Lucie Groszer
ERINNERUNGEN AN JOHANNES BOBROWSKI

 

Ich muß gestehen, hätte ich den breitschultrigen, untersetzten, jungen Mann mit dem Stiernacken und dem wie zum Angriff vorgeschobenen Kopf in einer einsamen Gegend getroffen, ich hätte mich vor ihm gefürchtet. Mir wäre ebenso ängstlich zu Mute gewesen, wie der Friedrichshagenec Buchhändlerin, als derselbe junge Mann in der schlottrigen Kleidung eines aus der Kriegsgefangenschaft Heimgekehrten in ihren Laden trat. Er stand am Heiligen Abend 1949 in der Buchhandlung, besah sich Bücher, ohne sie zu sehen. Die Schließzeit kam heran. Der einzige Gedanke der Buchhändlerin Gretel Geier war: wie komme ich an dem unheimlichen Menschen vorbei? Es gab nämlich nur einen einzigen Ausgang. Im trüben Dunkel des Wintertages gingen nur noch wenige Menschen auf der Straße vorüber, und die hatten es alle eilig. Sie nahm schließlich ihren ganzen Mut zusammen und machte den unschlüssigen Käufer darauf aufmerksam, daß es Feierabend sei und sie den Laden schließen müsse. Der junge Mann schreckte auf, und schließlich fragte er mit beklommener Stimme: »Bitte sagen Sie, ist in Friedrichshagen viel verbombt oder durch Beschuß zerstört?« - »Nein«, lautete die beruhigende Antwort. »Und in der Friedrichstraße (so hieß die heutige Wilhelm-Bölsche-Straße)?« - »Nein, auch nicht.« Wie veränderte sich da der Gesichtsausdruck, wie erlöst wirkte er jetzt. »Meine Familie wohnt nämlich hier«, kam die Erklärung. Nun, die Buchhändlerin war übet diese Lösung ebenfalls hoch erfreut, schloß die Ladentür ab, faßte den jungen Mann unter den Arm und geleitete ihn bis zu seiner Haustür. Sie gab ihm das Geleit zu einem der schönsten Weihnachtsfeste für ihn und die Seinen.
Der Gefürchtete war Johannes Bobrowski!
Ich muß ehrlich sein, wenn er nicht mit einer so warmherzigen Empfehlung zu mir gekommen wäre, ich hätte ihn nicht einmal angehört.
Johannes Bobrowski hatte nach seiner Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft ein Vierteljahr in der Volksbühne gearbeitet, aber eine Tätigkeit ausgeübt, die seinem Wissen und Können nicht entsprach. Er hatte in der Gefangenschaft Antifaschulen besucht, und so stand es für ihn fest, daß er sich an die Sozialistische Einheitspartei wenden müßte, um berufliche Hilfe zu erhalten. So kam er zu dem Parteisekretär für Kultur bei der Bezirksorganisation Berlin, Julius Leege, und der meinte, der Altberliner Verlag brauche

 


Johannes Bobrowski. Aufnahme von Roger Melis

 

