Eros, Terror und Vision - Willi Sitte auf dem Petersberg Erfurt
Sitte-Ausstellung nicht opportun?
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Eros, Terror und Vision
Willi Sitte auf dem Petersberg Erfurt – und in der Marktstraße

Von Peter Arlt

 

Mit der ehemaligen Klosterkirche Peter und Paul auf dem Petersberg bietet Erfurt dem Künstler eine historisch bedeutende Gaststatt. Im Schicksal dieser romanischen Basilika, im glänzenden Aufstieg, tragischen Niedergang und beharrender Wiederkehr, bilden sich Aspekte des Lebens, auch biographische des Künstlers, ab. Doch welch Kontrast: Die Farbenpracht der über vierzig Gemälde in dem so kahlen wie monumentalen Raum, der sich auf der Zwischendecke über dem Presbyterium ausbreitet und den über 600 Vernissagegäste füllten, so dass der Laudator Gregor Gysi fast verschwunden war. Es ist für Willi Sitte ein stiller Ort heimlicher Ironie, mal wieder obenauf zu sein. Denn zu sehen sind Sittes Bilder über dem „Forum Konkrete Kunst“, also Realismus über der abstrakten Kunst. Eine Lebenserfahrung wird Willi Sitte in Erfurt erneut bestätigt, wie sich Menschlichkeit über die Grenzen weltanschaulicher und politischer Orientierung erhebt. Das war in seinen jungen Jahren in Italien lebenswichtig, aber auch nach 1990, als sich in Coburg, Bad Steben, Meersburg oder Unna und auch auf dem Gebiet der vormaligen DDR, vor allem in Merseburg, Menschen fanden, die seine Kunst sehen und in Ausstellungen zeigen wollten. Diese scheiterten in Museen an dem so einfältigen wie hysterischen Standpunkt, dass man Sittes Bilder nur zeigen dürfe, wenn zugleich seine „verwerfliche“ Biografie mitpräsentiert wird. Dem Künstler sei der Kulturfunktionär der DDR gegenüberzustellen, der sogar Mitglied des ZK der SED war. Na und? Was erwartet man denn von einem Menschen, der überzeugt war, dies habe mit der Vision von der Einheit von Macht und Geist zu tun, der die Arbeiter als Hegemon sah und nun dessen tiefen Fall zum „Herren Mittelmaß“ in bitteren Bildern darstellen muss und dennoch „überzeugt ist von der Notwendigkeit, an einer Alternative zum kapitalistischen Gesellschaftsmodell mitzuwirken“ (Sitte 1994).



Kleine Harpyie (Lithographie, 2000)


Immer wieder sind es Freundeskreise, die als Gegenkraft zu den großen Museen Gerechtigkeitsempfinden und ein bürgernahes Interesse repräsentieren, wie der des Evangelischen Kunstdienstes in Erfurt mit dem engagierten Kurator Eric T. Langer, und kleine Galerien, wie die Kunsthandlung Müller in der Erfurter Marktstraße, die mit einer Schau von fünfzig Grafiken aus den jüngsten drei Jahrzehnten die Ausstellung von Malerei auf dem Petersberg ergänzt. Erlebbar wird, dass der realistische und der menschlichen Figur treu gebliebene Künstler mit seiner Kunst leisten kann, was er selbst Lebenshilfe nennt, und wofür es für ihn, wie er 1985 sagte, „von jeher zwei Grundmöglichkeiten gibt: die Feier des Guten und die Abwehr des Bösen. Bannen, feiern und die Zukunft zu antizipieren – das alles sind unersetzbare Möglichkeiten künstlerischer Weltsicht und Weltinterpretation“.
Willi Sitte wollte nicht die Kröte eines „verordneten“ Realismus, sondern Realismus als Größe, und so entwickelte er seinen „dialektischen Realismus“. In Erfurt ist an dem „Laufenden Jungen“ von 1968, das früheste Bild der Ausstellung, aber auch an dem Gemälde „Gehängte“ von 1972 der Weg Sittes gut nachvollziehbar, den menschlichen Körper mit starken Verkürzungen und simultanen Effekten in raumgreifender, dynamischer Bewegung zu zeigen, in der Durchdringung von Vergangenheit und Gegenwart, von Realität und Idee. So sprengte er den „zu eng gewordenen konventionellen Sehschlitz“ des Realismus in der DDR. Schon lange bevor die berühmte Formel von der „Weite und Vielfalt“ in aller Munde war, hatte sie Sitte 1966 geprägt.
Zur „Abwehr des Bösen“ schuf der Maler immer wieder den Terror in der Welt anklagende Bilder, wie „Gehängte“, bei denen Sitte zur ausdrucksstarken Darstellung des rassistischen Terrors Weißer gegen Schwarze auf christliche Bildtypen zurückgreift. Von großer Aktualität erweist sich das „Porträt eines Terroristen“, 1977, das als den eigentlichen Terroristen den bankengestützten Machthaber ins Zentrum rückt, der mit militärischem Terror den Gegenterror produziert. Die „Feier des Guten“ wird bei Willi Sitte in seinen Visionen vom Menschsein, besonders im Eros-Topos fruchtbar. So nachhaltig, wie die erotischen Themen Willi Sittes Lebenswerk bestimmen, dürfte zutreffen, dass die Kreativität des Künstlers, sein "élan vial" (Henri Bergson), im Geschlechtlichen wurzelt. Ähnlich wie bei Rodin oder Picasso, aber mit dem Unterschied, dass für Willi Sitte, von den 60er Jahren an, der Mensch viel stärker in der Einheit von Natur und gesellschaftlichem Wesen existiert. Eros und Sexus im Alter wagt nach Picasso gleichfalls Willi Sitte ins Bild zu setzen. So beherrschen beide Erfurter Ausstellungen Liebende und üppige Grazien. Nackt sind die Menschen, kraftvoll, lebensfroh, sich oft in freier Natur ganz auslebend. Jeder kommt erst zu sich selbst durch die Nähe des anderen. Die Liebenden genießen in vollem Lebensgenuss ihre Sinnlichkeit mit Umarmung und Küssen. Sittes Bilder wirken wie "Endzeit"-Reminiszenzen, sie kennen das altersweise Loslassen, doch nicht ganz. Menschlichkeit in erfahrener Sinnlichkeit ist nicht verloren, und solange ist Hoffnung. Das ist wohl ihre Botschaft, an der der 85jährige Willi Sitte festhält.

