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Redaktionsschluss 14. Juli 2011
200 Jahre
Undine. Im Frühlingsheft 1811 der Vierteljahrsschrift für romantische
Dichtungen Die Jahreszeiten erschien bei Julius Eduard Hitzig in Berlin Undine.
Eine Erzählung von Friedrich Baron de la Motte Fouqué. Die alte märkische Stadt
Brandenburg an der Havel, auf deren Dominsel der Baron 1777 geboren wurde,
versucht seit Jahren verstärkt, ihren großen Sohn mehr ins Bewußtsein der
Öffentlichkeit zu rücken, etwa indem sie die Stadtbibliothek nach ihm benannte.
Nun bot sich die Gelegenheit, ein Jubiläum zu begehen, man ergriff sie und
inszenierte eine Ausstellung 200 Jahre Undine. Die Fouqué-Bibliothek,
untergebracht in einem der ältesten Häuser der Stadt am Altstädtischen Markt,
bietet mit ihrer zum Garten geöffneten rückwärtigen Glasfassade einen idealen
Raum für eine solche Ausstellung, die dem berühmtesten deutschen Kunstmärchen
und seiner Wirkung in die Welt gewidmet ist. Aus dem düsteren Hausflur geht es
in die helle Welt, wo zwei hohe Vitrinen Buchausgaben mit Leihgaben aus dem
Fouqué-Archiv bergen und große Tafeln das Eindringen Undines in die
verschiedensten Bereiche, in Oper und Theater, zu Hans Christian Andersen bis zu
Schiffen, Produkten und heutigen Undinen zeigen. Zur festlichen Eröffnung am 10.
Juni erklang neben Chören aus E. T. A. Hoffmanns Oper vom Extra Chor Brandenburg
auch eine Hörprobe aus einem Rundfunkempfänger „Undine“ von 1956. Die
Ausstellung zeigt, wieviel erreicht werden kann, wenn sich in Zeiten der knappen
Mittel Stadtverwaltung und Bibliotheksleitung mit Künstlern, Musikern,
Technikern und Handwerkern zusammentun, um mit Sponsorenhilfe ein gemeinsames
Projekt anzugehen. Die Ausstellung ist bei freienm Eintritt noch bis zum 5.
November 2011 geöffnet, und es ist eine kleine, reich illustrierte Festschrift
für 5 Euro zu haben. Im Hause befindet sich auch das Café Undine, in dem es
nicht nur Meerwasser gibt. Unser verstorbener Pirckheimer-Freund Dr. Willy Unger
hätte sich über diese Aktivitäten gefreut (siehe Meine Undine-Sammlung, in
MARGINALIEN, H. 133, 1994).
Konrad Hawlitzki
Zum 100. von
Gunter Böhmer. Des diesjährigen Gunter-Böhmer-Jubiläums wird durch eine
Wanderausstellung und gleich mehrere Bücher gedacht. Der gebürtige Dresdner
(1911-1986) studierte bis 1933 an der Kunstgewerbeschule Dresden und an der
Kunstakademie Berlin, unter anderem bei Emil Orlik und Hans Meid – wohl schon
von Beginn an mit dem Ziel, Zeichner und Buchillustrator zu werden. Noch in
Dresden studierte er nebenher an der Universität Germanistik, um seine Liebe zur
Literatur durch systematisches Wissen zu untermauern. In Berlin war er in der
Nähe seines großes Vorbild Max Slevogt. Für seinen Weg entscheidend wurde jedoch
sein Verhältnis zu Hermann Hesse, mit dem er bereits früh in einem Briefwechsel
stand. Nach dem Studium besuchte er Hesse 1933 in der Schweiz und ließ sich
sogleich in seiner Nähe in Montagnola nieder. Mitgebracht hatte er Studien zu
Hesses Lebenswelt, wie er sie auf dem Weg zu ihm in Hesses Geburtsstadt Calw
erlebt hatte. Hesse erkannte sein großes zeichnerisches Talent und stellte ihn
sogleich Samuel Fischer vor, der zum Urlaub in der Schweiz weilte. Böhmer
erhielt den Auftrag, Hesses erste Erzählung Hermann Lauscher für eine Neuausgabe
zu illustrieren.
Das war der Beginn einer lebenslangen Arbeit für das Buch. 175 illustrierte
Bücher zählt die 2003 bei Ulrich Keicher erschienene Bibliographie von Susann
Rysavy. Beispiele aus allen Schaffensperioden zeigt die von der
Gunter-Böhmer-Stiftung Calw erarbeitete Jubiläumsschau, die nach Stationen in
Dresden und Calw vom 1. August bis 11. September zuletzt in Burg zu Hagen im
Bremischen zu sehen ist. Dazu erschien der gut bebilderte Katalog Gunter Böhmer
illustriert Weltliteratur mit einer Einführung in Leben und Werk und mehreren
Interpretationen einzelner Illustrationsarbeiten. Hervorhebenswert sind die
Erinnerungen des Hesse-Lektors Volker Michels, der von den für Gunter Böhmer
schweren 1960er und 1970er Jahren berichtet, in denen die Kunst operativ
politisch sein mußte und Böhmers liebevolle Versenkung in die Literatur als
altmodisch galt. Selbst im Hesse-Haus Suhrkamp/Insel war kein Platz für Böhmer,
weil der Hausgott Willy Fleckhaus ganz funktional auf Schrift und Foto setzte.
Der Katalog ist als Einführung in das Werk zu empfehlen, obwohl er auf beißend
weißem Papier gedruckt ist und leider mit manchen Satzschwächen wie zu weitem
und fehlendem Zwischenraum zwischen den Wörtern aufwartet.
Eigene Ausstellungen mit Katalogen veranstalten das Hermann-Hesse-Höri-Museum in
Gaienhofen mit dem Schwerpunkt Böhmer und Hesse sowie die Städtische
Wessenberg-Galerie Konstanz mit dem Thema Böhmer als Maler. Die Gaienhofer
Ausstellung dauert vom 3. Juli bis 16. Oktober. Der Katalog heißt: Von Hermann
Lauscher bis zum Steppenwolf. Gunter Böhmer illustriert Hermann Hesse. Bearb. v.
Ute Hübner und Roland Stark. 78 S., 40, teils farbige Abb. Zur Konstanzer
Ausstellung, die vom 9. September bis 20. November dauert, erscheint der
Katalog: Fasziniert von Licht und Farbe. Gunter Böhmer als Maler. 48 S., 30
Farbabb. Beide lagen bei Redaktionsschluß noch nicht vor.
Böhmer-Bücher bei Ulrich Keicher. Der Katalog Böhmer illustriert
Weltliteratur enthält auch einen Aufsatz von Roland Stark über die beiden
letzten großen Zyklen von Böhmer, zwei differierende Illustrationsfolgen zu
Kafkas Schloß, davon eine in Auswahl postum 1993 bei der Büchergilde Gutenberg
erschienen. Wie oft, schuf Böhmer wesentlich mehr Bilder als bestellt und
erforderlich waren. Nach seinem Tod wählten die Gestalter der Büchergilde freie
„Paraphrasen“ aus, die im Zusammenhang mit der Arbeit am Schloß entstanden
waren, verzichteten aber auf die eigentlich von Böhmer vorgesehenen
Illustrationen mit stärkerem Textbezug. Die Ausgabe erhielt eine Auszeichnung
als „Schönstes Buch“, doch Böhmer hätte nach Starks Ansicht eine andere Auswahl
der noch dazu stark verkleinerten Bilder gewollt. Diesen Wunsch erfüllt jetzt
eine Edition des Verlages Ulrich Keicher, die Susann Rysavy herausgegeben und
Roland Stark kommentiert hat. Sie enthält beide Zyklen komplett, sowohl die
„Paraphrasen“ genannten 39 Tuschezeichnungen als auch die 46 stärker
illustrativen Tusche- und Federzeichnungen. Das großformatige Buch, Broschur,
fadengeheftet, kostet 48 Euro und kann nur beim Verlag Ulrich Keicher
(Warmbronn, Postfach 7044, 71216 Leonberg, E-Mail: u.keicher@online.de) bestellt
werden.
