Ein Skizzenbuch

Wolfgang Böttcher (1909 - 1985) "Podowkin" 1929, Bleistift auf Papier (Skizzenbuch)

Brecht zwischen Schwank und Schweykiade
Von Erhard Kunkel

Wenn man am Theater gearbeitet hat, bringt es der Beruf mit sich, daß man vielen Menschen begegnet. Nicht nur Zuschauern, sondern auch Schauspielern, Regisseuren und Mitarbeitern verschiedenster Branchen. Viele kommen und gehen und bleiben kaum im Gedächtnis. Aber einer ist mir bis heute gegenwärtig, als wäre ich ihm erst vor einigen Monaten begegnet, dabei sind inzwischen über vierzig Jahre vergangen, als wir uns das erste Mal trafen. Es war damals für mich keine besonders gravierende Bekanntschaft, nein, er war einfach eines Tages da. Er wirkte bescheiden, sehr zurückhaltend. Aber diesen Eindruck mußte ich bald korrigieren, denn er war keineswegs zurückhaltend, er war sehr kontaktfreudig und konnte pausenlos erzählen. Ich kam mir vor wie ein kleiner Binnenschipper, der in einer Hafenkneipe einen Weltumsegler kennenlernt, der alle Meere befahren hat. Es war spannend, seinen Geschichten zuzuhören, die er an den verschiedensten Theatern erlebt hatte. Namen und Ereignisse, die mir wie Legenden aus einer fernen Welt erschienen. Und dieser neue Kollege am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin war nicht irgendwer, es war Wolfgang Böttcher (1909-1984), der bereits in den zwanziger Jahren Bühnenmaler bei Erwin Piscator war und später bei Brecht am „Berliner Ensemble" als Dramaturg arbeitete.
Er war immer voll von Geschichten und Anekdoten über Stücke, Regisseure und Schauspieler, über Pannen während Proben und Vorstellungen und vieles mehr. Aber sein Interesse galt nicht nur der Bühne, sondern allem Künstlerischen, besonders Malern und Grafikern. Er selbst war damals, zwar nebenbei, aber doch mit großer Leidenschaft „Schnellzeichner", wie er es nannte, verdiente sich mit Skizzen die „Butter auf sein Brot", und zeichnete, „wo er ging und stand", nicht nur auf der Straße und in den Kaffeehäusern, sondern auch in Proben verschiedenster Berliner Bühnen.
Nach Regiesitzungen oder in Probenpausen saßen wir oft zusammen, und er erzählte uns über die „vergoldeten zwanziger Jahre" die unglaublichsten Geschichten, auch über persönliche Begegnungen. Wir hörten ihm gern zu, glaubten ihm aber nicht alles, akzeptierten aber seine Phantasie. Manchmal machten wir uns den Spaß, ihm Stichworte zuzuwerfen, weil wir wußten, er würde prompt reagieren. So kannte er natürlich Tilla Durieux oder Heinrich George, erzählte, wie ihm „Otsch" Nagel zwei Gemälde schenkte, und „Gorgie" Grosz, als er 1933 in die USA übersiedelte, ihm eine Mappe mit Skizzen überließ. Für uns aufregende Geschichten, die viel über die zwanziger und dreißiger Jahre erzählten, und sie blieben noch authentisch, auch wenn wir dachten, daß sie nur erfunden waren. Dann später einmal, als er uns zu sich einlud, sahen wir die zwei Bilder von Otto Nagel in seinem Arbeitszimmer hängen, und die Grafikmappe von George Grosz konnte natürlich besichtigt werden.
Mich beschlich ein etwas beklemmendes Gefühl, ihm nicht geglaubt zu haben. Beiläufig sprach er auch davon, daß er, als Bertolt Brecht 1928 am „Theater am Schiffbauerdamm" seine Uraufführung der „Dreigroschenoper" vorbereitete, Brecht „schnellgezeichnet" hätte und die Skizze von ihm signieren ließ. Diese Mitteilung elektrisierte mich. Die Skizze mit dem Signum musste ich unbedingt sehen! Woher dieses spontane Interesse? Hatte ich nicht als Student der Germanistik, als ich am BE meine Diplomarbeit über Brecht vorbereitete, im Archiv bei Bunge Gedichtentwürfe, Korrekturblätter und vieles andere von Brecht gesehen?
Wolfgang Böttcher (1909 - 1985): "Bert Brecht" 1928. Bleisdtift auf Papier (Skizzenbuch)  

