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Redaktionsschluss 18. April 2011 25 Jahre Wallstein-Verlag. Am 17. Juni begeht in Göttingen der Wallstein Verlag sein 25jähriges Gründungsjubiläum. Er wurde 1986 von Thedel von Wallmoden und den Brüdern Dirk und Frank Steinhoff gegründet. Der Verlagsname wurde aus den ersten Silben der beiden Familiennamen gebildet. Erste geschäftliche Erfolge erzielte das Unternehmen, das sogleich in innovative Computertechnologie investierte, mit Satzaufträgen für Fremdfirmen, während das Literaturprogramm mit dem Briefwechsel zwischen Gottfried August Bürger und seinem Verleger Johann Christian Dieterich eröffnet wurde. 1992 verließen die Brüder Steinhoff den Verlag, Markus Ciupke wurde neuer Gesellschafter. 2004 trat Thorsten Ahrend der GmbH bei und zeichnet seitdem für das belletristische Programm im Wallstein Verlag verantwortlich. Einen ersten großen Erfolg erzielte der Verlag 1992 mit Ruth Klügers Autobiographie weiter leben – Eine Jugend, inzwischen ein »Klassiker der Holocaust-Literatur«, der allein in Deutschland rund 500 000 mal (inklusive Lizenzausgaben) verkauft und in zehn Sprachen übersetzt wurde. Weitere Verkaufserfolge waren in den letzten Jahren die Briefe Gottfried Benns an Ursula Ziebarth (Hernach), Carl Zuckmayers Geheimreport und sein Deutschlandbericht, Michael Hagners Geniale Gehirne und eine Ausgabe der Briefe Golo Manns. Zuletzt erregte der Roman Hundert Tage (2008) von Lukas Bärfuß Aufsehen und ist inzwischen in sechs Auflagen erschienen und in 15 Sprachen übersetzt worden. Heute produzieren 18 Mitarbeiter in den Geschäftsräumen in der Geiststraße mehr als 150 Neuerscheinungen pro Jahr. 2010 lag der Umsatz bei 2,5 Millionen Euro. Das Programm ist breit aufgefächert und umfaßt ebenso Wissenschaftsliteratur und Belletristik. Etabliert sind besonders die Bereiche Literaturwissenschaft, Zeitgeschichte mit einem Schwerpunkt Holocaust und Wissenschaftsgeschichte. Beeindruckend ist die Vielzahl von kommentierten Ausgaben – Werkausgaben von Karl Viktor von Bonstetten, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Ludwig Christoph Heinrich Hölty, Georg Christoph Lichtenberg, Johann Heinrich Merck, Friedrich Rückert und Johann Heinrich Voß, von Hugo Ball, Nicolas Born, Joseph Breitbach, Albert Ehrenstein, Yvan und Claire Goll, Siegfried Jacobsohn, Gertrud Kolmar und Jakob van Hoddis. Die Editionen sind ebenso gründlich wie gut gestaltet. Nicht zuletzt deshalb hat Thedel von Wallmoden schon seit Jahren den Vorsitz der Stiftung Buchkunst inne. Seit einigen Jahren macht der Verlag auch mit neuen belletristischen Büchern von Heinz Ludwig Arnold, Daniela Danz, Adolf Endler, Peter Handke, Ruth Klüger, Günter Kunert, Hermann Peter Piwitt, Fred Wander und Ulf Erdmann Ziegler von sich reden. Eine schöne, sammelwürdige Reihe hat der Verlag mit den Göttinger Sudelblättern geschaffen, schmale Hefte mit zeitgenössischer Essayistik, so von H. G. Adler, Friedrich Dürrenmatt, Robert Gernhardt, Helmut Heißenbüttel, Daniel Kehlmann, Herta Müller, Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf. Im Jubliäumsjahr erscheinen unter anderem eine sechsbändige Ausgabe von Rahel Varnhagen, Buch des Andenkens an die Freunde, Matthias Zschokkes Mail-Roman Lieber Niels und Gregor Sanders Erzählungen Winterfisch. C. W.
Eine Ausstellung zum 30. Todestag von Charlotte E. Pauly. Charlotte E. Pauly (1886-1981), promovierte Kunsthistorikerin, Schriftstellerin, Übersetzerin, zum Beispiel von Garcia Lorca, und vor allem bildende Künstlerin, war eine eigenständige, eigenwillige und unkonventionelle Persönlichkeit. Um die schon Hochbetagte scharten sich in ihrem Wohnort Berlin-Friedrichshagen, wo heute eine Straße nach ihr benannt ist, von den sechziger und besonders siebziger Jahren bis zu ihrem Tod junge Künstler und Intellektuelle. Vor den Nazis, bei denen ihre Kunst als entartet eingestuft worden war, hatte sich die gebürtige Schlesierin 1935 in die schlesischen Berge nach Agnetendorf zurückgezogen. Im Osten Deutschlands, wohin sie 1946 zurückkehrte, platzte sie alsbald in die kulturpolitischen Auseinandersetzungen um den Sozialistischen Realismus, ohne sich jedoch direkt einzumischen. Sie war später für die jungen Künstler ein Vor- und Gegenbild, weil sie, ohne sich einem Stil oder offiziell gewünschten Inhalten unterzuordnen, frisch und unverkrampft das malte, zeichnete oder druckgraphisch umsetzte, was in ihre Welt paßte. Das waren vor allem die einfachen Menschen, wie der Bauer, der Fischer, die Gemeindeschwester, der Bäcker, sowie Tiere und Natur. Die Pauly, wie sie liebevoll genannt wurde, war in ihrer temperamentvoll-sprudelnden Art für Geistesschaffende aller Art ein Magnet. Sie hatte, meist spartanisch mit nicht mehr als der Fahrkarte in der Tasche, viel von Europa und dem Vorderen Orient gesehen, war vielseitig interessiert und mit ihren immer sehr direkten, kritischen Urteilen zur Kunst und zum Zeitgeschehen anregende Gesprächspartnerin. Anläßlich des 30. Todestages von Charlotte E. Pauly am 24. März 1981 hat der Gerhart Hauptmann Museumsverbund im Gerhart-Hauptmann-Haus in Erkner mit Förderung durch das Brandenburgische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur eine kleine Pauly-Ausstellung (14. 4. – 22. 