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Redaktionsschluss 18. Januar 2011
85. Geburtstag
von Wolf Jobst Siedler
Hans Theo
Richter-Preis 2010
Antiquaria-Preis für Ines Geipel und Joachim Walther.
Kurt-Wolff-Preise 2011
Fidicin-Medaille für Dr. Ute Laur-Ernst und Dr. Gernot
„Mappe-Abschiedsabend“
Nachlaß Gert
Mattenklott
Nachlaß Gerhard
Steiner
Privatbibliothek Ralf Dahrendorf.
Kiwitz-Ausstellung in Duisburg
10.
Frauenfelder Buch- und Handpressen-Messe
Das 21. Berliner Exlibristreffen
Kinderbücher im
Klingspor-Museum
Gertrud Zucker in Beeskow
Neue schöne Kinderbücher
Liebespaare von Armin Münch
Orpheus und Eurydike in der Zikadenpresse
Buch der Psalmen – mit Illustrationen von 150 israelischen Künstlern
Das Haus des Bücherdiebs
Ein Bühnenbilderbuch von Wilfried Werz
Die Memoiren
des Verlegers André Schiffrin
In memoriam Joachim Ringelnatz
Otto Rohses Werkarchiv im Gutenberg-Museum
85.
Geburtstag von Wolf Jobst Siedler. Am 17. Januar beging der Berliner
Verleger und Publizist Wolf Jobst Siedler seinen 85. Geburtstag. Der gebürtige
Berliner gehörte zu den führenden Köpfen des intellektuellen Lebens im Westteil
Berlins und war auch nach der deutschen Einheit prägend am politischen Diskurs
beteiligt. Bekannt wurde er durch seine jounalistische Arbeit für den
Tagesspiegel (zuletzt als Feuilletonchef), die er nach einem verlockenden
Angebot Axel Springers zugunsten der Verlagsarbeit aufgab. 1963 übernahm er die
Leitung des Propyläen Verlags und war 1967 bis 1979 Geschäftsführer Axel
Springer gehörenden Ullstein GmbH. Bei Propyläen verlegte er so große Editionen
wie die von Golo Mann herausgegebene Propyläen Weltgeschichte oder die
Centenar-Ausgabe von Gerhart Hauptmann (Sämtliche Werke, 1966-1974). 1980
gründete er zusammen mit Jochen Severin den Verlag Severin & Siedler (Berlin),
den er ab 1983 in alleiniger Verantwortung als Siedler Verlag fortführte. Hier
machte er vor allem durch Politikerbücher und -memoiren von sich reden. Trotz
deutlich erkennbarer konservativer Ausrichtung war Siedler im Verlagsprogramm
offen für die Großen Deutschlands und der Welt, unabhängig von deren politischer
Ausrichtung. Davon zeugen Bücher von Albert Speer und Joachim Fest, Franz Josef
Strauß und Willi Brandt, Michail Gorbatschow und Boris Jelzin. Siedler verband
seine Verlagsarbeit mit einer regen eigenen Publikationstätigkeit.
Geschichtliche Bücher über das untergegangene Preußen (Abschied von Preußen,
2000) oder das alte Europa (Der Verlust des alten Europa, 1996) stehen neben
solchen über die Architektur Berlins (Die gemordete Stadt, 1964) und den
Lebenserinnungen (Wir waren noch einmal davongekommen, 2004). Der Siedler Verlag
ging schon vor Jahren den Weg aller erfolgreichen Kleinverlage, aus denen der
Verleger ausscheidet. 1989 wurde er verkauft und gehört heute zu Random
House/Bertelsmann.

Hans Theo Richter-Preis 2010. Am 8.
November 2010 wurde der von der Witwe Hans Theo Richters gestiftete Preis der
Sächsischen Akademie der Künste in Dresden an Prof. Dieter Goltzsche verliehen.
Die Laudatio hielt Prof. Dr. Bernhard Maaz, Direktor des Kupferstichkabinetts
der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Der mit 20000 Euro dotierte Preis wird
für besondere Leistungen in Malerei und Graphik vergeben. Bisherige Preisträger
waren neben anderen Max Uhlig (1998), Werner Wittig (2000), Peter Graf (2001)
und Wolfram A. Scheffler (2007).
Der 1934 in Dresden geborene Goltzsche hatte von 1952 bis 1957 an der Hochschule
für Bildende Künste Dresden bei Hans Theo Richter und Max Schwimmer studiert. In
seiner Dankesrede würdigte er den Lehrer mit feinen Erinnerungen und
anspielungsreichen Betrachtungen zur heutigen Kunstsituation: „Er war streng.
Richter übermittelte ein einziges Gesetz: Den Körper im Raum zu erfassen … So
war seine eigene Kunst der gesetzgeberische Anspruch selbst … Das Wort Demut,
von Richter immer gebraucht, ist gestorben. Natur wird nicht geachtet. Barbarei
in der Nähe. Die Ausdruckslosigkeit des genormten Menschen waltet … Im Angesicht
der neu aufgefüllten Sektionen Bildende Kunst vieler Akademien mit
Sandaufhäuflern, Geräuschemachern, Lichtblinklern … sei noch einmal unsere
Hochachtung vor dem großen Zeichner Richter bekannt.“
Die ZeitGalerie Berlin-Friedrichshagen unserer Pirckheimer-Freundin Katrin
Brandel zeigte vom 24. November bis zum 18. Dezember 2010 Arbeiten von Dieter
Goltzsche. Die mit dem Künstler befreundete Schriftstellerin Christine Wolter
hielt vor dicht gedrängtem Publikum die Eröffnungsrede und sprach sehr
persönlich von Goltzsches „Urblick“, von der besonderen Gabe des Künstlers,
„erste“ Eindrücke zu fassen … Zu sehen waren Lithographien aus dem gesamten
Lebenswerk, viele jedoch übermalt mit für Goltzsche bezeichnenden, zauberisch
lebendigen, schwarzen Pinselstrukturen, beseelten Zeichen, Schnörkeln, Linien -
hier und da auch Farbtupfer und durchweg vergnügliche Titel.
U. Lang

Antiquaria-Preis für Ines Geipel und Joachim
Walther. Der im Rahmen der Antiquariatsmesse Ludwigsburg im Januar
verliehene 17. Antiquaria-Preis für Buchkultur 2011 ging an die Autoren Ines
Geipel und Joachim Walther, die damit für die Einrichtung des „Archivs
unterdrückter Literatur in der DDR“ in Berlin und die Herausgabe der Reihe Die
verschwiegene Bibliothek geehrt wurden. Aus einem Fundus von rund 100 Autoren,
deren Leben und Werk im Archiv, gefördert durch die Stiftung zur Aufarbeitung
der SED-Diktatur, dokumentiert werden, stellten die Herausgeber zehn Editionen
zusammen, die bis 2009 bei der Büchergilde Gutenberg erschienen sind. In der
Begründung der Jury heißt es: „Das Archiv sammelt und sichert Texte von Autoren,
deren Versuche (oft ganz und gar) in der DDR von der Zensur unterdrückt wurden;
die Bibliothek hat in beispielhafter Auswahl die Zeugnisse dieser historischen
Unhörbarkeit veröffentlicht. Durch die Arbeit der beiden Preisträger wurde also
in einer Anzahl von exemplarischen Fällen das Verschweigen beendet: Archiv und
Bibliothek dienen als in sich zusammenhängendes Unternehmen der Bewahrung von
willkürlich der literarischen Öffentlichkeit entzogenen Buchprojekten und
nähren so das geschichtliche Gedächtnis.“

