Carsten Wurm

Ex libris Max Schroeder

Zum hundertsten Geburtstag des Kritikers und Cheflektors

 

Am 13. April vergangenen Jahres starb die in Berlin lebende amerikanische Schriftstellerin Edith Anderson-Schroeder. Meine Frau, eine Antiquarin, kaufte von der Tochter, Cornelia Schroeder, den Teil der Bibliothek, den sie und ihr Sohn nicht in ihren Wohnungen unterbringen konnten. Ich war, wie gewöhnlich, als Gehilfe tätig, wofür ich nach gutem Brauch einige besondere Stücke aus den Ankaufskisten an mich nehmen durfte. So kam ich in den Besitz von vier Büchern, die dem Ehemann von Edith Anderson, Max Schroeder, gehört hatten. Seines hundertsten Geburtstages am 16. April dieses Jahres haben leider nicht allzu viele Bücherfreunde gedacht.

Da ist zunächst Heinrich Manns Roman Lidice aus dem Verlag „El Libro Libre“, Mexico 1943. Schroeder stammte aus der Hansestadt Lübeck, zwar nicht aus einem Patrizierhaus, aber doch aus gut situierten Verhältnissen. Sein Vater war Rechtsanwalt. Schroeder zog es in eine andere Richtung. Nach dem Abitur am Katharineum, das schon Thomas und Heinrich Mann wie auch Erich Mühsam besuchten hatten, nahm er das Studium der Kunstgeschichte auf, zunächst in Rostock, dann in Freiburg, München und Göttingen. Er brach es 1923 ab, um in Berlin Kunst- und Literaturkritiker zu werden. So schrieb er regelmäßig für die Grüne Post und die Berliner Volks-Zeitung. Der sich entwickelnde Kontakt mit vielen linken Künstlern und Schriftstellern sowie die Frustration über die desolaten Verhältnisse am Ende der Weimarer Republik führten ihn 1932 in die Reihen der Kommunistischen Partei. In der Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz, wo er Anfang der dreißiger Jahre wohnte, schloß er Freundschaft mit Alfred Kantorowicz, Ernst Bloch und Hanns Eisler. Ein Fixstern für seine politische und publizistische Entwicklung war Heinrich Mann. Mit gebührendem Respekt war er ihm mehrfach in seinem Leben begegnet, zuerst in Berlin, wo Heinrich Mann als Präsident der Sektion Dichtung der Preußischen Akademie der Künste den Höhepunkt seiner intellektuellen Wirksamkeit erreicht hatte. Später traf er ihn im Paris Exil wieder, wo Schroeder die von Kantorowicz gegründete Deutsche Freiheitsbibliothek leitete, in dem von Heinrich Mann mitbegründeten Nachrichtenbüro „Deutsche Informationen“ arbeitete und zuletzt für die Éditions du Carrefour Bücher lektorierte. Auch in den USA kreuzten sich die Wege, setzte sich Schroeder als Stellvertretender Chefredakteur des von Gerhard Eisler geleiteten German-American in New York für Heinrich Mann ein. Wieder nach Berlin zurückgekehrt, vereinbarte Schroeder mit dem Romancier die Edition einer Werkausgabe im Aufbau-Verlag, die Kantorowicz nach dem Tod des Romanciers herausgeben sollte. Sein Exemplar von Lidice trägt den Besitzvermerk: „Max Schroeder / 422 W, 20th str. / N. Y. C.“

 

Max Schroedwer - Portraiskizze von Gustav Seitz, 1958

 

Ein anderes Exemplar aus Schroeders Bibliothek ist das Bühnenmanuskript Die Verbündeten von Alfred Kantorowicz aus dem Aufbau Bühnen Vertrieb, Berlin 1950, das die Widmung „Dem alten Freund / und Kampfgefährten / Max“ zum 51. Geburtstag enthält. Schroeder hatte gemeinsam mit dem Ehepaar Kantorowicz und anderen Exilanten Ende 1946 einen ausrangierten Truppentransporter in Richtung Deutschland bestiegen. Sie wären mit ihm fast abgesoffen, wie in den Memoiren von Edith Anderson Love in Exile (1999) und in dem Deutschen Tagebuch (1959-1961) von Kantorowicz nachzulesen ist. Nach der Ankunft in Bremen hausten sie zusammen im selben Flüchtlingslager. Freund „Kanto“ wurde Zeuge der tiefen Depression, die Schroeder nach dem Besuch bei seiner Mutter in Lübeck erfaßte. Sie hatte eine Flasche Wein für besondere Gelegenheiten in Reserve gehalten, von der sie ihrem Jungen erzählte. Die Heimkehr des verlorenen Sohnes war ihr jedoch kein ausreichender Anlaß, sie anzubrechen. Die beiden Publizisten sahen eine berufliche Zukunft nur in Berlin, wohin die Exilanten von Kulburbund und SED gerufen wurden.