5.) eingerichtet. Die Künstlerin lebte in Agnetendorf in unmittelbarer Nähe von Gerhart Hauptmann und ging in dessen Haus ein und aus. Sie zeichnete ihn auf dem Totenbett und verließ Schlesien 1946 mit dem Sonderzug, der den Leichnam Haupmanns nach Hiddensee brachte. Die zwanzig ausgestellten Arbeiten von Charlotte E. Pauly befinden sich durch Gustav Erdmann im Besitz des Gerhart-Hauptmann-Museums Erkner. Er hatte 1981 mit der Einrichtung des Museums begonnen und war bis zu seinem Tod 1994 dessen Leiter. Die Pauly war sehr produktiv und konnte auch immer gut verkaufen. Ein Großteil ihres Werkes befindet sich im Kupferstichkabinett Berlin. Gustav Erdmann, der mit Ehefrau Barbara zu Paulys Freundeskreis gehörte, hatte über 200 künstlerische und literarische Arbeiten von ihr gesammelt. Durch ihn selbst und nach seinem Tod durch seine Frau ist ein großes Konvolut davon als Schenkung in das Museum gekommen. Wie der kleine Katalog in deutscher und polnischer Sprache aussagt, sind „viele Skizzen und Studien“ zu sehen, „die noch nie in einer Ausstellung präsentiert wurden und auf bekannte Werke der Künstlerin verweisen“. Die größtenteils undatierten Arbeiten in mannigfaltigen Techniken reichen von der Agnetendorfer Zeit bis zu einer postum gedruckten Algraphie. Als Bezug zu Hauptmann sind drei Aquarelle eines 1945/1946 entstandenen Zyklus von 25 Blatt zu Hauptmanns utopischem Roman Die Insel der großen Mutter hervorhebenswert. Vom 15. November 2011 bis 29. April 2012 ist die Ausstellung im Städtischen Museum Gerhart-Hauptmann-Haus Agnetendorf zu sehen. Der Katalog Charlotte E. Pauly kostet 5 Euro und ist zu beziehen über das Gerhart-Hauptmann-Museum, Gerhart-Hauptmann-Straße 1 bis 2, 15537 Erkner, Tel. 03362 / 3663. Elke Lang
Mendelssohn-Privatsammlung übergeben. Am 30. März 2011 übergab der Nestor der deutschen Mendelssohn-Forschung, Dr. Rudolf Elvers, seine Mendelssohn-Sammlung, eine der weltweit bedeutendsten Privatsammlungen über den Komponisten und Gewandhaus-Kapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy, an das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig. Über viele Jahrzehnte hat der inzwischen Sechsundachtzigjährige Originale von und über Felix Mendelssohn Bartholdy zusammengetragen, allerdings mußte die Sammlung in seiner aktiven Zeit als Leiter des Mendelssohn-Archivs und seit 1968 als Leiter der Musikabteilung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz begreiflicherweise ruhen. Doch seit seiner Pensionierung konnte er die noch aus Studententagen stammenden Objekte – auch dank seiner reichen internationalen Kontakte – systematisch mehren und erforschen. Inzwischen umfaßt die Sammlung mehr als 1300 Bücher, Erstdrucke, Notenblätter, Zeichnungen und Briefe, unter anderen von Goethe, Clara Schumann, Max Reger, Alexander von Humboldt, Hans Christian Andersen. »Ich nehme Abschied von meiner Sammlung – und das dauert etwas länger«, sagte Rudolf Elvers in der Feierstunde im Festsaal des Alten Rathauses, »ich habe beschlossen, Leipzig ist dafür der beste Ort«. Vor zwei Jahren habe er einen Vortrag beim Leipziger Bibliophilen-Abend gehalten (vgl. Marginalien, H. 194), danach eine Mendelssohn-Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum besucht – das habe ihn dann endgültig überzeugt. Neben Berlin und Oxford ist nun Leipzig einer der großen Orte der Mendelssohn-Forschung. H. K.
Nachlaß Niklas Luhmann. Die Universität Bielefeld hat den umfangreichen wissenschaftlichen Nachlaß des Soziologen Niklas Luhmann (1927-1998) erworben. Luhmann wurde 1968 als erster Professor an die Universität Bielefeld berufen und lehrte hier bis zu seiner Emeritierung 1993. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Gesellschaftstheoretiker des vorigen Jahrhunderts. Sein Werk umfaßt über 50 Monographien, darunter Soziale Systeme, Einführung in die Systemtheorie und Einführung in die Theorie der Gesellschaft sowie Hunderte von Aufsätzen. Der aus Familienbesitz erworbene Nachlaß enthält mehrere Buchmanuskripte in nahezu publikationsreifem Zustand, Aufsätze, Urkunden, Auszeichnungen, seine Korrespondenz sowie seinen in Fachkreisen sehr bekannten, nahezu legendären Zettelkasten. Der Bestand ist die Grundlage des neu gebildeten Luhmann-Archivs und wird zuerst eingescannt und digitalisiert. Dieter Schmidmaier
Neues Archiv für französische Chansons. 2011 erhielt die Universität des Saarlandes die in den letzten 15 Jahren gewachsene Sammlung französischer Chansons des Radionmoderators Gerd Heger, der beim Saarländischen Rundfunk die Sendung Rendezvous Chanson präsentiert und die Konzertveranstaltung Bistrot Musique leitet. Die Sammlung umfaßt mehr als 20 000 französischsprachige Titel und Konzertmitschnitte, einige DVDs und Chansonliteratur. Sie enthält die Chansons der wichtigsten Künstler der Vergangenheit wie Georges Brassens und Edith Piaf und der Gegenwart wie Arnaud Fleurent-Didier, aber auch völlig unbekannte Songs. Neben dem Musikarchiv des Saarländischen Rundfunks verfügt die Universität mit dieser Sammlung über die zweitgrößte Chansonsammlung in Deutschland. Die Sammlung wird in der Bibliothek des Instituts für Musikwissenschaft archiviert, die über 2000 CDs können dort angehört werden. Dieter Schmidmaier
Die Deutsche Nationalbibliothek eröffnet am 9. Mai 2011 an ihrem Leipziger Standort, der Deutschen Bücherei, deren nun schon fünften Erweiterungsbau. Der von der Architektin Gabriele Glöckler konzipierte, 59 Millionen Euro teure Bau in Form eines liegenden Buches wird das Deutsche Buch- und Schriftmuseum sowie das aus Berlin nach Leipzig übersiedelte Deutsche Musikarchiv aufnehmen. In dem architektonisch beeindruckenden Lesesaal des Buch- und Schriftmuseums stehen nun zirka 7000 Werke im jederzeit frei verfügbaren Handapparat, weitere 80000 Bände können dank modernster Technik im Handumdrehen in den Saal geliefert werden. Ebenso großzügig ist der Lesesaal des Musikarchivs ausgestattet, in dem man – sowohl an historischen wie an modernsten Abspielgeräten – die Tonträger auch abhören kann. Desweiteren hat im Erweiterungsbau der neue Lesesaal der Anne-Frank-Shoah-Bibliothek samt der Sammlung Exil-Literatur Platz gefunden, deren Handapparat von zirka 10 000 Bänden nebenan in einem frisch ausgebauten Bereich erreichbar ist. Während die Lesesäle schon seit Mitte März den Benutzern zur Verfügung stehen, sollen bis zur Eröffnung auch die beiden großen Hallen für die Dauerausstellung und für Sonderausstellungen fertig sowie das äußere Umfeld des Hauses wohlgestaltet sein. H. K.