Kurt-Wolff-Preise 2011. Der traditionell
während der Leipziger Messe verliehene Kurt-Wolff-Preis ging in diesem Jahr an
den von Gudrun Fröba und Rainer Nitsche geführten Transit Buchverlag in Berlin,
„der seit nunmehr dreißig Jahren mit verläßlichem Spürsinn die
Gegenwartsliteratur und die klassische Moderne, den kulturhistorischen Essay und
die biographische Skizze, die Buchstaben und die Bilder miteinander verknüpft
und das Publikum mit Büchern erfreut, deren Format und sorgfältige Gestaltung
ihnen ein markantes Gesicht und zugleich eine unverkennbare Familienähnlichkeit
verleihen“, heißt es in der Stellungnahme der Kurt-Wolff-Stiftung, die sich der
Förderung der litararischen Kleinverlage verschrieben hat. Den Förderpreis
erhielt der erst 2006 von Viola Eckelt und Axel von Ernst gegründete Lilienfeld
Verlag (Düsseldorf), „der seit seinem ersten Programm durch eine ungewöhnliche
Verbindung alter und neuer Literatur ebenso überzeugt wie durch die ansprechende
Buchgestaltung, zu der zeitgenössische Künstler herangezogen werden.“ Der
Hauptpreis ist mit 26 000 Euro dotiert, der Förderpreis mit 5000 Euro.

Fidicin-Medaille für Dr. Ute Laur-Ernst und
Dr. Gernot. Am 13. Januar 2011 erhielten Dr. Ute Laur-Ernst und Dr. Gernot
Ernst im Rahmen des Neujahrsempfangs 2011 des Vereins für die Geschichte Berlins
e.V. die Fidicin-Medaille. Diese Auszeichnung in der Ausstellungshalle des
Deutschen Historischen Museums erfolgte in Würdigung ihrer im Jahre 2010 in
zweiter Auflage erschienenen zweibändigen Publikation Die Stadt Berlin in der
Druckgrafik 1570-1870. Der Vorsitzende, Dr. Manfred Uhlitz, sprach dem Ehepaar
namens des Vereins Dank und Anerkennung für ihr jahrelanges Engagement zur
Erforschung und Veröffentlichung der Berliner Druckgraphik aus. In ihrem
Doppelband geben sie Auskunft über das Leben von Künstlern, die Berlin-Motive
darstellten, und sie lassen durch eine bisher nicht gekannte Anzahl von
Abbildungen das alte Berlin lebendig werden. Die beiden Autoren zeigen die
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung Berlins sowie Wandel und
Aufschwung der graphischen Kunst über einen Zeitraum von 300 Jahren.

„Mappe-Abschiedsabend“. Am 1. Dezember 2010 lud die
Freie gesellige Vereinigung „Die Mappe“ zu einem festlichen Mappe-Abschiedsabend
ins Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz. Die Mappe, 1926 begründet, beging
noch 2006 ihr 80jähriges Bestehen. Sie war seit 1945 ununterbrochen von Dr.
Lotte Roth-Wölfle geführt worden. Der Festabend wurde mit einem Vortrag von
Hofrat Professor Günther Bauer (Salzburg) zum Thema Mozart – Ruhm, Geld und Ehre
eingeleitet. Im Anschluß wurde mit einer bayerischen Brotzeit der zahlreichen
Zusammenkünfte der bibliophilen Literatur- und Kunstfreunde seit 1926 gedacht.
In ihrem Schlußwort betonte Dr. Lotte Roth-Wölfle, daß dies nicht der letzte
Mappe-Abend sein solle, sondern künftig in loser Folge zu weiteren
Mappe-Vorträgen und Führungen eingeladen werde.
Manfred Neureiter

Nachlaß Gert Mattenklott. Der Nachlaß des
Schriftstellers, Essayisten, Komparatisten, Philosophen und Hochschulpolitikers
Gert Mattenklott (1942-2009) befindet sich, gestiftet von seiner Witwe, im
Deutschen Literaturarchiv Marbach. Mattenklott war unter anderem Ordinarius für
Neuere Deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft an der
Marburger Universität und Ordinarius für Komparatistik an der Freien Universität
Berlin. Postum erschien 2010 Ästhetische Opposition: Essays zur Literatur, Kunst
und Kultur. In seinem Nachlaß befinden sich auch Prosastücke, Manuskripte und
Korrespondenzen wie Briefe von seinem Lehrer Peter Szondi und der Briefwechsel
mit dem Schriftsteller Durs Grünbein. Eine Erinnerung zum ersten Todestag über
Gert Mattenklott als Porträtautor verfaßte Bernd Blaschke in der Oktober-Ausgabe
der Zeitschrift literaturkritik.de (www.literaturkritik.de/public).
Dieter Schmidmaier

Nachlaß Gerhard Steiner. Das Thüringische
Staatsarchiv Meiningen konnte nach längeren Verhandlungen einen wichtigen
Teilnachlaß des Literaturhistorikers, Schriftstellers und Mitglieds unserer
Gesellschaft Gerhard Steiner (1905-1995) übernehmen. Es handelt sich um Stücke
vornehmlich aus den letzten zwei Lebensjahrzehnten. Steiner war unter anderem
von 1948-1950 Leiter der Ernst-Abbe-Bücherei in Jena und von 1958-1970 Professor
für Deutsche Literaturgeschichte an der Greifswalder Universität. In den 1950er
Jahren baute er gemeinsam mit Heinrich Scheel (1915-1996) die
Georg-Forster-Forschung der DDR auf. Er verfaßte über 35 Bücher. Die über 100
Akteneinheiten enthalten Korrespondenzen, wissenschaftliche Unterlagen und
persönliche Dokumente. Den weitaus größten Teil nehmen die Korrespondenzen ein.
Ein weiterer Teil des Nachlasses, insbesondere seine Arbeiten vor 1990, befindet
sich im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in
Berlin. Steiner publizierte mehrfach in den MARGINALIEN, so über Georg Forster
(Heft 61), Minna Meyer (Heft 62) und Exlibris (Heft 74). Zu seinem 75. und 80.
Geburtstag erschienen Glückwünsche (Heft 79 und 99), ein Nachruf wies auch auf
die zahlreichen Begegnungen auf Abenden und Jahrestreffen der
Pirckheimer-Gesellschaft hin (H. 141).
Dieter Schmidmaier

Privatbibliothek Ralf Dahrendorf. Die
Universität Bochum hat die Nachlaßbibliothek des Soziologen, Politikers und
Publizisten Lord Ralf Dahrendorf (1929-2009) übernommen. Lady Christiane
Dahrendorf hat die rund 10 000 Bände umfassende Sammlung ihres Mannes in die
Obhut der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn gegeben. Es handelt sich um
eine breit gefächerte Gelehrtenbibliothek, deren bestände die weltweit vernetzte
Forschung dieses bedeutenden Sozialwissenschaftlers widerspiegelt, Literatur in
verschiedenen Sprachen zur europäischen Entwicklung, Sozialgeschichte
Großbritanniens und Deutschlands, Sozialpolitik, Parteiengeschichte,
Bildungspolitik, Globalisierung, Religion und Gesellschaft. Dahrendorf, Sohnes
des SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Dahrendorf, war unter anderem
Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Mitbegründer der
Universität Konstanz, Direktor der London School of Economics and Political
Science und Mitglied des britischen House of Lords. Sein Homo sociologicus
(1965) erreichte bisher 16 Auflagen.
Dieter Schmidmaier