 Ja, ich hätte mir die „Theaterarbeit" oder einen der „Versuche" von Brecht signieren lassen können, aber auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Vielleicht ein bedauerliches Versäumnis, aus zeitlichem Abstand jetzt betrachtet. Aber das kleine Skizzenbuch mit Brechts Autogramm wollte ich unbedingt sehen. Obwohl über Jahre mir versprochen, bekam ich es nicht zu Gesicht.
Immer wieder hatte Böttcher Gründe, die meinen Wunsch verhinderten. So gab ich auf. Am Staatstheater Schwerin war Wolfgang Böttcher Regisseur und seine Frau Ilse Nürnberg Schauspielerin. Ich wusste, dass beide eine Komödie geschrieben hatten: „Ehe eine Ehe eine Ehe wird", die in den fünfziger und sechziger Jahren an sehr vielen Theatern der DDR gespielt wurde. Ich wusste auch, dass er auf Anweisung von Brecht eine Bearbeitung des englischen Schwanks „Charleys Tante" von Branden Thomas begonnen, aber nicht beendet hatte: „Charleys Tante -neue Variante".

Als ich nach Jahren am Friedrich-Wolf-Theater Neustrelitz inszenierte, fiel mir die „Tante-Variante" wieder ein, und ich bat Wolfgang Böttcher, mir doch die unbeendete Bearbeitung des Stückes zu schicken, um sie als Projekt einer möglichen Uraufführung für Neustrelitz zu prüfen. An das Versprechen, mir das Skizzenbuch zu zeigen, erinnerte ich ihn nicht. Böttcher schickte mir nicht das Textbuch seiner „Variante", sondern ,nur' einen Brief:
„8.1.84. Lieber Erhard! Zunächst eine traurige Mitteilung, daß ich Dir keine Exemplare der begonnenen Bearbeitung schicken kann. Die letzten wurden bei dem Versuch, das Stück ins Plattdeutsche zu übersetzen, verbraucht. Du fragst mich auch nach der Entstehung der ,Neuen Variante'. Sie ist auf Anregung Brechts entstanden. Anfang der fünfziger Jahre wollte er in der Friedrichstraße eine Dependance des Berliner Ensembles als Schwanktheater für den Schauspieler Curt Bois, den er sehr schätzte, eröffnen. Bois' Glanzrolle in den zwanziger Jahren war .Charleys Tante'. Da er, inzwischen ein älterer Herr geworden, keinesfalls mehr einen jungen Studenten spielen konnte, bat mich Brecht, zu untersuchen, ob der alte Diener Brassett auf die Damenrolle umzufunktionieren wäre. Ich hatte zwei Akte umgeschrieben, als es zu Differenzen zwischen Brecht und Bois kam, der nicht mehr beim Berliner Ensemble spielte. Ich packte alles in den Schrank und vergaß es. Jetzt kommst Du mit Deinem verlockenden Vorschlag, das Stück zu Ende zu schreiben, und ich krame alles wieder aus. Im übrigen: die Fassung ist zu lang. Das wurde sie auf Wunsch von Brecht, um Curt Bois an seinen geschmacklosen Extempores zu hindern. Ich würde auch vorschlagen, daß der Gesang des Brassett im 3. Akt fortfällt. Der war auch nur auf Wunsch von Bois hineingenommen worden, weil er als junger Mensch an dieser Stelle immer eine große Schlagerparodie eingelegt hatte. Hoffentlich hast Du keinen schwulen Brassett, das könnte leicht peinlich wirken. Paulchen Kemp war ja im übrigen auch schwul, aber immer sehr geschmackvoll. Also: kürze meine Fassung ruhig um 10 Seiten, sie ist sowieso schon knapper als das Original; ich finde, heute hat man für Theater nicht mehr soviel Zeit. Laß wieder von Dir hören. Viele Grüße Dein Wolfgang Böttcher." Zwei Wochen später kam ein zweiter Brief: „23.1.84. Lieber Erhard! Ich habe jetzt die ,Tante' zu Ende gebracht! Ich stehe zu meinem Eindruck: ein genialer Schwank von Thomas! Bietet doch heute dem Publikum endlich wieder mal das, was ihm zusteht: ungetrübt, heitere Unterhaltung und (in meiner Fassung) einen Schuß Ironie. Halt Dich an meine Angaben (ich berufe mich auf Brecht, das ist legalisiert): soviel Türen wie möglich. Der Witz ist, daß zwei Personen nicht zusammentreffen dürfen, und daß die eine - von draußen kommend - ihre Tür schon öffnet, während die andere im allerletzten Augenblick von der Bühne verschwindet...
Wolfgang Böttcher (1909 - 1985): Fritz v. Unruh" und "Heinrich Mann", verm. März 1929, Bleistift auf Papier (Skizzenbuch)  