Zwei Spätexpressionisten im Kunstkeller Annaberg. Seit seiner Gründung zeigt der Kunstkeller Annaberg (Wilischstraße 11, Tel. 03733-42001) immer wieder auch Ausstellungen von überregionaler Bedeutung. Eine beeindruckende Bilanz vermittelte im Jahre 2008 ein informativer, bilderreicher Katalog, der anläßlich des zehnjährigen Bestehens des Kunstkellers erschien und der einen Überblick gibt über die vielseitigen Unternehmungen, Ausstellungen und Editionen und die zahlreich beteiligten Künstler. Die Marginalien haben die Editionen zu Carlfriedrich Claus und die Mail-Art-Projekte gelegentlich begleitet. Aus der Vielzahl der Aktivitäten seien hier Ausstellungen wie Hommage à Carlfriedrich Claus (2000) zum 70. Geburtstag des Künstlers, Elisabeth Ahnert / Albert Wigand – eine Künstlerfreundschaft (2007), Alfred Traugott Mörstedt (2008) nochmals in Erinnerung gerufen. Zuletzt war 2010 die Schau Carlfriedrich Claus und Albert Wigand – eine Künstlerfreundschaft zu sehen, wunderbare Collagen und Zeugnisse unter anderem aus dem Besitz der Tochter Wigands und aus dem Claus-Archiv der Kunstsammlungen Chemnitz. Nun überrascht der Kunstkeller vom 14. Mai bis zum 31. Juli mit der Ausstellung Fritz Keller (1915–1994) / Heinz Tetzner (1920–2007). Gezeigt werden Malereien von Keller und Malerei und Holzschnitte von Tetzner. Heinz Tetzner, 2007 in seinem nahe Chemnitz gelegenen Wohnort Gersdorf im Alter von 87 Jahren verstorben, blieb der expressionistischen Formensprache und dem leidenschaftlichen Impetus des „Brücke“-Expressionismus nahe, und der zu Unrecht weniger bekannte Fritz Keller aus Glauchau ist in seiner Farbintensität und Motivwahl und auch in der Formensprache ebenfalls expressionistischer Ausdruckskunst verbunden. Beide Künstler sind sozusagen „Expressionisten der zweiten Generation“, beide von interessierten Kunstfreunden in diesem Sommer in Annaberg neu zu entdecken. U. L.
Japanisches Buchdesign der Gegenwart zeigte das Museum für Druckkunst Leipzig in der Zeit vom 13. Februar bis zum 27. März 2011 als Sonderausstellung anläßlich des 150. Jubiläums der deutsch-japanischen Freundschaft in Zusammenarbeit mit dem japanischen Kulturinstitut Köln und dem Printing Museum Tokio. An Hand von einhundert ausgewählten Beispielen prämierter Titel aus den Sachgebieten Literatur, Kunst- und Fotobände, Sachbücher, Ratgeber und Manga wird eine sehr eigenständige und vielfältige, höchst professionelle Buchgestaltung deutlich. Ausführliche und informative Legenden mit Angaben zum Inhalt der gezeigten Bücher überbrückten für den Betrachter die Sprachschwierigkeiten. Es zeigt sich, daß die Grundform des Buches universal ist; trotz erheblicher Unterschiede in Schrift, Satz und Zeilen- bzw. Spaltenanordnung ist die Gesamtgestaltung zeitgenössischer japanischer Bücher nicht grundlegend anders als in unserem Kulturraum. Im Unterschied zu unseren Büchern sind die japanischen aber oftmals kleiner, leichter – die japanische Schlauchbindung gestattet dünnere Papiere – und schmiegsamer, häufiger broschiert, und Einband und Schutzumschlag vielfach rein typographisch und in der Farbgebung zurückhaltend gestaltet. Auch für den Schriftunkundigen ist die hohe typographische Meisterschaft der Gestalter erkennbar, die immerhin gleichzeitig mit drei verschiedenen Schriftsystemen umgehen müssen: mit Kanji, den alten aus China übernommenen Zeichen, daneben die besonders für literarische Texte benutzte Silbenschrift Hiragana und schließlich Katagana zur Darstellung von Lehn- und Fremdwörtern sowie als Auszeichnungsschrift ähnlich unserer Kursive. Den japanischen Typographen gelingt es dennoch, ein gleichmäßiges, ruhiges und gut lesbares Satzbild zu erzeugen – und das bei zum Teil extrem kleinen Schriftgraden. Bewundernswert sind auch die Präzision in Druck und Bindung sowie die wunderbaren filigranen und gestochen scharfen Prägungen und Ausstanzungen. – Ein besonderer Höhepunkt während der Ausstellung war am 25. Februar der Vortrag der japanischen Kalligraphin Kaoru Akagawa (in Deutsch!) mit anschließender Vorführung; an diesem Tage waren auch etliche kalligraphische Arbeiten der Künstlerin zu sehen. – Da die Ausstellung um eine Woche verlängert wurde, kamen die Leipziger Bibliophilen zur Finissage noch in den Genuß einer Führung durch unser Mitglied Thomas Schulze, Vorsitzender der Deutsch-japanischen Gesellschaft Leipzig, der weitere Informationen auch zu Verlagswesen und Distribution in Japan bereithielt. Außerdem durften auch einige Vitrinen zwecks genauerer Betrachtung der Bücher geöffnet werden. – Im Anschluß geht die unbedingt sehenswerte Ausstellung nach Köln. H. K.
Das Alphabet von A bis Z. Die MEWO Kunsthalle Memmingen zeigt in einer spektakulären Ausstellung vom 27. März 2011 bis 31. Juli 2011 eine große Vielfalt von Alphabeten. Die Kuratoren Prof. Dr. Joseph Kiermeier-Debre und Dr. Fritz Franz Vogel haben die Exponate überwiegend aus der Sammlung Julia Vermes, Basel, zusammengestellt, ergänzt durch Leihgaben der Bayerischen Staatsbibliothek. – Die geniale menschliche Erfindung, Vokale und Konsonanten in Buchstaben zu setzen, sind die Ur- und Grundelemente, mit denen alles Gedachte und Gesprochene für alle Zeit festgehalten ist. Nach antiken Vorstellungen waren die Bildzeichen göttlicher Herkunft. Der Schreiber genoß hohes Ansehen und gehörte der Priesterkaste an. Sein Gegenstück im Himmel war der Schreiber der Götter, in Babel Nebo, in Ägypten Toth. Verwendet wurden nicht Schriftzeichen, sondern Bildzeichen. Bis heute ist nicht sicher, ob die Phöniker oder die Hebräer das heutige Alphabet entwickelt haben. Die Welt bestand lange ohne Schriftzeichen, aber die moderne menschliche Entwicklungsgeschichte wäre ohne Alphabet nicht möglich. Die Schrift ist also eine der größten Leistungen menschlichen Erfindungsgeistes. Die Kuratoren betonen, daß die Ausstellung aus reiner Lust am Buchstaben erwachsen sei und die Vielfalt der Buchstaben zeigen soll. Es ist weder eine Einführung in die Schriftentwicklung beabsichtigt noch eine Vermittlung von Wissen. In der Ausstellung geben über 8000 gestaltete, figurierte und dekorierte Buchstaben Zeugnis von der magischen Anziehung des Alphabets auf den schöpferischen Geist. Der Gestaltungsreichtum dieser „Letteratur“ zieht sich durch die Jahrhunderte, von der farbenprächtig gemalten Initiale über die Buchstaben-Holzschnittminiatur, den Buchstaben im opulenten Kupferstichblatt, kalligraphischen Buchstaben, die Buchstaben-Wunderwelten im 19. Jahrhundert bis zu Entwürfen von Graphikern und