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Ein Skizzenbuch

Brecht zwischen Schwank und Schweykiade
Von Erhard Kunkel
Wenn man
am Theater gearbeitet hat, bringt es der Beruf mit sich, daß man vielen
Menschen begegnet. Nicht nur Zuschauern, sondern auch Schauspielern,
Regisseuren und Mitarbeitern verschiedenster Branchen. Viele kommen und
gehen und bleiben kaum im Gedächtnis. Aber einer ist mir bis heute
gegenwärtig, als wäre ich ihm erst vor einigen Monaten begegnet, dabei
sind inzwischen über vierzig Jahre vergangen, als wir uns das erste Mal
trafen. Es war damals für mich keine besonders gravierende
Bekanntschaft, nein, er war einfach eines Tages da. Er wirkte
bescheiden, sehr zurückhaltend. Aber diesen Eindruck mußte ich bald
korrigieren, denn er war keineswegs zurückhaltend, er war sehr
kontaktfreudig und konnte pausenlos erzählen. Ich kam mir vor wie ein
kleiner Binnenschipper, der in einer Hafenkneipe einen Weltumsegler
kennenlernt, der alle Meere befahren hat. Es war spannend, seinen
Geschichten zuzuhören, die er an den verschiedensten Theatern erlebt
hatte. Namen und Ereignisse, die mir wie Legenden aus einer fernen Welt
erschienen. Und dieser neue Kollege am Mecklenburgischen Staatstheater
Schwerin war nicht irgendwer, es war Wolfgang Böttcher (1909-1984), der
bereits in den zwanziger Jahren Bühnenmaler bei Erwin Piscator war und
später bei Brecht am „Berliner Ensemble" als Dramaturg arbeitete.
Er war immer voll von Geschichten und Anekdoten über Stücke, Regisseure
und Schauspieler, über Pannen während Proben und Vorstellungen und
vieles mehr. Aber sein Interesse galt nicht nur der Bühne, sondern allem
Künstlerischen, besonders Malern und Grafikern. Er selbst war damals,
zwar nebenbei, aber doch mit großer Leidenschaft „Schnellzeichner", wie
er es nannte, verdiente sich mit Skizzen die „Butter auf sein Brot", und
zeichnete, „wo er ging und stand", nicht nur auf der Straße und in den
Kaffeehäusern, sondern auch in Proben verschiedenster Berliner Bühnen.
Nach Regiesitzungen oder in Probenpausen saßen wir oft zusammen, und er
erzählte uns über die „vergoldeten zwanziger Jahre" die unglaublichsten
Geschichten, auch über persönliche Begegnungen. Wir hörten ihm gern zu,
glaubten ihm aber nicht alles, akzeptierten aber seine Phantasie.
Manchmal machten wir uns den Spaß, ihm Stichworte zuzuwerfen, weil wir
wußten, er würde prompt reagieren. So kannte er natürlich Tilla Durieux
oder Heinrich George, erzählte, wie ihm „Otsch" Nagel zwei Gemälde
schenkte, und „Gorgie" Grosz, als er 1933 in die USA übersiedelte, ihm
eine Mappe mit Skizzen überließ. Für uns aufregende Geschichten, die
viel über die zwanziger und dreißiger Jahre erzählten, und sie blieben
noch authentisch, auch wenn wir dachten, daß sie nur erfunden waren.
Dann später einmal, als er uns zu sich einlud, sahen wir die zwei Bilder
von Otto Nagel in seinem Arbeitszimmer hängen, und die Grafikmappe von
George Grosz konnte natürlich besichtigt werden.
Mich beschlich ein etwas beklemmendes Gefühl, ihm nicht geglaubt zu
haben. Beiläufig sprach er auch davon, daß er, als Bertolt Brecht 1928
am „Theater am Schiffbauerdamm" seine Uraufführung der
„Dreigroschenoper" vorbereitete, Brecht „schnellgezeichnet" hätte und
die Skizze von ihm signieren ließ. Diese Mitteilung elektrisierte mich.
Die Skizze mit dem Signum musste ich unbedingt sehen! Woher dieses
spontane Interesse? Hatte ich nicht als Student der Germanistik, als ich
am BE meine Diplomarbeit über Brecht vorbereitete, im Archiv bei Bunge
Gedichtentwürfe, Korrekturblätter und vieles andere von Brecht gesehen?
