Carsten Wurm

Ex libris Kuba

 

Kuba gehört sicher nicht zu den Lichtgestalten der DDR-Literatur, die der Nachwelt im Gedächtnis bleiben. Dazu hat er sich zu dogmatisch hinter den Kurs der SED-Führung gestellt. Seine politischen Äußerungen entbehren immerhin nicht einer gewissen Originalität, so daß sie bis heute viel zitiert werden.

Von dem problematischen Ruf unbeeindruckt, stellt der Bücherfreund gern einige besondere Bücher aus Kubas Besitz in sein Regal. Als jüngst seine Nachlaß-Bibliothek veräußert wurde, kamen vier Bücher auf mich, die im Folgenden vorgestellt werden. Beim ersten handelt es sich um die Ausgabe von Egon Erwin Kischs letzter, nicht mehr fertiggestellter Arbeit, einer Reportage über die Schuhfabrik Bata in Zlin einst und heute: Tovärna na Boty. Das mit einer Kordel gebundene Heft erschien 1949 auf Tschechisch im Selbstverlag des inzwischen verstaatlichten Betriebes. Die Werksleitung wollte damit nicht nur an Kisch erinnern, sondern auch einen Beitrag zur »politischen Erziehung der Werktätigen« leisten. Kuba (eigentlich Kurt Barthel), dessen Geburtstag sich am 8. Juni 2004 zum 90. Mal jährte, hatte seine prägenden Jahre von 1933 bis 1939 im Exil in der Tschechoslowakei verbracht und in dieser Zeit vermutlich auch Kisch erlebt. Der junge Sozialdemokrat war nach der nationalsozialistischen Machtübernahme aus Deutschland geflüchtet, um einer drohenden Hausdurchsuchung und Schlimmerem in seinem Heimatort Garnsdorf nahe Chemnitz zu entgehen. Nach Kontakten mit kommunistischen Emigranten wurde er aus der SPD ausgeschlossen. Er trat mit ersten Gedichten hervor und ging mit den Laienspieltruppen »Roter Stern« und »Neues Leben« über Land zu den nicht immer freundlich gesonnenen Sudetendeutschen, die sich politisch, von der hitlertreuen Henlein-Partei vorbereitet, auf den Anschluß an Deutschland einstellten. Um nicht mit dem Büchergilden-Autor Max Barthel verwechselt zu werden, der zu den Nazis konvertiert war, legte er sich auf Anraten von Louis Fürnberg in jener Zeit seinen Künstlernamen Kuba zu. Der böhmische Lyriker gehörte zu seinen frühen Förderern, dessen Vorliebe für Volkslied und Arbeiterkampflied Kuba bald teilen sollte. Beide erwarben sich unbestreitbare Verdienste durch die Nachdichtung tschechischer Lyrik. Das Kisch-Buch trägt auf der Innenseite des Umschlags einen kleinen Aufkleber »Louis Fürnberg«, stammt also ursprünglich aus Fürnbergs Bibliothek.

Kuba floh nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei nach Großbritannien. Von dort kehrte er 1946 nach Deutschland zurück. Schnell wurde er zu einem der bekanntesten Nachwuchsautoren des Ostens. Eindruck machte vor allem sein Gedicht vom Menschen (1948), ein idealistisches Poem von den Möglichkeiten der menschlichen Gattung. So war es nicht zufällig, daß er 1952 im Deutschen Schriftstellerverband das einflußreiche Amt des Ersten Sekretärs übertragen bekam. In seine Amtszeit fielen die Proteste vom 17. Juni 1953. An diesem Tag befand er sich im Büro des Verbandes in der Friedrichstraße und sah die Arbeiter in Richtung Leipziger Straße zum Regierungssitz strömen. Nachdem im Nachbarhaus eine rote Fahne gewaltsam entfernt worden war, verbarrikadierte er etwas panisch den Eingang und bereitete sich auf ein Handgemenge vor. Brecht kommentierte: »Kuba in Erwartung seiner Leser«. Atzend wurde Brecht, nachdem Kuba wenige Tage später im Neuen Deutschland einen Artikel veröffentlicht

 


Klaus Wittkugel, Exlibris für Kuba, 1961


hatte, in dem er den Bauarbeitern der Stalinallee zurief: »Da werdet ihr sehr viel und sehr gut mauern und künftig auch sehr klug handeln müssen, ehe euch diese Schmach vergessen wird.« Brecht schrieb daraufhin das bekannte Gedicht Die Lösung mit dem noch bekannteren Resümee: »... Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?«

