Reiner Schwalme: Werkschau in Kassel
Von der besonderen Idee
Von Harald Kretzschmar
Wissen Sie, woran man einen Karikaturisten mit DDR-Hintergrund erkennt?
Erstens an der ausgeprägten Handschrift. Im »Eulenspiegel« etwa wurden
die Zeichnungen - in erster Linie als Kollektivleistung betrachtet - in
der Regel nicht signiert. Im Druck erschien der Name ganz winzig.
Dennoch war die Urheberschaft unverwechselbar. Auf den ersten Blick war
ein Dittrich von einem Schrader zu unterscheiden. Oder eine Henniger von
einem Bofinger. Und zweitens an der Idee. Das fällt schon auf, wenn
einer eine Idee hat. Und zwar eine ganz eigene Vorstellung davon, wie
diese Welt zu interpretieren, also zu karikieren ist. Jeder ein Moralist
auf seine Weise. Idee ist hier nicht eine »Sache«, der man verpflichtet
wäre. Eine Idee haben ist ja das eine. Ideen machen ist das andere. Das
ist Handwerk für Karikaturisten. Neben Geistreichem gibt es da durchaus
Kalauer und Klamauk. Fragwürdige Machwerke dieser Art werden Sie bei den
Ideenmachern, von denen hier die Rede ist, kaum finden.
Wir sprechen von Reiner Schwalme. Das Merkwürdige an ihm ist: Ihm waren
diese besonderen Ideen lange nicht geläufig. 1937 in Liegnitz/Schlesien
geboren, wurde er als gelernter DDR-Berliner zum Gebrauchsgrafiker
ausgebildet. Die Namhaftigkeit seines Schaffens hielt sich damals sehr
in den gegebenen Grenzen. Die 60er und 70er Jahre als Hausgrafiker des
FDGB-Verlages »Tribüne« und als karikaturistischer Lieferant der
gleichnamigen Tageszeitung müssen für ihn Jahre
schmerzhafter Disziplinierung gewesen sein. Er wurde erst mit fast 50
Jahren zu dem Zeichner, der souverän seine eigenen Ideen einbringen
konnte. Die Serie von satirischen Blättern zum staatlichen Jagdwesen im
»Eulenspiegel« 1985 markierte den Durchbruch. Im Zeichnerkreis der
Zeitschrift hatte er schon lange die gezielt kritische Arbeit von
Kollegen wie Heinz Behling bewundert. Nun gewann auch sein Name dort
Klang, seine Handschrift Bedeutung.
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»Freiheit«, 2004
Reiner Schwalme »Die Werkschau« in Caricatura -Galerie für
Komische Kunst. KulturBahnhof Kassel, Bahnhofplatz 1.
Bis 28.Mai 2007 Do/Fr 14-20, Sa/So 12-20 Uhr.
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Schwalmes spätes Glück war, dass er 1989 noch diesen Schwung des
Neuanfangs hatte. Mit listig verkappten Aussagen auf dem von Gorbatschow
vorgezeichneten Weg gestartet, ging es nun in die neue Freiheit.
Plötzlich alles zeichnen zu
dürfen, eine Offenbarung. So wurde er neben Frank Leuchte, Andreas
Prüstel und Paul Pribbernow der beachtetste satirische Kommentator der
Wendezeit. Gedruckt und nachgedruckt jetzt in ganz Deutschland. Seine
Produktivität steigerte sich. Zeichnerisch wurde er immer großzügiger,
ideelich immer treffsicherer. Anfang der 90er hagelte es bei
gesamtdeutschen Karikaturenwettbewerben bereits Preise für ihn. Seine
Art, knappe Wortpointen ins Bild zu setzen, ja, schlagende Bildideen zu
servieren, faszinierte in Ost und West. Dabei stellt er seinen
Ost-Background noch heute klar heraus. Wenn nun »Die Werkschau« über
zweieinhalb Jahrzehnte Reiner Schwalme stattfindet, ist das
ganz selbstverständlich bei »Caricatura« in Kassel. Unverfehlbare
Adresse: KulturBahnhof Bislang ziemlich einsam sorgen im Gemäuer des
alten »Hbf« nur die komischen Zeichner für Kultur.
Nun ist alles zu sehen, was uns an Schwalme lieb und teuer ist. Wer es
noch nicht kennt, kann das Beste vom Finale der DDR kennen lernen. Die
»Hurra-Ziege«. Das »Keine Bretter! Keine Bretter!« der Erbauer eines
trojanischen Mini-Pferdes. »Mit uns zieht die Neue Zeit!«. Der Träger
des Transparents ist bejammernswert arm und nackt dran. Aber auch »Ein
Sprengkopf denkt nicht« zur Raketenbedrohung 1983. Was Schwalme schon
auszeichnet, ehe er mit einem Preis bedacht wird, ist der
sehen Mitteln. Mal reduziert, wie bei der Querteilung eines Apfels: Oben
mit Stiel Adam, unten Kerbe mit Blütenstand Eva. Kürzer gefasst geht es
nicht. Dagegen seine Penner und Gestrandeten aller Art. Die werden
liebevoll ausgemalt. Die schärfsten satirischen Spitzen1 werden in
sanfteste delikate Malerei gewickelt. Wie bei dem Altbesitzer West, der
vom Neunutzer-Ost bereits mit der Flinte im Anschlag erwartet wird. Da
knirscht die Einheit, und der Zeichner ^ knirscht sichtbar mit. Aber
auch die Wendehälse der ersten Stunde finden keine Gnade.
Das Wende-Kapitel leitet über zu den nun täglich in der »Sächsischen
Zeitung« erscheinenden Blättern. Dass da brillante grafische Pointen vom
Schöpfer neuerdings niedlich eingefärbt werden müssen, verdankt er dem
einsamen Ratschluss der dortigen Chefredaktion. Solcherart sachfremde
Direktive wirft einen alten Profi aber nicht mehr aus der Bahn. Schwalme
ist alles andere als Nostalgiker. Wenn er den Marx kopfschüttelnd die
Losung »Konzerne aller Länder, vereinigt euch!« betrachten lässt, ist
das ganz von heute. Aktuelle Themen der Innen- wie Außenpolitik geht er
zügig an. Häufig betrachtet er diese mit den Augen des sogenannten
»Kleinen Mannes«, und bezieht daraus den Witz.
Bei den hier in dem letzten Drittel gezeigten Highlights der Gegenwart
wäre doch öfter eine Jahresangabe wünschenswert. Gut - der Besuch beim
Sargmacher, der »Airbag, serienmäßig« anpreist, ist genauso zeitlos wie
der Gartenzwerg auf der Psychiatercouch, der stöhnt »Aber die Ängste
sind riesig«. Doch so manche Tageskarikatur hat den wahren Pfiff eben
daher, dass sie zum konkreten Zeitpunkt den trefflichen Gag anbietet. Da
belegt dieser Meister im Wettbewerb mit anderen unangefochten einen
vorderen Platz. |