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Ottfried Zielke zum Siebzigsten Von Matthias Biskupek Wer die gruselige Komik in unserer Spaßgesellschaft zu finden weiß, dem müssen sie längst aufgefallen sein: die Bilder des Ottfried Zielke. Zur Wendezeit machte ein Blatt die Runde. Rüde Type brüllt auf den Weihnachtsmann ein: »Rück das Zeug raus du rote Sau«. Und wer im Sommer dieses Jahres durch die Berlin-Lichtenberger Sophienstraße in Berlin geht, eine Gegend, die als Nogo-area englisch verharmlost wird, dem fallen sie in der »Galerie 8« durchs Fenster ins Auge: Scheinbar lustige Typen, die ein großes Hakenkreuz als Baumaterial zwischen sich tragen, untertitelt: »Wir sagen, das wird ein Haus«. An anderer Stelle heißt es: »Wir bomben, so lange der Vorrat reicht. Und nun wieder Werbung.« Erst Ende der achtziger Jahre wurden nach und nach Zielke-Cartoons in »Eulenspiegel« und »Magazin« publiziert – inzwischen ist der Zeitgeist vielleicht schon wieder zu brav und bieder geworden für Zielkes stimmigen Wider-Sinn. So macht er weiter, womit er nie aufgehört hatte: Künstlerbücher, vor allem im Uwe Warnke Verlag. Als Zeichner ist Zielke Text- und Buchstabenbesessener. Ob seine geistigen Mitarbeiter Gerhild Ebel, Uwe Warnke oder Brüder Grimm heißen: »Schwerpunkt ist immer der Text«, verkündet Zielke. Als 1936 »geborener Arbeiter- und Bauernsohn« ist er, wie er meint, seit 1937 Cartoonist und qualifizierte sich vermutlich in hauptberuflicher Nebenarbeit zum Grafiker, Figurenmacher und visuellen Poeten: »Das Bild ist Bestandteil der Buchstaben oder umgekehrt. Buchstaben sind abstrakte Bildelemente. Es kann so weit gehen, dass der Buchstabe so unkenntlich wird, dass er seine eigentliche Bedeutung verliert und zum selbstständigen Bildelement wird.« Zielke kann also auch reflektieren – folglich sind seine Figuren ohne gerade Linie, sondern zittrig und komisch verbogen. Auf großen Blättern und in kleineren Unikatbüchern treiben sie ihr oft deutsches Wesen, also nicht selten ein Unwesen. Der kindliche Krakelstrich und eine gelegentlich kraftvolle Buntheit erzählen ganz wundersam grausame Geschichten. Für ein Buch »Rotkäppchen, durch den Wolf gedreht« von Ann Mousy bis Ottfried Zielke (burgart-presse) mit Texten und Bildern aus vielen Zeiten machte er aus dem Wolf den Adwolf und er weiß auch kluge Rezepte, die Politiker demnächst gewiss begeistert aufgreifen werden: »Wir lösen das Arbeitslosenproblem – Proleten raus!« Der Berliner Zielke haust seit ein paar Jahren im Oderbruch, das er Oder-Bruch nennt und obliegt dort der Buchstaben-, Papier- und Blechbaukunst – was immer das sein mag. Eine seiner Figuren heißt »Der Durchseher« – ein Mann guckt sich durch die Beine. Sicherlich ist Zielke in diesen Tagen, da ihm sogar im fernen vogtländischen Burgk eine Ehren-Ausstellung zuteil wird, ein Durchseher – aber durchschauen will er mit siebzig Jahren nun auch nicht mehr alles. Glückwunsch einem sehr weisen Kindskopf. Galerie 8, Sophienstr. 8, 10317 Berlin: OZ 70. Bis 14.7., Mo-Fr 13-18 Uhr. Außerdem 28.7.-25.8. ebenda: Dichter Verkehr. Uwe Warnke und Freunde. Museum Schloss Burgk, 07907 Burgk/ Saale, Neue Galerie/ Pirckheimer-Kabinett: Zielke & Konsorten. Malerei, Grafik, Zeichnung, Künstlerbücher, visuelle Poesie, Objekte, Texte von und zu Ottfried Zielke. 16.7.-8.10., Di-Fr 10-16, Sa/So 12-17 Uhr |