Kiwitz-Ausstellung in Duisburg. Mit einer
Ausstellung unter dem Thema gekämpft – vertrieben – verschollen erinnerte die
Stiftung Brennender Dornbusch in der profanierten Duisburger Liebfrauen-Kirche
an den 1938 im Spanischen Bürgerkrieg gefallenen Künstler Heinz Kiwitz. Der 1910
in Duisburg als Sohn eines Druckers geborene Graphiker und Illustrator hat ein
überschaubares, aber beachtliches Lebenswerk hinterlassen.
Heinz Kiwitz hatte durch seine Nähe zum Sozialismus und durch seine
kompromißlose Gegnerschaft zur Nazi-Ideologie die Wut der Herrschenden auf sich
gezogen. Nach Haft in zwei Konzentrationslagern konnte Kiwitz im Januar mit
Hilfe des Verlegers Ernst Rowohlt über Dänemark nach Paris fliehen. Von dort aus
ging der engagierte Gegner des Faschismus zu den Internationalen Brigaden in
Spanien, wo er in den schweren Kämpfen am Ebro 1938 den Tod fand. Einen
ausführlichen Bericht über Leben und Werk von Heinz Kiwitz brachten wir im Heft
192 (4, 2008).
Die vom 7. November bis zum 5. Dezember geöffnete Ausstellung zeigte Bilder,
Graphiken, Bücher und Dokumente aus dem Besitz der Schwester des Künstlers,
Trudel Siepmann. Neben den kompletten Bilderfolgen zu Titeln von Büchner,
Fallada, Cervantes, Grabbe und Timmermans waren Arbeiten des Gymnasiasten und
Studenten der Essener Folkwang-Schule zu sehen, die das entwicklungsfähige
zeichnerische Talent von Kiwitz beeindruckend beweisen. Eine Fülle von
Dokumenten belegt die Verfolgung durch Polizei, Gestapo und Partei in der
NS-Zeit. Kiwitz selbst beschreibt seine künstlerische Tätigkeit in diesen Jahren
folgenderweise: „Ich bin ein durch die Nazis auf harmlose Themen abgedrängter
politischer Journalist.“ Diesen Zwängen ist er dann entflohen, in eine Flucht
ohne Wiederkehr.
Ferdinand Puhe

10. Frauenfelder Buch- und
Handpressen-Messe. Vom 12. bis 14. November 2010 beteiligten sich im
Eisenwerk in Frauenfeld 52 Handpressen und Verlage aus der Schweiz, Deutschland,
Italien, Israel, Frankreich und Liechtenstein an der größten bibliophilen Schau
südlich der Donau. Um es gleich vorwegzunehmen, die Messe stand auf einem hohen
Niveau und ließ das Herz eines jeden Bibliophilen höher schlagen. Einige wenige
Verlage möchte ich hier kurz vorstellen. Als primus inter pares sehe ich die
Steinort Papyr Mühl in Triesenberg im Fürstentum Liechtenstein. Ihr Inhaber
Hanspeter Leibold stellt handgeschöpfte Papiere bester Qualität aus Leinen- und
Baumwollhadern her, die Blatt für Blatt mit dem Sieb aus der Bütte geschöpft,
auf den Filzen abgegautscht, von der Spindel gepreßt und unter dem Dachstuhl
getrocknet werden, alle Bögen selbstverständlich mit Wasserzeichen. Zur Messe in
Frauenfeld schuf Leibold ein Porträt-Wasserzeichen des Genfer
Wasserzeichenforschers Christian M. Briquet (1839-1918). Neben seinem
handgeschöpften Papier entstehen bei Leibold auch bibliophile Bücher in reiner
Handarbeit. Papier, Illustration, Satz, Druck und Bindung – alles aus einer
Hand. Schon bei der Materialwahl geht er auf die Thematik des Buches ein und
erstellt häufig kleine Serien, bei denen jedes Exemplar ein Unikat ist. Der
Druck erfolgt ausschließlich auf Maschinen des 18. und 19. Jahrhunderts, die
alle von Hand betrieben werden. Jedes Blatt wird einzeln abgezogen, sei es in
den Tiegeln, den Andruckpressen, den Lithographiepressen oder der
Tiefdruckpresse. Zur Frauenfelder Messe erschien im Zusammenhang mit seiner
Kunstausstellung Fleischeslust in der Galerie Altesse (Nendeln/Lichtenstein)
ein 50 Seiten umfassender Katalog (sfr. 35,00), der seine ganze bibliophile
Kunst zeigt. Die Ausstellung findet in anderer Gestalt vom 26. März bis 15. Mai
2011 in Schloß Molsdorf/Erfurt statt.
Die Widukind Presse Dresden mit ihrem Besitzer Hanif Lehmann bemüht sich bei
ihren Büchern um eine Verschmelzung von bester Graphik mit hervorragenden, meist
klassischen Texten. Das Spektrum der illustrierten Bücher reicht von Dante
Alighieri: Hölle, in der Übertragung von Stefan George, über Stefan George:
Hymnen, Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Dieter Hoffmann: Mein Don
Quijote, Gottfried Benn: Der Radardenker bis zu Georg Heym: Sonette. Hanif
Lehmann, der in Dresden an der Akademie studierte, beschränkt seine Presse nicht
nur auf eigene Illustrationen. Das Mappenwerk Hommage à Kubin vereint 14
Künstler, darunter Manfred Butzmann, Heribert Bücking, Klaus Drechsler, Hanif
Lehmann, Christine Wahl und Werner Wittig. Lehmann selbst beherrscht die
Technik des Holzschnitts ebenso wie die der Kaltnadelradierung und der
Ätzradierung.
Gisela und Hermann Rapp haben sich mit ihrer Offizin Die goldene Kanne seit
knapp 20 Jahren der Buchkunst und Bibliophilie verschrieben. Ihr erster Druck
war 1992 Theodor Engel: Wegmarken des Wertwandels mit einem vierfarbigem
Linolschnitt von Hermann Rapp, gesetzt in Garamont-Antiqua auf Bukoshi-Papier.
2004 erschien mit Sappho, Da blüht ein Gehölz von leichten Apfelbäumen,
Übertragung von Manfred Hausmann, ein bestauneswertes Buch. Gedruckt auf
Zerkall-Kupferdruckbütten, ist es in einen Pappband mit eingelassenem Gobelin
gebunden. Vorlage für den 27 mal 37 cm großen Druck bildete ein von Gisela Rapp
gefertigter vier Meter langer Gobelin, der von Mabodruck (Kronberg) auf einem
extra dafür angeschafften Scanner faksimiliert wurde. Die Offizin Die goldene
Kanne rechtfertigt ihren Namen.
Man kann und muß die Leistung und den Idealismus, der oft als Einzelkämpfer
wirkenden Handpressenverleger bewundern, die alles opfern und einbringen für
das bibliophile Buch. Zur 10. Frauenfelder Buch- und Handpressen-Messe gab es
eine Gemeinschaftsarbeit von acht Teilnehmern, die ein Ausstellungsplakat
individuell gestaltet haben. Alle 8 Plakate kosten zusammen sfr. 80,00. Zur
Messe erschien außerdem eine kleine Broschur mit den teilnehmenden Pressen, die
unter der E-mail info@waldgut.ch zu beziehen ist
Manfred Neureiter