„Willi Sitte – Eros und Vision“, ehem. Klosterkirche St. Peter und Paul (Forum Konkrete Kunst, Erfurt) bis 12. 8. 07, Mi – So 10 – 18 Uhr (mit Katalog);
„Willi Sitte – Grafik aus drei Jahrzehnten“, Kunsthandlung in der Marktstraße, Erfurt, bis 28. 7. 07, Mo – Fr 10 – 19 Uhr, Sa 10 – 14 Uhr






Sitte-Ausstellung nicht opportun?
Eric T. Langer über einen Versuch der Rufschädigung / Der Rechtsanwalt ist Kurator der Ausstellung von Gemälden Willi Sittes in Erfurt 
 
 
Foto: privat

ND: Die derzeit vielbesuchte Sitte-Ausstellung, die von Ihnen für den Evangelische Kunstdienstes Erfurt organisiert wurde, geriet ins Visier der Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit, Hildigund Neubert, wegen »unerträglicher Nähe«. Wie kam es zu der Ausstellung?
Langer: Die Ausstellung ist eine Reaktion auf das Verbot der Ausstellung in Nürnberg sowie das Nichtzustandekommen der Ausstellung in Meiningen. Willi Sitte wurde nach der Wende nur in wenigen Feldern im öffentlichen Raum gezeigt, was für uns Veranlassung war, ihn ausstellen zu wollen.

Wie bettet sich die Sitte-Ausstellung in das Konzept des Kunstdienstes ein?
Die Willi-Sitte-Ausstellung fügt sich in das Ausstellungskonzept des Kunstdienstes ein, das einerseits Kunst und Kirche miteinander verbinden will – wie im Falle der Barlach-Ausstellung in der Erfurter Predigerkirche, die immerhin 23 000 Besucher hatte –, andererseits stets Künstlern ein Forum gegeben hat, die anderweitig nicht ausstellen konnten.

Also erscheint der von Frau Neubert erhobene Vorwurf fehlender politischer Ausgewogenheit gegenstandslos?
Der Evangelische Kunstdienst ist kein politischer Verein und enthält sich jedweder politischen Stellungnahme. Die Willi Sitte Ausstellung in Erfurt hat keine politische Aussage. Sie zeigt allein einen großartigen Künstler und nicht den politischen Menschen Willi Sitte. Dies korrespondiert mit dem zur Ausstellung erschienen Katalog. Weder die Eröffnungsveranstaltung noch die Ausstellung ist politischer Natur. Und nach dem Besucherbuch zu urteilen, erfreuen sich auch die bisher über 5000 Besucher an den Bildern, die sie vermisst haben.

Jetzt hat die Landesbeauftragte den Kunstdienst zur Strafe aus dem internationalen Kunstprojekt »Konspirative Wohnungen« ausgeladen. Wie geht das zu, hatte das nicht der Kunstdienst initiiert?
Das Kunstprojekt »Konspirative Wohnungen« ist das Ideengut unseres früheren Vorsitzenden Frank Hiddemann. Der Evangelische Kunstdienst hat, da er das Projekt alleine finanziell nicht schultern kann, die Landesbeauftragte angesprochen und an diesem Projekt beteiligt. Frau Neubert ist seitens der Bundeskulturstiftung beauftragt, die von der Bundeskulturstiftung zur Verfügung gestellten Mittel zu verwalten. Hier sieht sie ihre Rechtfertigung, uns für das Projekt Sitte abzustrafen.

Demokratisch legitimiert erscheint Ihnen Frau Neuberts Handlungsweise wohl nicht?
Wohl kaum. Insoweit überrascht uns insbesondere, dass Frau Neubert uns vor ihrem Schreiben nicht kontaktiert hat. Die Handlungsweise von Frau Neubert begründet sich in ihrer Argumentation auf ein Gerücht, das nicht den Wahrheiten entspricht. Diese Handlungsweise erinnert sehr an die Handlungsweisen von Diktaturen.

Als »Zensurmaßnahme« will Frau Neubert die Projektmittel-Streichung nicht bewertet wissen. Aber bedeutet sie nicht eine unverhohlene Drohung, ein zumindest gewünschtes Sitte-Verbot?
Da uns Frau Neubert die Sitte Ausstellung nicht verbieten kann, versucht sie auf diese Weise, den Kunstdienst in Misskredit zu bringen. Sie ist diejenige, die – ohne dafür irgendein Argument zu haben – uns fehlender politischer Ausgewogenheit bezichtigt und damit abstraft.

Fragen: Peter Arlt

»Eros und Vision«, Peterskirche Erfurt, bis 12. August, Mittwoch-Sonntag, 10-18 Uhr, Eintritt frei