Designern unserer Tage. Besonders im Leporello gelingen schöne alphabetische Wunderwelten. Das ABC ordnet die Dinge der Welt im Lexikon und in der Enzyklopädie, nicht anders in den „Abcedarien“ des Mittelalters bis heute. Selbst als Russisch Brot, Kaugummi-Buchstaben oder als Buchstabensuppe ist das Alphabet allgegenwärtig. Der Besucher wird im Eingangsbereich der MEWO Kunsthalle von einem riesigen 13 mal 11 Meter großen ABC-Plakat empfangen, das bereits einen nachdrücklichen Eindruck hinterläßt. Desweiteren befindet sich im Eingangsbereich eine Video-Schau mit allen möglichen Varianten – von Spielzeug-Alphabeten bis Kopfalphabeten. Wenigstens aufgezählt seien folgende ausgestellte Alphabete: Alphabet aus Steinen, Bilder-Alphabete, unter anderen von Alfred Kubin und Josua Reichert, erotische ABC, unter anderen von Michael Haussmann, ein Exlibris-Alphabet von Peter Israel, Figurenalphabete, unter anderen von Hans Erni und Yves Nußbaum, ein Friedhof-Alphabet, phantastische ABC, unter anderem von Bernhard Jäger, ein Räuber-ABC und das Urgroßvater-ABC von James Krüss, ein Reagenzglasalphabet, Scherenschnittalphabete in Papier und Holz, das Figurenalphabet des Meisters E. S. aus dem 15. Jahrhundert. Aus der Bayerischen Staatsbibliothek lagen aus Wolfgang Fugger: Ein nutzlich und wohlgerundt formular, Mancherley schöner schriefften, Nürnberg 1553, Lucas Brunn: Praxis Perspectivae (mit 26 Kupfern), Leipzig 1628, Thomas Bewick: 1800 woodcuts and his school, London o. J. Bewicks Holzschnitte sind mit einer bemerkenswerten Präzision geschnitten und gedruckt. Hervorhebenswert ist auch das Alphabet aus Fotographie und Typographie des tschechischen Surrealisten Karel Teige, ABECEDA (1928). Weitere Infos finden sich unter www.memmingen.de/kunsthalle.html. Zur Ausstellung erscheint im Böhlau Verlag Köln ein Katalog. Zum Schluß noch ein ABC-Vers aus einem Schweizer Kinderbuch: „In Zürich wohnen nette Leute/ das Znüni macht den Kindern Freude“ (Znüni heißt das zweite Frühstück.) Manfred Neureiter
Gemalt mit lebendiger Farbe. Von 23. März bis 26. Juni 2011 präsentiert die Bayerische Staatsbibliothek in ihrer Schatzkammer die Ausstellung Gemalt mit lebendiger Farbe. Illuminierte Prachtpsalterien vom 11. bis zum 16. Jahrhundert. Anlaß ist die Faksimilierung des Goldenen Münchner Psalters aus dem Bestand der Bibliothek, die im Quaternio Verlag Luzern erscheint. Den Besucher erwartet eine erlesene Auswahl bedeutender illuminierter Psalterhandschriften des 11. bis 16. Jahrhunderts aus den bibliothekseigenen Beständen. Der Psalter, die 150 Psalmen des Alten Testaments, eine Sammlung von Hymnen und Gebeten, ist das Gebetbuch von Judentum und Christentum. War der Psalter bereits in frühchristlicher Zeit eines der meist gelesenen Werke, erreichte dessen Beliebtheit und Verbreitung im 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt. In dieser Zeit entstand der in seinem Bilderreichtum unübertroffene Goldene Münchner Psalter, der im Mittelpunkt der Ausstellung steht. Prachtvolle Bilderzyklen erzählen vor einem leuchtend goldenen Hintergrund die Geschichten des Alten und Neuen Testaments. So besticht das opulente Werk durch seinen Reichtum an Initialzierseiten, farbigem Zeilenschmuck sowie zahlreichen Miniaturen, die das Gebetbuch zu einer regelrechten Bilderbibel machen. Daneben zeugen 12 weitere Exponate aus Deutschland und England von der imposanten Buchmalerei der mittelalterlichen Prachtpsalterien. Neben bedeutende Zeugnisse der bayerischen Buchmalerei treten fünf reich illuminierte Psalterhandschriften, die hier erstmals in einer Münchner Ausstellung zu bewundern sind. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog zum Preis von 16,00 Euro erschienen.
Mit einem historischen Reiseführer auf Buchtournee durch Leipzig. Leipzigs Ruf als erster Buchhandelsplatz der Welt ist heute nur noch Legende. Der Rückgang verlief in drei Phasen: In der ersten richtete der Krieg mit den Bombardements in der Stadt sein Unheil an. Es folgten die Repressionen der Besatzungszeit und die Enteignungen am Beginn der DDR, begleitet vom Exodus der Firmen Richtung Westen. Schließlich brachte die Einführung der Marktwirtschaft das Ende vieler Firmen des Verlagswesens und der graphischen Industrie mit sich. Das Graphische Viertel von Leipzig wurde weitgehend von der Buchwirtschaft beräumt, abgesehen von einigen Leuchttürmen wie dem Neubau des Hauses des Buches auf dem Grundstück des im Krieg nahezu zerstörten Deutschen Buchhändlerhauses. Doch viele Gebäude, die einst weltweit bekannte Verlage, Druckereien, Bindereien und Buchhandelsfirmen beherbergten, haben die Zeiten nicht nur überstanden, sondern erstrahlen heute im neuen, alten Glanz. Freilich haben die heutigen Eigentümer und Mieter meist nichts mit dem Buchwesen zu tun. Jetzt ist ein Stadtführer erschienen, mit dessen Hilfe sich der Buchfreund auf Spurensuche in der Stadt machen kann: Sabine Knopf, Buchstadt Leipzig. Der historische Reiseführer. Berlin: Ch. Links, 2011. 109 S. Br. Gr.-8°. 14,80 Euro. ISBN 978-3-86153-634-5. Die Autorin Sabine Knopf hat sich durch eine Vielzahl von größeren und kleineren Publikationen zur Leipziger Buchgeschichte ausgewiesen und beherrscht ihr Fach so gut, daß sie das komplexe Wissen komprimiert und dennoch gut lesbar auszubreiten versteht. Das Buch ist aufgebaut nach den Stadtvierteln, in denen sich die Buchbranchen konzentrierten, und innerhalb von diesen nach den Adressen der bedeutsamen Gebäude. Zu jedem Firmen- und Wohnsitz werden kleinere Artikel mit vielen interessanten Informationen über die Firmengeschichte, die Biographien der Inhaber/Bewohner und die Architektur des Hauses dargeboten. Diese Artikel sind durchnumeriert. Die Nummern finden sich wieder auf Überblickskarten, nach denen der Buchfreund die Viertel gezielt durchstreifen kann. Eine Einführung und einige thematische Exkurse wie Leipzigs graphische Betriebe, Bauschmuck und Repräsentation, Villen und Wohnhäuser Leipziger Verleger, Buchhändler und Druckereibesitzer, verhelfen zur Systematisierung des Stoffes. Eine reiche, teilweise farbige Bebilderung vermittelt eine gute Anschauung. Die Betrachtung der prächtigen Buchpaläste, meist in den Jahrzehnten vor und nach 1900 in geschmackvollem, historistischem Stil errichtet, verlangt nicht nur Bewunderung ab, sondern stimmt auch melancholisch: Die große Zeit des Buchdrucks ist wohl doch zu Ende, nirgendwo auf der Welt können reine Buchverleger und -drucker heute noch auf so großem Fuße leben wie einst in Leipzig ... C. W.
