Mit der ehemaligen Klosterkirche Peter und
Paul auf dem Petersberg bietet Erfurt dem Künstler eine historisch
bedeutende Gaststatt. Im Schicksal dieser romanischen Basilika, im
glänzenden Aufstieg, tragischen Niedergang und beharrender
Wiederkehr, bilden sich Aspekte des Lebens, auch biographische des
Künstlers, ab. Doch welch Kontrast: Die Farbenpracht der über
vierzig Gemälde in dem so kahlen wie monumentalen Raum, der sich auf
der Zwischendecke über dem Presbyterium ausbreitet und den über 600
Vernissagegäste füllten, so dass der Laudator Gregor Gysi fast
verschwunden war. Es ist für Willi Sitte ein stiller Ort heimlicher
Ironie, mal wieder obenauf zu sein. Denn zu sehen sind Sittes Bilder
über dem „Forum Konkrete Kunst“, also Realismus über der abstrakten
Kunst. Eine Lebenserfahrung wird Willi Sitte in Erfurt erneut
bestätigt, wie sich Menschlichkeit über die Grenzen
weltanschaulicher und politischer Orientierung erhebt. Das war in
seinen jungen Jahren in Italien lebenswichtig, aber auch nach 1990,
als sich in Coburg, Bad Steben, Meersburg oder Unna und auch auf dem
Gebiet der vormaligen DDR, vor allem in Merseburg, Menschen fanden,
die seine Kunst sehen und in Ausstellungen zeigen wollten. Diese
scheiterten in Museen an dem so einfältigen wie hysterischen
Standpunkt, dass man Sittes Bilder nur zeigen dürfe, wenn zugleich
seine „verwerfliche“ Biografie mitpräsentiert wird. Dem Künstler sei
der Kulturfunktionär der DDR gegenüberzustellen, der sogar Mitglied
des ZK der SED war. Na und? Was erwartet man denn von einem
Menschen, der überzeugt war, dies habe mit der Vision von der
Einheit von Macht und Geist zu tun, der die Arbeiter als Hegemon sah
und nun dessen tiefen Fall zum „Herren Mittelmaß“ in bitteren
Bildern darstellen muss und dennoch „überzeugt ist von der
Notwendigkeit, an einer Alternative zum kapitalistischen
Gesellschaftsmodell mitzuwirken“ (Sitte 1994).

Kleine Harpyie (Lithographie, 2000)
Immer wieder sind es Freundeskreise, die als
Gegenkraft zu den großen Museen Gerechtigkeitsempfinden und ein
bürgernahes Interesse repräsentieren, wie der des Evangelischen
Kunstdienstes in Erfurt mit dem engagierten Kurator Eric T. Langer,
und kleine Galerien, wie die Kunsthandlung Müller in der Erfurter
Marktstraße, die mit einer Schau von fünfzig Grafiken aus den
jüngsten drei Jahrzehnten die Ausstellung von Malerei auf dem
Petersberg ergänzt. Erlebbar wird, dass der realistische und der
menschlichen Figur treu gebliebene Künstler mit seiner Kunst leisten
kann, was er selbst Lebenshilfe nennt, und wofür es für ihn, wie er
1985 sagte, „von jeher zwei Grundmöglichkeiten gibt: die Feier des
Guten und die Abwehr des Bösen. Bannen, feiern und die Zukunft zu
antizipieren – das alles sind unersetzbare Möglichkeiten
künstlerischer Weltsicht und Weltinterpretation“.
Willi Sitte wollte nicht die Kröte eines „verordneten“ Realismus,
sondern Realismus als Größe, und so entwickelte er seinen
„dialektischen Realismus“. In Erfurt ist an dem „Laufenden Jungen“
von 1968, das früheste Bild der Ausstellung, aber auch an dem
Gemälde „Gehängte“ von 1972 der Weg Sittes gut nachvollziehbar, den
menschlichen Körper mit starken Verkürzungen und simultanen Effekten
in raumgreifender, dynamischer Bewegung zu zeigen, in der
Durchdringung von Vergangenheit und Gegenwart, von Realität und
Idee. So sprengte er den „zu eng gewordenen konventionellen
Sehschlitz“ des Realismus in der DDR. Schon lange bevor die berühmte
Formel von der „Weite und Vielfalt“ in aller Munde war, hatte sie
Sitte 1966 geprägt.
Zur „Abwehr des Bösen“ schuf der Maler immer wieder den Terror in
der Welt anklagende Bilder, wie „Gehängte“, bei denen Sitte zur
ausdrucksstarken Darstellung des rassistischen Terrors Weißer gegen
Schwarze auf christliche Bildtypen zurückgreift. Von großer
Aktualität erweist sich das „Porträt eines Terroristen“, 1977, das
als den eigentlichen Terroristen den bankengestützten Machthaber ins
Zentrum rückt, der mit militärischem Terror den Gegenterror
produziert. Die „Feier des Guten“ wird bei Willi Sitte in seinen
Visionen vom Menschsein, besonders im Eros-Topos fruchtbar. So
nachhaltig, wie die erotischen Themen Willi Sittes Lebenswerk
bestimmen, dürfte zutreffen, dass die Kreativität des Künstlers,
sein "élan vial" (Henri Bergson), im Geschlechtlichen wurzelt.
Ähnlich wie bei Rodin oder Picasso, aber mit dem Unterschied, dass
für Willi Sitte, von den 60er Jahren an, der Mensch viel stärker in
der Einheit von Natur und gesellschaftlichem Wesen existiert. Eros
und Sexus im Alter wagt nach Picasso gleichfalls Willi Sitte ins
Bild zu setzen. So beherrschen beide Erfurter Ausstellungen Liebende
und üppige Grazien. Nackt sind die Menschen, kraftvoll, lebensfroh,
sich oft in freier Natur ganz auslebend. Jeder kommt erst zu sich
selbst durch die Nähe des anderen. Die Liebenden genießen in vollem
Lebensgenuss ihre Sinnlichkeit mit Umarmung und Küssen. Sittes
Bilder wirken wie "Endzeit"-Reminiszenzen, sie kennen das
altersweise Loslassen, doch nicht ganz. Menschlichkeit in erfahrener
Sinnlichkeit ist nicht verloren, und solange ist Hoffnung. Das ist
wohl ihre Botschaft, an der der 85jährige Willi Sitte festhält.
„Willi Sitte – Eros und Vision“, ehem. Klosterkirche St. Peter und
Paul (Forum Konkrete Kunst, Erfurt) bis 12. 8. 07, Mi – So 10 – 18
Uhr (mit Katalog);
„Willi Sitte – Grafik aus drei Jahrzehnten“, Kunsthandlung in der
Marktstraße, Erfurt, bis 28. 7. 07, Mo – Fr 10 – 19 Uhr, Sa 10 – 14
Uhr