einen Lektor, als er sich den Werdegang und seine Wünsche angehört hatte. Das war zwar gut gemeint, aber ehrlich gesagt, ich wußte eigentlich nicht, was ein Lektor bei mir sollte.
Die dürftigen Veröffentlichungen - Bilderbücher mit wenig Text, wir nannten sie Berufsfindebücher - konnten wir selbst beurteilen. Ich hatte damals noch gar keine rechte Vorstellung, wie der Verlag überhaupt aussehen sollte. Die erste Idee, Berlin-Literatur herauszugeben, war nicht verwirklicht worden. Die erste Phase zu einem Kinderbuchverlag bahnte sich an. Aber einen festumrissenen Plan gab es noch nicht. Wir überließen es erst einmal dem Zufall, der uns sogar reichlich mit Manuskripten versah. Die zweite, große Frage war: Wohin mit einem Lektor? Die Räume des Verlages bestanden aus einem Durchgangszimmer, in dem ich mir mit Hilfe eines schräg gestellten Schrankes einen ruhigen Winkel für meinen Schreibtisch geschaffen hatte, der aber so klein war, daß gerade noch ein Besucherstuhl Platz hatte. Der abschließende Raum, ebenfalls mit zwei Türen dicht neben dem einen Fenster versehen, war die Küche. Konnte man das einem Lektor zumuten? Wir konnten. Bobrowskis Schreibtisch kam an das Fenster, sein Stuhl davor, und wer durch die Küche wollte, mußte einen Bogen um ihn machen. Das war bestimmt nicht der ideale Arbeitsplatz! Heute würde es jeder als Zumutung empfinden, wenn man ihm das anbieten würde. Aber wir waren alle jung und unternehmungsfroh. Der Krieg lag hinter uns, und wir hatten wieder eine Zukunft! Also, wie sollte es auch anders sein: aus der Vorstellung wurde eine Anstellung, zunächst nur halbtags.
So konnte man schon bald Bö, wie er sehr schnell bei uns hieß, an seinem Schreibtisch sitzen sehen, die nicht angeforderten Manuskripte prüfend. Was wurde nicht alles eingesandt!
Ich habe vor mir das Manuskripteingangsbuch, das am 1.April 1947 eröffnet wurde. Welche Themenbreite: von Philosophie, Biographien, Kunstmärchen bis zu Bilderbuchtexten. Es tauchen sehr oft die gleichen Autorennamen auf, die, obwohl schon mehrmals von uns als unbrauchbar abgelehnt, mit einer Beharrlichkeit erneut Manuskripte einschickten. Dann gibt es Einsendungen vom »Ring junger Autoren« - aber auch hier nichts, was wir bringen konnten. Aber im September 1947 kommt ein sehr gutes Manuskript von Elisabeth Schwarz Das Buch vom Ho/z, das unter dem Titel Der verwandelte Baum in mehreren Auflagen erschienen ist und eine Reihe populärwissenschaftlicher Kinderbücher eingeleitet hat. Ja, dann gab es auch schon Hans-Günter Krack Um dieses Leben, der uns ein geraumes Stück Verlagsgeschichte begleitet hat. Auch Günter Feustel, später beinahe Hausautor, holte sich seine erste Ablehnung.
So sind wir allmählich an die Ära Bobrowski herangekommen.
Der Verlag hatte schon eine ganze Reihe von Kinderbüchern veröffentlicht, so daß sein Name bekannt geworden war. (Unser »großer Bruder«, der Kinderbuchverlag, wurde ja erst nach uns gegründet.) Dieses Bekanntwerden hatte zur Folge, daß sich der neue Lektor geballt mit unbrauchbaren Manuskripten abgeben mußte! Wenn man das Manuskriptbuch durchblättert, ist erschreckend festzustellen, wie Seite für Seite die Randbemerkung hat: Zurück an Autor und eine kleine Erläuterung: unbrauchbar, schlechtes Deutsch, Kitsch u.a. Die Flut der unverlangten Einsendungen wurde von Jahr zu Jahr mehr, so daß es selbst dem geduldigen Bö zuviel wurde. Auf der Anfangsseite für das Jahr 1956 schrieb er seinen Stoßseufzer nieder: Ein neues Jahr, aber keine Hoffnung, daß sich die Einsendungen verbessern oder wenigstens verringern. Bo. 2. 1.
Man muß sich einmal die Titel vergegenwärtigen, um diesen Ausspruch ganz zu verstehen: Muttis freier Tag, Das Pilzmännchen, Es war einmal ein Fünfzigerlein, Zwergencirkus Schrumm, Die abenteuerlichen Hühner, Das neugierige Engelein, Tausendteufelsland, Murmeli und Knäulchen, um nur einige zu nennen. Die Reihe läßt sich beliebig fortsetzen. Und Bö hat alle Titel getreulich gelesen und Gutachten geschrieben. Er hatte immer die Hoffnung, daß sich vielleicht doch einmal ein Goldkörnchen finden läßt.
