Jason Thompson: Kunst aus Büchern. 28 Projekte für spielerisches Recycling. Bern: Haupt Verlag, 2012. 152 S., farb. Abb. Br. 21,5 × 25,5 cm. 24,90 Euro. ISBN 978-3-258-60052-9.


Vorauszuschicken ist, daß die Rezension vermutlich günstiger ausgefallen wäre, hieße das Buch »Hübsche Dinge, aus Büchern gebastelt«, denn Kunst entsteht in den vorgestellten »28 Projekten« eigentlich nicht. Das Buch stellt zwar auch Arbeiten bekannter oder auch unbekannterer Buchkünstler vor, ist jedoch in erster Linie gedacht als Anregung oder Anleitung für den Laien, also eben den Nicht-Künstler, aus dem Rohmaterial Buch Gebrauchsgegenstände oder schön anzusehende Spielereien herzustellen. Folgerichtig grenzt der Untertitel das Thema des Buches auch auf »spielerisches Recycling« ein. Und wenn im Vorwort richtig gesagt wird: »Bücher sind Artefakte des menschlichen Geistes und Schaffens«, so wird hier eben das wertlos gewordene Buch, oder häufig auch nur das bedruckte Papier, als Abfall verwertet, oder konkret gesagt, man findet eine Anleitung, das Buch sinnvoll zu zerstören.
Die Gestaltung des Buches ist hoch zu loben. Den einzelnen Kapitel und Abschnitte sind ganzseitige Überschriften auf schwarzem Grund mit einer aussagekräftigen Abbildung vorangestellt, die man beim Durchblättern leicht findet. Neben kurzen Beschreibungen von Arbeitsmaterial und Techniken werden die Ergebnisse der vorgestellten Projekte abgebildet, die teilweise von bekannten Designern geschaffen wurden, häufig vom Autor selbst, dem Buchbinder und autodidaktischen Buch- und Papierkünstler Jason Thompson.
Anders als der Titel vermuten läßt, widmet sich lediglich das dritte Kapitel auf den Seiten 120 bis 150 der Kunst aus Büchern. Dieses ist dann auch das einzig interessante für den Bücherfreund, und nur diese wenigen Seiten sind Rechtfertigung und Anlaß, das Buch an dieser Stelle zu rezensieren.
Dieses dritte Kapitel versteht sich als »Galerie« unter dem Titel Bücher neu konzipieren. Hier werden, gemeinsam mit einem kurzen »Künstlerprofil« wichtige Beispiele von gut dreißig Künstlern und Designern der zeitgenössischen Kunstszene der USA, Kanadas und Großbritanniens vorgestellt. Dazu gehört zum Beispiel Lisa Kokin, die, in durchaus schuldbewußter Konfrontation zu ihrem Judentum, das Skalpell an das Buch ansetzt, um dessen Inhalt herauszulösen, und damit das Buch auf eine neue Form reduziert. Oder Robert The, dessen Arbeiten mit Dekonstruktionen/Rekonstruktionen und Wiederbelebung beschrieben werden wollen und dessen Objekte auf zwei Seiten vorgestellt werden. Veronika Anita Teubert, ebenfalls aus New York, sieht sich von der deutschen Romantik inspiriert und versiegelt gelesene Bücher mit Bienenwachs, um sie zu bemalen. Alex Queral aus Philadelphia hingegen nutzt alte Telefonbücher für plastische Porträts.
Ein repräsentativer internationaler Überblick über diesen Bereich des Künstlerbuches ist damit natürlich nicht gegeben, einmal durch die regionale Eingrenzung und auch wenn man bedenkt, wie umfangreich das Gebiet des künstlerischen Buchobjekts ist. Aber auch, wenn der Kenner in diesem Kapitel schmerzliche Lücken konstatiert, findet derjenige, der sich neu damit beschäftigt, auf den letzten 30 Seiten eine interessante und gut bebilderte Darstellung unterschiedlicher Interpretationen des Objektes Buch als Kunst, durchaus geeignet, das Interesse für diese Kunstwerke zu wecken. Und so hat letztendlich der Titel des Buches doch eine gewisse Berechtigung, führt doch die 83 intensive Beschäftigung mit diesem Metier sicher dazu, den Sinn für Kunst, Bastelei oder Kitsch zu schärfen. Die Frage, ob es sich um ein Buch für den ambitionierten Bastler oder für den Bibliophilen handelt, muß jeder für sich selbst beantworten.

Abel Doering