Die Anfänge der Münchener Hofbibliothek. Anläßlich der Feiern zum 450jährigen Jubiläum der Bayerischen Staatsbibliothek München fand unter Federführung des Ersten Vorsitzenden der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Alois Schmid, ein eintägiges Symposium zur Gründungsgeschichte dieser Institution statt. Das Ziel bestand darin, den Gründungsvorgang tiefer in der Politik, Gesellschaft und Kultur Bayerns in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu verankern. Der Tagungsbericht (Die Anfänge der Münchener Hofbibliothek unter Herzog Albrecht V. Hrsg. Alois Schmid. München: Verlag C.H. Beck, 2009. 192 S. (Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte; Beiheft 37) 8°. Pp. Euro 28,00. ISBN 978-3-406-10678-1) enthält Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven. Einem Grußwort von Rolf Griebel und einem Beitrag von Alois Schmid zum Forschungsstand folgen acht weitere Beiträge. Drei davon beschäftigen sich mit dem politischen und kulturellen Umfeld, in dem sich die Gründung der Hofbibliothek vollzog: Aspekte des europäischen Späthumanismus mit Hinweisen auf die Stellung Albrechts V. (Gerrit Walther), der Strukturwandel des Humanismus in Bayern unter besonderer Berücksichtigung der großen Leistungen Albrechts V., die in der Schaffung neuer Einrichtungen wie der Hofbibliothek mündeten (Alois Schmid) sowie Albrecht V. und der Münchener Renaissancehof (Maximilian Lanzinner). Helmut Zedelmaier widmet sich unmittelbar der Gründung der Hofbibliothek 1558 durch Albrecht V. Es folgen drei Beiträge zum Grundbestand der Hofbibliothek: die Bibliothek des Orientalisten und Landshuter Hofrates Johann Albrecht Widmannstetter (1506-1577) (Helga Rebhan), des Augsburger Patriziers Hans Jakob Fugger (1516-1575) (Wolfgang E.J. Weber) und des Nürnberger Arztes und Humanisten Hartmann Schedel (1440-1514) (Franz Fuchs). Der auf Seite 168 erwähnte Nürnberger Patrizier Hans Pirckheimer ist der Großvater des Namensgebers unserer Gesellschaft (vgl. die vorzügliche Arbeit von Renate Johne, Marginalien, H. 78, 1980, S. 61-67). Der abschließende Beitrag beschäftigt sich, leider sehr kurz, mit Aspekten der Geschichte der habsburgischen Hofbibliothek in Wien (Alfred Kohler). Ein interessanter Sammelband, der bis auf eine Ausnahme die Entwicklung einer Bibliothek im Humanismus aus der Sicht der universitären Lehre und Forschung beschreibt. Deshalb fehlen auch Beiträge zum Bibliotheksalltag (zum Beispiel Finanzierung, Verwaltung, Unterbringung). Alois Schmid ist zuzustimmen, daß die Bibliotheksgeschichte nicht nur als historische Hilfswissenschaft betrachtet werden kann, sondern „als unverzichtbare Grundwissenschaft aller Kulturgeschichte“ (im Vorwort). Eine gute Ergänzung zu den Veröffentlichungen zum Bibliotheksjubiläum (vgl. Marginalien, H. 193, 2009, S. 39-43). Dieter Schmidmaier
Lexikon rußlanddeutscher Schriftsteller. Wenn von deutschsprachiger Literatur die Rede ist, dann denkt man kaum an Rußland – und doch gab und gibt es bei den im Russischen Reich, in der Sowjetunion und heute in den Staaten der GUS lebenden Deutschen seit dem 18. Jahrhundert eine eigene, überwiegend deutschsprachige Literatur. Sie zu erschließen ist die wesentliche Aufgabe eines jetzt in zweiter, stark erweiterter deutscher Auflage vorgelegten biobibliographischen Handbuches: Herold Belger, Russlanddeutsche Schriftsteller. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Biografien und Werkübersichten. Erw. Neuaufl. 2010. Ins Deutsche übersetzt und ergänzt von Erika Voigt und Irina Leinonen. Berlin: NoRa Verlagsgemeinschaft Dyck und Westerheide, 2010. 260 S. 8°. Br. 19,90 Euro. ISBN 978-86557-243-1. Erstmals war dieses von dem in Kasachstan lebenden deutschsprachigen Schriftsteller und Übersetzer Herold Belger erarbeitete Werk 1995 in Almaty in russischer Sprache erschienen. 1999 hatte die Edition Ost eine rasch vergriffene deutsche Übersetzung herausgegeben. Waren in der ersten deutschsprachigen Auflage 267 Namen erfaßt, so sind es in der zweiten Auflage fast 400. Und doch scheinen weitere Ergänzungen möglich. Laut Untertitel ist angestrebt, die rußlanddeutsche Literatur „von den Anfängen bis zur Gegenwart“ zu erfassen. Dann hätten aber auch die deutschen Poeten an der Petersburger Akademie aufgenommen werden müssen. Im 18. Jahrhundert haben beispielsweise die Professoren der Rhetorik Gottlob Friedrich Wilhelm Juncker (1702 bzw. 1705-1746) und Jacob v. Stählin (1709-1785) in Petersburg unter anderem Oden und unterschiedliche Prosaschriften (darunter Beschreibungen von Hoffestlichkeiten) in deutscher Sprache veröffentlicht. Der Autor – Herold Belger – wird von Leonhard Kossuth in einem einfühlsamen Essay im Vorspann des Buches als dreisprachiger Autor und Übersetzer (deutsch – russisch – kasachisch) vorgestellt und gewürdigt. Peter Hoffmann
Schätze im Himmel. Unter dem 993 zum Bischof von Hildesheim ernannten Bernward (um 960-1022) kam Hildesheim zu einer großartigen künstlerischen Blüte. Er förderte oder veranlaßte Architektur, Buchkunst, Wandmalereien, Mosaikkunst, Holzschnitzerei, Bronzeguß, Gold- und Silberschmiedekunst und Textilarbeiten. Er hinterließ unter anderem die Hildesheimer Michaeliskirche, deren Gründung sich 2010 zum tausendsten Mal jährte und den 2007 von der Herzog August Bibliothek erworbenen sogenannten Bernward-Psalter. Beide Ereignisse waren der Grund, eine große Ausstellung zu präsentieren, die in einem vorzüglich gestalteten Katalog im Stil einer Monographie weiterleben wird: Schätze im Himmel. Bücher auf Erden. Mittelalterliche Handschriften aus Hildesheim. Hrsg. v. Monika E. Müller. Wiesbaden: Harrassowitz in Kommission, 2010. 472 S. (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek Bd. 93.) 