Die Konkurrenz trieb ihn in die Residenz
Hans Weiß – der erste in Berlin sesshafte Buchdrucker kam aus
Wittenberg angereist
Von
Hans-Joachim Beeskow
Die kurfürstliche Residenz Berlin hatte hundert Jahre nach Gutenbergs
Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern noch immer keine
Buchdruckerei. Lediglich Wanderdrucker hatten hier Station gemacht, und
ein Johannes Gesottenwasser soll zwischen 1515 und 1524 nebenbei Drucke
hergestellt haben, wie das Berliner Schöppenbuch vermerkt.
Gesottenwasser, auch »Meister Hans Buchbinder« genannt (er arbeitete
wohl hauptsächlich als Papier- und Kartonagen-handwerker, nur
ausnahmsweise als Buchdrucker), war 1518 gegen 32 Groschen und ein Buch
im Wert von 1½ Gulden Bürger der Stadt geworden. Keiner seiner Drucke
ist überliefert.
Amtliche Verlautbarungen ließ der Hof in Frankfurt an der Oder drucken,
wo seit 1506 die Landesuniversität »Viadrina« mit namhaften Gelehrten
für Setzer, Buch-drucker und Buchbinder Beschäftigung bot.
1539 erhöhte sich der Druck auf den Kurfürsten, der Reformation in
Brandenburg zuzustimmen. Seit zwei Jahren predigte der erste
evangelische Pfarrer in Cöllns Petrikirche. Bürger und Rat forderten das
Abendmahl gemäß evangelischem Ritual. Schließlich kam es zum ersten
evangelischen Gottesdienst unter Teilnahme des Kurfürsten Joachim II.
Die Reformation erforderte die Verbreitung ihres Gedankengutes und ihrer
Kirchenregelungen. Der Kurfürst berief daher noch 1539 den Buchdrucker
Hans Weiß aus Wittenberg nach Berlin. Wittenberg galt seinerzeit als
Hochburg des Buchdrucks, waren doch die Schriften Luthers, Melanchthons
und anderer in kurzer Zeit und hohen Auflagen zu publizieren. Dass Weiß
in Wittenberg 1525 bis 1539 eine große Zahl von Luthers Schriften
gedruckt hat, ist belegt. Vielleicht folgte Weiß dem Ruf nach Berlin
auch wegen all zu großer Konkurrenz, denn die Verdienstmöglichkeiten in
der Lutherstadt zogen Buchdrucker und Buchbinder in Scharen an.
Hans Weiß begründete Berlins historisch erste eigenständige
Buchdruckerei. Aus seinem Leben ist wenig bekannt. Möglicherweise hat er
die gleiche geografische Herkunft wie Lucas Cranach d. Ä.; in der
Matrikeleintragung der Wittenberger Universität vom 1. Mai 1520 steht:
»Johannes Weiß de kranach bambergen«. Die Dauer seines Studiums in
Wittenberg ist nicht bekannt. Urkunden o. ä., die es gestatten würden,
seine Vita zu rekonstruieren, sind nicht erhalten geblieben.
Aus Hans Weiß' Berliner Buchdruckerzeit zwischen 1540 und 1547 konnten
bislang 27 Drucke verifiziert werden. Bemerkenswert ist, dass die
Lettern seiner Wittenberger Drucke genau mit denen seiner Berliner
Drucke übereinstimmen. Er hat also sein Typenmaterial von Wittenberg
nach Berlin mitgebracht.
Weiß' Aufträge in der Residenz richteten sich zuerst auf die
Reformation. Sein erster Berliner Druck trägt den Titel:
»Kirchen Ordnung
im Churfurstentum der Marcken
zu Brandemburg
wie man sich
beide mit der Leer vnd
Ceremonien halten sol.
Gedruckt zu Berlin im jar
M.D.XL.«
Diese Kirchenordnung, Ende Juni 1540 erschienen, bildete die
theologische und rechtliche Grundlage für die Durchführung der
lutherischen Reformation nun auch in Brandenburg.
Für die Ausbreitung der Reformation in Berlin und ganz Brandenburg – und
Luthers weltweite Wirkung überhaupt – war der Buchdruck mit beweglichen
Lettern unabdingbar. Insofern ist das kurfürstlich-brandenburgische
Privileg für Hans Weiß nicht nur für die Berliner Kulturgeschichte von
Bedeutung, auch wenn die theolo-gischen Abhandlungen aus der ersten
Berliner Buchdruck-Offizin eine nicht zu Ende geführte Reformation
widerspiegeln.
Nicht alle bekannten Drucke von Hans Weiß in Berlin stehen im
reformations-geschichtlichen Kontext. Aus seiner Offizin gingen auch
Drucke juristischen und anderen Inhalts hervor.
Hans Weiß' hat als Buchdrucker gewiss eine historisch frühe Perspektive
eröffnet auf die spätere überragende Bedeutung Berlins als Buchdruck-,
Verlags- und Zeitungsmetropole.