Das 21. Berliner Exlibristreffen. Am 6.
November 2010 fand wieder im RUDI-Nachbarschaftszentrum das 21. Berliner
Exlibristreffen (bet) statt. Die etwa vierzig Teilnehmer pflegten gute
Unterhaltungen und regen Tausch. Nach der Begrüßung durch Wolfgang Fiedler – er
hatte zusammen mit dem leider erkrankten Claus P. Mader die Organisation
übernommen – gab Klaus Rödel einen kleinen Bericht über die Entstehung und das
Wachsen seiner Exlibrissammlung, die Ausstellungen und Veröffentlichungen. Ein
Teil der erstaunlichen 1500 auf seinen Namen geschaffenen Exlibris war an den
Wänden zu betrachten. Für die Teilnehmer hatte er als Gabe eine Broschüre mit
einem Text, einem Porträt und 60 farbigen Abbildungen mitgebracht: Exlibris
1965-2010 aus der Sammlung Klaus Rödel. Frederikshavn/Berlin: bet, 2010 (51
Exemplare mit drei Originalbeilagen und 50 Exemplare für Besucher der
Ausstellung).
Wenige Tage später, am 11. 11., vollendete Klaus Rödel sein siebzigstes
Lebensjahr. Er war lange Jahre Direktor des Frederikshavn Kunstmuseums und
bringt seit Jahrzehnten in dem von ihm geleiteten Verlag Exlibristen so
zahlreiche Publikationen aus der Welt der Bucheignerzeichen heraus wie kein
anderer Exlibris-Freund. Wir gratulieren herzlich und wünschen ihm gute
Gesundheit und weiter große Freude am Sammeln, und uns von ihm noch viele
Aktivitäten auf dem Felde des Exlibris. In dem Heft kündigt er schon, wenn auch
auf längere Sicht, ein ultimatives Buch zu Wein und Exlibris an.
Wolfram Körner

Kinderbücher im Klingspor-Museum. Kinderwelten
ist die Internationale Kinderbuch-Ausstellung betitelt, die im vergangenen
Winter (bis 13. Februar) zum 55. Mal im Offenbacher Museum stattfand. In
Vitrinen und auf Tischen waren die neuesten Kinderbücher aus aller Welt zum
Anschauen und Blättern ausgestellt. 58 Verlage aus elf Nationen zeigten ihre
neuen Produktionen. – Natürlich sind Kinderbücher mit Illustrationen versehen.
Namhafte Künstler, aber auch Studierende und Berufsanfänger haben schon immer
ihrer Liebe für das Kinder- und Jugendbuch bild- und zeichenhaft Ausdruck
verliehen. Ebenso pflegen auch große literarische Verlage dieses Medium. Viele
altbekannte und neue Verlage hatten die Ausstellungsfläche des
Klingspor-Museums mit sehenswerten Objekten bestückt. Eine Sonderschau war dem
Thema Märchen und Märchenillustrationen gewidmet. Hier waren vor allem
Zeichnungen zu sehen, uunter anderen von Gerhard Oberländer zu Märchen von Hans
Christian Andersen. Auch der Großmeister der Illustration, Werner Klemke, war
vertreten mit Arbeiten zu den Märchen der Brüder Grimm. Sehr reizvoll sind die
Illustrationen von Marianne Vogel, vor allem in ihren Unikatbüchern. Aus der
repräsentativen Schau konnte man als Erkenntnis mitnehmen, daß das Kinderbuch
und seine Illustration weiterhin ein ernstzunehmender Faktor im Buchwesen
bleiben wird. Vor dem Hintergrund der vielfach beklagten Lesemüdigkeit (oder
besser: Leseunlust) kann das gut gestaltete und attraktiv illustrierte Kinder-
und Jugendbuch eine wirksame Hilfe zum Gegensteuern sein.
Ferdinand Puhe

Gertrud Zucker in Beeskow. Ilse Bilse, jeder will se – mit diesem Motto, einen
allbekannten Kindervers ins Freundliche wendend, lockte die Galerie Unterm Dach
der Burg Beeskow vom 12. Dezember 2010 bis zum 13. Februar 2011 in eine
wunderbunte Ausstellung der Kinderbuchillustratorin Gertrud Zucker, die im
benachbarten Bad Saarow lebt und am 3. Januar des Jahres ihren 75. Geburtstag
feierte. Ilse Bilse. 12 Dutzend alte Kinderverse ist Gertrud Zuckers
erfolgreichstes Kinderbuch. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von
Achim Roscher, erschien es 1968 im Kinderbuchverlag Berlin, wurde ein
„Schönstes Buch“, erlebte 13 Auflagen, zuletzt 2004 bei Beltz, wo der
Kinderbuchverlag nach abenteuerlichem Zwischenspiel heimisch geworden ist.
In der Ausstellung begrüßten Originalentwürfe, lustige Farbzeichnungen zu dem
Verslein Lirum, larum Löffelstiel, den Besucher gleich im Entree, auf einen
vergnüglichen Rundgang einstimmend. Zucker hat mehr als 120 Bücher illustriert,
darunter Titel von Hannes Hüttner, Jens Gerlach, Fred Rodrian, Wera
Küchenmeister, Helmut Preißler, Jury Brězan, Hans Fallada, Anne Geelhaar, Franz
Fühmann und vor allen von Peter Abraham, der ihr bis heute verbunden ist und
auch der festlichen Ausstellungseröffnung am 11. Dezember beiwohnte. Sie
arbeitete für den Kinderbuchverlag Berlin, für die Verlage Volk und Wissen,
Junge Welt, Neues Leben und Domowina. Die Gesamtauflage ihrer Bücher umfaßt
nahezu 10 Millionen Exemplare, 35 Titel erschienen auch im Ausland. Vielerlei
Ehrungen und Preise wurden ihr zuteil. Ihre Ausbildung absolvierte Zucker von
1954 bis 1959 an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in
Berlin-Weißensee. Zu ihren Lehrern gehörten Werner Klemke, Arno Mohr und Paul
Rosié. Einflüsse dieser Meister zeigen sich vielfach in frühen Arbeiten, sie
sind prägend geblieben bis heute.
Gertrud Zucker hat die Kinderbuchgeschichte der DDR mitgeschrieben, wenngleich
in einer Bildsprache, die markante Stilistik und handschriftliche Erkennbarkeit
nicht vorrangig im Blick hat. Vielmehr ist ihre Art, für Kinder zu arbeiten,
ganz den Texten und der kindlichen Erlebnis- und Vorstellungswelt verpflichtet.
Natürlich, genau beobachtet, freundlich, liebevoll und einfühlsam, nie tümelnd,
sind ihre Figuren, Tiere, Gegenstände und Situationen eingefangen, selten
verfremdet, ganz selbstverständlich die Erzählfreude der Kinder anregend,
kindliche Lebendigkeit und Ungezwungenheit vermittelnd. Ganz auf Augenhöhe mit
den Kindern jeden Alters, vom Hosenmatz bis zum Jugendlichen, durchleuchtet sie
die Texte, spürt ohne Kalkül sinngebende Momente für ihre Bildgeschichten auf,
die Texte bereichernd, begleitend, bedienend. Meist im realen Kinderleben
verweilend, nie ins Märchenhafte gleitend. Gertrud Zucker kennt sich aus, hat
selbst drei Kinder großgezogen und aus der Lebenswelt ihrer zahlreichen Enkel
geschöpft.
Die Ausstellung in Beeskow präsentierte beispielhaft die Lebensarbeit der
Illustratorin, vor allem Originalentwürfe aus eigenem Besitz waren ausgebreitet,
die Bücher in Vitrinen, für die kleinen Besucher inhaltlich reizvoll
kommentiert, beigeordnet. Aus der bunten Fülle der Illustrationen, wobei die
Zeichnung mit Feder, Pinsel, Bleistift und Aquarellstift vorherrscht, stechen
in feinster Ästhetik ihre Schabkarton-Arbeiten hervor, sie gehörten zu den
Glanzlichtern der Ausstellung, wohl auch im Œuvre insgesamt. Zu sehen waren die
wunderbaren Schabkartonarbeiten zu dem bekannten Kinderbuch Peter Abrahams
Weshalb bekommt man eine Ohrfeige? (Der Kinderbuchverlag, Berlin 1983), zu Till
Sailers König Midas und sein Barbier (Verlag Die Furt, Jacobsdorf 2002), aber
auch zu Der alte Großvater und der Enkel, einem Büchlein von 1987. Daneben
hervorgehoben seien wenigstens zwei Illustrationsfolgen für die Kleinsten nach
Ideen von Gertrud Zucker: Häschen hüpf (Zeichnungen mit Deckfarben, 1975) und
Kein Kostüm für Karla? (Aquarelle, 1986 ); leuchtende Verführungen zum Blättern
und Entdecken. Arbeiten (Federzeichnungen und Aquarell) zu Abrahams Geschichte
Krümel ( 2006 ) harren noch der Veröffentlichung.
Es war eine Freude zu erleben, wie die Urgroßmutter Gertrud Zucker, die sich
etwas Lausbübisches bewahrt hat, im Kreise ihrer großen Familie und einer
riesengroßen Verehrergemeinde, gewürdigt durch die Laudatio Till Sailers, in
Beeskow am Eröffnungstag gefeiert wurde.
Ursula Lang