Bei Keicher erscheint ein zweites wichtiges Jubiläumsbuch: Gunter Böhmer beim
Wort genommen. Hrsg. v. Susann Rysavy. 360 S., mit 73 Abb. Ln. Gr.-8. 38 Euro.
ISBN 978-3-938743-95-9. Der von Rainer Leippold schön gestaltete Band in
flexiblem Leinen mit vornehmer Bauchbinde sammelt alle von Böhmer selbst
veröffentlichten Texte aus rund fünf Jahrzehnten. Sie entstanden meist aus
aktuellem Anlaß, wurden seinen Büchern beigegeben oder erschienen an teils
entlegenen Orten. Sie handeln von seiner künstlerischen Arbeit, seiner
Auseinandersetzung mit Künstlern und Schriftstellern und deren Werken und ganz
allgemein von seiner Erlebniswelt. Es sind oft Gelegenheitsarbeiten, die die
Frische des Augenblicks konserviert haben. Nicht selten hat sie Böhmer mit der
Hand geschrieben und illustriert, wie faksimilierte Proben im Buch
dokumentieren. Die Herausgeberin hat die Arbeiten zu vier Komplexen
zusammengefaßt: Tessin, Maler – Dichter –Verleger, Hermann Hesse, Maximen und
Reflexionen. Eine wahre Fundgrube, die viel zum Verständnis der geistigen Welt
des Künstlers beiträgt.
C. W.
Abgründe.
Kunst zu Kafka. Mit einer Ausstellung vom 4. August bis zum 30. September
2011, die Buchkunst zu Franz Kafka zeigt, ehrt das Klingspor-Museum (Herrnstraße
80, 63065 Offenbach) nicht nur einen der größten deutschsprachigen Autoren des
20. Jahrhunderts, sondern zeigt auch die immense Bandbreite künstlerischer
Interpretationen seines Werkes.
Die weltweite Kafka-Rezeption begann erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs, also
mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod. Die Eindrücke, die die Schrecken des
Krieges und der industrialisierte Mord an Millionen hinterließen, hatten die
Menschen für Kafkas düstere Bilder empfänglich gemacht. Kafka hat mit seiner
beklemmenden, hermetischen Welt die Literaturwissenschaft wie kein anderer
beschäftigt, da er auf eine einzigartige Weise die metaphysischen Nöte des
Menschen im modernen Zeitalter schildert. Ebenso hat er zahlreiche Künstler zur
Auseinandersetzung und Interpretation gereizt. Handelt es sich doch bei den
zentralen Themen in Kafkas Werk Schuld, Verwundung und Isolation um die
Auslotung der nackten menschlichen Existenz. Kafka gehört neben Brecht und
Goethe zu den deutschsprachigen Autoren, die am meisten illustriert werden.
Seine Texte evozieren das Bild geradezu. Die künstlerischen Annäherungen an
Kafka sind jedoch äußerst vielfältig und beschränken sich nicht nur auf die
bildliche Darstellung, sondern finden auch im Schriftbildlichen statt. Die
Ausstellung zeigt zahlreiche illustrierte Kafka-Ausgaben und Graphikfolgen zu
verschiedenen Kafka-Texten, aber auch handschriftliche und typographische
Interpretationen, unter anderem Arbeiten von Hans Fronius, Kai Pfankuch, Herbert
Gutsch und Hans Peter Willberg. Einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet der
Roman Der Prozeß. Viele Leihgaben stellte die Universitätsbibliothek Johann
Christian Senckenberg, Frankfurt am Main, zur Verfügung.
Klemkes publizistische Schriften. Unermüdlich trägt Matthias Haberzettl
Material zu Werner Klemkes Werk zusammen. In den letzten zehn Jahren waren es
nun auch Texte von und über Werner Klemke, gefunden in Zeitungen und
Zeitschriften, Katalogen, Bibliotheken und im Internet. Jetzt hat er seine Funde
in einem Band zusammengefaßt: Werner Klemke, Bemerkenswertes. Aufsätze, Vor- &
Nachworte, Interviews 1952-1992. Zusammengetragen aus der Sammlung Matthias
Haberzettl Augsburg. Privatdruck Augsburg im Februar 2011. 382 S. 8°. Ln.
Klemke war nicht nur Graphiker, er hat auch viel geschrieben. Wie der im Vorwort
zitierte Horst Drescher anmerkt, war Klemke ein Meister der Feder im doppelten
Sinne. Leider sind seine gelegentlichen, oft geistreichen mündlichen Bemerkungen
nirgends aufgezeichnet. Auf etwa 240 eng bedruckten Seiten sind Aufsätze, Vor- &
Nachworte, auf etwa 100 Seiten Interviews & Leserbriefe abgedruckt, in
chronologischer Anordnung. Da gibt es interessante, auch witzige Lektüre über
Kunst und Künstler, Bücher und Sammlungen, Mode und vieles Andere. Ein genaues
Quellenverzeichnis weist die Fundstellen nach. Als Anhang ist eine nach Jahren
geordnete Liste Von Werner Klemke und eine zweite Liste Über Werner Klemke
angefügt. Schließlich folgt ein Personenverzeichnis mit etwa 500 Namen. Einige
eingestreute kleine Abbildungen sind von mäßiger Qualität. Es ist schade, daß
das Buch nur eine Auflage von sieben (!) Exemplaren hat. Da Matthias Haberzettl
bestimmt noch weitere Klemke-Funde macht, wünschen wir uns eine erweiterte,
zweite Auflage des interessanten Buches in höherer Stückzahl. Die vielen
Klemke-Freunde werden dankbar sein.
Wolfram Körner
Imagination –
Karin Innerling und Petra Ober. Das Klingspor-Museum Offenbach zeigte von
April bis Juli eine beachtenswerte Präsentation aus dem Schaffen zweier
Künstlerinnen, die hier vornehmlich ihre Künstlerbücher vorstellten. Das ergab
ein reizvolles „Kontrastprogramm“ von Unikatbüchern und Kleinauflagen (mit
maximal 20 Exemplaren) in recht unkonventioneller Gestaltung, mit Graphik,
Zeichnungen und Materialdrucken in „zwei spannungsvollen Gegenpolen“, wie Dr.
Stefan Soltek, der Direktor des Museums es bezeichnete.
Die 1942 in Beuthen geborene Karin Innerling, die in Essen aufwuchs, studierte
nach dem Abitur an der Technischen Hochschule Aachen Architektur bei Gottfried
Böhm, Malerei bei Hubert Berke und Philosophie bei Walter Biemel. Sie arbeitete
in verschiedenen Architekturbüros im Bereich Entwurf. 1982 bis 1984 studierte
sie Radierung und Lithographie bei Rudolf Schönwald. 1984 entstand auch ihr
erstes Buchobjekt. 1995 erhielt sie ein Stipendium der Stiftung Kulturfond
Ahrenshoop. In ihrem Buchschaffen versucht die Künstlerin, wie sie sagt,
„möglichst eine Einheit von Text, Bildern und Gesamtbuchform zu erreichen,
vergleichbar einer Theaterinszenierung, wo Text, Schauspieler, Choreographie,
Bühnenbild und Kostüme eine einheitliche Aussage anstreben“. Wichtig seien ihr
hierbei Assoziationsfreiheit und Spiel und dadurch die Einbindung des Lesenden
beziehungsweise Schauenden. Die Bücher oder Buchobjekte, meist Laserdrucke,
enthalten Radierungen, Siebdrucke oder Materialdrucke auf geschöpftem Bütten.