4°. Pp. Euro 49,80. ISBN 978-3-447-06381-4. Zum ersten Mal seit dem Mittelalter wurden die von Bernward gestifteten liturgischen Handschriften und die Bücher der Mönche, ergänzt und erweitert durch weitere mittelalterliche Handschriften auch aus der Tradition Bernwards, in dieser Vollständigkeit gezeigt. Heute befinden sich diese Kostbarkeiten des 9. bis 16. Jahrhunderts in Wolfenbüttel und anderen bedeutenden Sammlungen der Welt wie dem J. Paul Getty Museum Los Angeles, dem Dom-Museum Hildesheim und dem Domschatz Halberstadt. Das war auch ein einmaliger Anlaß, die Hildesheimer Buchmalerei und ihre außergewöhnliche Stellung im Mittelalter näher zu untersuchen. So bietet der Katalog auf 243 Seiten wissenschaftliche Beiträge und beschreibt auf 149 Seiten die Exponate. Die 19 Beiträge beschäftigen sich mit Hildesheim (das Bistum, die Bibliothek und Schule am Dom, die Bibliothek von St. Michael, mittelalterliche Bücherstiftungen und die Handschriften, mittelalterliche Bucheinbände, Bildstrukturen und Wissenskonzeptionen in der romanischen Buchmalerei) und dem Kontext zu anderen Orten und verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (Lektürepraxis des mittelalterlichen Mönchtums, Metallverwendung in ottonischen und romanischen Handschriften, Lesezeichen aus Klosterbibliotheken in Südniedersachsen, die Bibliothek des Halberstädter Doms im Mittelalter). Aus den 60 Ausstellungsstücken ragen drei Exponate heraus: Das Stammheimer Missale (um 1170), eine der faszinierendsten und am reichsten illuminierten liturgischen Prachthandschriften, und seine Schwesterhandschrift, das Ratmann-Sakramentar (1159, der Text wurde um 1400 für die Neubeschreibung des Pergaments gelöscht) sowie der Bernward-Psalter (1014-1022), eine prachtvoll ausgestattete Handschrift mit den 150 Psalmen aus dem Alten Testament. Zu den vielen Kostbarkeiten gehören weitere Bücher Bernwards aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts, zum Beispiel das sogenannte Kostbare Evangeliar und die Bernwardbibel sowie das Evangeliar Heinrichs des Löwen (um 1188), eine der prachtvollsten und bedeutendsten Handschriften, „die in fast jeder Hinsicht alles überragt, was zeitgenössisch für den Schmuck von Evangeliaren üblich war“. Dieter Schmidmaier
Schätze des Glaubens. Die bekanntesten Meisterwerke mittelalterlicher Kirchenkunst aus dem Dom-Museum Hildesheim und dem Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin, ergänzt um bedeutende Zimelien der Berliner Staatsbibliothek und ausgewählte Bestände der gastgebenden Skulpturensammlung, sind in einer unwiederholbaren Zusammenführung von 71 erlesenen Werken für zwei Jahre, bis zum 30. September 2012, zu Gast im Bode-Museum Berlin. Die ungewöhnlich lange Dauer der Präsentation hängt mit der Neugestaltung des Dom-Museums (die Schätze kehren erst 2015 zur 1200-Jahrfeier von Dom, Bistum und Stadt zurück) und den umfangreichen Umbauarbeiten im Kunstgewerbemuseum zusammen. Der Ausstellungskatalog (Schätze des Glaubens. Meisterwerke aus dem Dom-Museum Hildesheim und dem Kunstgewerbemuseum Berlin. Hrsg. v. Lothar Lambacher. Regensburg: Schnell & Steiner, 2010. 158 S. 4°. Pp. Euro 19,90. ISBN 978-3-7954-2434-3) stellt diese Beispiele kirchlicher Kunst in Essays und beeindruckenden Fotografien vor, ergänzt um zwei Geleitworte, Einführungen von Lothar Lambacher zur Sammlungsgeschichte sakraler Schatzkunst im Berliner Kunstgewerbemuseum und von Michael Brandt zum Hildesheimer Domschatz im Wandel der Zeiten sowie eine Einführung in die kirchliche Kunst des Mittelalters von Dietrich Kötzsche. Zur Freude des Bibliophilen wird hier Sakrales aus den Hildesheimer Sammlungen und den Berliner Sammlungen (insbesondere dem Welfenschatz, dem Basler Münsterschatz und dem Schatz des Stiftes St. Johannis und Dionysius zu Enger/Herford) im Kontext mittelalterlicher Buchkunst gezeigt. So finden sich neben Reliefs ottonischer Elfenbeintafeln und bernwardischer Silbergüsse Zimelien mittelalterlicher Buchkunst wie ein Buchkasten zur Aufbewahrung einer um 1100 in Werden entstandenen illuminierten Handschrift der Vita secunda des Heiligen Liudger (1378), der Einband des Sakramentars für Bischof Sigebert von Minden (um 1022-1036) sowie das Plenarium Ottos des Milden (Handschrift um 1330, Einband 1339). Die in dieser Form einmalige Ausstellung hat einen großartigen Katalog, interessant für jeden Bibliophilen. Dieter Schmidmaier
Gartenliteratur aus fünf Jahrhunderten zeigte eine Ausstellung des Instituts für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität und der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, zu der ein Begleitband erschien: Gärten wie sie im Buche stehen. Gartenhistorische Publikationen des 16. bis 20. Jahrhunderts aus dem Bestand der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Hrsg. v. Irmgard Siebert, Carola Spies und Stefan Schweizer. Düsseldorf 2011. 207 S. 4°. Br. 69 Euro. (Sonderpreis bei Direktkauf in der ULBD 39 Euro.) ISBN 978-3-942412-00-1. In sechs Gruppen gegliedert, werden in dem großzügig gestalteten Band 51 ausgewählte charakteristische und künstlerisch wie theoretisch herausragende Werke vorgestellt, abgebildet und von einem vielköpfigen Autorenteam erläutert. Zu den ältesten Exponaten zählen die Vertreter der sogenannten Hausväterliteratur Petrus de Crescentiis und Johann Colers Calendarium perpetuum in Ausgaben von 1531 und 1604. Die Professoren C. C. L. Hirschfeld (Das Landleben, 1768) und Johann Georg Sulzer (Allgemeine Theorie der Schönen Künste, 1773-1775) verhalfen der Gartenkunst zu einer gleichberechtigten Stellung unter den schönen Künsten. In Gartenstichwerken des 17. und 18. Jahrhunderts werden die großen Anlagen in Versailles und Rom dokumentiert, aber auch W. G. Beckers Prachtausgabe von 1792 über das „sentimentale“ Seifersdorfer Tal bei Radeberg hat ihre stillen Reize. Im 19. Jahrhundert erscheinen dann historiographische und Übersichtswerke, so von Freiherr v. Ompteda oder Hermann Jäger. Die grundlegende zweihändige Geschichte der Gartenkunst von Luise Gothein (1926 bei Eugen Diederichs) und das populäre Hausbuch Der deutsche Garten von Paul Landau und Camillo Schneider mit einem Nachwort von Karl Foerster (Deutsche Buchgemeinschaft 1928) beschließen dieses Kapitel. Von den englischen Reformbewegungen inspiriert, stellte Hermann Muthesius Entwürfe von Landhäusern in mehreren Bänden vor. Auch die Gartenstadtbewegung fand, von England ausgehend, in Deutschland ein lebhaftes Echo. Neben Überblicksdarstellungen wie von Hans Kampffmeyer oder Gustav Simons wird eine Publikation über die Margarethen-Höhe bei Essen vorgestellt. Schließlich werden auch die großen Gartenbau-Ausstellungen berücksichtigt: Die Kataloge von Düsseldorf 1904 und der „Gugra“ Essen 1929 zeigen auch die künstlerischen Dimensionen dieser Großveranstaltungen. – Obwohl so wichtige Werke wie die von Hirschfeld 1779-1785, Hermann v. Pückler-Muskau 1834 oder August Grisebach 1910 fehlen, bietet der Katalog eine anregende Einführung in das sehr komplexe Gebiet. Weitere Bände zu anderen Themen aus den unerwartet reichhaltigen Altbeständen der ULBD sollen folgen. Konrad Hawlitzki