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Ja,
ich hätte mir die „Theaterarbeit" oder einen der „Versuche" von
Brecht signieren lassen können, aber auf diese Idee wäre ich nie
gekommen. Vielleicht ein bedauerliches Versäumnis, aus
zeitlichem Abstand jetzt betrachtet. Aber das kleine Skizzenbuch
mit Brechts Autogramm wollte ich unbedingt sehen. Obwohl über
Jahre mir versprochen, bekam ich es nicht zu Gesicht.
Immer
wieder hatte Böttcher Gründe, die meinen Wunsch verhinderten. So gab ich
auf. Am Staatstheater Schwerin war Wolfgang Böttcher Regisseur und seine
Frau Ilse Nürnberg Schauspielerin. Ich wusste, dass beide eine Komödie
geschrieben hatten: „Ehe eine Ehe eine Ehe wird", die in den fünfziger
und sechziger Jahren an sehr vielen Theatern der DDR gespielt wurde. Ich
wusste auch, dass er auf Anweisung von Brecht eine Bearbeitung des
englischen Schwanks „Charleys Tante" von Branden Thomas begonnen, aber
nicht beendet hatte: „Charleys Tante -neue Variante". |
Als ich nach Jahren am Friedrich-Wolf-Theater Neustrelitz inszenierte,
fiel mir die „Tante-Variante" wieder ein, und ich bat Wolfgang Böttcher,
mir doch die unbeendete Bearbeitung des Stückes zu schicken, um sie als
Projekt einer möglichen Uraufführung für Neustrelitz zu prüfen. An das
Versprechen, mir das Skizzenbuch zu zeigen, erinnerte ich ihn nicht.
Böttcher schickte mir nicht das Textbuch seiner „Variante", sondern
,nur' einen Brief:
„8.1.84. Lieber Erhard! Zunächst eine traurige Mitteilung, daß ich Dir
keine Exemplare der begonnenen Bearbeitung schicken kann. Die letzten
wurden bei dem Versuch, das Stück ins Plattdeutsche zu übersetzen,
verbraucht. Du fragst mich auch nach der Entstehung der ,Neuen
Variante'. Sie ist auf Anregung Brechts entstanden. Anfang der fünfziger
Jahre wollte er in der Friedrichstraße eine Dependance des Berliner
Ensembles als Schwanktheater für den Schauspieler Curt Bois, den er sehr
schätzte, eröffnen. Bois' Glanzrolle in den zwanziger Jahren war
.Charleys Tante'. Da er, inzwischen ein älterer Herr geworden,
keinesfalls mehr einen jungen Studenten spielen konnte, bat mich Brecht,
zu untersuchen, ob der alte Diener Brassett auf die Damenrolle
umzufunktionieren wäre. Ich hatte zwei Akte umgeschrieben, als es zu
Differenzen zwischen Brecht und Bois kam, der nicht mehr beim Berliner
Ensemble spielte. Ich packte alles in den Schrank und vergaß es. Jetzt
kommst Du mit Deinem verlockenden Vorschlag, das Stück zu Ende zu
schreiben, und ich krame alles wieder aus. Im übrigen: die Fassung ist
zu lang. Das wurde sie auf Wunsch von Brecht, um Curt Bois an seinen
geschmacklosen Extempores zu hindern. Ich würde auch vorschlagen, daß
der Gesang des Brassett im 3. Akt fortfällt. Der war auch nur auf Wunsch
von Bois hineingenommen worden, weil er als junger Mensch an dieser
Stelle immer eine große Schlagerparodie eingelegt hatte. Hoffentlich
hast Du keinen schwulen Brassett, das könnte leicht peinlich wirken.
Paulchen Kemp war ja im übrigen auch schwul, aber immer sehr
geschmackvoll. Also: kürze meine Fassung ruhig um 10 Seiten, sie ist
sowieso schon knapper als das Original; ich finde, heute hat man für
Theater nicht mehr soviel Zeit. Laß wieder von Dir hören. Viele Grüße
Dein Wolfgang Böttcher." Zwei Wochen später kam ein zweiter Brief:
„23.1.84. Lieber Erhard! Ich habe jetzt die ,Tante' zu Ende gebracht!