Neue schöne Kinderbücher. Die Farbe Rot in vielen Abstufungen und Tönungen
bestimmt ein Buch mit Bild und Text von Eric Battut unter dem Titel Jumbo und
Winz. Der französische Künstler, Jahrgang 1968, der bereits mehrere
Auszeichnungen erhielt, hat zahlreiche Bücher geschrieben und illustriert. In
diesem nicht nur für Kinder bestimmten Buch thematisiert Battut auf sehr
gelungene Weise, wie sich Lebewesen – auch Menschen – im Anderssein gegenseitig
ergänzen. Die mit Humor und eindringlichen, starken Bildern erzählte Geschichte
berichtet von zwei guten Freunden, der eine sehr groß, der andere sehr klein,
die, obgleich sie viel Spaß miteinander haben, nicht so ganz zufrieden mit sich
sind. Jeder hätte gern die Eigenschaften des anderen. Doch sie entdecken ein
wunderbares Land, wo ihr Herzenswunsch in Erfüllung geht. Dann müssen sie aber
feststellen, daß die bisher so geliebten Spiele nicht mehr so funktionieren. Ein
Bild- und Lesevergnügen für alle Altersstufen bis 100 (Aracari Verlag, Baar,
ISBN 978-3-905945-08-9, 13 Euro).
Von ganz und gar anderer Art sind zwei der Winterzeit gemäße Kinderbücher aus
dem Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg. Bestseller-Autor Jan Weiler und der
mehrfach ausgezeichnete Graphiker Ole Könnecke schufen Max im Schnee als
Nachfolger des bereits etablierten Hier kommt Max. Im Schnee erlebt Max
liebenswertchaotische Geschichten mit seiner Familie, seinen Lehrern und
Freunden rund um eine der schönsten Zeiten im Jahr – und das alles in einem
Satz! Das liebevoll gestaltete Buch, auch für Eltern ein Riesenspaß, eignet sich
zum Vorlesen und zum Selberlesen für Kinder der ersten Schuljahre (ISBN
978-3-499-21578-0, 9,95 Euro).
Ben Becker, einer der bekanntesten deutschen Schauspieler, überrascht mit einem
zweiten Kinderbuch, ebenfalls bei Rowohlt. Nach dem von Klein und Groß
begeistert aufgenommenen Bruno – Der Junge mit den grünen Haaren folgt nun
unter dem Titel Brunos Weihnachten eine ebenso humorvolle wie märchenhafte
Fortsetzung. Wieder zeigt sich der exzentrische Schauspieler, der mit seinem
Bühnenstück Die Bibel – Eine gesprochene Symphonie monatelang die
Schauspielhäuser deutscher Städte füllte, als einfühlsamer Kinderbuchautor. Der
eigenwillige Bruno verbringt ein paar Tage bei seinem Onkel. Er geht mit ihm auf
die Jagd, wobei Bruno aber mittels seiner grünen Haare verhindert, daß der Onkel
zum Schuß kommt. Zum Weihnachtsfest nutzt Bruno dann seinen grünen Schopf, um
als singender und leuchtender Weihnachtsbaum Geld für ein Weihnachtsgeschenk zu
sammeln, mit dem er seiner Mutter eine echte Freude machen will. Na, wie das
wohl ausgeht? Annette Swoboda hat die Erzählung liebevoll und einfühlsam farbig
illustriert (ISBN 978-3-499-21572-8, 9,95 Euro).
Ferdinand Puhe

Liebespaare von Armin Münch, eine Mappe mit zehn Holzschnitten und vier
Gedichten von Bertolt Brecht, herausgegeben von Roland R. Berger, erschien 2010
in der Edition Schwarzdruck, Berlin, Preis 300 Euro. Die Graphiken wurden in
numerierter und einzeln signierter Auflage von 30 Exemplaren vom Stock auf einer
Handpresse gedruckt. Der Vorzugsausgabe (Nummer 1-8, 400 Euro) wurden drei
zusätzliche Holzschnitte beigefügt. Die Anfertigung der Mappen lag in der Hand
von Angela Schröder, Saalpresse Bergsdorf. In seinem Nachwort würdigt Roland
Berger das Holzschnittwerk des inzwischen achtzigjährigen Rostocker Künstlers,
der seine Ausbildung einst in Dresden erfuhr, bei Erich Fraaß, Max Schwimmer und
Hans-Theo Richter, und „immer noch das feinste Sächsisch spricht“. Es hatte den
Künstler aber an die Küste verschlagen, und „das Meer als Ursprung und Urgewalt
des Lebens“ wurde eines der beherrschenden Themen, wobei das „Motiv des
Liebespaares geradezu dominiert“. Die verknappte Bildsprache der Holzschnitte
Münchs bleibt immer verständlich und menschenfreundlich, lebensprall direkt,
ist manchmal auch derb und frivol, voller „Innigkeit und skurrilem Humor“. Die
Holzschnitt-Mappe ist erhältlich in der Edition Schwarzdruck, Marc Berger
(Brunnenstraße 163, 10119 Berlin, Tel: 030/4862 5315).
U. Lang

