Bühne auf! Die
Erstlingswerke deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts.
Ein bebildertes Lexikon. Hrsg. v. Elmar Faber und
Carsten Wurm. Leipzig: Faber & Faber, 2012. 4°. 526 S., ca. 300 meist farb. Abb.
26 × 18 cm. Pp. mit Umschl. 978-3-86730-124-4. 148 Euro.
Die schmale Broschur ist hundert Jahre alt. Der Text
luftig gesetzt, der Titel von lakonischer Kürze. Ein einziges Wort nur:
Betrachtung. Der Verfasser Franz Kafka ein Unbekannter, den Ernst Rowohlt in
seiner Voranzeige in die Nähe Robert Walsers rückte. Der Verleger war so
optimistisch wie alle Verleger, die auf den Erfolg eines Erstlings setzen.
»Ein Autor und ein Buch«, erklärte er, »dem allseitig größtes Interesse
entgegengebracht wird.« Er hatte 800 numerierte Exemplare bei Poeschel &
Trepte in Leipzig drucken lassen. Ende 1912 wurden sie ausgeliefert und dann
von seinem Teilhaber Kurt Wolff, der sich gerade von Rowohlt getrennt hatte
und im Februar 1913 seinen eigenen Verlag gründete, samt den Rechten
übernommen. Doch die Zuversicht, das Büchlein gut verkaufen zu können,
erfüllte sich nicht. Im Herbst 1915 waren noch keine 300 Exemplare abgesetzt,
und so schleppend ging’s weiter. Auch nach zehn war Kafkas Betrachtung
lieferbar.
Welch schöne Idee: Ein bebildertes Lexikon, nobel gedruckt und
ausgestattet, erzählt von deutschen Erstlingswerken, die im 20. Jahrhundert
erschienen sind. Das beginnt mit Ilse Aichinger und endet bei Stefan Zweig.
Dazwischen die riesige Galerie der Erzähler, Lyriker, Dramatiker (auch wenn
sie beileibe nicht vollständig ist), bekannte, unbekannte, legendäre,
gegenwärtige, vergessene. Mancher Debütant hatte Glück: Er setzte sich gleich
durch. Andere kamen nicht einmal in die Nähe eines bescheidenen Erfolgs.
Viele Berühmte von einst kennt man heute kaum noch, und andere, deren Start
nichts als Enttäuschung hinterließ, sind mit ihren frühen (und auch späteren)
Arbeiten, wenn sie im Antiquariatshandel auftauchen, nur für Leute mit
üppig gepolstertem Konto erschwinglich.
Hier, in diesem attraktiven Band,
werden lauter Anfänge vorgestellt, mal eine schmale, unscheinbare Broschur,
von der kaum noch jemand weiß (von den Herausgebern und ihren Mitstreitern
abgesehen), mal ein dicker, gewaltiger, immer noch populärer Roman. Das
Lexikon kommt so großformatig daher wie die meisten Lexika und ist doch auf
fabelhafte Weise ganz anders. Nicht strenge Sachlichkeit regiert auf seinen
Seiten, nicht jene Nüchternheit, die auf Kürze drängt, 84 im Blick nur die
nackte Information. Hier kriegt jeder Autor, jedes Buch einen richtigen
Artikel, hier wird eingehend beschrieben und berichtet. Wer wissen will,
unter welchen Umständen Brecht, Kafka, Grass oder Enzensberger debütierten,
wer alles mithalf, ein Manuskript zwischen Buchdeckel zu bringen, und wie
dieser erste Auftritt wahrgenommen wurde, ist in diesem klugen,
faktengesättigten, mit Liebe und enormer Sachkenntnis verfaßten Band bestens
aufgehoben. Seine Erfinder Elmar Faber, der Leipziger Verleger, und Carsten
Wurm, der Berliner Antiquar, haben uns, unterstützt von Michael Faber, Ulrich
Faure, Cornelia Heinrich, Daniel Jurisch, Aron Koban und Tina Stöckemann,
eine Publikation geschenkt, die beides ist: rühmenswertes, konkurrenzloses
Nachschlagewerk und wunderbares Lesebuch.
Der Anfang, ein tückisches,
selten selbstsicheres Unterfangen, hat viele Gesichter. Er kennt den Triumph
Kurt Tucholskys, der 1912 mit seiner Rheinsberg-Erzählung gleich den großen
und noch immer anhaltenden Erfolg schaffte, genauso wie Heinrich Manns
ziemlich mißlungenen Versuch, mit seinem Roman In einer Familie den
Durchbruch zu schaffen. Das Buch, von zwei Verlagen abgelehnt, erschien
1894 schließlich in kleiner Auflage (nur durch den Druckkostenzuschuß der
Mutter ermöglicht) und ist nach 1924 ganz vom Markt verschwunden. Erst 2000
ist es bei S. Fischer wieder gedruckt worden. Uwe Johnson dagegen hat sein
erstes Werk, den Roman Ingrid Babendererde, als Buch überhaupt nicht gesehen.
Es erschien erst nach seinem Tod. Und auch das gab es: Fritz Rudolf Fries
startete mit Der Weg nach Oobliadooh, dem Geniestreich eines mit Fantasie
üppig ausgestatteten Erzählers, der ihn, veröffentlicht nur bei Suhrkamp,
im Westen rasch bekannt machte und zu Hause, in der DDR, den Arbeitsplatz
kostete. Der Bericht über diesen Roman, verfaßt von Elmar Faber, einst
Fries-Kommilitone in Leipzig und später Fries- Verleger, ist ein
signifikantes Beispiel für den Charakter des Lexikons, das voller Geschichten
steckt, die man anderswo nicht findet.
Eine Menge Forscherlust und
Finderglück prägt diesen Band. Schließlich informiert er nicht nur über Buch-
und Autorenschicksale, Verlage, Ausstatter, Illustratoren, Druck, Auflagen
und Einbände. Allein das reichte, um ihn unentbehrlich zu machen. Hinzu
kommt, daß den Herausgebern das Kunststück gelang, alle Artikel mit Ansichten
des Covers, der Titelblätter, der Illustrationen oder des Satzbildes zu
schmücken. Derlei stellt, solange es um verhältnismäßig jüngere Produktionen
geht, vor keine gravierenden Probleme, wird jedoch immer schwieriger, je
älter die behandelten Werke sind, je prominenter die Autoren und Gestalter.
Erstausgaben von Kafka, Robert Walser, Benn oder Brecht, die Schutzumschläge
eines Georg Salter, zum Beispiel, gehören heute zu den Raritäten, meist nur
noch bei Sammlern zu finden. Man ahnt, wie schwierig es war, noch die ganz
seltenen Erstveröffentlichungen aufzuspüren und auch im Bild vorzustellen.
Die Reihe der vielen Helfer, denen am Schluß gedankt wird, sagt darüber
genug. Bücherfreunde werden dieses fantastische Buch lieben. Es hat alles,
was man sich wünscht, ergänzt jeden der 225 Artikel mit den wesentlichen
Literaturangaben, bringt ein großes Literaturverzeichnis, ein Personen- und
Verlagsregister und offenbart in allem die bewundernswerte Qualität des
Hauses Faber & Faber. Es ist bei so viel investierter Mühe und Sorgfalt nicht
ganz billig, aber darüber werden sich Kenner, die die den schweren Band
glücklich nach Hause tragen, nicht wundern.
Klaus Bellin