Ich stehe zu meinem Eindruck: ein genialer Schwank von Thomas! Bietet
doch heute dem Publikum endlich wieder mal das, was ihm zusteht:
ungetrübt, heitere Unterhaltung und (in meiner Fassung) einen Schuß
Ironie. Halt Dich an meine Angaben (ich berufe mich auf Brecht, das ist
legalisiert): soviel Türen wie möglich. Der Witz ist, daß zwei Personen
nicht zusammentreffen dürfen, und daß die eine - von draußen kommend -
ihre Tür schon öffnet, während die andere im allerletzten Augenblick von
der Bühne verschwindet...
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Dann
sollte ich vielleicht eine Art Entschuldigung für's Theater schreiben,
daß es sowas spielt. Enden könnte das Vorspiel mit einem homerischen
Gelächter von Brecht (nicht sichtbar, nur akustisch). Vielleicht gibt es
im Brecht-Archiv eine entsprechende Aufnahme - er konnte ja herrlich
meckernd lachen. Brecht hat einmal bei Felsensteins ,
Vogelhändler'-Aufführung durch sein Lachen, als man ein Schwein als
Wildschwein schwarz auf der Bühne anmalte, völlig die Vorstellung
durcheinandergebracht. Immer, wenn man dachte, daß er sich im Parkett
beruhigt hatte, fing er von neuem an. Felsenstein hätte ihn am liebsten
als Lacher engagiert. Inszeniere also so - ohne Mätzchen, daß Brecht
viel zu lachen gehabt hätte - dann liegst Du richtig. Viele Grüße Dein
Wolfgang Böttcher".
Schließlich folgte mit kurzem Begleit-schreiben eine große
Überraschung |
„23.5.84. Eieber Erhard! Alles Toi toi toi zur „Tante". Ich komme gerade
vom Arzt. Mir geht's augenblicklich nicht besonders, kann also an dem
Premieren-Termin nicht teilnehmen.
Hoffentlich macht Dir mein altes Skizzenbuch Freude.
Viele Grüße und Wünsche Dein Wolfgang Böttcher". Dann
sollte ich vielleicht eine Art Entschuldigung für's Theater schreiben,
daß es sowas spielt. Enden könnte das Vorspiel mit einem homerischen
Gelächter von Brecht (nicht sichtbar, nur akustisch). Vielleicht gibt es
im Brecht-Archiv eine entsprechende Aufnahme - er konnte ja herrlich
meckernd lachen. Brecht hat einmal bei Felsensteins ,
Vogelhändler'-Aufführung durch sein Lachen, als man ein Schwein als
Wildschwein schwarz auf der Bühne anmalte, völlig die Vorstellung
durcheinandergebracht. Immer, wenn man dachte, daß er sich im Parkett
beruhigt hatte, fing er von neuem an. Felsenstein hätte ihn am liebsten
als Lacher engagiert. Inszeniere also so - ohne Mätzchen, daß Brecht
viel zu lachen gehabt hätte - dann liegst Du richtig. Viele Grüße Dein
Wolfgang Böttcher".
Schließlich folgte mit kurzem Begleitschreiben eine große Überraschung:
„23.5.84. Eieber Erhard! Alles Toi toi toi zur „Tante". Ich komme gerade
vom Arzt. Mir geht's augenblicklich nicht besonders, kann also an dem
Premieren-Termin nicht teilnehmen. Hoffentlich macht Dir mein altes
Skizzenbuch Freude. Viele Grüße und Wünsche Dein Wolfgang Böttcher".
Dieses kleine Skizzenbuch! Endlich! Es war für mich ein ganz großes
Premierengeschenk. In ihm war nicht nur Brecht zu sehen, sondern auch
Rudolf Platte, Heinrich Mann, Heinrich Greif, Eeopold Jessner und der
russische Filmregisseur Pudowkin, der sich in der Zeit in Berlin
aufhielt. Dieses Skizzenbuch hat für mich nicht nur persönlichen,
sondern auch einen theatergeschichtlichen Wert. Wolfgang Böttcher hat
meine Inszenierung „Charleys Tante - neue Variante" nicht mehr sehen
können. Er starb wenige Wochen nach der Uraufführung.