Petra Ober, 1953 in Bad Reichenhall geboren, studierte an der Akademie der
Bildenden Künste München und lebt abwechselnd in Frankfurt/Main und Pfarrwerfen
(Österreich). Sie hat an vielen Ausstellungen im In- und Ausland teilgenommen
und eine große Reihe von Preisen und Auszeichnungen für ihr künstlerisches Werk
erhalten. Von ihr waren in der Präsentation Objekte, Graphiken, Zeichnungen und
vor allem Künstlerbücher zu bewundern, letztere fast ausschließlich in starken,
oft dunklen, aber variantenreichen Farben und Formen gehalten, bis zum
halbrunden Format. – Die Ausstellung zeigte wieder einmal, wie vielfältig die
Möglichkeiten einer attraktiven Buchgestaltung sein können.
Ferdinand Puhe
Georg Kaisers
atemberaubende Karriere. Akademiefenster heißt eine Buchreihe der Berliner
Akademie der Künste, in der Funde aus den Nachlässen von Autoren, Künstlern,
Kunsthistorikern und Theatermachern ausgebreitet werden. Es handelt sich um
Begleitbücher zu Ausstellungen, die jedoch meist interessanter sind als der
Anlaß – aus konservatorischen Gründen zeigt die Akademie immer häufiger nur noch
Kopien der empfindlichen Archivalien. In den Broschurdeckel ist symbolisch ein
Fenster gestanzt, das einen Blick auf ein Porträtfoto dahinter gewährt. Jetzt
erschien ein von Andrea Illig solide gestalteter Band, der einem immer wieder
totgesagten Dramatiker gewidmet ist, dessen Stücke sich dennoch – in freilich
heute bescheidenerem Maße als ehedem – auf den deutschen Bühnen behaupten: Kunst
und Leben. Georg Kaiser (1878-1945). Hrsg. v. Sabine Wolf. Berlin 2011. 206 S.,
zahlr. Abb. 8°. Br. 19,80 Euro. ISBN 978-3-88331-174-6. Das Buch besteht im
Hauptteil aus gut reproduzierten Dokumenten, an denen entlang das Leben und vor
allem die erstaunliche Wirkungsgeschichte der Stücke dargestellt werden. Die
Briefe, Fotos, Theaterprogramme, Kritiken etc. sind kommentiert und in den
Zusammenhang gestellt durch meist kürzere, aber prägnante Intermezzi, die die
Herausgeberin Sabine Wolf verfaßt hat. Sie berichtet in der Einleitung des
Buches über die Geschichte des Kaiser-Archivs, das in den 1950er Jahren auf
Initiative von Walther Huder von der in Berlin lebenden Witwe erworben und in
der Akademie der Künste Berlin/West eingerichtet wurde. Wie der Erwerb des
Heinrich-Mann-Nachlasses für die Ost-Akademie, so wurde der Kaiser-Nachlaß für
die West-Akademie zum Anstoß, ein Archiv für Schriftsteller- und
Künstlernachlässe einzurichten. Im Anhang zum Hauptteil des Buches stehen zwei
Aufsätze, die sich mit einem Vergleich von Kaisers Stück Gas mit Fritz Langs
Film Metropolis (Heike Klapdor) und mit Kaisers Wirkungsgeschichte (Frauke
Krause) beschäftigen.
Das Bild, das in dem Buch von Kaiser dargeboten wird, ist durchaus
vielschichtig. Der Erfolg seiner Stücke war teilweise atemberaubend. Mit der
Uraufführung der Bürger von Calais erlebte er 1917 mitten im Krieg seinen
Durchbruch. In der Weimarer Republik war er neben Gerhart Hauptmann der
meistgespielte zeitgenössische Autor, der auf viele jüngere Dramatiker
nachhaltigen Einfluß hatte. Namentlich Brecht empfing von ihm wichtige
Anregungen für sein episches Theater. Das Echo der Kritik dagegen war geteilt.
Während Alfred Polgar und vor allem Alfred Kerr nicht mit Kritik sparten, hielt
Herbert Jhering große Stücke auf Kaiser. Der Erfolg stieg dem Kaufmannssohn
zeitweise zu Kopfe. Anfang der zwanziger Jahre geriet er gar in Haft, weil er
seinen teuren Lebensstil durch Verpfändung von gemieteten Einrichtungsstücken,
darunter die sprichwörtlichen Silberlöffel, finanzierte. In der Nazi-Zeit wurde
Kaiser kaltgestellt, selbst die Unterzeichnung der Ergebenheitsadresse, die den
Mitgliedern der Preußischen Akademie der Künste von der NS-Führung abverlangt
wurde, nutzte ihm nichts. Seine Stücke wurden nicht gedruckt, geschweige denn
gespielt. Ende 1938 entschloß er sich deshalb zur Emigration in die Schweiz.
Begleitet wurde er nicht von Frau und Kindern, sondern von einer Geliebten und
deren Tochter. Zwar wurde er wieder gedruckt, so bei Emil Oprecht in Zürich,
doch Inszenierungen erlebte er kaum. Das Kriegsende brachte die sehnlich
erwartete Wende, er wurde wieder gespielt. Doch schon im Juni 1945 starb er in
Ascona, ohne deutschen Boden wieder betreten zu haben.
C. W.
Schutzumschläge der Nachkriegszeit. Eine kleine Tafelausstellung mit
kommentierten Reproduktionen von Schutzumschlägen von 1945 bis 1956 aus der SBZ/DDR
ist noch voraussichtlich bis Ende September in Berlin zu sehen. Der Publizist
Dr. Erhard Weinholz hat aus dem Materialfundus seiner Privatsammlung eine
Auswahl getroffen, die charakteristische Beispiele für die ästhetische
Bewältigung der Nachkriegsjahre zeigt, von Heinz Reins Finale Berlin bis zu
Ehrenburgs Tauwetter. In Gruppen wie Aufbau in Stadt und Land, Reportagen,
chinesische und mongolische Literatur oder Kinderbücher geordnet, erhält der
Betrachter einen Eindruck von der äußeren Gestaltung der Literaturproduktion
dieser Jahre. Mit Namen wie Klaus Wittkugel, Gerhard Goßmann, Paul Rosie oder
Werner Klemke sind daran bis heute unvergessene Künstler beteiligt. In der vom
Verein Pro Kiez Bötzowviertel ehrenamtlich betreuten Kurt-Tucholsky-Bibliothek
in der Esmarchstraße 18, Berlin-Prenzlauer Berg, sind die Tafeln zu den
Öffnungszeiten der Bibliothek zugänglich.
Konrad Hawlitzki
Konferenzbericht zur Feldpost. Vom 13. bis zum 15. September 2010 fand im
Museum für Kommunikation Berlin eine Konferenz über das wichtigste private
Kommunikationsmittel in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, die
Feldpost, statt. 45 Wissenschaftler und Publizisten aus elf Nationen referierten
und diskutierten über den aktuellen Stand der internationalen Feldpostforschung.
Die Veranstalter legen nun einen fulminanten Bericht vor: Schreiben im Krieg –
Schreiben vom Krieg. Feldpost im Zeitalter der Weltkriege. Hrsg. v. Veit
Didczuneit, Jens Ebert und Thomas Jander. Essen: Klartext Verlag, 2011. 538 S.