Neue schöne Kinderbücher. Das Frühjahr bescherte uns wieder eine Fülle an neuen Kinder- und Jugendbüchern. Leider sind nicht alle, aber doch immer mehr als erwähnenswert einzustufen. Einige besonders bemerkens- und empfehlenswerte Bücher in guter Gesamtgestaltung sollen hier vorgestellt werden. Da sind zunächst vier Bücher aus der Michael Neugebauer Edition (minedition, Bargteheide), die „ins Auge fallen“. Hans Christian Andersens Die kleine Meerjungfrau ist bereits vielfach illustriert worden. Hier liegt nun ein handliches Bändchen vor, das von der als Illustratorin bereits wohlbekannten Lisbeth Zwerger auf Schönste ausgestattet wurde. Die Künstlerin (1954 in Wien geboren und ausgebildet an der Hochschule für angewandte Kunst ebendort) schuf 14 ganzseitige hellfarbige Illustrationen und einige Vignetten zu der anrührenden Liebesgeschichte, die schon viele Generationen von Kindern und Erwachsenen (!) bewegt hat. Die vorliegende gekürzte Fassung macht auch Lust auf die erneute Lektüre der Originalfassung. Das sehr lesefreundlich aus der Veljivic und der Ex Ponto gesetzte Büchlein wurde von Jovica Veljovic typographisch betreut. Schön an dieser Ausgabe ist auch der passend gestaltete Schuber (40 Seiten, ISBN 978-3-86566-211-8, Euro 7,95). – Kindgemäß auf festem laminiertem Karton gedruckt wurde Eine kleine Schöpfungsgeschichte, geschrieben von dem Gymnasiallehrer Hans-Christian Schmidt und illustriert von Andreas Német (1973 in Sömmerda geboren, Studium von Produktdesign an der HTW Zwickau). Die von der Genesis ausgehenden Verse werden von höchst einprägsamen Farbillustrationen begleitet. So wird schon den Kleinsten die jüdisch-christliche Schöpfungslehre nahegebracht. Die letzte Seite mit dem Vers „Am siebten Tag hat Gott geruht“ zeigt sinnigerweise den Arbeitstisch und die Utensilien des Graphikers (24 Seiten, ISBN 978-3-86566-107-4, Euro 6,95). Besonders stark vom Bild geprägt ist die bezaubernde Geschichte über das Thema Freundschaft und Trost unter dem Titel Mein roter Ballon. Autor und zugleich Illustrator ist der 1961 in Kyoto geborene Kazuaki Yamada, der nach einem Architekturstudium mit dem Illustrieren begann. Der Künstler ist bisher noch nicht bekannt, was sich aber nach diesem Kinderbuch wohl ändern wird. Die phantastische Geschichte mit einem Kind und vielen Tieren als handelnden Personen lebt vor allem von der bewegten Darstellung. Bei nur wenig Text ist es fast eine Bildergeschichte, dargeboten in ausdruckstarker und poetischer Gestaltung, die von Kindern auch ohne die wenigen Fragen und Ausrufe verstanden wird (56 Seiten, ISBN 978-386566-132-6, Euro 12,95). – Auch Ein Haus für den Bären von der Schweizerin Barbara Ortelli geht helfend auf die kindliche Psyche ein. Die Autorin, Malerin, Graphikerin und Illustratorin zugleich, erzählt eine einfache und verständliche Geschichte in poetischen Bildern zu den Themen Fremdsein, Ängste und (gelungener) Integration. Durch das Aufeinanderzugehen der handelnden Tiere werden Barrieren überwunden und Konflikte bewältigt. In die großformatigen doppelseitigen vielfarbigen Bilder ist der in der Skia gesetzte Text eingefügt (36 Seiten, ISBN 978-3-86566-133-3, Euro 12,95). Der Atlantis Verlag, zu Orell Füssli (Zürich) gehörend, beschert den Kindern – und wiederum durchaus auch den Erwachsenen – ein Buch von Doris Lechter unter dem Titel Peter und Wuff. Die 1962 in Zürich geborene Künstlerin studierte Illustration an der Parsons School of Design in New York und schrieb und illustrierte bereits mehrere Kinderbücher. Ihre neue Bild- und Textgeschichte erzählt die Geschichte von einem Kätzchen, das eines Tages in die Wohnung des Hundes Wuff spaziert und einfach dort bleibt. Das Kleine stellt alles auf den Kopf, aber die beiden werden Freunde, sehr zum Ärger der Nachbarin. Doch alles wandelt sich zum Guten, sogar zwischen Herrn und Frau Nachbar. Die amüsante Geschichte, die besonders aus ihren Bildern lebt, wurde typographisch gestaltet von Manuel Süess, Zürich (32 Seiten, ISBN 978-3-7152-0601-1, Euro 14,90). Die bohem press AG. (Zürich) präsentiert eine Erzählung für Kinder ab 5 Jahren von Andreas M. Reinhard, betitelt Der Ritter auf dem Seil. Der in Hamburg lebende freischaffende Künstler Felix Eckardt hat bereits mehrere Kinder- und Jugendbücher zeichnerisch begleitet. Er hatte in Hamburg und Madrid studiert. Zuletzt veröffentlichte er eine Malschule für Studenten an Kunsthochschulen. Der Autor Reinhard ist Leiter des TV-Kinderprogramms des Bayerischen Rundfunks. Die im Mittelalter spielende Handlung erzählt von einem Ritter und seinem Sohn, der nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten möchte. Den feindlich gesinnten Ritternachbarn möchte er lieber als verkleideter Gaukler „besiegen“. Eine lebendige Handlung, deren teils ganzseitige Farbillustrationen die Welt des Mittelalters anschaulich werden lassen. Der Satzspiegel ist lesefreundlich, vor allem auch wegen des großzügigen Durchschusses (128 Seiten, ISBN 978-3-85581-459-6, Euro 12,95). Ferdinand Puhe
Geliebte alte Bücher. Sammeln – Pflegen – Schätzen. Ehe die Rede auf den neuen „Zender“ kommt, muß aus ganz praktischen Gründen auf ein früheres Werk des Autors hingewiesen werden: Joachim Elias Zender, Lexikon Buch, Druck, Papier. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt Verlag, 2008. 319 S. Es liefert dem Praktiker in der Druck-, Verlags- und Papierindustrie hilfreiche Anregungen und Hinweise und gibt dem Liebhaber und Sammler von Büchern wichtige Basisinformationen. Der Autor behandelt die drei Kernbereiche Papier, Buchbinderei und „die Entwicklungen der Drucktechnik mitsamt der unterschiedlichen Druckverfahren, wobei die traditionell begründeten Inhalte im Vordergrund stehen“. Ihm ist es geglückt, zwischen diesen drei großen Kerngebieten, die normalerweise in verschiedenen Lexika und Wörterbüchern behandelt werden, Brücken zu schlagen. Um diese Kernbereiche ordnet er Gebiete an, „deren Detailwissen nur insofern berücksichtigt wurde, wie es für das Verständnis allgemeiner Sachzusammenhänge notwendig ist“, wie Digitalisierung, Bibliothekswesen, Typographie und Schrift. Der neue „Zender“ ist ein Bild-Text-Band in acht Kapiteln über das Magische an Büchern, geschrieben mit dem Ziel, die Bücherschätze zu pflegen und zu erhalten: Joachim Elias Zender, Geliebte alte Bücher. Sammeln – Pflegen – Schätzen. Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag, 2010. 