In Berlin übernahm Schroeder das Cheflektorat des Aufbau-Verlages, die Aufgabe seines Lebens. Mit großem Geschick setzte er sich für die Emigranten, aber auch für junge Autoren ein. Eine seiner literarischen Entdeckungen war Franz Fühmann, mit dem er im Oktober 1952 einen Vertrag über einen Band Erzählungen abschloß. Sein poetisches Debüt, Die Nelke Nikos. Gedichte, veröffentlichte Fühmann 1953 allerdings im Verlag der Nation, dem Verlag der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands. Fühmann, der sich in dieser von der SED für ehemalige Angehörige der Wehrmacht gegründeten Partei stark engagierte, gehörte einige Jahre der Parteiführung an, hielt sogar „ideologische Grundsatzreden“ auf Parteitagen, bis er sich 1957, nach dem Ende der kurzen Demokratisierungsphase, mit seinen Parteifreunden überwarf. Fühmann schrieb später, wie wichtig Schroeders Rat für seine Prosaentwicklung war. Der komprimierte „Kleistsche“ Stil seiner Kriegsnovellen ging weitgehend auf die Redaktionsgespräche mit Schroeder zurück. Fühmann schrieb Schroeder in das Exemplar der Nelke Nikos: „Lieber Max, / mit allem Dank für Deine grosse gute / Hilfe sehr herzlich / Franz Fühmann“.

Das vierte Buch, eine Monographie mit dem Titel Jean Paul (Leipzig: H. Haessel, 1925), stammt von dem Erzähler und Publizisten Walther Harich, dem Vater des Philosophen, Publizisten und Verlagslektors Wolfgang Harich sowie der Erzählerin und Journalistin Susanne Kerckhoff. Das Geschenk von Wolfgang Harich zum 50. Geburtstag am 16. April 1950 trägt die Widmung: „Dem lieben Max Schröder, / dem hilfreichen Freunde ganzer Generationen von Harichs ..., / in der Hoffnung, dass er noch mit meinen / Enkeln auf vertrautem Fuß / stehen möge!“ Harich war seinerzeit schon eine Berühmtheit, über dessen polemische Theater- und Literaturkritiken man in Berlin viel debattierte. Schroeder gewann ihn wenige Monate später als Klassikherausgeber für den Aufbau-Verlag. Harichs erste Edition, eine sechsbändige Ausgabe von Heinrich Heine, war allerdings noch keine Glanzleistung. Schroeders Konzept eines „Volks“-Heines stieß unter anderem bei Bruno Kaiser auf scharfen Widerspruch. Für Harich war die Kritik Anlaß, künftig nur noch wissenschaftlich anspruchsvolle Editionen zu verfolgen, besonders von philosophischer Literatur. Schroeder wurde von diesem Ehrgeiz mitgerissen, wie die von Paul Rilla herausgegebene Lessing-Ausgabe (1954/55) und die von Bruno Kaiser herausgegebene Weerth-Ausgabe (1956/57) belegen.

Als Schroeder 1953 massiv unter Beschuß geriet, weil er das Libretto Johann Faustus seines Freundes Hanns Eisler verlegt hatte, gewann der Verlagsleiter Erich Wendt Wolfgang Harich, seinerzeit noch Hochschullehrer an der Humboldt-Universität, für regelmäßige „ideologische Schulungen“ der Lektoren. Nach wenigen Sitzungen entließ der Dozent den Kreis mit der Bemerkung, man wisse jetzt Bescheid, erinnerte sich ein Beteiligter. Schroeder blieb das Schicksal von Wolfgang Harich, Walter Janka und anderen Mitarbeitern des Verlages, die 1957 zu teilweise langen Haftstrafen verurteilt wurden, auf Grund seiner im August 1956 ausbrechenden Lungenkrankheit erspart. Mit großer Besorgnis betrachtete er die Entwicklung, ohne helfen zu können. Seine Frau und er beherbergten einige Wochen Jankas Sohn, um der Frau den Rücken für den Kampf um ihren Mann freizuhalten. Bitter war für ihn auch die Flucht von Kantorowicz 1957 in den Westen. Das Buch mit Schroeders gesammelten Kritiken Von hier und heute aus (1957), das man dem Sterbenden in die Hände legte, mußte zurückgezogen werden, um den Namen von Kantorowicz zu tilgen. Harich kämpfte gegen die demoralisierende Haft, indem er, seinem Vater folgend, die Monographie Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer neuen Deutung seiner heroischen Romane (1974) vorbereitete. Edith Anderson-Schroeder blieb mit der Tochter in Berlin, auf die Reform des Sozialismus bis zum Ende der DDR hoffend.