Pp. 8°. Euro 34,95. ISBN 978-3-8357-0461-3. Die Verfasser untersuchen die
unterschiedlichen nationalen Perspektiven auf die Kriege, den Wert der Feldpost
als historische Quelle in Ergänzung der offiziellen Kriegsberichterstattung und
die privaten Schicksale und individuellen Eindrücke der Kriegsteilnehmer. In den
Beiträgen werden Zeitzeugnisse eines das 20. Jahrhundert prägenden Abschnitts
der europäischen Geschichte aus kommunikationshistorischer Sicht vorgestellt,
bewertet und erstmals in einen größeren Kontext gestellt. So entsteht eine
Geschichte der Weltkriege von unten – die Feldpost als unverstellte Äußerungen
einfacher Soldaten, ihre Erlebniswelt und Lebenswirklichkeit im Krieg. Der
Umfang der Dokumente ist immens. Allein auf deutscher Seite wurden in beiden
Weltkriegen mittels Feldpost 68 Milliarden Stück befördert, das sind Briefe,
auch mit Fotos, Zeichnungen und Tagebüchern, Postkarten, Päckchen und Pakete.
Feldpost ist auch privates Sammelobjekt, die vorliegende Veröffentlichung wird
so für Bibliophile von besonderem Interesse sein. Besondere Aufmerksamkeit
verdienen in diesem Zusammenhang die drei einleitenden Beiträge (zur Geschichte
der Rezeption und Sammlung von Feldpost in Deutschland, zur Sammlung von
Feldpost im Museum für Kommunikation Berlin sowie zu fotografischen
Selbstdarstellungen von Kriegsteilnehmern), die acht Beiträge zum Thema
„Feldpostbriefe als historische Quelle“ und die neun Beiträge zu „Feldpost im
Spiegel von Literatur, Kunst und Medien“. Dieser Sammelband ist die erste
umfangreiche Darstellung zur Feldpost. Sein Inhalt geht weit über eine
Konferenzberichterstattung hinaus und ist eine unverzichtbare Monographie. Das
Berliner Museum für Kommunikation besitzt mit über 100 000 Briefdokumenten eine
der größten Sammlungen an Feldpost aus beiden Weltkriegen. 1400 ausgewählte
Briefe aus der Zeit von 1939 bis 1945 sind in der Online-Datenbank des Museums
zugänglich (www.museumsstiftung.de/feldpost/), die Online-Präsenz von Feldpost
aus dem Ersten Weltkrieg und eine Wechselausstellung Kommunikation und Krieg
werden für 2014 vorbereitet.
Dieter Schmidmaier
Geschichte des
Instituts für Verlagswesen und Buchhandel Leipzig. Zwei Todesfälle und eine
Hochzeit. Die Buchwirtschaft auf dem Wege zur Buchwissenschaft in Leipzig nach
dem II. Weltkrieg lautet der etwas sperrige Titel eines Aufsatzes von Reimar
Riese (in: Kultursoziologie. Aspekte – Analysen – Argumente. Wissenschaftliche
Halbjahresschrift der Gesellschaft für Kultursoziologie e.V. Leipzig, H. 1/2011,
S. 47-72). Er läßt nicht erkennen, daß darin die Geschichte des Instituts für
Verlagswesen und Buchhandel (IVB) an der Leipziger Universität von seiner
Gründung 1968 bis zur Abwicklung 1992 behandelt. Dargelegt wird die Geschichte
eines Universitätsinstituts, das in der 2009 anläßlich des 600-jährigen
Jubiläums publizierten mehrbändigen Geschichte der Universität Leipzig nicht
vorkommt.
An der Leipziger Universität gab es in den sechziger Jahren Bestrebungen, die
1951 mit der Emeritierung von Prof. Gerhard Menz abgebrochene Ausbildung in
Buchhandelslehre in neuer Form weiterzuführen; im Ministerium für Kultur war man
gleichzeitig bemüht, an einer Universität ein Zentrum für „sozialistische
Buchwissenschaft“ zu errichten. Schließlich wurde im Februar 1968 unter
maßgeblicher Federführung des Ministeriums für Kultur an der Leipziger
Universität das IVB gegründet, nachdem das Ministerium für Finanzen der
Universität die für dieses Institut notwendigen Mittel angewiesen hatte.
Für das IVB wirkte sich die doppelte Unterstellung – Ministerium für Kultur und
Universität (erst Philosophische Fakultät, später Sektion Kultur- und
Kunstwissenschaften) – negativ aus. Es überwog die vom Ministerium
aufoktroyierte ideologische Ausrichtung, auch wenn sich im Laufe der Zeit rein
pragmatisch die Probleme der Praxis stärker durchsetzen konnten. Und doch
erreichte das IVB insgesamt eine durchaus beachtliche Bilanz – insgesamt
absolvierten 250 Mitarbeiter von Verlagen und Buchhandlungen ein postgraduales
Zusatzstudium, 225 Diplom- bzw. Abschlußarbeiten wurden geschrieben, zwei
Habilitationen und acht Dissertationen verteidigt, 160 Fachbeiträge
veröffentlicht.
Mit der Liquidierung der Sektion Kultur- und Kunstwissenschaften verlor das IVB
seine Anbindung an eine Fakultät und wurde ebenfalls abgewickelt. Als ein neuer
Anfang ist die Errichtung einer Professur Buchwissenschaft/Buchwirtschaft an der
Universität Leipzig zu betrachten, für die 1995 Dietrich Kerlen als Professor
berufen wurde. Nach dessen Tod 2004 übernahm Siegfried Lokatis diese Professur.
Peter Hoffmann
Die
Heimatbücher der deutschen Vertriebenen. Der Böhlau-Verlag legt eine
umfangreiche Analyse zu einer kaum beachteten Informationsquelle vor, den
Heimatbüchern der deutschen Vertriebenen: Jutta Faehndrich, Eine endliche
Geschichte. Die Heimatbücher der deutschen Vertriebenen. Köln, Weimar, Wien:
Böhlau Verlag, 2011. X, 303 S. (= Visuelle Geschichtskultur 5)Pp. 8°. Euro
44,90. ISBN 978-3-412-20588-1. Das Buch ist ein Muß für Historiker und
Kommunikationswissenschaftler und zugleich eine wunderbare
Hintergrundinformation für Bibliotheken, Museen und Archive sowie Privatsammler
von Heimatbüchern. Die Autorin bezeichnet die Heimatbücher der Vertriebenen „als
Ausdrucksmittel einer Kultur des Erinnerns an Verlorenes“. Es zeigt sich, wie
viele historische und geographische Kenntnisse im Laufe der letzten Jahrzehnte
abhanden gekommen sind, eine Terra incognita mit auf heutigen Landkarten nicht
mehr vorhandenen deutschen Bezeichnungen von Gegenden wie Glatzer Bergland,
Kaschubische Schweiz und Zips und Orten wie Sackelhausen, Gnadental und
Untertannowitz. Derzeit sind etwa 750 Heimatbücher deutscher Vertriebener
bekannt, 300 davon hat die Autorin in einer Bibliographie am Ende der
Veröffentlichung erfaßt. Die Arbeit kann in drei Abschnitte eingeteilt werden:
Der erste Abschnitt ist eine umfassende Einführung in den Gegenstand
(Fragestellungen, Forschungsstand, Methoden, theoretische Grundlagen), der
zweite behandelt das Heimatbuch als Kind des vergangenen Jahrhunderts
(Geschichte und Tradition der Heimatkunde und Geschichte und Typologie des
Heimatbuchs), der dritte und ausführlichste die Heimatbücher der deutschen
Vertriebenen und das kulturelle Gedächtnis der Vertriebenen im Heimatbuch. Die
Autorin erhielt für diese Dissertation 2010 den wissenschaftlichen Förderpreis
des Botschafters der Republik Polen verliehen, der jährlich für herausragende
Dissertationen und Abschlußarbeiten aus dem Bereich der Geistes- und
Sozialwissenschaften zur polnischen Geschichte und Kultur sowie zu den
deutsch-polnischen Beziehungen vergeben wird. Zum Thema Vertreibungen im 20.
