Altersstil als Lebenskonsequenz

Lothar Böhme wird im Leonhardi-Museum in Dresden gefeiert

Von Harald Kretzschmar

Lothar Böhme, Urberliner und Urgestein Berliner Malkultur, immer hintergründig prägend für unanfechtbare künstlerische Gesinnung, hat seine Ausstellung zum 70. Geburtstag in Dresden. Wo er am Ende seiner jungen Künstlerjahre 1978 schon einmal Zeichen setzte, im Leonhardi-Museum, ist er in grandiosen Alterswerken für ein Publikum unübersehbar, das immer noch aus Insidern besteht. Die da die Traditionen der expressiven Moderne verinnerlichend nie das Menschenbild verleugnet haben und der Vergeistigung des Körperlichen verfallen sind – ja, das sind die Seinen. Sie haben ihm die Treue gehalten. Eine sowohl von ideologischen Zwecken wie von kommerziellen Trends unberührte Kunst, dafür stand und steht dieser Name. Das weiß man hier zu schätzen.

Wenn einer 1938 in Berlin geboren war, dann hat der den Hieb der Kriegsfurie noch zu spüren bekommen, als er gerade in die Schule kam. Trümmerkinder von Trümmerfrauen. Das prägt. Über die Dekorateurlehre kam er 1957 an die Meisterschule für das Kunsthandwerk in Berlin-Charlottenburg zu den Lehrern Günter Scherbarth und Heinz Weißbrich in die Grafik-Klasse. Nach dem prägenden Erlebnis der Ausstellung des genialen britischen Bildhauers und Zeichners Henry Moore erwischt den Ostberliner kalt der 13. August 1961.

Fortan wird er der in Berlin-Pankow heimische und im Kunstgefüge der DDR randständige Maler sein. Als Lehrer nicht an den Akademien, sondern in den Aktzirkeln für den Nachwuchs gefragt. Oft genug in einem Atemzug mit seiner Frau Christa Böhme genannt, ist er als der immer düstere, in sich gekehrte Asket bekannt, der sich in archaisch kompakten Aktmalereien unverwechselbar macht.

Kniender Akt - 2000.
Öl auf Papier.
Foto: Verlag für moderne Kunst in Nürnberg,
Leonhardi Museum Dresden

Die sechziger Jahre katapultieren Harald Metzkes, Hans Vent, Wolfgang Leber, Klaus Roenspieß, Manfred Böttcher und manche andere wie auch Lothar Böhme als junge Maler hoch. Kurz bringen sie sich als »Berliner Schule« erst ins Gespräch, dann ins Abseits. Lothar Böhme schaut zurück: »Es entwickelte sich ein gewisser anarchischer Humor. Es wurden dunkle und strenge Bilder gemalt.« Bald ist es wieder ein schweigsamer, intensiv an Bildfindungen arbeitender Freundeskreis, der ohne viel Aufsehen für eine solide Modernität der Ost-Berliner Malerei sorgt.

Als die Berliner Kulturlandschaft wieder vereint ist, erleben nur Kenner dieses Phänomen. Als Gruppe wird es nie gebührend gewürdigt. Lothar Böhme ist das Glück beschieden, mit der Verleihung des Käthe-Kollwitz-Preises 1992 eine imponierende Personalausstellung in der Nationalgalerie zu bekommen. 1994 folgt der Fred-Thieler-Preis für Malerei und die für Ostkünstler relativ seltene Mitgliedschaft in der Akademie der Künste. Damit sind alle Wege geebnet.

Etwas, was sich schon quer durch die 80er Jahre an Steigerungsfähigkeit zeigte – übrigens bis zur offiziellen Teilnahme im DDR-Beitrag zur Biennale Venedig 1988 –, nahm nun eine ungeahnte Dynamik an. Lothar Böhme, dem Roland März längst das Finden des »Kanons der einsamen Figur« bescheinigt hatte, vermag nun aus der für ihn typischen verhaltenen erdfarbenen Koloristik heraus zu geradezu plastisch durchgeformten Körpervolumen zu finden, welche eine atemberaubend energische Intensität ausstrahlen. Seine Aktdarstellung, vom Naturabbild und von der Erotik abstrahiert, schafft immer mehr gewachsene tektonische Gebilde von animalischer Wucht. Wieso können sie eigentlich gleichzeitig durchgeistigt sein? Das ist sein Geheimnis.

Die nun bis Ende August im Leonhardi-Museum Dresden eingerichtete Ausstellung ist der Extrakt aus einer größeren, die den Maler vorher im Lindenau-Museum Altenburg für den ihm dort überreichten Gerhard-Altenbourg-Preis feierte. Die angenehm proportionierten Räume in Dresden machen es möglich, über die kleinen Feder-Tusche-Zeichnungen eine Einstimmung in Böhmes hermetische Körperwelt zu finden. Das zeichenhaft Symbolträchtige seiner dunklen Chiffren steigert sich dann in der Größe. So weit, dass es im weiten hellen Saal explizit zur Explosion der Körperlichkeit in die Schwärze hinein und wieder hinaus kommt.

Dass hier noch Ölfarbe auf Leinwand, Sperrholz oder Presspappe kommt, wird dem Betrachter kaum bewusst. Überlebensgroße Ungetüme bedrängen ihn. Er nimmt mittendrin Platz, und hält stille Zwiesprache. Farbspuren trösten ihn als Randerscheinung. Gezwungen ins Format, bersten die Figuren. Wie metallen gepanzert gegen die feindliche Außenwelt. Alles nach dem Jahr 2000 geschaffen. Alles noch mehr verdichtet als früher. Alles ein Altersstil voller Konsequenzen aus einem Malerleben.

Zurückgekehrt nach unten, hört und sieht man den Meister in einem nagelneuen Video auf dem Monitor. »Atelierbesuch bei Lothar Böhme« heißt das. Norbert Wartig hat es gedreht, ohne Fragen zu stellen. Und hat trotzdem Antworten bekommen. Eine ist die, dass der Maler nur »seine innerliche Befindlichkeit ganz unbewusst herauslassen wollte«. Heute siebzig, verspricht er, auf dem Weg weiter zu gehen.

Lothar Böhme Malerei & Zeichnungen Leonhardi-Museum, Grundstraße 26, 01326 Dresden. Bis 31.August Di-Fr 14-18 Uhr; Sa, So 10-18 Uhr.