Dann sollte ich vielleicht eine Art Entschuldigung für's Theater schreiben, daß es sowas spielt. Enden könnte das Vorspiel mit einem homerischen Gelächter von Brecht (nicht sichtbar, nur akustisch). Vielleicht gibt es im Brecht-Archiv eine entsprechende Aufnahme - er konnte ja herrlich meckernd lachen. Brecht hat einmal bei Felsensteins , Vogelhändler'-Aufführung durch sein Lachen, als man ein Schwein als Wildschwein schwarz auf der Bühne anmalte, völlig die Vorstellung durcheinandergebracht. Immer, wenn man dachte, daß er sich im Parkett beruhigt hatte, fing er von neuem an. Felsenstein hätte ihn am liebsten als Lacher engagiert. Inszeniere also so - ohne Mätzchen, daß Brecht viel zu lachen gehabt hätte - dann liegst Du richtig. Viele Grüße Dein Wolfgang Böttcher".
Schließlich folgte mit kurzem Begleit-schreiben eine große Überraschung

„23.5.84. Eieber Erhard! Alles Toi toi toi zur „Tante". Ich komme gerade vom Arzt. Mir geht's augenblicklich nicht besonders, kann also an dem Premieren-Termin nicht teilnehmen. Hoffentlich macht Dir mein altes Skizzenbuch Freude. Viele Grüße und Wünsche Dein Wolfgang Böttcher". Dann sollte ich vielleicht eine Art Entschuldigung für's Theater schreiben, daß es sowas spielt. Enden könnte das Vorspiel mit einem homerischen Gelächter von Brecht (nicht sichtbar, nur akustisch). Vielleicht gibt es im Brecht-Archiv eine entsprechende Aufnahme - er konnte ja herrlich meckernd lachen. Brecht hat einmal bei Felsensteins , Vogelhändler'-Aufführung durch sein Lachen, als man ein Schwein als Wildschwein schwarz auf der Bühne anmalte, völlig die Vorstellung durcheinandergebracht. Immer, wenn man dachte, daß er sich im Parkett beruhigt hatte, fing er von neuem an. Felsenstein hätte ihn am liebsten als Lacher engagiert. Inszeniere also so - ohne Mätzchen, daß Brecht viel zu lachen gehabt hätte - dann liegst Du richtig. Viele Grüße Dein Wolfgang Böttcher".
Schließlich folgte mit kurzem Begleitschreiben eine große Überraschung: „23.5.84. Eieber Erhard! Alles Toi toi toi zur „Tante". Ich komme gerade vom Arzt. Mir geht's augenblicklich nicht besonders, kann also an dem Premieren-Termin nicht teilnehmen. Hoffentlich macht Dir mein altes Skizzenbuch Freude. Viele Grüße und Wünsche Dein Wolfgang Böttcher".
Dieses kleine Skizzenbuch! Endlich! Es war für mich ein ganz großes Premierengeschenk. In ihm war nicht nur Brecht zu sehen, sondern auch Rudolf Platte, Heinrich Mann, Heinrich Greif, Eeopold Jessner und der russische Filmregisseur Pudowkin, der sich in der Zeit in Berlin aufhielt. Dieses Skizzenbuch hat für mich nicht nur persönlichen, sondern auch einen theatergeschichtlichen Wert. Wolfgang Böttcher hat meine Inszenierung „Charleys Tante - neue Variante" nicht mehr sehen können. Er starb wenige Wochen nach der Uraufführung.