Jahrhundert sei ein großartiges Nachschlagewerk aus dem gleichen Verlag
empfohlen: Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und
ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Detlef Brandes,
Holm Sundhausen, Stefan Troebst u.a. 2010. 801 S. Pp. 8°. Euro 79,–. ISBN
978-3-205-78407-4.
Dieter Schmidmaier
Andrea Lange –
eine bedeutende Buchkünstlerin. Gemälde, Holzschnitte und vor allem Bücher
der Künstlerin Andrea Lange zeigte die Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main,
in den Monaten Juni und Juli. Der Leiter des Buchladens, Wolfgang Grätz, der
auch den art-club der Büchergilde leitet, hatte einen informativen Überblick auf
das jüngere Werk der 1970 in Dresden geborenen Malerin, Graphikerin,
Buchgestalterin und Druckerin zusammengestellt. Im Mittelpunkt stand das
großformatige, in diesem Jahr erschienene Hohelied – Lied der Lieder mit dem von
Alisa Stadler aus dem Hebräischen übersetzten Text und einem Nachwort von Rainer
Stöckli. Der 64 Seiten umfassende Band (40 x 36 cm) enthält 16 farbige und 6
schwarzweiße Originalholzschnitte. Der Text wurde von Hand gesetzt und gedruckt,
die feste Buchdecke und der Schuber sind ebenfalls bedruckt. Die Auflage beträgt
33 Exemplare. Ein von der hohen Qualität der Holzschnitte und der
Gesamtgestaltung bestimmtes wertvolles Buch!
Wie auch die nachfolgend genannten Bücher erschien das Werk in der von Andrea
Lange und Bettina Haller 1998 gegründeten Sonnenberg-Presse. Bisher haben 24
Drucke von hohem Anspruch dieser Presse den Ruf verschafft, eine der besten
deutschen Werkstätten zu sein. Das künstlerische Schaffen von Andrea Lange wurde
vorbereitet durch ihr Studium der Malerei und Graphik an der Leipziger
Hochschule, wo sie auch ihr Meisterschüler-Studium absolvierte. Wie Grätz
berichtete, umfaßt das Werk der Künstlerin auch handgemalte Unikatbücher. In
letzter Zeit habe sich Andrea Lange verstärkt der Malerei zugewandt, wovon
überzeugende Beispiele in der Ausstellung zu sehen waren.
Unter den präsentierten Büchern, alle in kleiner Auflage, fielen dem Betrachter
weitere Titel auf, die sich durch herausragende Gestaltung und Bildqualität
auszeichnen. Da sind zunächst die Verse der Irin Cathal o Searcaigh, Tag aller
Tage, übersetzt von Hans Thill und mit 12 Farbholzschnitten versehen, davon zwei
doppelseitigen. Der Umschlag ist mit einem weiteren Holzschnitt geschmückt. Wie
alle Bücher ist auch dieses im Handsatz und traditionellem Buchdruck hergestellt
(2009, 32 Seiten, 30 x 39 cm, 25 Exemplare). Nichts als den Himmel enthält
Collagen von Texten Philipp Melanchthons mit 10 ganzseitigen Farbholzschnitten,
die das Spirituelle eindrücklich „ins Bild bringen“. Die Vorsätze zieren
ebenfalls doppelseitige Holzschnitte, wie auch den leinenen Buchumschlag (24
Seiten auf Zerkall-Bütten, 41 x 29 cm, 30 Exemplare). Zu einem anrührenden Text
über das Älterwerden der beiden ersten Menschen von Marie Luise Kaschnitz, Adam
und Eva, schuf Lange 11 einzeln signierte Farb- und Schwarzweißholzschnitte, die
den Text einfühlsam interpretieren (26 Seiten, 32 x 37 cm, von Ludwig Vater,
Jena, handgebunden, 40 Exemplare). Weitere Bücher enthalten Texte von Frederik
Vahle, Jurek Becker und Werner Heiduczek. Zusammen mit den Einzelgraphiken und
Bildern eine überzeugende Präsentation der künstlerischen Arbeiten von Andrea
Lange.
Ferdinand Puhe
Kaleidoskop IV
der Limlingeröder Reihe ist kürzlich erschienen, eine stattliche, 178 Seiten
umfassende Broschur in feiner Aufmachung, wie zuvor die Kaleidoskope I – III
sorgsam komponiert, mit eigenen Beiträgen bereichert und im Auftrag des
Fördervereins „Dichterstätte Sarah Kirsch“ herausgegeben von Heidelore Kneffel.
Eingerahmt von Sarah Kirschs Blumengarten, diesen verspielten
Blümchen-Vignetten, und Schriftzeichen aus dem Gästebuch der Dichterstätte,
bietet das Heft in bunter Mischung, orientiert um die letzten „Limlingeröder
Diskurse“ (2007-2010), Texte und Betrachtungen zu Sarah Kirsch, von und zu
Wegbegleitern und Gästen der Diskurse. Darüber hinaus werden Veranstaltungen und
Ausstellungen dokumentiert und gewürdigt. Eine farbenreiche, vielstimmige und
sehr lebendige Bilanz der letzten Jahre dieses besonderen Literatur- und
Kunstortes hält der Leser in den Händen.
„Die Werke Sarah Kirschs in einer Auswahl, geschrieben an den Orten ihrer
verschiedenen Existenzformen“, ein einfühlsam-umsichtiger Text Heidelore
Kneffels, resümiert zu Beginn mit biographischen und zeitkritischen
Seitenblicken die Werke Sarah Kirschs, soweit sie in der
Dichterstätte-Bibliothek versammelt sind. Aufschlußreich darin vergleichende
Hinweise auf BRD- und DDR-Ausgaben derselben Werke.
Eine schöne Würdigung wird der dänischen Lyrikerin Inger Christensen (1935-2009)
zuteil. Sie war mit Sarah Kirsch bekannt und ihr verbunden, hatte 1996 anläßlich
der Verleihung des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises an Sarah Kirsch die
Laudatio gehalten und darin die „Landschaft Kirsch“ erkundet, mit ihren
„Schutthalden, Irrgärten und schönen Gefühlen“. Auch ein Hinweis auf das 2009
erschienene Poesiealbum 285: Inger Christensen mit Bildbeigaben von Hermann
Glöckner fehlt nicht. Nachzulesen sind in diesem Band die brillanten
Vortragstexte Fritz Mieraus zu Ossip Mandelstam (10. Diskurse 2007) und Sergej
Jessenin (11. Diskurse 2009). Vorgestellt werden zudem die Betrachtungen Thomas
Wilds im Juni 2008 zu Uwe Kolbes Gedichten und Karl Robert Straubes Text Zu den
Landschaften Ron Winklers während der Diskurse 2009.
