Bernd- Ingo Friedrich und Abel Doering
Neue Messen in Dresden und Berlin
Dresdner Literaturmesse »Schriftgut«
Vom 9. bis 11. November 2012
fand auf dem Dresdner Messegelände im Ostra-Gehege die 1. Dresdner
Literaturmesse »Schriftgut « statt, eine Messe, die zum ersten Mal alles
zusammenzubringen versuchte, was mit der Literatur im weitesten Sinne zu tun
hat. Das reichte von der Idee über das Schreiben eines Buches, seine Gestaltung
und Gestaltwerdung, die Vermarktung und Zweitverwertung durch Literaturkritik
und -wissenschaft bis hin zum Gebraucht- und Antikhandel auf der einen Seite;
auf der anderen, handwerklichen Seite, vom Papierschöpfen, Setzen, Drucken,
Binden bis zum Verlegen und Verkaufen des fertigen Buches als Pressendruck, Auflagen- oder
Einzeldruck (»on demand«) oder E-book. Die Idee zu dieser Messe hatte das
Verlegerehepaar Peggy und Dirk Salomo. Ihr »Dresdner Buchverlag« wurde zum
Gründungsort der »Dresdner Gesellschaft für Literatur e.V.« und sodann zum Organisationsbüro
für dieseerstmalige
Messe. Engagierte Dresdner, eine generöse »Messe Dresden« und verhandelbare Standgebühren ermöglichten
die herz- und
geisterfrischende Präsentation der sonst eher stillen Schriftkunst und -kultur durch 78 Teilnehmer in neun
Räumenvon Wohnzimmer-
bis Messehallengröße. Dazu gehörten auch die Gastronomie und drei Bühnen, auf denen die
größtenteils auf Gage
verzichtenden Künstler die Messegäste bis in die Nacht hinein unterhielten.
Der den Mitgliedern der Pirckheimer-Gesellschaft als
Gestalterder
Marginalien bestens bekannte Heinz Hellmis und Linde Kauert zeigten das Neueste aus ihrer »Edition
Zwiefach«. Das sind
unter anderem originelle, farbstarke Bilderbögen im Format A2, drei Mal zusammengefaltet und zwischen zwei A5-Pappen mit einem Bindfaden montiert; die
Künstlerbeschreiben sie
als ein Einblattbuch zum An-die-Wand-hängen. Ansonsten: viele Bücher, Leporellos,
akribisch-akkurate Typographie- und Kalligraphieblätter. Nicht vorzustellen braucht man wohl die Offizin Haag-Drugulin, seit einiger Zeit
im Zentrum Dresdens
ansässig, und den Verlag »SchumacherGebler« 64 mit der Bibliothek SG. Das Gesamtverzeichnis der
Bibliothekenthält
mittlerweile 34 Titel, von denen 11 bereits ein »Vergriffen«-Sternchen tragen. Zum Unternehmen gehört auch die edition petit, die jüngeren Autoren eine Möglichkeit
zur Veröffentlichungvon
Lyrik und Prosa bietet. Aus meiner Autorensicht sind die Gemeinschaftsausgaben besonders
hervorhebenswert,wie
beispielsweise Kletten oder Haarrisse des Verlags SchumacherGebler Dresden und der BUCHENpresse, bei
denender Autor Andreas
Hegewald die Rechte an seinen Texten behält. Hervorhebenswert auch die Kalligraphien von
Silvio Zesch, Frank
Voigt, Petra Lorenz, Volker Lenkeit und Mari Emily Bohley (anwesend mit Kolleginnen aus dem »Blue
Child«, ihrem Geschäft
in der Neustadt) sowie des ebenfalls anwesenden Künstlers Andreas Hegewald. André Kozik aus Chemnitz zeigte reizvolle, Holzbüchern ähnelnde zusammenlegbare
Diptychenaus grob
getischlerten Kästen mit Materialcollagen (er nennt sie »Draht- und Knopfkunst«), die humorvoll
Inhaltetransportieren,
oder assoziieren sollen, die den Ernst des Lebens ausmachen.
Als ein Vertreter des bibliophilen Buches stellte der
Dresdner Maler,
Graphiker, Buchgestalter, Publizist und Verleger Sebastian Hennig sein Verlagsprogramm vor. Derzeit
bemühter sich um
Subskribenten für eine erste Monographie über Ernst Lewinger. Die Illustrationen des 1931 geborenen
Dresdner Malers und
Graphikers zur Erzählung Der goldene Topf, 1965 in den Marginalien vorgestellt von Lothar Lang,
dürftenden Freunden E.
T. A. Hoffmanns ebenso bekannt sein wie den Sammlern der schmucken Insel-Bändchen. Mit
BuchbindermeisterHubert
Gotzmann war ein Vertreter der Buchbinderinnung Sachsen anwesend, der Autor (Bernd-Ingo Friedrich) machte die Pirckheimer-Ortsgruppe Weißwasser komplett.