Schweykiade
Im Februar 2007 hatte ich im Museum Neustrelitz eine Ausstellung „Grafik zur Literatur" mit meinen Exponaten. Neben den grafischen Blättern waren auch Autographen zu sehen aus meiner Sammlung, die mit einem Brief Lion Feuchtwangers im Zusammenhang mit meiner Diplomarbeit über Brechts „Die Gesichte der Simone Machard" begann. Hier zeigte ich auch Wolfgang Böttchers Skizzenbuch von 1928. Als ich einen Monat nach der Ausstellungseröffnung eine Stunde mit Geschichten zu den ausgestellten Exponaten vorbereitete, kam mir Wolfgang Böttcher wieder in Erinnerung. Mir fiel seine „Schwejk"-Version ein, die er 1978 im „TIK" (Theater im Kulturbund) in Schwerin mit einer ganz kleinen Besetzung in einer improvisierten Fassung inszeniert hatte, wobei er sich selbst als „Schnellzeichner" einbrachte. Animiert durch den Erfolg dieses „Kammerspiels" lief im Großen Haus des Staatstheaters Schwerin Brechts „Schweyk im zweiten Weltkrieg", der im Kontext von Haseks Schwejk einen besonderen Reiz für das Publikum hatte, zumal in beiden Inszenierungen der gleiche Schauspieler den Schwejk spielte. Für den Brecht-Schweyk wurde von dem Grafiker Karlheinz Effenberger, der auch für viele meiner Inszenierungen Plakate und Programmheftillustrationen gezeichnet hatte, ein Plakat entworfen, das zu einer spektakulären politischen Debatte Anlass gab. In einer Erinnerung unter dem Titel „In den Gezeiten" schrieb Karlheinz Effenberger 1995 über diese Auseinandersetzung: „Die Staatsbank der DDR prägte 1971 eine 20-Mark-Münze anläßlich des 85. Geburtstages Ernst Thälmanns mit seinem Konterfei, welches auf den Kopf gestellt und mit dem Daumen halb abgedeckt durch die umgedrehte Form von Kragen, Kinn und Nase einen Schwejk ergab.
Diese volkstümlich gewordene Zweideutigkeit war Grundlage meiner umgemünzten Plakatidee, die selbstverständlich hinter dem Daumen einen Schwejk, aber auch den Bertolt Brecht erkennbar machte. Die Parteimühlen kamen bis zum ZK in Bewegung, und das Plakat wurde sofort verboten und im öffentlichen Raum überklebt. „Wer Thälmann verunglimpft, schändet die Partei und ist ihr Feind!" Mein Einwand, dass doch für die Doppelsinnigkeit die Staatsbank verantwortlich sei und das vorliegende Plakat eindeutig den Brecht zeige, fand sture Missachtung. Das Theater durfte aus Papiermangel massenhafte Notatenzettel mit rückseitigen Porträtteilen des zerschnittenen B.B. verwenden."
Karlheinz Effenberger: Plakat "Schweyk im Zweiten Weltkrieg" (1978)  

Über dieses „anstößige" Brecht-Plakat wollte ich in der „Museumsstunde" sprechen, obwohl es natürlich in der Ausstellung nicht zu sehen war. Ich bat den Grafiker Effenberger, mir ein verbliebenes Exemplar auszuleihen, aber er besaß keines mehr. Er gab mir jedoch den Hinweis, mich an eine ehemalige Mitarbeiterin der Werbeabteilung des Staatstheaters zu wenden, die in dieser Zeit alle erschienenen Plakate zu Schweriner Inszenierungen gesammelt hatte. Ich erhielt telefonischen Kontakt zu ihr, und da sie sich noch an mich und meine Regiearbeit erinnern konnte, war sie sofort interessiert: „Ich werde es Ihnen schicken, und Sie dürfen es behalten, bei Ihnen ist es in guten Händen." Es gibt doch merkwürdige Zusammenhänge.

Diese Geschichte vom Schicksal eines Plakates erzählte ich also als pointierten Abschluss meiner Veranstaltung im Museum, und manche der älteren Zuhörer kannten noch die Münze, erinnerten sich auch an den Volkswitz, der wie ein Taschenspielertrick zwischen Daumen und Zeigefinger den Thälmann, den Schwejk und den Brecht zeigte. Das Plakat werde ich weiterverschenken an den Grafiker Karlheinz Effenberger, der erlebt hat, welchen hohen Stellenwert ein politischer Witz haben kann.