Eine wesentliche Bereicherung erfährt dieses Kaleidoskop IV durch den Nachdruck
von acht Rezensionen Christian Egers zu Sarah Kirschs Werk, die zwischen 2003
und 2010 zuerst in der Mitteldeutschen Zeitung erschienen waren, darunter ein
sehr lesenswerter Geburtstagsgruß zum Siebzigsten der Dichterin vom 16. April
2005. Ein Bericht über die 13. Limlingeröder Diskurse am 26. und 27. Juni 2010
mit Nancy Hünger, Erich Arendt und Dieter Goltzsche beschließt den Textreigen,
dessen farbenreiche Mitte Malereien mit poetischen Titeln von Karin Kisker
bilden.
Ursula Lang
Neue schöne
Kinderbücher. Die Genesis, die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments,
hat vor allem für Kinder seit Jahrhunderten eine starke Anziehungskraft. So ist
es nicht verwunderlich, daß auch in unseren Tagen immer wieder Kinderbücher
diese faszinierenden Erzählungen der Bibel darstellen und in Bildern
interpretieren. Der Verlag Rizzoli in Mailand brachte 2008 in seiner Reihe
Storie della Biblia den Band La Creazione heraus. Das Buch wurde so gut
aufgenommen, daß es nun von der bohem press, Zürich, mit deutscher Übertragung
auch für die deutschsprachigen Kinder und interessierte Erwachsene vorgelegt
wurde. Die Schöpfungsgeschichte wird neu erzählt von Paola Parazzoli, der
Cheflektorin des Verlages Rizzoli, die bereits mehrfach Märchen und Gedichte für
Kinder veröffentlichte. Die Übersetzung besorgte Danielle Heufemann in
schlichter, kindgerechter Sprache. Das Buch aber lebt von seinen ganzseitigen
Illustrationen und den Vignetten am Anfang der Texte jeder Seite. Sie wurden
geschaffen von Antonella Abbatiello, die bisher schon etwa 70 Kinderbücher
illustriert hat, die in 13 Ländern erschienen. Für ihre Arbeiten erhielt sie
eine Auszeichnung der UNESCO sowie in den Jahren 1993, 2008 und 2009 den Titel
„White Raven“ der Jugendbibliothek Schloß Blutenburg. Die Illustrationen –
ebenso schlicht und einfach wie der Text – sind starkfarbig und erläutern die
Geschichte der siebentägigen Erschaffung von Welt, Lebewesen und Pflanzen und
zuletzt der Menschen Adam und Eva in einer einprägsamen Bildersprache. Dabei
bleiben die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau, wenngleich in
verhaltener Darstellung, nicht ausgespart. Die Geschichte endet mit dem
Brudermord von Kain an Abel und den für die Menschheit daraus erwachsenen Folgen
(48 Seiten, ISBN 3-85581-506-2, Euro 14,95).
Von ganz anderer Art ist das „echte“ Kinderbuch Gute Reise, kleine Wolke. Die
Geschichte ohne Worte für Kinder ab 3 Jahren von MUZO erschien bereits 2004 in
den Editions Autrement und war so erfolgreich, daß der Schweizer aracari-Verlag
aus Baar das Buch in diesem Jahr neu herausbrachte. Die phantasiereiche
Erzählung berichtet von einem Wölkchen, das dem Kessel einer Hexe entweicht und
durch den Kamin in die weite Welt fliegt. Auf ihrer Reise hilft sie nach Wasser
lechzenden Blumen, bildet einem Frosch einen Tümpel zum Hineinhüpfen und
freundet sich mit einem Mäuschen an. Das Wölkchen segelt über Landschaften und
Dörfer. Sie gelangt in eine von Qualm und Abgasen übel zugerichtete Stadt. Dabei
wird sie so grau-braun, daß sie sich in einer Waschmaschine wieder sauber
waschen läßt. So kann sie weitere Abenteuer erleben. Die poetisch, anrührend und
luftig leicht erzählte Geschichte lebt aus ihren einfachen, gut verständlichen
farbigen Bildern. So lädt sie Kinder dazu ein, auch ihre eigene Phantasie
spielen zu lassen, die Geschichte weiterzuspinnen. Der nur unter dem Namen Muzo
bekannte Graphiker aus Rennes hat eine Kunstgewerbeschule besucht und wurde
durch die Mitgestaltung an einer Fernsehserie des Senders Antenne 2 bekannt.
1993 illustrierte MUZO sein erstes Kinderbuch. Derzeit teilt er seine Zeit
zwischen Aufträgen für Presse und Verlage einerseits und der Malerei
andererseits (28 Seiten, ISBN 3-905945-10-2, Euro 12,90).
Eher ein Buch für Erwachsene und allenfalls für Kinder ab 10 Jahren ist das
höchst amüsante, gar frech verschmitzte Achtung, Kinder! von Christine
Nöstlinger, kongenial illustriert von Heide Stöllinger. Der durch zahlreiche
Bücher (hauptsächlich für Kinder) im gesamten deutschsprachigen Raum weit
bekannten österreichischen Autorin gelang mit neuen Gedichten über Glück und
Unglück der Kindheit wieder ein großer Wurf, für Erwachsene zum Schmunzeln, für
Kinder zum Lachen – nicht aber als Empfehlung zur Nachahmung! Die eingängigen
Verse sind in bezaubernder Weise mit den farbigen Zeichnungen so
zusammengestellt, daß eine klare Lesefreundlichkeit gegeben ist. Die Bilder
vertiefen das Gelesene optimal. Ein rundum sammelnswertes Buch (fadengeheftet)!
Christine Nöstlinger, die sich selbst als „wildes und wütendes Kind“ bezeichnet,
geboren 1936 in Wien-Hernals, stammt aus einer sozialistisch geprägten
Handwerkerfamilie. Nach der Matura studierte sie Gebrauchsgraphik an der
Akademie für Angewandte Kunst in Wien. Bald aber wurde das Schreiben ihre große
Leidenschaft. Vor allem verfaßt sie Kinder- und Jugendbücher, ist aber auch für
Fernsehen, Radio und Zeitschriften tätig. Inzwischen hat sie für ihr Werk eine
Fülle von Preisen und Auszeichnungen erhalten. An der gleichen Hochschule hatte
auch die 1941 in Klagenfurt geborene Heide Stöllinger studiert, die dann aber
bei der Graphik, vor allem der Illustration blieb. Auch sie wurde mit
bedeutenden Preisen ausgezeichnet (Nilpferd in Residenz, 64 Seiten, ISBN
3-7017-2095-8, Euro 16,90).
Die minedition von Michael Neugebauer, Bargteheide, legt mit Teilen macht Spaß
ein Kinderbuch vor, das nicht nur Kindern Spaß macht. Der Text entstammt der
Feder der 1960 in Kufstein geborenen Brigitte Weninger und ist reich illustriert
mit einfühlsamen Bildern der Französin Eve Tharlet. Die Erzählung um Vorfreude,
Enttäuschung und (nicht zu später) Einsicht in die Notwendigkeit des Teilens
zeigt auf, wie gegenseitiges Helfen und Teilen nicht nur Streit verhindert,
sondern auch verbindet und sogar Freude macht. Die Illustratorin, die ihr
Kunststudium in Straßburg absolvierte, hat dazu ganzseitige Bilder in zarten
Pastellfarben komponiert. Der in der Type Ikone gesetzte Text ist gut lesbar in
den freien Farbflächen plaziert. Ein empfehlenswertes, gut gemachtes Buch mit
pädagogischem Anspruch (32 Seiten, ISBN 3-86566-145-6, Euro 12,95).