Orpheus und Eurydike in der Zikadenpresse. Die Zikadenpresse Erkenbrechtsweiler
gehört mit ihrem Gründungsjahr 1958 zu den gegenwärtig ältesten Kleinverlagen
für Künstlerbücher und hat doch in den vielen Jahren ihrer Existenz nur zwölf
Drucke herausgebracht. Es ist das alleinige Unternehmen von Elfriede Weidenhaus,
Jahrgang 1931, die auf der Schwäbischen Alp beharrlich ihrer Kunst lebt. Ihre
Ausbildung hat sie in Leipzig an der Kunstgewerbeschule und der Hochschule für
Grafik und Buchkunst, hauptsächlich bei Max Schwimmer, erfahren. Ihre
Handschrift ist vor allem durch Linie und Farbe gekennzeichnet. Erst in
späteren Jahren kam die Radierung hinzu. Bereits 1999 erschien in der
Zikadenpresse ein Band Orpheus und Eurydike mit Zeichnungen und Radierungen zu
einer Nachdichtung klassischer antiker Quellen von Wolfgang Stockmeier. Im
letzten Jahr folgte als 12. Druck eine zweite Anverwandlung des klassischen
Stoffs: Im Bilde des Orpheus. Zeichnungen, Aquarelle, Texte. Zeichnungen und
Aquarelle von Elfriede Weidenhaus, Texte von Helmut Bröker. Erkenbrechtsweiler:
Zikadenpresse, 2010. 191 S. 4°. Ln. mit Umschl. Aufl.: 300 Exemplare, davon 30
als Vorzugsausgabe mit einer Originalzeichnung. 50 bzw. 150 Euro.
Aus den Begleittexten von Leo Fiethen, Barbara Voswinckel und Stephan Schwarz
erfährt man die Hintergründe dieses neuen Buches. Anfang der 1980er Jahre
begegnete Elfriede Weidenhaus dem Philosophen, Germanisten und
Kunstwissenschaftler Helmut Bröker (1929-2006), mit dem sie bald eine späte
Liebe verband, die aber auf Grund räumlicher Entfernung vorwiegend platonisch
blieb. Weidenhaus schickte von 1985 bis 1989 in dichter Folge rund 300
Zeichnungen und Aquarelle an Bröker, die dieser mit Versen, Bilddeutungen und
Bekenntnissen, beantwortete.
Weidenhaus wählte zur Verbildlichung ihrer gemeinsamen Liebe statt des wohl
passenderen Bildes von Hero und Leander, den Liebenden, die nicht zueinander
finden konnten, Orpheus und Eurydike. Doch schneidet sie diesen Mythos in
markanter Weise ihrem Wunsche entsprechend zurecht. Im Mythos beeindruckt
Orpheus die Herrscher der Unterwelt mit seinem Gesang so sehr, daß sie seine
Geliebte Eurydike aus dem Totenreich entlassen. Doch er verstößt aus Sehnsucht
nach der Geliebten gegen das Gebot, sich auf dem Heimweg nicht nach ihr
umzudrehen. So sinkt sie wieder in das Schattenreich zurück. Auf den Bildern von
Weidenhaus spielt sich alles in den glücklichen Tagen vor dem Einzug in das
Totenreich ab. Orpheus wird in aphrodisischer Landschaft gezeigt, beim Spiel auf
der Lyra, mit den dadurch besänftigten wilden Tieren um sich, im Spiel vereint
mit Eurydike, als glücklicherer, zweiter Ikaros, der Sonne entgegenfliegend. Nur
einmal zum Ende des Zyklus zeigt ein Blatt zwei verhüllte Büsten, zwischen denen
ein schmaler Pfad ins Nirgendwo führt. Im Unterschied zum Mythos ist es in dem
Buch von Weidenhaus und Bröker zudem Eurydike, die Orpheus mit ihrer Kunst
umwirbt. Bröker steht, bei aller Freude über die eintreffenden,
verheißungsvollen Bilder immer im Zugzwang – „der verhinderte Sänger: Orpheus“,
dem Eurydike zur Stimme verhelfen will. Er sandte seine lyrischen Bekenntnisse
eingedenk ihrer Unvollkommenheit nicht mit der Post, sondern las sie der
Geliebten am Telefon vor. Am Ende seines Lebens spürte Bröker Lust dazu, Bilder
und Verse in einer Ausstellung öffentlich zu machen, doch dieses Projekt wurde
erst nach seinem Tod auf Initiative der Nachlaßverwalterin Barbara Voswinckel
verwirklicht. Aus Notizbüchern befreit, können sich seine Verse neben den
lebensfrohen Zeichnungen und farbenfrohen Aquarelle durchaus sehen lassen.
C. W.

Buch der Psalmen – mit Illustrationen von 150 israelischen Künstlern. Die von
Rabbi Israel Goldstein herausgegebene Ausgabe The Book of der Psalms war 2007
ein Event für die israelische Buchkunst. Und das nicht nur, weil es teuer und
von ausgezeichneter Durckqualität ist, sondern auch, weil es zugleich Psalmbuch
und Kunstwerk ist, mit 150 Psalmen (in Englisch und Hebräisch) von 150
israelischen Künstlern illustriert. Schwerlich findet sich ein anderer Druck in
der Welt, in dem so viele Künstler eine Auswahl von poetischen Texten
illustrieren. Dieses kreative Zusammenspiel von jüdischen, religiösen Texten mit
bildender Kunst ist hervorragend gelungen. Deshalb ist das Buch auch für die
Buchfreunde Deutschland interessant.
Rabbi Israel Goldstein, der 1959 in New York geboren wurde, kam mit seiner
Familie 1967 kurz nach dem Sechstagekrieg nach Israel und wohnt heute in der
Siedlung Meytsat, eine halbstündige Autofahrt von Jerusalem entfernt. Vor dem
Psalmbuch hatte Goldstein schon einige Erfahrung als Herausgeber, auch mit der
Edition von religiösen Büchern. Doch alle bisherigen Projekte waren nicht zu
vergleichen mit der außergewöhnlich anspruchsvollen Ausgabe des Buches der
Psalmen. Nicht viele glaubten an die erfolgreiche Vollendung dieses auch
finanziell aufwendigen Druckes. Goldstein suchte acht Jahre lang die Künstler
selbst aus und schlug jedem von ihnen einen Psalm vor, für den dieser eine
Illustration anzufertigen hatte. Nach Erledigung der Arbeit bezahlte er sofort.
Er trat vor allem an Künstler heran, die unlängst aus den Ländern der
ehemaligen Sowjetunion eingewandert waren. Diese waren an einem Auftrag stärker
interessiert als die alteingesessenen. Von Kollegen informiert, meldeten sich
die Graphikern bald selbst telefonisch bei Goldstein. Er ging meist auf die
Wünsche der Künstler ein und überließ ihnen die Wahl von Technik und Stil der
Illustration. Weil er kein Spezialist für Buchgraphik ist, ließ er sich von zwei
Kunstwissenschaftlern beraten, die bei Bedarf Überarbeitungen forderten oder die
Einstellung der Zusammenarbeit vorschlugen.
Das Buch wurde 2007 bei Printiv, einer der besten Druckereien in Jerusalem,
gedruckt. Es ist auf einem etwas getönten Papier gedruckt. Während des Drucks
waren die Buchgestalter I. Goldstein, I. Kopeljan und Jair Medina anwesend,
überwachten die Andrucke und veranlaßten Farbkorrekturen. Die Auflage beträgt
613 numerierte Exemplare (genau so viele wie der Talmud Mitzwot/Gebote hat) und
zusätzlich noch 150 Exemplare für die Mitwirkenden. Alle Künstler haben das Buch
signiert. Es hat einen Umfang von 432 Seiten und enthält außerdem einen
kunstwissenschaftlichen Kommentar von Marcel Mendelson, Professor an der
israelischen BarIlan-Universität in Ramat Gan, sowie ein Künstlerverzeichnis
mit knappen Angaben zu jedem Künstler. Die gesamte Auflage ist in einem
Ledereinband mit floraler Blindprägung und fünf unechten Bünden gebunden und mit
einem Schmuckschuber versehen. 2003 wurden sämtliche Originalillustrationen
während einer Ausstellung in der Bibliothek der BarIlan-Universität gezeigt.
Auch der Jerusalemer Bibliophilenklub widmete diesem einmaligen Buch eine
Veranstaltung. 2008 wurde es bei der „Art Jerusalem Fair“ präsentiert. Im
gleichen Jahr erhielt es auf der Internationalen Graphikbiennale in
Sankt-Petersburg eine Auszeichnung.
Leonid Yuniverg (übersetzt von Anton Ocheretyanyy)

