Georg Sauer (1927 - 2007).
Ein Nachruf
Von Detlef Auvermann
*... un es will merr net in mein Kopp enei: wie kann nor e Mensch net
von Frankfort sei!« (Friedrich Stoltze)
Am 22. Juli 2007 wäre der Frankfurter Antiquar Georg Sauer 80 Jahre alt
geworden. Nun ist er vor wenigen Monaten, am 11. Februar 2007, in
Glashütten/Oberems verstorben. Mit ihm wurde eine Persönlichkeit zu
Grabe getragen, die zur Kriegsgeneration gehörte, 1927 in
Frankfurt-Sachsenhausen geboren, absolvierte er im Alter von 14 bis 16
Jahren bei der Firma Diesterweg in Frankfurt eine Buchbinderlehre. Mit
16 Jahren eingezogen, erlebte der junge Soldat vor Ort im Februar 1945
den Untergang Dresdens.
Ende 1946 kehrte er aus britischer Gefangenschaft in seine in Trümmern
liegende Heimatstadt zurück. Dort konnte der gelernte Drucker Ferdinand
Keip selbständig. Die Firma domizilierte im Hainerweg in
Frankfurt-Sachsenhausen, direkt unterhalb des Henninger Turms.
In jener Zeit machte ich meine Bekanntschaft mit Georg Sauer. Als junger
Student der Rechtswissenschaft ließ ich mich bei meinen Besuchen im
Antiquariat Naacher, später Sauer & Keip, von seiner Begeisterung für
das alte Buch anstecken. Dies hatte zur Folge, daß ich einen Großteil
meiner Freizeit dort als freier Mitarbeiter verbrachte und mich während
des Studiums vornehmlich mit Themen aus der europäischen
Rechtsgeschichte und der Kanonistik beschäftigte. Schließlich führte
dies 1962 zur Gründung einer eigenen Firma in Partnerschaft mit einem
weiteren Mitarbeiter der Firma Kerst, dem Antiquar Hans Klein, im
Frankfurter Westend. Als Klein 1964 unerwartet verstarb und sich
Spannungen zwischen Georg Sauer und seinem Partner Keip aufgebaut
hatten, beschlossen Georg Sauer und ich, die Kräfte zu bündeln und uns
zu einer eigenen, gemeinsamen Firma zu verbinden. Die Partnerschaft
erstreckte sich über einen Zeitraum von zehn Jahren. In dieser Zeit
entstanden die Kataloge: Wirtschaft und Gesellschaft;
Nationalsozialismus. Eine Dokumentation; Europäische Rechtsgeschichte;
Kanonistik; Tschechoslowakei etc., sowie eine Anzahl von Sammlungs- und
Zeitschriftenkatalogen, die samt und sonders internationale Beachtung
fanden, Hauptabnehmer waren Bibliotheken.
1971 zog das Antiquariat aus dem Frankfurter Westend in ein eigenes
Gebäude nach Glashütten im Taunus. Die Frankfurter
Allgemeine Zeitung« berichtete darüber in einem Artikel mit der Überschrift
» Ein
Sechs-Kilometer-Bücherwurm zog in den Taunus« (Nr, 234, 9. Oktober 1971,
S. 38). Dort war nun Platz für ein Volumen von bis zu 600.000 Einheiten
an Einzeltiteln und Zeitschriftenbänden. Vor allem zwischen. 1970 und
1980 nahm das wissenschaftliche Antiquariat einen ungewöhnlichen
Aufschwung. In der Bundesrepublik wurde eine Anzahl von neuen
Universitäten gegründet. Auch das Ausland, vor allem Japan, erweiterte
ständig die Palette seines Bedarfs an wissenschaftlicher Literatur Der
Investitionsbedarf wuchs in hohem Maße.
Zu diesem Zeitpunkt wurde es langsam zwischen Georg Sauer und mir zur
Gewißheit, daß er für die kommenden Jahre einen anderen Weg einschlagen
wollte. Sauer liebte die Beschäftigung mit dem. einzelnen Buch, Vor
allem, lag .ihm die Frankfurter Geschichte und Literatur am Herzen, und
in all den Jahren der Partnerschaft wurden eifrig Bücher und Graphik
über Frankfurt zusammengetragen. Parallel zu den Tätigkeiten im
Antiquariat erschienen im gemeinsamen Verlag zahlreiche Neudrucke zur
Frankfurter Literatur, unter anderem das Werk des Altstadtvaters Fried
Lübbecke, »Alt-Frankfurt
- Ein Vermächtnis«,
das schönste Bildwerk über das alte Frankfurt. Außerdem Reproduktionen
des »Codex Moenofrancofurtanus« der Geschichte Frankfurts von Friedrich
Bothe, der Frankfurter Handelsgeschichte von Alexander Dietz und
schließlich der komplette Neudruck der »Frankfurter Latern« von
Friedrich Stoltze,
1974 war für Georg Sauer der Zeitpunkt gekommen, seine eigene Firma zu
gründen: das Antiquariat Sauer in Königstein im Taunus. Von nun an
widmete er sich seinen ureigensten Neigungen, der Zusammenstellung von
Sammlungen zur Frankfurter Literatur, dem Themenkreis der »Stunde Nulls
der Weimarer Republik«, dem Gebiet der Exilliteratur, den klassischen
Werken der Rechts- und Staatswissenschaft, Und nicht 7.u vergessen,
seiner einzigartigen Sammlung zu Erich Kästner und Walter Trier, die in
einer vielbeachteten Ausstellung in der Frankfurter Stadt- und
Universitätsbibliothek präsentiert wurde.
In den folgenden Jahren erschienen die Francofurtensien-Kataloge I-III
(1975 bis 1978), die im Anschluß an die Samrnlungskataloge von Heinrich
Stiebel aus den Jahren 1928 bis 1930 eine Hommage an sein geliebtes
Frankfurt darstellen.
1993 trifft ihn ein herber Schicksalsschlag, er wird unheilbar krank,
muß seine Firma aufgeben und jedwede Tätigkeit einstellen. Während der
Folgezeit wird er von seiner Ehefrau aufopfernd gepflegt.
Nun ist Georg Sauer nach langer Leidenszeit von uns gegangen. Er wird
einen würdigen Platz in. der Abfolge der Frankfurter Antiquare seit den
Zeiten der Firma Joseph Baer & Co. einnehmen. Vielen seiner Kollegen und
Freunde bleibt er als Geschichten- und Anekdotenerzähler unvergeßlich.
1986 erschien in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« ein Porträt
»Frankfurter Gesichter: Georg Sauer« (mit einer Zeichnung von Erich
Dittmann). Darauf war der »Schorsch* besonders stolz. Er übersandte mir
eine Kopie des Artikels mit folgender handschriftlicher Bemerkung; »Nur
wer Stoltze und Sauer kennt, kennt Frankfurt am Main (= Oder gilt nix)«
Honi soit qui mal y pense. Ehre seinem Gedenken.
Georg Sauer hinterläßt seine Ehefrau Luise, zwei Töchter Beate und
Annette und seinen Sohn Thomas. Dieser führt unter dem Namen Thomas
Sauer-Blaise die Tradition des Antiquariats weiter.
Die Schilderung der frühen Berufsstationcn von Georg Sauer beruht
teilweise auf Heidi Dürr: 'Frankfurter Antiquare heute*, in: Aus dem.
Antiquariat 1973, Beilage zum. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel
- Frankfurter Ausgabe, Nr. 77,28. September 1973, A 425-427. |