Zufällig befand sich am 17. und 18. Juni auch der junge Erzähler Erich Loest, Sekretär des Leipziger Bezirksverbandes, in Berlin, um an einer Sitzung des Vorstandes mit den Bezirkschefs teilzunehmen. In seinen bei Hoffmann und Campe in Hamburg erschienenen Memoiren Durch die Erde ein Riß (1981) schildert er ausführlich die für ihn aufwühlenden Ereignisse jener Tage und auch die Konfusion im Schriftstellerverband. Er selbst stand an Kubas Seite mit einem Axtstiel in der Hand hinter der Barrikade. Am Rande der geschichtliehen Ereignisse fand Loest Zeit, dem Berliner Sekretär seinen soeben erschienenen neuen Erzählband Sportgeschichten (Mitteldeutscher Verlag 1953) zu widmen: »Meinem Genossen Kuba herzlichst gewidmet / Erich Loest / Berlin, 18. 6. 53«. Die Schlußfolgerungen, die Loest und Kuba aus jenen Tagen zogen, gingen diametral auseinander. Loest geriet allmählich in Fundamentalopposition zur Parteiführung, wurde schließlich im bösen Jahr 1957 verhaftet und zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, die er in Bautzen absitzen mußte. Dennoch fällt Loests Urteil über seinen dogmatisch treuen ehemaligen Weggefährten nachsichtig aus. Kuba klebte später in den Loest-Band wie in die meisten seiner Bücher sein Exlibris, mit dem handschriftlichen Zusatz: »Schön Lit. Deutsch«. Es stammt von Klaus Witkugel, der bei Volk und Welt, Kubas erstem Hausverlag, viele Bücher gestaltete.

Trotz der sehr unterschiedlichen Einstellung zur DDR waren jahrzehntelang die meisten Schriftsteller Mitglied des Schriftstellerverbandes. Ganz abgesehen von manchen materiellen Segnungen, begründete die Dazugehörigkeit den rechtlichen Status der Mitglieder. Sieht man einmal von den bekannten politischen Einwänden ab, so läßt sich sagen, daß der Verband vielen Schriftstellern half, ihre Leser zu finden, unter anderem durch Lesungen, aber auch durch die heute kaum mehr bekannten »Buchbasare«. Bei diesen Gelegenheiten, regelmäßig am 1. Mai, aber auch an anderen Festtagen, saßen die Schriftsteller an langen Tischen nebeneinander und signierten den Lesern mitgebrachte und eben erworbene Bücher, gewöhnlieh natürlich die eigenen. Kuba jedoch ließ sich »Zur Erinnerung an den Buchbasar 1954« das Werk eines sowjetischen Schriftstellers mit Reiseberichten aus Italien und den USA - Pjotr Pawlenko, Stimmen unterwegs (Kultur und Fortschritt 1954) - von seinen anwesenden Kollegen signieren. Am Beginn der Eintragungen auf dem Vorsatz steht F.C. Weiskopf, gefolgt von den seinerzeit bekannten, heute teils vergessenen Autoren Regina Hastedt, Michael Tschesno-Hell, Paul Körner-Schrader, E.R. Greulich, Alfred Kurella, Hedda Zinner, Paul Wiens, Fritz Erpen-beck, Heinar Kipphardt, Theo Harych, Wolfgang Kohlhaase, Walter Dehmel, Erich Arendt, Elfriede Brüning und anderen.

Kuba zog 1956 an die Küste, um am Rostocker Volkstheater Chefdramaturg zu werden. In Warnemünde erhielt er in einem Gartenviertel ein Backsteinhaus. Der Intendant Hanns Anselm Perten begründete seinerzeit die Rügen-Festspiele, für die Kuba ein Stück über die Like-deeler und ihren Anführer schrieb: Klaus Störtebeker (Uraufführung 1959; Buchausgabe Die Legende von Klaus Störtebeker, 1960). In den ersten Jahren mußte das Landvolk, das eigentlich im Sommer in der Ernte beschäftigt war, intensiv agitiert werden, nach Raalswieck am Jasmunder Bodden zu kommen. Seit der Neuaufnahme der Rügenspiele in den neunziger Jahren strömen die Leute. Freilich ist Kubas sozialkritisches Stück durch ein Unterhaltungsspektakel ersetzt worden. Zu den zweifellos großen Verdiensten des Rostocker Volkstheaters gehörte die intensive Zusammenarbeit mit Peter Weiss, einschließlich mehrerer Uraufführungen, inszeniert durch Hanns Anselm Perten. Weiss kam häufig und gern nach Rostock. Das Volkstheater druckte 1966 aus An-laß der Inszenierung des Oratoriums Die Ermittlung über den Ausch-witz-Prozeß die autobiographisch geprägte Erzählung Meine Ortschaft, in der Weiss seine Begegnung mit Auschwitz verarbeitet. Die Nummer 2 des auf 1000 Exemplare begrenzten Druckes signierte Weiss am 4. Oktober 1965 »für Kuba«.

Der Einsatz des Rostocker Volkstheaters für die zeitgenössische Dramatik blieb im Westen Deutschlands nicht unbemerkt. Einladungen zu Gastspielen erreichten das Theater. Kuba begleitete das Ensemble im Herbst 1967 nach Frankfurt am Main. Am Rande der Aufführung fand eine Diskussion mit den Gästen aus der DDR statt. Eingefunden hatten sich offenbar auch einige maoistische Aktivisten, die den moskautreuen Genossen zusetzten. Kuba, der auf Grund eines Herzleidens schon lange in Behandlung war, erregte sich über die unerwartete Wendung des Abends heftig, erlitt einen Herzanfall, an dem er am 12. November 1967 starb.