Das Haus des Bücherdiebs ist der Titel buchgeschichtlich-feuilletonistischer
Betrachtungen Alexander Pechmanns über die wundersame Welt der Bücherliebhaberei
und -besessenheit (Berlin: Aufbau Verlag , 2010, 191 S., Hln., 18,95 Euro, ISBN
978-3-351-03317-0). Voraus ging – ebenfalls bei Aufbau – Die Bibliothek der
verlorenen Bücher (siehe Rezension MARGINALIEN, H. 189, 2007).
»Magliabechi lebte in einer Bücherhöhle, saß auf Büchern, aß auf Büchern,
schlief auf Büchern.« So erlebten Besucher das Domizil des florentinischen
Bibliothekars (1633–1714). Pechmann schreibt Passions-Geschichten. Sie handeln
von Bibliomanen wie dem spanischen Mönch Don Vincente oder dem Magister Tinius,
dem französischen Buchhändler Charles Chadenat, der nur ungern Bücher verkaufte,
den Brüdern Homer und Langley Collyer, die durch ihre Bücher schrecklich zu Tode
kamen. Pechmann schreibt über Bücherwürmer mit riesigen Privatbibliotheken.
Richard Heber zum Beispiel, ein Freud Walter Scotts, besaß »147 000 Bücher –
andere Quellen sprechen von 200 000 bis 300 000 Büchern –, die er auf acht
Häuser in England, Frankreich, Holland, Belgien und Deutschland verteilt hatte«.
Wir begegnen Schnorrern und Mäzenaten, den Sammlern merkwürdiger Bücher und
Buchobjekte, Übersetzern wie Richard Burton, der in seiner Übertragung der
»Geschichten aus Tausendundeiner Nacht« einem recht exzentrischen Begriff von
übersetzerischer Freiheit huldigte, Schön- und Moralgeistern wie Henriette
Bowdler, die einen von allen anstößigen Wörtern befreiten vierbändigen »Familien-Shakespeare«
herausbrachte. Nicht vergessen werden die Biblioklasten, die Bücherzerstörer
und -verstümmler: So interessierte sich der Reverend James Granger nur für die
Illustrationen und riß sie aus den Büchern – »Grangeritis« als Abart der
Bibliomanie. (In diesem Kapitel findet übrigens auch die »Entsorgung« von 400
000 Büchern aus DDR-Verlagen auf einer Leipziger Müllkippe ihren Platz.) Stephan
Blumberg, ein Bücherdieb aus den USA, gibt da fast eine Vorbildfigur ab, er
pflegte und katalogisierte die rund 23 600 Bücher, die er gestohlen hatte.
»Mich interessiert das Vergessene, Erfolglose, Ungeliebte, das vom Kanon
Ignorierte und vom Zeitgeschmack Beiseitegeschobene«, bekennt der Autor. Aber
ist das Vergessen angesichts der Bücherlabyrinthe nicht auch eine wohltätige
Macht? So macht man sich beim Gang durch das »Haus des Bücherdiebs«, das noch
weitere, hier nicht angezeigte Räume besitzt, seine Gedanken.
Jürgen Engler

Ein Bühnenbilderbuch von Wilfried Werz. Zum 80. Geburtstag des Bühnenbildners
Wilfried Werz erschien ein Buch, das sein Lebenswerk bilanziert: Wilfried Werz.
Bühnenbilderbuch – Menschenbilderbuch. 180 Abbildungen. Hrsg. v. Isolde Werz.
Berlin: Edition Zwiefach, 2010. 122 S. 4°. Br. 24,80 Euro. 978-3-940408-15-0.
Werz arbeitete rund 60 Jahre für das Theater, die meiste Zeit davon für das
Musiktheater in Berlin. Er war ab 1960 Bühnenbildner am Metropoltheater und von
1965 bis 1995 an der Deutschen Staatsoper Unter den Linden, zuletzt
Chefbühnenbildner. Zu den Sternstunden seines Wirkens gehörte die
Zusammenarbeit mit solchen Opernregisseuren wie Walter Felsenstein, Erhard
Fischer und Harry Kupfer. Seine Leidenschaft für das Theater wurde am Gymnasium
in Dresden entfacht, wo der von den Nazis verjagte frühere Intendant des
Staatstheaters Prof. Alfred Recker 1948 nach seiner Rückkehr aus dem Exil mit
den Schülern Die Räuber inszenierte. Werz stand nicht nur auf der Bühne, sondern
entwarf auch das Bühnenbild, mithin sein erstes. Das Handwerk erlernte er an
der Dresdner Hochschule für Bildende Künste bei Karl von Appen, dem späteren
legendären Bühnenbildner von Brecht.
Bühnenbilder sind für eine Inszenierung mitentscheidend, oft erhalten sie
eigenen Applaus, doch die Nachwelt flicht dem Bühnenbildner keine Kränze. Die
Kulisse wandert nach dem letzten Vorhang in den Fundus, wo sie eines Tages Platz
für neue Inszenierungen machen muß. Was bleibt von seiner Arbeit? Isolde Werz,
die Ehefrau des Bühnenbildners und Herausgeberin des Buches, hat eine Menge
zusammengetragen: Fotos der Bühnenbilder, Entwürfe und Figurinen, nach denen die
Theatermaler und Kostümbildner ihre Arbeit machten, Programmhefte und Plakate.
Andere Fotos zeigen Szenenbilder oder die Theatermacher bei der Vorbereitung der
Inszenierung. Ergänzend herangezogen werden Kritiken in der Presse,
Erinnerungen von Mitwirkenden, Auszüge aus Programmheften mit Selbsterklärungen
von Regisseur und Bühnenbildner. Daraus hat die Herausgeberin mit Hilfe des
Buchgestalters Heinz Hellmis einen gut anzuschauenden Bildband zusammengestellt,
der wesentliche beruflichen Stationen von Werz rekonstruiert. Material zu zwei
Dutzend herausragender Inszenierungen wird zu ebenso viele Kapitel komponiert.
Überraschend an Werz’ Bildern ist ihr künstlerischer Eigenwert. Obwohl nur ein
Zwischenprodukt auf dem Weg zur Verwirklichung hat Werz seine Entwürfe mit
großer Sorgfalt ausgeführt. Entstanden sind Zeichnungen und Aquarelle von
bleibendem ästhetischem Reiz.
C. W.

Die Memoiren des Verlegers André Schiffrin. Der in Baku geborene russische Jude
Jacques Schiffrin (1892-1950) floh aus seiner Heimat nach Paris und gründete
dort 1922 die später berühmten Éditions de la Pléiade (ab 1932 Bibliothèque de
la Pléiade). Zu seinen Freunden zählten André Gide, Roger Martin du Gard, Harry
Graf Kessler und Hannah Arendt. In dieser Welt wuchs der 1935 geborene Sohn
André Schiffrin wohlbehütet auf. Als der Verlag nach dem Einmarsch der deutschen
Truppen „arisiert“ wurde, floh die Familie 1941 nach New York. Jacques
arbeitete ab 1944 bei dem von Kurt Wolff gegründeten Pantheon Verlag. Sein Sohn
besuchte die Seminare des New Yorker City Colleges, studierte an der Yale
University, ging dann nach Europa und lernte in Cambridge zahlreiche Menschen
kennen, deren Werke er später verlegte wie Eric Hobsbawm, Simone de Beauvoir und
Marguerite Duras. André trat in die Fußtapfen seines Vaters, 27jährig begann er
bei Pantheon Books, wo er zum Verleger aufstieg. Als der Verlag von Random House
übernommen wurde und die Devise „Jedes Buch muß Gewinn bringen“ galt, schied er
aus und gründete 1991 mit The New Press seinen unabhängigen Verlag mit heute 60
bis 80 Titeln pro Jahr. André Schiffrin war immer ein Linker, dessen Bekenntnis
lautet: „Politik wurde für mich das Mittel, ethische Forderungen in unserer
Gesellschaft umzusetzen“ (S. 89). Sein Buch geht weit über das eindrucksvolle
Verlegerleben hinaus, es umfaßt außerdem die Geschichte seines Vaters, einen
Abriß der US-amerikanischen Verlagspolitik, eine amerikanisch-europäische
Kulturgeschichte des vergangenen Jahrhunderts (zu den USA speziell die
Situation der Emigranten, die Linke, die Mc-Carthy-Ära und der Antisemitismus an
den Universitäten) und eine Geschichte der Begegnungen mit Autoren wie Pierre
Bourdieu, Noam Chomsky, Michel Foucault und Art Spiegelman. Das Buch ist ein
wunderbare Ergänzung zu seinem bei Wagenbach erschienenen Titel Verlage ohne
Verleger, „eine Art beruflicher Autobiographie über meine Rolle als Verleger
und wie sie sich durch die Umstrukturierung des gesamten Verlagswesens verändert
hatte“ (S. 5), über die negativen Veränderungen im Verlagswesen der USA:
Industrielle Renditeerwartungen, Unternehmensberater statt Lektoren,
pharaonische Managergehälter und Zockermentalitäten.
Dieter Schmidmaier

