“ vor, was die Biographie des Künstlers anbelangt, dessen Nachlaß sich in der Klassik Stiftung Weimar befindet. Rückschlüsse auf Thalmanns Leben und künstlerische Entwicklung zog er unter anderem aus den Motiven seiner Bilder, aus dem „Programm und Lehrplan der Fachkurse für Buchbinder“ der Kunstgewerbeschule Weimar, aus dem Zeugnis, mit dem er zur Meisterprüfung des Buchbinderhandwerks zugelassen wurde, und auch aus der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation in Weimar zu Ende des Ersten Weltkrieges. Neue Lebensmodelle entstanden, die zu einer Reform künstlerischer Ausdrucksmittel führten und zum Bauhaus. Allerdings, so wird vorsichtig spekuliert, dürfte Thalmanns Verhältnis zu dessen Programm „eher distanziert ausgefallen sein“. Das schließt der Autor daraus, daß keine Erwähnung seines Namens in öffentlichen Statements und keine Freundschaften zu den „Jungen Wilden“ nachzuweisen sind, auch keine Ausstellungen in Galerien wie Waldens „Sturm“. Als sich die neue Bauhausprogrammatik durchzusetzen begann, schied Thalmann folgerichtig aus. Er war offenbar ein Einzelgänger, näherte sich jedoch in Stilistik und Motivwahl den Bauhausmeistern, zum Beispiel Feininger, an. Insgesamt gelingt es Jens Henkel in akribischer Kleinarbeit sehr gut, ein stimmiges Bild dieses beachtenswerten Künstlers vorzuführen, ohne in haltlose Spekulationen zu verfallen, und gleichzeitig ein nicht nur lokal gültiges Gesellschaftsbild zu malen.
Im Zusammenhang mit Thalmann wird die Thelemannschen Buchhandlung Bruno Wollbrück vorgestellt, eine „bislang kaum bekannte Schaltstelle im Weimarer Kulturleben nach 1918“. In dem zweiten Teil des Buches wird von Irmgard Heidler, die sich der Buchgestaltung in ambivalenten Zeiten: Max Thalmann im Eugen Diederichs Verlag (1920-1944) widmet, erstmals Thalmanns buchgestalterische Arbeit wissenschaftlich untersucht. Eine Kurzbiographie, Literaturhinweise sowie das Verzeichnis der illustrierten Bücher und Mappenwerke beschließen den reich mit Abbildungen ausgestatteten Band.

Lothar Lang