Ferdinand Puhe
Franz Fühmann
und der Pegnesische B1umenorden. Der 1999 gegründete Freundeskreis Franz
Fühmann veranstaltet in unregelmäßiger Folge meist in Berlin literarische
Abende, die Fühmanns vielseitige Beziehungen thematisieren, so in letzter Zeit
zu E. T. A. Hoffmann, Paul Karpati und Ernst Barlach. Nun widmete sich im Mai
2011 ein Abend im Berlin-Kreuzberger „Büchertisch“ Fühmanns langjähriger
Beschäftigung mit den Spielformen der Poesie. Der Schriftsteller und Herausgeber
Paul Alfred Kleinert ging von Fühmanns Sprachspielbuch Die dampfenden Hälse der
Pferde im Turm von Babel von 1978 aus und kam dann zu den Traditionen der
Sprachspiele. Im Deutschland des 17. Jahrhunderts hatten sich mehrere sogenannte
Sprachgesellschaften gebildet, die sich für die Reinhaltung der deutschen
Sprache einsetzten und die barocke Dichtung beförderten. Eine dieser oft nur
kurzlebigen Gesellschaften, die „Gesellschaft der Schäfer an der Pegnitz“ oder
„Der Gekrönte Pegnesische Blumenorden“ aber hat alle Zeitläufte überdauert und
existiert als nunmehr älteste literarische Gesellschaft in Deutschland bis heute
in ihrer Gründungsstadt Nürnberg. Zwei Vertreter der Gesellschaft waren
angereist und schilderten in Wort und Bild die Geschichte der Pegnitzer Schäfer
von ihrer Gründung 1644 durch Georg Philipp Harsdörffer und Johann Kluj bis zu
den heutigen kulturellen Aktivitäten im Nürnberger Raum. Proben der barocken
Poesie, besonders aus Harsdörffers berühmtem Nürnberger Trichter, erheiterten
die Berliner Zuhörer (siehe auch die Typographische Beilage zu MARGINALIEN, H.
187, 2007). Diese Veranstaltung wird am 24. September 2011 in Nürnberg im
Bürgermeisterturm an der Neutormauer wiederholt.
Konrad Hawlitzki
Mitteldeutsches Jahrbuch 2010. Unter den Periodika, die sich mit der Kultur
und Geschichte der neuen Bundesländer beschäftigen, nimmt das Mitteldeutsche
Jahrbuch für Kultur und Geschichte, einen bedeutenden Platz ein. 1994 begründet,
erschien 2010 der 17., von Harro Kieser und Gerlinde Schlenker herausgegebene
Band. Gegenstand des Jahrbuchs sind die fünf neuen Bundesländer und Berlin sowie
ihre politischen Vorgänger, vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Die Bände
gliedern sich in einen Aufsatzteil, einen reichhaltigen Teil an Gedenkartikeln,
wie Jubiläen von bedeutenden Persönlichkeiten und Institutionen sowie Nachrufe,
einen Berichtsteil mit Darstellungen von Forschungsvorhaben und -ergebnissen,
Museumsporträts, Nachlaßvorstellungen, Ausstellungsbesprechungen etc, sowie
einen vielseitigen Rezensionsteil. Besonders profiliert ist der Gedenkteil, der
nicht nur kürzere und längere Darstellungen enthält, sondern auch ein sicher
sehr mühvoll erstelltes Kalendarium. Um möglichst vielen Themen Raum zu
gewähren, sind die Texte in der Regel kurz bis mittellang, also eine bis 20
Druckseiten. Diese Textlänge eignet sich besonders für biographische Beiträge,
die im Jahrbuch zahlreich vertreten sind. Um den Inhalt grob zu umreißen, seien
hier einige Persönlichkeiten genannt, die für Buch- und Kunstfreunde von
Interesse sind, wie Königin Luise von Preußen, die französische Schriftstellerin
Madame de Staël und ihr Deutschlandbuch von 1810-1814, der Theologe Friedrich
Schleiermacher und sein Verleger Georg Andreas Reimer, die Schriftsteller Ernst
Moritz Arndt und Fritz Reuter, der Maler Philipp Otto Runge, der Komponist
Friedemann Bach und der Literatur-Nobelpreisträger Paul Heyse, der
Goethe-Forscher Ernst Beutler, der Romanist Victor Klemperer, der Publizist
Wilhelm Herzog, die Sprachwissenschaftler Ernst Wasserzieher und Gerhard
Kettmann, der Kunsthistoriker Wolfgang Hütt und der Lyriker Heinz Czechowski.
Daneben gibt es auch etliche andere buchkundliche Beiträge, wie eine Erinnerung
an die Anfänge von Gustav Kiepenheuer in Weimar ab 1910 oder die Gründung der
Cansteinschen Bibelanstalt 1710 in Halle (Saale). Die meisten Texte sind gut
geschrieben, freundlich, aufgeschlossen und an der Sache interessiert. Es gibt
aber auch Polemik und harsche Kritik, wie eine umfangreiche Kritik an einer
Dissertation über das Bauhaus. Informiert wird häufig über zeitgenössische
Debatten, die sich um historische Persönlichkeiten drehen. So gab es 2009/2010
eine heftige Auseinandersetzung um Ernst Moritz Arndt, dessen Namen die
Greifswalder Universität seit 1933 trägt. Der „völkische Ideologe und Antisemit“
sollte nach Ansicht einer studentischen Initiative nicht länger Namenspatron
einer liberalen Universität sein.
C. W.
Heimkehr von
Büchern Veltheim-Ostraus – dank der Pirckheimer-Gesellschaft. Kaum hatte ich
das 201. Heft (1, 2011) der MARGINALIEN in der Hand, stieß ich auf den Seiten 86
ff. auf eine Veranstaltung mit Dr. Walter Müller über den Autor Hans Hasso von
Veltheim aus Ostrau, und ich erinnerte mich an einige Bücher in meiner
Bibliothek.
Vor über 25 Jahren schenkte mir mein bester Freund, der meine Leidenschaft für
Reise- und Abenteuerliteratur kennt, das Buch von Veltheim-Ostrau: Der Geist
Asiens. Das Bleibende aus drei Büchern, Tagebücher aus Asien, Der Atem Indiens,
Götter und Menschen zwischen Indien und China, zusammengefaßt und herausgegeben
von Gisela Bonn. Claasen Verlag Düsseldorf, 1. Auflage 1976. Der Autor war mir
damals unbekannt. Ich nahm zunächst lediglich zur Kenntnis, daß er in Köln
geboren und im Ersten Weltkrieg Luftschiffer gewesen war – ein Thema, welches
mich erst viel später bei einem eigenen Buch interessieren sollte.
Nach der sog. Wende kaufte ich dann auf einem Buchmarkt an der Berliner
Museumsinsel zwei in grau-braunem Leinen gebundene Bücher im Format DIN A4, Band
I und II der Berichte über meine Asienreise 1937-38 von Veltheim-Ostrau. Es
handelt sich um einen Matrizenabzug, ein „unkorrigiertes Manuskript!“, wie dem
Titelblatt des ersten Bandes zu entnehmen ist, beim „Oscar R. Henschel
Hauptbüro“ eingegangen am 12. August 1938. Die Titelblätter kennzeichnen die
beiden Bände als 8. und 13. Fortsetzung. Sie weisen keine Schäden und
Gebrauchsspuren auf.