Schweykiade
Im Februar 2007 hatte ich im Museum Neustrelitz eine Ausstellung „Grafik
zur Literatur" mit meinen Exponaten. Neben den grafischen Blättern waren
auch Autographen zu sehen aus meiner Sammlung, die mit einem Brief Lion
Feuchtwangers im Zusammenhang mit meiner Diplomarbeit über Brechts „Die
Gesichte der Simone Machard" begann. Hier zeigte ich auch Wolfgang
Böttchers Skizzenbuch von 1928. Als ich einen Monat nach der
Ausstellungseröffnung eine Stunde mit Geschichten zu den ausgestellten
Exponaten vorbereitete, kam mir Wolfgang Böttcher wieder in Erinnerung.
Mir fiel seine „Schwejk"-Version ein, die er 1978 im „TIK" (Theater im
Kulturbund) in Schwerin mit einer ganz kleinen Besetzung in einer
improvisierten Fassung inszeniert hatte, wobei er sich selbst als
„Schnellzeichner" einbrachte. Animiert durch den Erfolg dieses
„Kammerspiels" lief im Großen Haus des Staatstheaters Schwerin Brechts
„Schweyk im zweiten Weltkrieg", der im Kontext von Haseks Schwejk einen
besonderen Reiz für das Publikum hatte, zumal in beiden Inszenierungen
der gleiche Schauspieler den Schwejk spielte. Für den Brecht-Schweyk
wurde von dem Grafiker Karlheinz Effenberger, der auch für viele meiner
Inszenierungen Plakate und Programmheftillustrationen gezeichnet hatte,
ein Plakat entworfen, das zu einer spektakulären politischen Debatte
Anlass gab. In einer Erinnerung unter dem Titel „In den Gezeiten"
schrieb Karlheinz Effenberger 1995 über diese Auseinandersetzung: „Die
Staatsbank der DDR prägte 1971 eine 20-Mark-Münze anläßlich des 85.
Geburtstages Ernst Thälmanns mit seinem Konterfei, welches auf den Kopf
gestellt und mit dem Daumen halb abgedeckt durch die umgedrehte Form von
Kragen, Kinn und Nase einen Schwejk ergab.
Diese volkstümlich gewordene Zweideutigkeit war Grundlage meiner
umgemünzten Plakatidee, die selbstverständlich hinter dem Daumen einen
Schwejk, aber auch den Bertolt Brecht erkennbar machte. Die Parteimühlen
kamen bis zum ZK in Bewegung, und das Plakat wurde sofort verboten und
im öffentlichen Raum überklebt. „Wer Thälmann verunglimpft, schändet die
Partei und ist ihr Feind!" Mein Einwand, dass doch für die
Doppelsinnigkeit die Staatsbank verantwortlich sei und das vorliegende
Plakat eindeutig den Brecht zeige, fand sture Missachtung. Das Theater
durfte aus Papiermangel massenhafte Notatenzettel mit rückseitigen
Porträtteilen des zerschnittenen B.B. verwenden."
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Über dieses „anstößige" Brecht-Plakat wollte ich in der
„Museumsstunde" sprechen, obwohl es natürlich in der Ausstellung
nicht zu sehen war. Ich bat den Grafiker Effenberger, mir ein
verbliebenes Exemplar auszuleihen, aber er besaß keines mehr. Er
gab mir jedoch den Hinweis, mich an eine ehemalige Mitarbeiterin
der Werbeabteilung des Staatstheaters zu wenden, die in dieser
Zeit alle erschienenen Plakate zu Schweriner Inszenierungen
gesammelt hatte. Ich erhielt telefonischen Kontakt zu ihr, und
da sie sich noch an mich und meine Regiearbeit erinnern konnte,
war sie sofort interessiert: „Ich werde es Ihnen schicken, und
Sie dürfen es behalten, bei Ihnen ist es in guten Händen." Es
gibt doch merkwürdige Zusammenhänge. |
Diese Geschichte vom Schicksal eines Plakates
erzählte ich also als pointierten Abschluss meiner Veranstaltung im
Museum, und manche der älteren Zuhörer kannten noch die Münze,
erinnerten sich auch an den Volkswitz, der wie ein Taschenspielertrick
zwischen Daumen und Zeigefinger den Thälmann, den Schwejk und den Brecht
zeigte. Das Plakat werde ich weiterverschenken an den Grafiker Karlheinz
Effenberger, der erlebt hat, welchen hohen Stellenwert ein politischer
Witz haben kann. |