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An einem Abend am Savignyplatz
Werner Liersch wird 75
Jahre alt
Von Klaus Walther
Es
ist noch nicht lange her, da saßen wir bei einem Italiener am
Savignyplatz im Westen Berlins. Hier siedelt seine Kindheitslandschaft,
gelegentlich hat er über seine Schulwege geschrieben, am Hertzbergplatz
und am Richardplatz. Dann war diese Welt im Westen für Jahrzehnte
verloren, aber auch bei allen Ausflügen ins Weite, seine Urbanität hat
vielleicht hier ihren Ursprung.
Das ist lange her, ein ganzes Stück Menschenleben,
Zeitgeschichte, Literaturgeschichte. Werner Liersch, geboren 1932,
gehört ja zu jenen, die noch das Ende des Krieges bewusst erlebten. Und
er wuchs auf, wie so manch anderer seiner Generation auch, mit den
vergeblichen Hoffnungen, aber auch mit den Möglichkeiten, die sich die
Literatur zumaß. Verlagslektor, zunächst, Herausgeber, aber immer Autor.
Mit dem Ende der DDR endete auch ein Stück solcher Existenz,
die Möglichkeit der Mitwirkung. Es betrifft nicht nur ihn, aber es
betrifft auch ihn: Man kommt aus dem Osten, man bekommt einen Alibiplatz
zugewiesen. Freilich, er hat sich damit nicht abgefunden. Ein gutes
Jahrzehnt hat er im Präsidium des P.E.N.

Foto: Individuell Verlag
gearbeitet, er bezieht Stellung, wenn es denn Not tut, zur Situation
der Schriftsteller heute und zur Waldschlösschenbrücke auch. Er
schreibt, er publiziert, und immer sind es Texte, mit denen er sich
selbst, seiner Zeit, der Welt zu vergewissern sucht, wie er es in einer
Anmerkung zu einem kleinen, leider kaum beachteten Buch bemerkt, dem
Versuch einer Autobiografie in Feuilletons, Essays und Geschichten.
Denn dies ist ja sein Metier, die Welt des literarischen
Flaneurs. Er hat über Goethes Riemer geschrieben und über jene Tötung im
Angesicht des Herrn Goethe. Über den alten Gustav Freytag und Max Brod
in Leipzig, über den Fall Djacenko und über das Sterben des Dichters
Manfred Streubel. Aber alle Welt kennt ihn zumeist nur als den
Fallada-Biografen. Für seine Biografie, dem großen, kleinen Leben dieses
Autos nachgehend, bekam er den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der
Künste der DDR 1982. Und wenn man schon bei solcher Gelegenheit über
Bleibendes nachdenkt: Dieses Buch wird als Biografie des Hans Fallada
bleiben, aber wohl auch als ein Beispiel für die Kultur der Essayistik,
die er in seinen Texten verwirklicht.
Fallada ist ihm auch später immer wieder eine Figur
geblieben, über die Zeiten und ihre Geschichten weitere Geschichte zu
erzählen. Er ist eben nicht nur ein freundlicher Flaneur, er kann
zuzeiten und bei Gelegenheiten ziemlich zornig sein. Gerade jetzt hat er
es mit Fallada und einer ganzen Zunft von Fälschern aufgenommen. Stark
vermintes Gelände, könnte man sagen, in dem er sich da bewegte und
bewegt.
Zum Glück ist das nicht das ganze Leben, denn sein Gelände
sind auch andere Landschaften, da kommt er ins Freie, ins Heitere, im
Thüringer Wald und vor allem in jenem »romantischen Gebirge«, der
Sächsischen Schweiz,
Ach ja, da ist noch das Literaturland Brandenburg, das er in
seinem jüngsten Buch beschrieben hat. Da finden wir sie allesamt
versammelt, seine Vorväter und Ahnen, auch Zeitgenossen und
Weggefährten: Natürlich Fontane. Kleist, Tieck, die Romantiker. Manche
Entdeckung: Wer kennt schon Balduin Möllhausen? Wer war jener andere
Kleist? Und so weiter bis an das Ende des 20. Jahrhunderts heran. Peter
Huchel und Bertolt Brecht, und nicht zu vergessen, die hübsche ironische
Reflexion »La bolsche Vita« über ein vergessenes Haus am Schwielowsee.
Er hatte eine Geschichte mit diesem Haus, die eben ein Stück jener
verwehten Literatur ist, in der er sich bewegte.
Manchmal, und auch jenem Abend bei Chianti und Pasta am
Savignyplatz, stellt er sich wohl, ausgesprochen oder nur bedacht, die
Frage, was denn seine »Lange Sekunde Erinnerung« betrifft: dieser
Versuch, etwas fest zuhalten in seinen Essays und Geschichten. Etwas
festzuhalten von der Erfahrung, die ihn betroffen hat: »Vielleicht
schreibt er deshalb überhaupt. Gegen das Vergehen. Nicht das allgemeine.
Das eigene. Er sagt sich, das ist menschlich, und er sagt sich, er hat
Gründe dafür«.
Am 23. September begeht Werner Liersch seinen
fünfundsiebzigsten Geburtstag. |