135 S. 4°. Pp. Euro 34,90. ISBN 978-3-7995-0872-8. Um dahin zu kommen, benötigt der Interessent zahlreiche Vorkenntnisse über die Welt des Buches im allgemeinen und die Welt der Buchherstellung, um schließlich in die Welt der Buchrestauration eintauchen zu können. Dieser Logik folgt der Aufbau des Buches. Die Veröffentlichung beginnt mit Ausführungen zum Wert alter Bücher, im Mittelpunkt die „greifbaren Faktoren“ wie Verfasser, Verlag, Ausstattung, Einband, Papier, Vorbesitzer, Signierungen und Erhaltungszustand. Es folgt der Aufbau des Buches mit Hinweisen auf die Materialien und Arbeitsweisen bei der Herstellung, darunter die wunderbar anschaulich erläuterten Bestandteile des alten Buches sowie das Innenleben des Buches (Titel, Text, Schrift, Illustrationen). Ein weiterer Teil ist eine leider sehr kurze Buchgeschichte im Überblick mit dem Zusatz Bücher und ihre Drucker im Wandel der Zeit. Damit kommt der Autor zum Ziel seines Buches, dem Umgang mit alten Büchern, hierin Ratschläge zur sachgemäßen Sammlung von Büchern, deren Aufbewahrung, Handhabung, Nutzung und Pflege und die Reinigung von Büchern. Abschließend finden sich Aussagen zu den verschiedenen Schäden an Büchern und Einbänden sowie zur Bestandserhaltung. Einleitung, Nachwort, Literaturverzeichnis, Register und Bildnachweis erschließen den Text. Ein solches Thema verlangt auch eine angemessene Form. Der Leser wird nicht enttäuscht: Einband weinrotes Halbleinen mit Goldprägung, Lesebändchen, Vorsatz weißer Untergrund, darauf kleine aufgeschlagene und aufgestellte Bücher, großartige Fotos (beginnend mit einem fast geheimnisvollen Bild der Buchhandlung Shakespeare & Company in Paris St. Germain auf der Rückseite des Schmutztitels), dazu Marginalien. Das alles zusammen macht das Buch zu einem wunderbaren Ratgeber für das Sammeln, Bewahren und die Pflege von Büchern – für junge Bibliophile und solche, die es werden wollen, sowie zu einer sehr gelungenen Einführung für Bibliothekare, Antiquare und Restauratoren. Die mitunter lexikonartig abgefaßten Texte verraten Zender sehr schnell als Autor des Lexikons Buch, Druck, Papier. Dieter Schmidmaier
Monopoly im Internethandel mit antiquarischen Büchern. In diesem Frühjahr überstürzten sich die Meldungen über Firmentransfers im Internethandel. Im Ergebnis muß man von einer weitgehenden Konzentration in wenigen Händen sprechen. Zunächst wurde im März das Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher (ZVAB), die wichtigste deutsche Plattform für den Internethandel, vom bisherigen Eigentümer und Betreiber mediantis AG an AbeBooks Europe GmbH verkauft. Die aus Nordamerika kommende Firma AbeBooks wurde wie ZVAB 1996 gegründet und ist der weltweit führende Internet-Marktplatz mit 140 Millionen neuen, gebrauchten, antiquarischen und vergriffenen Büchern von Tausenden von Anbietern. Abebooks hat schon 2001 eine Konkurenzfirma von ZVAB mit Namen JustBooks.de GmbH übernommen, um anschließend deren Geschäfte unter eigenem Namen weiterzuführen. Ob AbeBooks und ZVAB, die nunmehr vom gleichen Eigentümer gehalten werden, weiter parallel betrieben werden, ist noch nicht bekannt. Im Dezember 2008 war AbeBooks selbst Gegenstand einer Übernahme. Das weltweit führende Unternehmen für den Internethandel mit vorwiegend neuen Büchern, die Amazon Inc., ist seitdem Eigentümer von AbeBooks. Nachdem also Amazon bereits den Handel mit neuen Büchern in Deutschland weitgehend kontrolliert, beherrscht der Konzern über seine Tochterunternehmen Abebooks und ZVAB nunmehr auch den Online-Handel mit antiquarischen Büchern. Vor einigen Jahren hat Amazon außerdem die eigene Plattform amazon.de für Antiquare geöffnet, die hier ihre Bücher von Amazon verkaufen lassen können. Daneben gibt es zwar noch einige kleinere Plattformen, wie antbo.de, 2000 vom Antiquariat Zeisig in Berlin gegründet und heute von Andreas Schnellbacher geführt, die genossenschaftlich von Antiquaren betriebene antiquariat.de (früher prolibri.de) und die 1999 von Jens Bertheau und Daniel Conrad als Bücher-Flohmarkt für Studenten gegründete booklooker.de, doch die Umsätze der Antiquare sind hier eher bescheiden, so daß viele ganz auf die Einstellung ihrer Bestände verzichten. Die Bücherfreunde beschränken ihre Recherche leider auf die führenden Datenbanken. AbeBooks dokumentiert auf ihrer Homepage, daß sie die Ausbreitung durch Einverleibung nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa betreibt. Damit nicht genug: Zum 1. April hat die mediantis AG, die einen Monat zuvor ZVAB verkauft hatte, die Meta-Suchmaschine für Bücher eurobuch.com, die von einer durch Wolfgang Franek gegründeten österreichischen Firma geführt wurde, aus der Insolvenzmasse übernommen. Die Firma wird laut Pressemitteilung als selbständige Kapitalgesellschaft mit Namen Eurobuch GmbH fortgeführt und soll im Laufe der nächsten Jahre durch Investitionen in Technik, Werbung, Infrastruktur und Personal ausgebaut werden. Die Suchmaschine ist bestens geeignet, einen Preisvergleich für seltene Bücher zu erstellen. Das Ganze erinnert an das beliebte Monopoly, wobei die Antiquare, auf deren Buchbeständen der gesamte Handel beruht, nicht Akteure, sondern Kapitalmasse sind. Die Konkurrenz wächst von Jahr zu Jahr und treibt die Preise in den Keller. Die großen Datenbanken können zwar die Umsätze steigern, aber vor allem durch die Gründung vieler neuer Internetantiquariate, die von Existenzgründern oder Nebenerwerbsfirmen mit bescheidenen Umsatzerwartungen betrieben werden. Daneben gibt es einige hochspezialisierte Unternehmen, die das Geschäft mit vergriffenen Büchern durchrationalisiert haben und in großem Stil betreiben, so Momox mit der Datenbank medimops.de in Berlin oder die in Berlin-Mahlsdorf ansässige Firma reBuy.de, die beide auf den Secondhand-Handel mit Büchern, CDs, Videospielen etc. spezialisiert sind und immer die billigsten Preise bieten wollen. Medimops wirbt beispielsweise damit, daß sie über 100 000 Artikel für 99 Cent im Angebot hat. Eine Neuerung, die beide Firmen parallel entwickelt haben, besteht im Ankauf via Internet. Der Kunde gibt auf der Homepage die ISBN des angebotenen Buches ein und erhält sofort den Ankaufspreis genannt oder eine Ablehnung des Artikels. Anschließend sendet er sein Buchpaket auf Kosten des Käufers ein. reBuy gibt in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung (28. März 2011) an, daß sie im vergangenen Jahr 30 Millionen Umsatz gemacht hat. So froh der Buchfreund über ein preiswert erstandenes Buch sein wird, so besorgt muß er über die Preisdrückerei und die damit einhergehende Entwertung des Buches sein. Letztlich wird nicht nur das Medium Buch im allgemeinen entwertet, sondern die eigene häusliche Bibliothek im besonderen. C. W. |