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Kunst in Stuttgart: Willi Baumeister, Otto Dix, Stan Douglas und andere Ein Kapitel für sich Von Harald Kretzschmar Eine Landeshauptstadt wie Stuttgart ist immer auch eine Kunstmetropole gewesen. Zumindest mit Schauspielerei und Ballett macht man vom Schwabenland her gern von sich reden. Kunstleistung wusste eine landesherrlich eher spröde und kommunal recht gewitzte Administration immer zu schätzen. Zuerst tat man sich schwer mit der über den Krieg geretteten Altbausubstanz. Der Wiederaufbau der Ruine des Königsschlosses wäre fast gescheitert. Die des Kronprinzenpalais wurde abgerissen. Dem 22 lange Jahre amtierenden OB Manfred Rommel sagte man zwar eine Missachtung denkmalpflegerischer Belange nach. Die »Künschte« aber waren ihm ans Herz gewachsen. Kapitel 1. Die Staatsgalerie. Immerhin machte 1984 die Staatsgalerie den Vorreiter dabei, dass die großen deutschen Kunstmuseen durch Neubauten aufgewertet wurden. James Stirlings auf moderne Weise zweckmäßig angelegte Galeriemeile atmet mit ihrer langen Flucht von gleichgroßen Oberlichtsälen unvergleichliches Flair. Die beispielgebende sensible Farbkultur der Wandflächengestaltung war Christian von Holst zu danken. Der letzthin in Pension gegangene langjährige Chef hat nicht nur mit aufsehenerregenden Sonderausstellungen wie denen von Gauguin, Monet und Picasso ein vorzügliches Publikum angezogen. Jeden Monat rief er zu Kunstnächten. Er holte originelle Privat-Sammlungen ins Haus – etwa die der Fürstenbergs aus Donau-eschingen, die des Hugo Borst von der Boschfamilie oder die von Ute und Rudolf Scharpff. Da hat es der von der Tate Gallery London hierher berufene neue Chef Sean Rainbird verteufelt schwer, das heutzutage von jedem Newcomer erwartete eigene Profil zu beweisen. Der offenbar allzu radikale Umbau des historischen Stammgebäudes legt zur Zeit weite Strecken der Gesamtanlage für fast zwei Jahre lahm. Als Trost für daher partiell verwirrte Besucher gibt es nun das auf nobelste Weise etablierte Museumscafé. Gerade ist die Gastausstellung aus Connecticut »Neue Welt. Die Erfindung der amerikanischen Malerei« zu Ende gegangen. Die dabei praktizierte romantisierende Verklärung einer rabiaten Landnahme im Natur-Paradies der Indianer erfährt gegenwärtig glücklicherweise eine kritische Antwort. Der Schwarzkanadier Stan Douglas mit seinen zivilisationskritischen Videos und Fotos gibt sie. Und zwar hier und im Kunstverein (siehe nebenstehende Rezension). Kapitel 2. Der Kunstverein. Was allerdings ideelles Konzept und räumliche Realisierung des über 4000 Quadratmeter ausgedehnten Stan-Douglas-Projektes betrifft, so haben den Löwenanteil daran die Leiter des »Württembergischen Kunstvereins«, Hans D. Christ und Iris Dressler. Die Raumsituation dort hat sich schon oft genug für großräumige Installationen bewährt. Heute oft maßlos gewordene Platzansprüche von Künstlern lassen sich hier befriedigen. Enorme Blickachsen begünstigen die Wahrnehmung überraschender Bildeffekte. Wie vor zwei Jahren in der spektakulären Mark-Tansey-Schau. Das muss die Staatsgalerie nicht nachmachen. Als Museum darf sie nie so radikal nur der Gegenwart verpflichtet sein. Clevere Arbeitsteilung benachbarter Häuser ist angesagt. Dazu können auch Sprechbühne und Musiktheater gehören. Wie Perlen sind sie alle an der Kulturmeile rund um den Schlossplatz aufgefädelt. Der seit 1827 bestehende Kunstverein hat sich lange Zeit die Räume mit der »Galerie der Stadt Stuttgart« geteilt. Seit zwei Jahren hat diese den nagelneuen Bau des vierstöckigen Glaskubus bezogen, der auf dem Areal des einst kronprinzlichen Rokokoschlösschens errichtet wurde. Kapitel 3. Das Kunstmuseum. Sonderbar, so heißt jetzt die städtische Galerie. Die neue Direktorin Marion Ackermann hat »als Wunschziel ein modernes, tief in der eigenen Zeit verankertes Museum« formuliert, »dessen Profil sich vor allem aus den Stärken der eigenen Sammlung heraus entwickelt.