Mit wieviel Freude begrüßt er etwas Gutes. In dem Gutachten zu Kaluza, Geschichten aus dem grasgrünen Wald schreibt er: »... alles in allem eine herrliche Sache, wie sie einem armen Lektor nur alle zehn Jahre in den Weg kommt. Ich empfehle schnellsten Zugriff und begreife nicht, wie die bundesstaatlichen Verlage sich so etwas entgehen lassen. (Kaluza stammte aus Bayern.) Natürlich kamen auch Autoren, die es wert waren, daß man sie veröffentlicht. Dr. Harry Trommer legte seinen Märchenband Das versteinerte Brot vor, weitere Arbeiten von Elisabeth Schwarz waren zu begutachten, ebenso Dr. Neuhaus, Die große Ernte. Am 18. September 1951 kam Frau Dr. Liselotte Welskopf-Henrich nicht mit ihrem Hauptwerk für Jugendliche Die Söhne der großen Zarin (heute der Ober-Titel für die sechsbändige Ausgabe), sondern mit einer Bilderbuchgeschichte, und beim Abschied ... ließ sie uns die Söhne da. Hier gab es eine Arbeit, die die vielen Fehlschläge wettmachte! Bö und ich haben einen Tag und eine Nacht gelesen, ich ließ mich von der Spannung forttragen, aber Bö mußte es druckreif lesen, d.h. auf Zeichensetzung achten und hier und da eine kleine stilistische Änderung vornehmen. Das war sein großes Verdienst, daß wir die Nachauflagen ohne erneute Kontrolle immer wieder drucken konnten.
Zwischen Frau Prof. Welskopf und Bo entstand ein enger menschlicher Kontakt. Er hatte so eine behutsame Art, seine Kritiken anzubringen, daß jeder Autor sich wirklich beraten fühlte und seinen Rat annahm. Alle Autoren, deren Bücher wir verlegt haben, hatten eine freundschaftliche Beziehung zu unserem Haus, und das war nicht zuletzt Bo's Verdienst. Ob es Frau Elisabeth Hering war, ob Hans-Günter Krack, Günter Feustel, Edith Klatt, um nur einige zu nennen.
Seine große Stärke war seine Achtung vor der Leistung des anderen, sein Verständnis für das Anliegen des Schriftstellers. Wenn ich heute die Gutachten lese, die Bö geschrieben hat, habe ich noch immer das Gefühl, daß ein Lektor so sein muß. Stundenlang konnte er mit den Autoren plaudern. Dabei ging es beileibe nicht immer um die vorgelegte Arbeit. Nein, er tastete sich bei diesen Gesprächen an den ganzen Menschen heran. Die Schriftsteller spürten es und waren dankbar dafür. Und diese Dankbarkeit zeigten sie, indem sie uns treu blieben, obwohl wir als kleiner Verlag nicht so große und so viele Auflagen drucken konnten.
Die Verlagsgutachten, die noch heute im Altberliner Verlag vorhanden sind, sind kleine Meisterwerke der Psychologie. Wenn ich mir z.B. die Gutachten für Edith Klatt durchlese. Das Manuskript Neitha mußte einige grundlegende Änderungen erfahren, aber wie er das sagte, wie er lobte und kritisierte, das war hervorragend. Bei allem, was ihm vorgelegt wurde, sah er in erster Linie die (leider oft schlechte) Leistung und den guten Willen des Schreibers.
Obwohl seine eigene literarische Tätigkeit auch schon in unsere Zeit fällt und dieses literarische Schaffen zeigt, was er unter dichterischer Sprache versteht, hat er nie sich selbst als Maßstab für die anderen gesetzt.
Wenn man die Veröffentlichungen des Altberliner Verlages unter der Ära Bobrowski neben die Ära Könner legt, fällt auf, daß unter Bö das erzählende Buch mit novellistischer und romanhafter Form dominiert, im Gegensatz zu seinem Nachfolger, der den »kleinen Text«, sprich Bilderbücher, bevorzugte. Aus dem zuerst »geduldeten« Lektor war ein wichtiges Mitglied des Verlages geworden. Er war fest verwurzelt in dem kleinen Team. Wir mochten ihn alle, und ich bin sicher -er uns auch. Das beweisen seine zahlreichen Gedichte, in denen er, aus welchem Anlaß auch immer, die Kollegen, unsere Heimstatt »Altes Haus und neue Bücher« besang. Er war mit seiner ostpreußischen Gemütlichkeit der ruhende Pol. Er verstand es, wenn die Wogen einmal sehr hochgingen, Öl darauf zu gießen, ein ätherisches Öl, das Lachsalven auslöste. Unerschöpflich war er auch im Erzählen von Anekdoten, die er als »Herr mit östlichem Akzent« darbot, meist beginnend mit »Mein Großvater«, und es folgte eine Schnurre, ins scheinbar Familiäre verpackt.
Diesen Humor hat er bei den vielen untauglichen Manuskripten auch notwendig gebraucht. Daß er ihn beim Lesen beibehielt, zeigt seine Sammlung von Stilblüten. Dazu nur ein Beispiel: »Mit ihren hohlen Augen und den blassen Wangen glich sie einer Toten und saugte arbeitslos an Hungerpfoten.«
Am Schluß eines unbrauchbaren Manuskriptes stand der Satz: »Sie hat es endlich geschafft!« Bo: »Und der Leser auch. Man könnte die Autorin, die recht gewandt erzählen kann, etwa eine Eschstruth ohne Legitimität nennen.«
Wir hatten eine gute Zeit miteinander. Als er dem Ruf des Union-Verlages folgte, war das für mich schwer zu verkraften. Aber er ließ mich nicht einfach im Stich. Er ging erst, als feststand, wir bekommen einen Nachfolger für ihn, dem er sein Vertrauen schenkte: Alfred Könner.
Daß der Altberliner Verlag Lucie Groszer einen Namen mit gutem Klang bekam, hat er in erster Linie seinem Lektor Johannes Bobrowski zu verdanken, der in fast zehnjähriger Tätigkeit das Gesicht des Verlages prägte, und dafür danke ich ihm noch heute.