An manche
Künstler muss man fünfzig Jahre nach ihrem Tod nicht
mehr erinnern – sie sind bekannt, werden jederzeit in
Museen präsentiert, man schreibt über sie Dissertationen
und man hält Vorträge über sie. Andere sind fast
vergessen. Gerechtigkeit als Folge von solider Analyse
von bleibenden Leistungen sucht man da vergebens.
Aktuelle Trends bestimmen zu sehr, was als bleibend
angesehen wird und was als vergänglich.
Das bedenkend, und Bilder und Grafiken Hans Grundigs
betrachtend, wird einem das besonders schmerzlich
bewusst. Der da am 19. Februar 1901 in Dresden geboren
war und nach zu kurzem, über Strecken leidensvollem
Leben bereits am 11. September 1958 dort gestorben ist,
ein Vergessener? Die Museen seiner Stadt tun sich zur
Zeit schwer mit ihm, nachdem er mit seiner Frau Lea
Grundig zusammen als »proletarisch-revolutionärer«
Bannerträger allzu lange in einer bestimmten politischen
Ecke abgestellt war. Das wurde ihm damals schon nicht
gerecht. Dass man heute die tiefe Menschlichkeit seiner
Haltung und die daraus resultierende künstlerische
Leistung immer noch nicht zu würdigen weiß – umso
schlechter.
Hans Grundig war seiner Zeit sehr wohl verhaftet, er
konnte ihren Konflikten so wenig entrinnen wie seine
Dresdner Malerfreunde Otto Dix und Wilhelm Lachnit, Otto
Griebel und Fritz Skade. Sie bildeten schon zu Zeiten
ihres Studiums an der Kunstgewerbeschule, dann der
Akademie in Dresden einen linken Flügel in der
Kunstszene. Grundig, bei Carl Rade, Otto Gussmann und
Otto Hettner solide ausgebildet, zeichnete und malte mit
Hingabe das ihm von Kindheit an vertraute proletarische
Milieu. Seit 1928 mit der aus jüdisch-bürgerlichem Haus
stammenden Lea Langer verheiratet, engagierten sich
beide sehr wohl politisch für eine soziale Kunst. Immer
mit der Betonung auf dem Wort Kunst – das vergisst man
leicht. Auch der von ihm mitgegründeten ASSO
(Assoziation revolutionärer bildender Künstler
Deutschlands) ging es in erster Linie um enge
Kollegialität und künstlerische Wirksamkeit.
Das sahen die in Dresden besonders agilen Gegner dieser
linken Szene anders. Da wurde nicht lange gefackelt mit
»Kunstdisput«, da wurde 1934 Berufsverbot verhängt, 1936
verhaftet und 1938 ins Konzentrationslager gesteckt. Und
1944 zum Kriegsführen benutzt – mit dem Ergebnis
sofortiger Desertion. 1946 mit dem Rektorat der Dresdner
Kunsthochschule betraut, war Hans Grundig ein allseits
beliebter Hoffnungsträger. Er wirkte ausgleichend
inmitten der Eiferer des immer wieder »Neuen«. Bald aber
musste er schon monatelang zur Tbc-Kur. An den im KZ
zugezogenen Krankheiten laborierte der gesundheitlich
schwer Angeschlagene bis an sein Lebensende.

War schon
die künstlerische Produktivität in den Jahren der
Verfolgung erstaunlich gewesen – immerhin war er ja noch
einer der »Jungen« gewesen –, so raffte er sich nun
immer wieder zu Bildkompositionen wie »Den Opfern des
Faschismus« und vor allem zu grafisch-illustrativen
Zyklen auf. War er in den dreißiger Jahren mit seinem 50
Blätter umfassenden Kaltnadelzyklus »Tiere und Menschen«
zu einem ausdrucksstarken satirischen Radierer geworden,
so zeichnete er nun witzig-pointiert zu Adolf
Glassbrenner, Auguste Lazar und Franz Fühmann, als ihm
das Stehen vor der Staffelei zunehmend schwer fiel.
Sucht man heute nach künstlerischen Zeugnissen des
Widerstandes gegen die Hitlerbarbarei, kann man guten
Gewissens nicht an malerischen Leistungen wie dem
Triptychon ( plus Predella) »Das Tausendjährige Reich«
(1935 - 1938) vorbeigehen. Die symbolistische
Bildsprache der ins Fantastische gesteigerten
Komposition widerlegt eine Einordnung in die Schublade
»Sozialistischer Realismus«. An dieser Uminterpretierung
der satirisch böse und bissig akzentuierten Kunst ihres
Mannes ist leider Lea Grundig nicht ganz unschuldig
gewesen. In der ironischen Verfremdung
gesellschaftlicher Phänomene gerade in der grafischen
Kunst war Hans seiner geliebten Lea eindeutig überlegen.
Seine geistreichen Paraphrasen zu den Versen von
François Villon wären von ihrer Hand kaum denkbar
gewesen. Sie sind nach wie vor eine Augenweide für jeden
Bibliophilen.
In der Kunstgeschichtsschreibung der Malerei allerdings
werden solcherart Ausflüge ins Fabulieren mit der
scharfen grafischen Nadel gar nicht so gerne gesehen.
Das Aufbegehren gegen das soziale und politische Übel
ist da weniger beliebt als das gegen erstarrte formale
Konventionen. Da ist Grundig dann weniger interessant.
Und da er sich obendrein mit dem gar nicht braven
autobiografischen Roman »Zwischen Karneval und
Aschermittwoch« 1955 literarisch ein Denkmal gesetzt
hat, ist er noch schwerer einzuordnen. Historiker
sollten öfter einmal in solche Bücher gucken, falls sie
Atmosphärisches statt Deklamatorisches suchen. Wenn ein
Maler und Zeichner schreibt, ist das bildhaft. Bei Hans
Grundig allemal.
Die Ladengalerie Karoline Müller, Drontheimer Str.
34, 13359 Berlin, zeigt Mappen mit den
Kaltnadelradierungen Hans Grundigs aus den 30er Jahren.
Bis 11.Oktober, Di-Do, 10-18 Uhr.