« Wirklich stark ist da der Bestand einheimischer Künstler von überregionalem Ruf nur bei den Stuttgartern Oskar Schlemmer und Willi Baumeister – und deren Hauptwerke zieren sogar in der jetzigen Umbauphase ebenfalls die Staatsgalerie. Da hilft nur, mit dem Pfund Baumeister interdisziplinär wuchern. Das gelingt zur Zeit furios mit der im schmalen Seitentrakt angesiedelten Sonderausstellung »Im Rampenlicht. Baumeister als Bühnenbildner«. Der immer an die Stuttgarter Akademie angebundene Meister szenografierte bereits 1919 für das hiesige Theater »Gas« von Georg Kaiser. Er entwickelte sich als Maler parallel zu den konstruktiv-symbolistisch interpretierten Theaterprojekten. Ein immer konkret angelegtes Wechselspiel zu immer abstrakter werdenden Bildfindungen ist zu beobachten. Material zu neun Inszenierungen vor 33, neun nach 45 markiert diese wichtige Arbeitsflanke des bald zum King der abstrakten Kunstszene Avancierten. An fünf Abenden im November tanzen junge Tänzer der John-Cranko-Schule ein 1950 von Baumeister ausgestattetes Ballett in den Museumsräumen. Fantastisch, möchte man sagen. Wenn da nicht die Irritation wäre. Zwischen endlos scheinenden weißen Flächen und Räumen sind die Exponate von Fritz Winter bis Walter Stöhrer, von Rebecca Horn bis Dieter Roth ganz willkürlich hingestreut. Ein logischer Kontext zu den zwei Sälen mit dem sensationell qualitätsvollen Bestand von Bildern des Otto Dix stellt sich nicht her. Kapitel 4. Der Fall Otto Dix. Ein oft geradezu pervers wirkender Zufall hat jahrzehntelang die Ankaufspolitik deutscher Museen bestimmt. Zur geldbedürftigen Otto-Dix-Witwe sowie zur geldhortenden Landesbank Baden-Württemberg gleichermaßen eine gute Beziehung zu pflegen – das war jahrzehntelang das Erfolgsrezept dieses Hauses. Spitzenbilder wie »Prager Straße«, »Anita Berber«, »Drei Weiber«, »Großstadt« (Trip-tychon), »Melancholie«, »Heinrich George« – hier versammelt, und da, wo sie entstanden, nie wieder gezeigt. Dix’ wichtigste Jahre waren die 20er: die Dresdner. Hier wurde und war er wer. Von hier wurde er von den Nazis verjagt. Am Bodensee fand er ein harmonisches Domizil, aber nie eine künstlerische Heimat. Bis zu seinem Tod 1969 war er viele Sommer in Dresden. Machte hier Grafik. 1991 wurde diese letztmalig in Dresden ausgestellt. Die Zahl seiner Ölbilder in der Gemäldegalerie Neue Meister ist kümmerlich, das Schützengraben«-Triptychon steht jetzt im Depot. Das Kunstmuseum Stuttgart kündigt vom 1. Dezember 2007 bis 6. April 2008 »Getroffen. Otto Dix und die Kunst des Porträts« an. »Auf über 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden gezielt Hauptwerke des Dix’schen Porträtschaffens mit beispielhaften Werken anderer Künstler von Lucas Cranach bis Andy Warhol zusammengeführt.« Derweil gehen die Bewohner der Kunststadt Dresden im »Otto-Dix-Center« am »Otto-Dix-Ring« im Stadtteil Reick »Otto-Dix-Pizza« kaufen. Im Rampenlicht. Baumeister als Bühnenbildner. Bis 9.12. 2007, Di-So 10-18, Mi-Fr 10-21 Uhr (Kunstmuseum)Stan Douglas.Past Imperfect. Werke 1986-2007. Bis 6. Januar 2008. Di-So 11-18, Mi, Do -21 Uhr (Kunstverein). Di-So 10-18, Do -21 Uhr(Staatsgalerie) |