Nebender Innung der
Buchbinder agierten die »Drestner Buchkinder« (kein Fehler!), korrekt: der »Dresdener Buchkinder e.V.« Aus seinen Werkstätten in Loschwitz und
Friedrichstadtkommen
phantastische sowohl handgeschriebene als auch gedruckte Bilderbücher mit Originalgraphik (überwiegend
Linolschnitt),freie
Graphiken, kleinere Drucksachen und sicherlich auch – was sehr zu wünschen wäre – die künftigen
Bibliophilen. Sie
verkauften Postkarten mit illustrierten Neologismen und Stilblüten wie »Der frühe Prinz fängt den Vogel«,
»Und der Könik wolte di
Prinzesin nicht hergeben. Das Schwain.«
Bernd-Ingo Friedrich
artbook.berlin
Mit der artbook.berlin fand vom
23. bis 25. November 2012 in Berlin nach langer Zeit wieder eine Messe für
Künstlerbücher und
-editionen statt. Über 50 Künstler, Verlage und Pressen präsentierten ihre vielfältige Produktpalette, die vom
Unikatbuchüber die
Druckgraphik bis zur Kleinauflage von Künstlerhand reichten. Die Liste der Aussteller verweist auf eine Qualität in der Buchgestaltung, die sich ein
Pirckheimer wünschtund
woran man bei dem sinkenden Angebot an Buchkunst auf den großen kommerziellen Messen wie Leipzig oder
Frankfurt/M. schon fast
nicht mehr glauben wollte.
Namen zu nennen bedeutet, wichtige Namen zu
unterschlagen,aber
dennoch sollen einige der den Pirckheimern sicher gut bekannten Teilnehmer erwähnt werden, wie der
DruckerMarc Berger
(V.E.B. Schwarzdruck), die Graphikerin Barbara Beisinghof (Die gläserne Libelle), die beide in
jüngerer Zeitjeweils
interessante Abende für die Berlin/Brandenburger Regionalgruppe gestalteten, Claudia Berg, die für uns Aus den Ruinen von Volker Braun illustrierte, Hanif Lehmann
(widukindPresse), der
für die Marginalien einen Holzschnitt lieferte oder Wolfgang Grätz, dessen Graphikbrief wohl jeder ebenso kennt wie sein Engagement für die Kunst,
HanfredWendland, der
uns vor zwei Jahren in Berlin seine Künstlerbücher vorstellte, wie auch Peter Rensch, der vor nicht
langerZeit den
Pirckheimern seine Graphik und das Programm der Andante Handpresse präsentierte, Uta Schneider,
bekanntvon der Stiftung
Buchkunst und nunmehr selbst wieder ausschließlich als Buchkünstlerin tätig, Wolfgang Henne mit seiner auffälligen Bodensatzbibliothek ...
Erfreulich war, daß die artbook.berlin Buchgestalter
allerAuffassungen und
Generationen zusammenführte. Es konnten sich unterschiedlichste künstlerische Stile und
Konzepte präsentieren
und in Dialog miteinander und mit den Besuchern kommen.
Die Veranstaltung wurde in dieser Stadt aufgesogen und empfunden, »wie ein Wassertropfen auf einem heißen
Stein«,so einer der
Gäste. Noch am letzten Tag warteten die Besucher trotz naßkaltem Wetter bereits vor Öffnung an der Tür,
unddie Messe war, wie
an den beiden vorangegangenen Tagen, ständig gut besucht. Mitunter hatte man das Gefühl,
daß dieRäumlichkeiten
den Anstrom nicht mehr fassen konnten. Im Publikum fanden sich gestandene Sammler von
Künstlerbücherngenauso
wie auch jüngere, allerdings in Sachen Buchkunst erstaunlich kompetente Besucher, was mir von allen
Beteiligtenbestätigt
wurde, ob von Sabine Golde (Carivari), die ihren Studenten die Möglichkeit bot, sich praktisch
auf einer Messe dem
Metier der Buchgestaltung zu nähern, oder von Hendrik Liersch (Corvinus Presse) und Henry Günther
(AtelierBuchKunst). So
verwundert nicht, daß man sich teilweise mehr Raum ersehnte, im wörtlichen Sinne wie auch
hinsichtlichder
Möglichkeit, sich bei einer Tasse Kaffee aus dem Trubel zwischenzeitlich zurückziehen zu können. Wenn das auch
dem sonstigen Trend der
Branche entgegen zu laufen scheint, ist eine größere Messe am Standort Berlin als Ergänzung zu
bestehenden
Einrichtungen, wie der Norddeutschen Handpressenmesse oder der Mainzer Minipressenmesse, offensichtlich eine lang vermißte Neugründung. Bedauert wurde vom Publikum wie auch im Umfeld der Veranstaltung, daß trotz der
Präsenzvieler bekannter
Künstler und Pressen einige Buchgestalter und Kleinverlage nicht anwesend waren. Sie sollten und
würden auch an künftigen
Veranstaltungen teilnehmen. Mit den bisherigen Ressourcen und ohne Unterstützung durch die
Stadt ist das jedoch
schwer möglich. Desto erfreulicher war die Feststellung des Veranstalters Cornelius H. Brändle (edition wasser im turm.berlin), daß dieser artbook.berlin 2012
mindestenseine zweite
2013 folgen wird. Alle Aussteller und Gäste waren sich darin einig, daß diese in Berlin nicht nur
gewünscht, sondern auch
notwendig ist. So bleibt zu hoffen, daß die artbook. berlin 2012 Auftakt einer langjährigen Tradition
gewesen ist.
Abel
Doering