In memoriam Joachim Ringelnatz. 1937 erschien ein Gedenkbuch für den mit 51
Jahren 1934 früh an einem Lungenleiden gestorbenen Lyriker und Kabarettisten. Es
wurde jetzt, mit einem Kommentar versehen, neu verlegt: In memoriam Joachim
Ringelnatz. Eine Bibliographie, eingefügt in biographische Notizen,
unveröffentlichte Gedichte und Erinnerungen der Freunde. Mit Fotos, Zeichnungen
und Faksimiles. Neu herausgegeben von Frank Möbus. Berlin: vbb verlag für
berlin-brandenburg, 2010. 138 S., 1 CD. 8°. Pp. mit Umschl. Preis? ISBN
978-3-86650-371-7. Ursprünglich wurde das Buch von der Ringelnatz-Witwe
Leonharda Pieper herausgegeben, in die Literaturgeschichte eingegangen unter
dem Kosenamen Muschelkalk. Das Buch konnte seinerzeit nur als Privatdruck in
einer Auflage von 500 Exemplare gedruckt und verbreitet werden. Frank Möbus
erläutert in seinem Kommentar die ungewöhnlichen Umstände. Mehrere Bücher von
Ringelnatz waren 1933 verbrannt, seine Bilder aus Museen entfernt worden. In dem
Gedenkbuch kam unter anderen ein gutes Dutzend Freunde zu Wort, die im „Dritten
Reich“ nicht wohl gelitten oder gar von Repressalien bedroht waren, darunter
Franz Blei, Alfred Flechtheim, Erich Grisar, Gustav Kiepenheuer, Ernst Rowohlt,
Renée Sintenis und Max Unold.
Das Buch wird strukturiert durch die Bibliographie sämtlicher Werke, anfangs
unter dem Geburtsnamen Hans Bötticher, später unter dem Pseudonym Joachim
Ringelnatz veröffentlicht. Vor und nach den Titelaufnahmen stehen ausführliche
Zitate aus Werken, Briefen und anderen Lebenszeugnissen von Ringelnatz,
Anekdoten, Erinnerungen und Briefe von Freunden sowie Auszüge aus Rezensionen
und anderen Presseveröffentlichungen. Dadurch entsteht ein buntes,
unterhaltsames Bild vom Leben und Wirken des lebensfrohen und zugleich
melancholischen Künstlers, mit dem kein Staat, namentlich kein
nationalsozialistischer, zu machen war. Im Buch findet sich auch ein
verstecktes Bekenntnis, das Muschelkalk mutig aufgenommen hatte. Ringelnatz
hatte 1933 nach einer öffentlichen Ausschreibung ein Olympia-Gedicht verfaßt,
das er unter Pseudonym und erfundener Adresse einsandte. Aus Name und Adresse
ließen sich, freilich nur für Eingeweihte, anagrammatisch herauslesen: „Wer ein
Nazistrolch ist“, „Darmwind 4 (lies: für) Flaggenstadt“. Möbus rätselt, wie
dieses Buch im gleichgeschalteten Deutschland gedruckt und vertrieben werden
konnte. Er führt Honoratioren an, die bei den Nazis Gewicht hatten, wie Börries
von Münchhausen und Rudolf G. Binding, die beide im Buch zu Wort kommen. Der
Verleger und Freund des Autors Alfred Richard Meyer war in der
Reichsschrifttumskammer zu einem einflußreichen Posten gekommen und könnte seine
Hand schützend über das Projekt gehalten haben. Wahrscheinlicher ist wohl, daß
die Behörden einen solchen Privatdruck für unwichtig hielten. Für Ringelnatz gab
es zudem kein generelles Druckverbot, wie die Bibliographie ausweist: 1934 und
1935 erschienen letzte Gedichte und ein Nachlaßband. Ob nun der Druck dieses
Gedenkbuches 1937 eine Sensation war oder nicht – eine lohnende Lektüre ist es
allemal. Der Neudruck enthält übrigens eine Ergänzung, die erst unsere Zeit
möglich gemacht hat: Auf einer CD sind zwölf Aufnahmen zu hören, wie Ringelnatz
seine Gedichte vortrug.
C. W.

Otto Rohses Werkarchiv im Gutenberg-Museum. Mit Hilfe mehrerer kultureller Stiftungen konnte das Gutenberg-Museum Mainz seit 2008 sukzessive das
vollständige Werkarchiv des 1925 in Insterburg geborenen, bedeutenden
Buchkünstlers, Graphikers und Illustrators Otto Rohse erwerben. In einer bis
Ende Februar andauernden Ausstellung zeigte das Gutenberg-Museum einen
repräsentativen Querschnitt durch das Werk Rohses, so Kupferstiche, Holzstiche,
Pressendrucke, Briefmarken-Entwürfe und Exlibris.
Die dem Museum übertragene Sammlung „Werkarchiv Otto Rohse“ umfaßt Drucke der
Otto Rohse Presse, die als Meisterwerke der Buchkunst des 20. Jahrhunderts
gelten, und neben den Zeugnissen verschiedener graphischer Techniken auch
Handzeichnungen und Skizzen, die Gesamtheit seiner berühmten Exlibris sowie
über 400 Briefmarkenentwürfe und die Auflagendrucke der Marken. Bekannt wurde
besonders die Reihe von mehr als 50 Marken Deutsche Bauwerke aus 12
Jahrhunderten. Ein „Highlight“ sind aber wohl die Pressendrucke, Kernstücke von
Rohses Lebenswerk. Otto Rohse hatte 1962 in Hamburg seine Presse gegründet, um
nach handwerklichen Regeln bibliophile Kostbarkeiten in kleinen Auflagen
herzustellen. In herausragender Weise zeigen die Bücher eine vollkommene
Einheit von Inhalt, Form und Gestaltung. Von großer Intuition zeugen Rohses
Buchillustrationen. Auf den Arbeitsgebieten Kupfer- und Holzstich gilt Rohse
als bedeutender Meister. Rohse setzte die graphischen Techniken innovativ vor
allem als Illustrationen für seine und für Pressendrucke anderer Editionen ein
und verlieh damit der modernen Buchkunst neue Impulse. Die Drucke der Otto Rohse
Presse setzen Maßstäbe für die Gestaltung in Aufmachung und Material von
qualitativ hochwertigen Büchern, die darum auch mehrfach als „Schönste deutsche
Bücher“ ausgezeichnet wurden. Internationale Sammlungen beherbergen Bücher
dieser Presse.
Otto Rohse hatte seine in Königsberg begonnene künstlerische Ausbildung nach dem
Krieg an der Landeskunstschule Hamburg unter seinem Lehrer Friedrich
Ahlers-Hestermann fortgesetzt. Seine typographische Ausbildung erhielt Rohse bei
Richard von Sichowsky. Rohses Arbeiten zeichnen sich durch Virtuosität,
grundsolides handwerkliches Können, Sorgfalt und Präzision aus. So wurde Otto
Rohse für sein herausragendes Lebenswerk im Jahre 2002 mit dem Gutenberg-Preis
der Stadt Mainz geehrt. Mit Recht gilt Otto Rohse heute als einer der
bedeutendsten Vertreter der modernen Buchkunst. Rohses Werkstatt gelangte 2003
in das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg.
Ferdinand Puhe

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