Nachdem ich mich damals über den Autor „etwas schlau gemacht hatte“, schrieb ich
an die zuständige Stadtverwaltung, um die Bücher für die Bibliothek oder das
Archiv anzubieten. Ich erhielt darauf nie eine Antwort. Deshalb nahm ich die
Bände in meine Abteilung „Karl May und Abenteuerliteratur“ auf. In den
MARGINALIEN las ich nun, daß die Bibliothek des Autors nach 1945 wohl mehrmals
regelrecht geplündert wurde. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, wie
bedeutungsvoll mein damaliger Zufallsfund sein könnte. Nach wie vor war ich
bereit, beide Bände einer öffentlich zugänglichen Einrichtung zu überlassen, da
ich zu der Spezies gehöre, die meint, gewisse Bücher, Archivalien u.ä. gehören
in die Hand der Öffentlichkeit. Also schrieb ich an Carsten Wurm und bat ihn,
eine E-Mail, in der ich meinen Fund beschrieb, an Dr. Walter Müller
weiterzuleiten. Daraufhin kam es zu einem interessanten längeren Telefongespräch
mit Dr. Müller von der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt Halle.
Er erzählte mir Näheres von der einstmals großen, nunmehr aber „verstreuten“
Bibliothek und von der Person des Hans Hasso von Veltheim aus Ostrau. Meine
beiden Bände fehlten in der Universitäts- und Landesbibliothek. Weiter machte er
mich auf das Schloß Ostrau aufmerksam, das sich im Besitz der Gemeinde Ostrau
befindet und vom Ostrauer Kulturverein betreut wird. Dessen Internetseite
(http://www.ostrauer-schloss.de/) bietet einen kleinen Einblick in die bisher
geleistete Arbeit sowie natürlich auch entsprechende Kontaktmöglichkeiten für
Führungen. Schließlich gab mir Dr. Müller noch einen Hinweis auf biographische
Literatur zu Hasso v. Veltheim-Ostrau. Ich erklärte mich bereit, meine beiden
Exemplare der Universitäts- und Landesbibliothek zur Verfügung zu stellen. Wie
mir Dr. Müller zwischenzeitlich bestätigte, sind sie dort auch schon
wohlbehalten eingetroffen. Mit anderen Worten: Der ost-westliche Deal via
Pirckheimer hat funktioniert!
Manfred Backhausen
NACH
REDAKTIONSSCHLUß
Jens Henkel: Max Thalmann. Graphiker und Buchkünstler. Mit einem Beitrag
von Irmgard Heidler zur Buchgestaltung für den Eugen Diederichs Verlag Jena.
Rudolstadt: burgart-presse Jens Henkel, 2011. 168 S., 247 Abb. 29 x 22 cm. 25
Euro. ISBN 978-3-9110206-76-2.
Eine Neuerscheinung aus der burgart-presse von Jens Henkel aus Rudolstadt wird
jeder Bücher- und Graphikfreund mit Freuden erwerben. Jedes der Bücher und jeder
der Drucke, die der Verleger und zugleich Kustos am Thüringer Landesmuseum
Heidecksburg seit 1990 herausgibt, genügen höchsten bibliophilen, künstlerischen
und drucktechnischen Ansprüchen.
Mit seinem in diesem Jahr erschienenen und von ihm selbst gestalteten Buch zu
Max Thalmann (1890 Rudolstadt – 1944 Weimar) ist Jens Henkel in der Reihe
edition burgart auch als Autor einer wissenschaftlichen Arbeit hervorgetreten.
Ihm gebührt damit das Verdienst, einen der vielen, in einem örtlich begrenzten
Rahmen, hier Thüringen, tätig gewesenen Künstler wiederentdeckt zu haben, die
sich nur kurz überragender öffentlicher Anerkennung erfreuen konnten, deren Werk
aber einen wichtigen Beitrag zur Stilprägung in ihrer Zeit geleistet hat. Zu
nennen wären Thalmanns spätexpressionistische Landschaftsdarstellungen in
unterschiedlichen Techniken, besonders aber seine Leistungen als Holzschneider.
Während er in der Mappe Passion (1921) eine dekorative Darstellung benutzt,
vermittelt Amerika im Holzschnitt (1924/1925) in acht Großstadtansichten ein
Bild der modernen Welt, wie es etwa Fritz Langs Metropolis zeigt, und weist
stilistisch in Richtung Kubismus. In der Mappe Der Dom (1923) wiederum beginnt
sich die Darstellung im Abstrakten aufzulösen. Max Thalmann gehört in der Kunst
zu der Hefe, aus deren Gärprozeß schließlich bei anderen etwas Neues wird.
Solche Künstler sind, für sich gesehen, allemal ein Gewinn für die Kunst, für
die kunstgeschichtliche Entwicklung aber sind sie unentbehrlich. Eine Vielzahl
von Thalmanns Werken konnte in diesem Buch erstmals veröffentlicht werden.
Als Buchgestalter für den Eugen Diederichs Verlag in Jena, der er aus
wirtschaftlichen Gründen von 1920 bis zu seinem Tod war, beeindruckte er nicht
durch Innovationen. Er setzte jedoch durch künstlerische Gediegenheit und
sachliche Strenge sowie seinen schier unerschöpflichen Einfallsreichtum
Maßstäbe.
Jens Henkel, der unter dem Titel Max Thalmann. Schüler von Henry van de Velde
und Otto Dorfner, Jungmeister am Bauhaus, Buchgestalter bei Eugen Diederichs
eine Ausstellung im Stadtmuseum Weimar (6. Mai bis 10. Juli 2011) ermöglicht
hatte, fand bei seinen Recherchen zu Thalmann eine „sehr dünne Faktenlage“ vor,
was die Biographie des Künstlers anbelangt, dessen Nachlaß sich in der Klassik
Stiftung Weimar befindet. Rückschlüsse auf Thalmanns Leben und künstlerische
Entwicklung zog er unter anderem aus den Motiven seiner Bilder, aus dem
„Programm und Lehrplan der Fachkurse für Buchbinder“ der Kunstgewerbeschule
Weimar, aus dem Zeugnis, mit dem er zur Meisterprüfung des Buchbinderhandwerks
zugelassen wurde, und auch aus der politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Situation in Weimar zu Ende des Ersten Weltkrieges. Neue Lebensmodelle
entstanden, die zu einer Reform künstlerischer Ausdrucksmittel führten und zum
Bauhaus. Allerdings, so wird vorsichtig spekuliert, dürfte Thalmanns Verhältnis
zu dessen Programm „eher distanziert ausgefallen sein“. Das schließt der Autor
daraus, daß keine Erwähnung seines Namens in öffentlichen Statements und keine
Freundschaften zu den „Jungen Wilden“ nachzuweisen sind, auch keine
Ausstellungen in Galerien wie Waldens „Sturm“. Als sich die neue
Bauhausprogrammatik durchzusetzen begann, schied Thalmann folgerichtig aus. Er
war offenbar ein Einzelgänger, näherte sich jedoch in Stilistik und Motivwahl
den Bauhausmeistern, zum Beispiel Feininger, an. Insgesamt gelingt es Jens
Henkel in akribischer Kleinarbeit sehr gut, ein stimmiges Bild dieses
beachtenswerten Künstlers vorzuführen, ohne in haltlose Spekulationen zu
verfallen, und gleichzeitig ein nicht nur lokal gültiges Gesellschaftsbild zu
malen.
Im Zusammenhang mit Thalmann wird die Thelemannschen Buchhandlung Bruno
Wollbrück vorgestellt, eine „bislang kaum bekannte Schaltstelle im Weimarer
Kulturleben nach 1918“. In dem zweiten Teil des Buches wird von Irmgard Heidler,
die sich der Buchgestaltung in ambivalenten Zeiten: Max Thalmann im Eugen
Diederichs Verlag (1920-1944) widmet, erstmals Thalmanns buchgestalterische
Arbeit wissenschaftlich untersucht. Eine Kurzbiographie, Literaturhinweise sowie
das Verzeichnis der illustrierten Bücher und Mappenwerke beschließen den reich
mit Abbildungen ausgestatteten Band.
Lothar Lang |